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Libyens Identität, Geschichte und Kulturerbe

Die Libyer!

Essay
Libyens Identität, Geschichte und Kulturerbe
Kunst mit Stahlwolle vor antiker Ruinenkulisse in Shahhat im Nordosten Libyen uus der Serie »Das Leben in Shahhat« der ersten Runde des zenith-Fotopreis Libya Uncharted Foto: Jawhar Skat

Warum wir zu wenig über dieses Land wissen und wie ein merkwürdiges Bild entstand.

Mancher Film schreibt seine eigene Geschichte. Und manchmal ist diese ebenso tragisch oder kurios wie die Story, die der Film eigentlich erzählen wollte. Der »Löwe der Wüste« floppte 1981 an den Kinokassen, trotz eines angeblichen Produktionsbudgets von 35 Millionen US-Dollar (Steven Spielbergs Blockbuster »Jäger des verlorenen Schatzes« aus demselben Jahr musste mit weniger als der Hälfte Vorlieb nehmen).

 

Dabei hatte der Streifen durchaus Potenzial. Da waren opulente Schlachten, am Originalschauplatz gedreht. »Löwe der Wüste« erzählt die Geschichte des Dorflehrers Omar Al-Mukhtar, der in den 1920er Jahren in der libyschen Cyrenaika einen Aufstand gegen die italienischen Besatzer führte. Auch ein politischer Skandal war zu erwarten – Italien ließ den Film, weil er die Würde seiner Streitkräfte herabsetzte, tatsächlich auf den Index setzen. Und auch beim Casting ließ man sich nicht lumpen: Ein weiser und würdevoller Anthony Quinn in der Titelrolle, Oliver Reed (u.a. »Gladiator«) als erbarmungsloser General Rodolfo Graziani, Rod Steiger als finsterer »Duce« Benito Mussolini.

 

Ein damals noch nicht sehr bekannter Sky du Mont trat in der schnittigen Uniform des Fürsten Amadeus von Savoyen auf. Und Sir John Gielgud spielte den weisen Sharif Al-Ghariani, der als Ziehvater Omar Al-Mukhtars zwischen den Aufständischen und Italien vermitteln wollte, im Film aber als prinzipienloser Kollaborateur dargestellt wird. Gielgud zeigte sich beeindruckt, dass man ihm am Set mitten in der libyschen Wüste ein Zimmer mit heißer Dusche eingerichtet und die libysche Armee mehrere tausend Statisten für die Produktion abgestellt hatte. Aber ansonsten sei der Film ein »idiotisches Kriegsepos« und eine »fürchterliche Geldverschwendung«, schrieb Gielgud einer Freundin.

 

Regisseur und Produzent war der aus Aleppo stammende Moustapha Akkad, der 1976 bereits mit Anthony Quinn »Mohammed – der Gesandte Gottes« produziert hatte, wobei Gaddafi dabei kurzfristig als Sponsor eingesprungen war, weil sich die Saudis aus dem Projekt zurückgezogen hatten. Danach entstand offenbar die Idee, sich gemeinsam dem libyschen Befreiungskampf zu widmen.

 

Gaddafi wollte sich selbst die Figur des Nationalhelden Omar Al-Mukhtar aneignen und dienstbar machen

 

In einem Interview am Set erklärte Akkad, die Geschichte von Omar Al-Mukhtar solle die Araber einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen – sonst seien sie neben »Nazis und Indianern« ja grundsätzlich die Bösen. Sein Kriegsfilm zeigte den Einsatz von Maschinengewehren und Giftgas durch die Italiener gegen die Aufständischen und schließlich die Hinrichtung Mukhtars in einem Konzentrationslager in der Wüste.

 

Der Kritiker der New York Times musste anerkennen, dass die Macher keine Mühe gescheut und sogar Panzerattrappen in Großbritannien hatten herstellen lassen. In seiner schonungslosen Darstellung der italienischen Kriegsverbrechen sei »Löwe der Wüste« durchaus realistisch. Wenn man sich nur Gaddafis Rolle dabei wegdenken könne, klagte der Guardian, wäre der Film gar nicht so schlecht. Der »Löwe der Wüste« kam zur rechten Zeit – zumindest für Oberst Muammar Al-Gaddafi, der den Misserfolg an den Kinokassen gewiss sehr schnell verschmerzte.

 

Gaddafi wollte mit der Geschichte nicht nur das wenig anerkannte Leid der kolonisierten Libyer bekannter machen, sondern sich selbst die Figur des Nationalhelden Mukhtar aneignen und dienstbar machen. Er, der »Bruder Oberst«, nahm für sich in Anspruch, die Libyer, die Araber und die kolonisierte Welt gegen die Arroganz westlicher Mächte zu verteidigen – wie einst Mukhtar gegen die faschistischen Besatzer.

 

Im Januar 1981 war Ronald Reagan ins Weiße Haus eingezogen. Vier Monate später wiesen die USA sämtliche libysche Diplomaten aus. Die Feindschaft sollte bald persönlich werden, dergestalt, dass beide Staatschefs einander nach dem Leben trachteten. Gaddafi stand im Verdacht, mehrere Terrorgruppen zu unterstützen, darunter die Palästinenserorganisation Abu Nidal, die Attentate auf israelische, jüdische und westliche Ziele verübte. Gaddafi war auf dem besten Weg, der Lieblingsfeind der westlichen Welt zu werden und hatte es dennoch geschafft, dorthin vorzudringen, wo westliche Kultur und ihre Weltbilder maßgeblich gezeichnet wurden: auf die Kinoleinwand. Nach Madrid hatte »Löwe der Wüste« in New York und auf dem »USA Film Festival« im texanischen Dallas Premiere.

 

Die auf Celluloid gebannte Version von Mukhtars Geschichte blieb schicksalhaft verbunden mit Libyens äußeren Beziehungen

 

Am 19. August schossen US-amerikanische Marineflieger über dem nach Gaddafis Heimatstadt benannten Golf von Sirte nach einem kurzen Gefecht zwei libysche Jagdbomber ab. Eine Woche später hatte »Löwe der Wüste« in London Premiere. Plot des Films und seine Veröffentlichung lassen sich allerdings auch in einem weiteren Kontext betrachten: Zu dieser Zeit führte Gaddafi einen Krieg im südlichen Nachbarland Tschad, wobei er und seine Truppen von Teilen der Bevölkerung selbst als Besatzer angesehen wurden. Gaddafis Gegner wiederum wurden von der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich unterstützt, was ihm abermals Argumente lieferte, um sich als Erbe des Befreiungskämpfers zu inszenieren. Und auch in den folgenden Jahren blieb die auf Celluloid gebannte Version von Mukhtars Geschichte schicksalhaft verbunden mit Libyens äußeren Beziehungen.

 

2009 reiste Gaddafi – inzwischen nicht mehr Hassfigur, sondern ein exzentrischer, aber gern gesehener Partner verschiedener europäischer Regierungen – mit einem Tross nach Rom, um sich bei Silvio Berlusconi für eine finanzielle Wiedergutmachung der kolonialen Kriegsverbrechen zu bedanken. Er trug ein Foto mit Mukhtars Konterfei mit sich herum, was als diplomatischer Affront betrachtet wurde. Das italienische Fernsehen aber nahm die Reise zum Anlass, um den Film erstmalig auszustrahlen. Zumindest in Ausschnitten kehrte er noch einmal auf die Weltbühne zurück – in einem Propagandavideo der Organisation »Islamischer Staat« (IS) aus dem Jahr 2016. Die Dschihadisten, die sich inzwischen auch in Libyen ausgebreitet hatten, priesen darin die Opferbereitschaft der Muslime und verkündeten: Kreuzzügler und Kolonialherrschern würden die islamische Welt nie wieder spalten und beherrschen können.

 

Mit Gaddafi obsiegten die Klischees – eine intensive Beschäftigung mit der libyschen Gesellschaft wurde obsolet

 

Im Sinne des Regisseurs Moustapha Akkad dürfte das nicht gewesen sein, man konnte ihn allerdings nicht mehr fragen. Akkad war am 9. November 2005 an der Seite seiner Tochter Rima bei einem Selbstmordattentat auf das Hyatt-Hotel in Amman gestorben. Drahtzieher der Anschlagsserie mit insgesamt 60 Toten war Abu Mus’ab Al-Zarqawi, Gründer des »Islamischen Staats im Irak«. Vom Kolonialkrieg über die Herrschaft Gaddafis zum »IS« – in der sonderbaren Geschichte des Films und seiner Akteure spiegelt sich so vieles wieder: Die Zeitgeschichte eines jungen Staates und seiner einzigartigen Beziehungen zu Europa und den USA; aber auch die unvollständigen, lückenhaften oder verzerrten Bildausschnitte, welche die Wahrnehmung von Libyen bis heute prägen. Und natürlich Unterhaltungs- und Popkultur, die dabei immer eine Rolle spielten.

 

Der »Löwe der Wüste« war gewissermaßen Anti-Hollywood. Dann gab es die Libyer, die in der Reagan-Ära in die Rolle von Paradeterroristen schlüpfen mussten und den Erfinder der Zeitmaschine in »Zurück in die Zukunft« liquidierten (Doc Brown: »Die Libyer!«). Oder denken wir an die Berichte europäischer Klatschmedien über Gaddafis Initiative, einige hundert agenturverlesene italienische Mannequins sein »Grünes Buch« verteilen zu lassen. Oder an die Kneipenschlägereien seines Sohnes Saif Al-Arab, der zeitweilig in München ein ausschweifendes Leben führte.

 

Gaddafi wollte immer Teil der Öffentlichkeit in Europa sein. Und mit seinen wortgewaltigen, später auch clownesken Auftritten und Interviews schien der Bedarf an Bildern und Berichten über Libyen gestillt. Libyen, das war Gaddafi. Mit ihm obsiegten die Klischees; und eine unvoreingenommene, geschweige denn intensive Beschäftigung mit der libyschen Gesellschaft wurde durch ihn obsolet. Das junge Land stand wie kaum ein anderes im Schatten einer einzigen Biografie.

 

Ein territorialer Riese, ein politischer Zwerg, der im Laufe seiner kurzen Geschichte aber immer wieder in höhere Gewichtsklassen einstieg

 

Gewiss erschwerte das libysche Regime Journalisten den Zugang. Die Weitläufigkeit des Landes trug ebenfalls dazu bei, dass es schwerer war, sich von Libyen und seinen Bewohnern ein ganzheitliches Bild zu machen. Aber die Prominenz des »Bruders Oberst« und die Faszination, mit der ihm europäische Medien begegneten, waren wohl ausschlaggebend dafür, dass ein Libyen ohne Gaddafi so gut wie gar nicht vorkam. Der britische Filmautor Adam Curtis stellte Gaddafi in seinem umstrittenen Dokumentarfilm »HyperNormalisation« (BBC, 2016) sogar als medienpolitisches Produkt dar. Curtis behauptet, in einer rapide komplizierter und komplexer werdenden Welt Ende der 1970er Jahre hätten sich Politik, Finanzindustrie und Entertainmentbranche eine einfachere »fake world« geschaffen und sich gemeinschaftlich entschlossen, fortan an diese Welt zu glauben. Gaddafi sei darin eine Funktion zugekommen – als stereotyper, fratzenhafter Superschurke. Mit militärischem Druck habe man ihn dorthin erst drängenmüssen, dann aber habe er die Rolle angenommen und sogar selbstständig ausgefüllt.

 

Der Fläche nach zählt Libyen zu den 16 größten Staaten der Erde, wenngleich über 90 Prozent des Landes aus Wüste bestehen. Weniger als ein Zehntel davon sind urbar, dafür verfügt das Land über beträchtliche Ölreserven. Ein territorialer Riese, ein politischer Zwerg, der im Laufe seiner kurzen Geschichte aber immer wieder in höhere Gewichtsklassen einstieg. Seit dem 16. Jahrhundert gehörte das Land zum Osmanischen Reich und unterstand dabei zumindest nominell der Herrschaft des Sultans. Aber Tripolitanien und die Cyrenaika waren nun einmal weit entfernt von Konstantinopel und die Osmanen mussten strategische Prioritäten setzen. Lokale Herrscher übernahmen, darunter auch einige Korsaren, die auf dem Mittelmeer Schiffe aufbrachten und mit europäischen Sklaven handelten. Zwischen 1801 und 1805 führte das US Marine Corps seine erste Militäroperation in Übersee ausgerechnet in Libyen durch, um die Korsaren zu bekämpfen.

 

Libyen war oft Schauplatz machtpolitischer Konflikte, die woanders ihren Ausgang genommen hatten

 

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte der osmanische Kavallerie-Offizier Ahmad Qaramanli eine später nach ihm benannte Dynastie begründet, die fast hundert Jahre in Tripolis herrschte. Erst in den 1830er Jahren, als die europäischen Mächte zunehmend in den südlichen Mittelmeerraum expandierten, Frankreich Algerien eroberte und der osmanische Pascha Muhammad Ali in Ägypten sich der Kontrolle des Reiches entzog, gewann das heutige Libyen strategisch große Bedeutung für die Osmanen. Der Sultan brachte Tripolitanien wieder unter direkte Kontrolle und unterhielt dort einen wichtigen Armee- und Marinestützpunkt – bis zur Eroberung Libyens durch die Italiener am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

 

Es zeichnet sich ein Muster ab, das bis heute das Schicksal dieses Landes prägt: Libyen war oft Schauplatz machtpolitischer Konflikte, die eigentlich ganz woanders ihren Ausgang genommen hatten. Und das Gebiet wurde aufgrund seiner Lage als Puffer zwischen konkurrierenden Mächten immer wieder in Mitleidenschaft gezogen. Libyen weckte die Begehrlichkeiten auswärtiger Mächte vor allem dann, wenn sie die Pläne Anderer durchkreuzen wollten, oder aber, weil kein anderes, wertvolleres Land mehr frei war, um es zu besetzen.

 

Von einem Nationalstaat Libyen konnte natürlich keine Rede sein. Die östliche Cyrenaika, das westliche Tripolitanien und der Fezzan im Süden wurden über die meiste Zeit nicht als geografische oder gar politische Einheit wahrgenommen. Und während die Küstenstädte ihre eigene Identität ausprägten, mediterran und osmanisch, blieb der Rest des Landes ein Zwischenraum, dessen Gestalt im späten 19. Jahrhundert vor allem von den Expansionsinteressen der Kolonialmächte geprägt wurde: Frankreich mit seinen Kolonien und Protektoraten in Westafrika, dem Sahel, Marokko, Algerien und Tunesien – und auf der anderen Seite Großbritannien mit dem Protektorat beziehungsweise Kondominium über Ägypten und Sudan.

 

Vieles von dem, was landläufig als »typisch libysch«, weil vorkolonial galt, war in Wahrheit die Folge von Migration

 

Bevor Mitte des 20. Jahrhunderts der Ölreichtum zu einer gewaltigen wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung führte, hatten die Regionen Libyens lange Zeit unter wirtschaftlichem Niedergang zu leiden. Speziell die Cyrenaika hatte über Jahrhunderte vom Trans-Sahara-Handel profitiert, insbesondere dem Geschäft mit afrikanischen Sklaven für die Provinzen des Osmanischen Reiches. Erinnerungen und Reminiszenzen an dieses eher finstere Kapitel in der Geschichte Libyens werden geweckt, wenn in den Nachrichten heute über Internierungslager berichtet wird, in denen afrikanische Migranten unter würdelosen Umständen gehalten, misshandelt und zum Teil sogar auf regelrechten Sklavenmärkten mehr oder weniger öffentlich feilgeboten werden. Und es finden sich sogar Versuche, diese Geschäfte als kompatibel mit der Scharia zu legitimieren, zumal ja Generationen frommer Libyer davon gelebt hatten.

 

Vieles von dem, was landläufig als »typisch libysch«, weil präkolonial galt, war in Wahrheit ebenfalls die Folge von Migration: Etwa die Senusiyah, ein mächtiger Sufi-Orden, der auf Sidi Muhammad Al-Senusi (1787–1859) zurückgeht, dessen Familie eigentlich von der Arabischen Halbinsel stammte. Wie andere Sufi-Orden in Nordafrika nahm die Senusiyah die Gestalt eines regelrechten Syndikats an: ein Wirtschafts-Netzwerk, das zwar einigermaßen hierarchisch gegliedert war, aber doch dem Umstand Rechnung trug, dass ein lokaler Verwalter angesichts der großen Distanzen autonom handeln können muss. Meist in oder in der Nähe von Oasen unterhielt das Senusiyah-Netzwerk zahlreiche Karawansereien, zawiya genannt, die mehrere Zwecke erfüllten: Gasthof, Gebetsstätte und Zentrum religiöser Unterweisung, Markplatz für Proviant und Handelswaren und Schiedsgerichtshof, wo man nicht nur Lokalpolitik gestaltete.

 

Das weit verbreitete moderne Klischee von Sufis, die friedfertig tagaus tagein meditieren und nach der spirituellen Einheit mit Gott streben, traf auf die Senusiyah ganz gewiss nicht zu: Sie trieb Handel und Herrschaft in ihrem Sinn voran. Senusi und sein Sohn spielten dabei eine so wesentliche Rolle und erwiesen sich vor allem als so langlebig, dass der Orden sich mit der Zeit eher zu einem aristokratischen Geschlecht entwickelte, dem man angehörte oder eben nicht. König Idris, der nach dem Ende der italienischen Besatzung von 1951 bis 1969 das Königreich Libyen regierte, war ein Nachfahre von Sidi Muhammad Al-Senusi. Die Idrisiden waren eine sehr junge und sehr kurzlebige Dynastie, zumindest, wenn man sie mit den Alawiden in Marokko oder den Khediven in Ägypten vergleicht.

 

Die in Teilen überaus brutale italienische Kolonialherrschaft war die tiefste Zäsur in der Geschichte des Landes

 

Ohne den Libyern zu nahe zu treten, lässt sich gewiss behaupten, dass Libyen nicht auf eine triumphale Geschichte zurückblicken kann, die sich im Sinne eines nationalen Mythos verklären ließe – anders etwa als im Falle der Ägypter, der Äthiopier oder Türken. Gewiss ist ein altes Volk der »Libu« schon im antiken Ägypten erwähnt, genauer gesagt im Neuen Reich des 2. vorchristlichen Jahrtausends. Libyen verfügt über prächtige und einzigartige Kulturschätze wie das römische Theater von Sabrata oder die Ruinenstadt Leptis Magna, die mit Septimius Severus (146–211 n. Chr.) sogar einen Libyer auf dem Cäsarenthron hervorbrachte. Die Garamanten in der Region Fezzan, eine noch wenig erforschte Berberkultur aus der vorrömischen Antike, hinterließen Meisterwerke der Ingenieurskunst, indem sie unterirdische Bewässerungskanäle gruben.

 

Die historische Identität Libyens ist in der Rückschau gewissermaßen fragmentiert, was zu dem weit verbreiteten Missverständnis geführt haben mag, eine solche Identität gebe es entweder gar nicht oder sie sei lediglich in Bezug auf andere, äußere Einflüsse entstanden. Auf regionaler und lokaler Ebene haben sich vielfältige und zum Teil auch starke Identitäten ausgebildet – und mit ihnen kulturelle Traditionen, die man bis heute bewahrt.

 

Das Königreich der Idrisiden hatte seine Schwierigkeiten, sich in der Nachkriegsordnung zu behaupten

 

Gewiss war die in Teilen überaus brutale italienische Kolonialherrschaft die tiefste Zäsur in der Geschichte des Landes. Sie brachte den kolonisierten Libyern die Schrecken, aber sehr wenig von den Vorzügen mit, die anderen kolonisierten Völkern hinterlassen wurden: etwa Schulbildung oder eine nennenswerte Verbesserung der Infrastruktur.

 

Auch den Italienern scheint Libyen nur zweite Wahl gewesen zu sein. Und die Libyer mussten die Folgen von Ereignissen ausbaden, mit denen sie nichts zu tun hatten. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wandte sich Italien der ehemaligen römischen Provinz Africa zu, als es mit seinen kolonialen Abenteuern in Abessinien gescheitert war. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs eroberte Italien die größeren Küstenstädte, vor allem Tripolis und Benghazi.

 

In der Zwischenphase zwischen Weltkrieg und Machtübernahme durch die Faschisten in Italien riefen einige Stammesführer und Intellektuelle die »Dschumhuriya Tarabulsiya – die Tripolitanische Republik« aus. Treibende Kraft dahinter waren Notabeln aus der Handelsstadt Misrata. Das Projekt wurde mit dem Beginn der Faschistischen Riconquista 1923 zunichte gemacht. Mussolinis Feldzug, gegen den sich der eingangs erwähnte Aufstand Omar Al-Mukhtars richtete, dauerte bis 1932 und kostete 100.000 Libyerinnen und Libyer das Leben (von damals rund 800.000 in Tripolitanien, Fezzan und der Cyrenaika).

 

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Libyen abermals zum Schauplatz eines Konflikts, den andere Mächte ins Land getragen hatten. Deutsche und Italiener, die sogenannten Achsenmächte, versuchten erfolglos, von Libyen aus die Halsschlagader des Britischen Empires am Suezkanal zu durchtrennen. Rund 30.000 Libyer kämpften in den Reihen des faschistischen Italien – einige sogar als Fallschirmjäger in einer Truppe, die als erste arabische Luftlandeeinheit überhaupt galt. Das Oberhaupt der Senussi, der spätere König Idris, wiederum hielt es mit den Briten und wurde dafür nach der Niederlage Italiens und NS-Deutschlands belohnt.

 

Doch das Königreich hatte seine Schwierigkeiten, sich in der Nachkriegsordnung zurechtzufinden und zu behaupten: Das benachbarte Algerien geriet in den 1950er Jahren zu einem Epizentrum des antikolonialen Kampfes in Nordafrika. Und in Ägypten forcierte Gamal Abdul Nasser eine Version des arabischen Nationalismus, die auf der Allianz von Volksmassen und Armee fußen sollte und die arabischen Monarchien ablösen wollte. Die Monarchie setzte auf ein wirksames, aber langfristig nicht sehr nachhaltiges Mittel, ihre Macht zu behaupten: Geheimdienste und die Unterdrückung und Beseitigung jeglicher Opposition. Sie legte damit den Grundstein eines Systems, das sie überdauern sollte.

 

Für Stabilität sollten Einnahmen aus dem Ölgeschäft sorgen: Seit den 1950er Jahren vergab das Königreich Explorations- und Förderlizenzen, 1962 folgte der Beitritt zur OPEC. Doch im großen Ölgeschäft war Libyen ein Spätstarter, die Petrodollar flossen vor allem an den Golf. Diesen Vorsprung hat das Land bis heute trotz immenser Reserven nie aufholen können. Libyens Ölvorräte waren selten Auslöser für Krisen und Konflikte, aber sie wurden fortan ein wichtiger Faktor darin: Die Teilnationalisierung der Ölindustrie gehörte zu den ersten Amtshandlungen, mit denen sich der 27-jährige Offizier Muammar Al-Gaddafi nach der Machtübernahme 1969 profilierte. Partner bei den neuen Förderabkommen waren zumeist ausgerechnet italienische Firmen – die jahrzehntelange Präsenz von Ölmultis wie Eni oder
Saipem ist eine weitere Komponente des komplizierten libysch-italienischen Verhältnisses.

 

Doch die Konfrontation mit den Amerikanern, insbesondere ab den 1980er Jahren, setzte diesen Kooperationen enge Grenzen. Erst nachdem sich Gaddafi mit der Aufgabe des libyschen Nuklearprogramms 2005 ein Ende der zahlreichen Sanktionen erhandelt hatte, nahm der Export so richtig Fahrt auf.

 

Der »Bruder Oberst« schlug selber so viele Volten, in dem, was er als »libysch« definierte, dass ihm seine Landsleute nur schwer folgen konnten

 

Gaddafi hatte schon früh den Rüstungskauf als probates Mittel entdeckt, um einerseits seine anti-imperialistische Haltung propagieren zu können und zugleich Beziehungen zu Frankreich und Großbritannien auf höchster Ebene zu unterhalten. Attraktiv wurde Gaddafis Regime für die Europäer später auch als Bollwerk gegen illegale Migration aus Afrika und zur Bekämpfung islamistischer, militanter Gruppen nach 2001.Die libyschen Geheimdienste kannten deren Vorgehensweise und konnten nützliche Informationen liefern.

 

Der Geldsegen schaffte Wohlstand – und wog den Diktator in einem Gefühl der Unverwundbarkeit. Libyen verfügte über weit mehr Waffen, als die Streitkräfte gebrauchen konnten. Entsprechend viele sollten später in die Hände von Rebellen und rivalisierenden Milizen geraten. Dass die Menschen 2011 in Libyen auf die Straße gingen, verblüffte viele Beobachter nicht nur angesichts der erwartbaren Reaktion des Regimes, sondern auch, weil – ähnlich in Bahrain – es den meisten Menschen wirtschaftlich eigentlich gut ging. Vielleicht so gut wie nie in ihrem Leben.

 

Doch mit der Öffnung des Landes – und nicht zuletzt dem schnellen Ausbau des Internets – erweiterte sich der Blick vieler Libyer: auf die Welt, die Region, aber auch sich selbst. Libyen war lange synonym mit Gaddafi. Doch der »Bruder Oberst« schlug selber so viele Volten, in dem, was er als »libysch« definierte, dass ihm seine Landsleute nur schwer folgen konnten.

 

Als Bezeichnung für sein politisches System erfand er einen im Arabischen nicht existenten Plural des Plurals des Worts für Republik – dennoch blieb der Kern dieser »Volks-Dschamahiriya« im Wesentlichen bemerkenswert inhaltlos. Seine in den 1970er Jahren verfasste »Dritte Universaltheorie« und das »Grüne Buch«, das er in viele Sprachen übersetzen ließ, wurden zu einem theoretischen Überbau des Staates, den schlechterdings kaum jemand verstand.

 

Die ideologischen Wendungen Gaddafis – vom panarabischen Volkstribun zum selbsternannten »König der Könige« Afrikas, wirkten gerade in seinen letzten Jahren immer erratischer und boten über seine Person hinaus kaum einen Anknüpfungspunkt für die Identität des Landes. Vor allem aber hatten Gaddafis Theorien und der Populismus, den er an den Tag legte, sehr schmerzhafte Konsequenzen: Der Unterdrückungsapparat kleidete sich in das Gewand sogenannter revolutionärer Volkskomitees, die angeblich aus eigenem Antrieb gegen Feinde des Systems vorgingen und sogar Mordanschläge auf Gaddafis Kritiker verübten.

 

Die Seria A und »Game of Thrones« gehören für viele Libyer heute genauso zu ihrem kulturellen Alltag wie der Gang in die Moschee und das »Bariyoush«-Brötchen zum Frühstück

 

Araber und Amazigh, Tobu und Tuareg, Tripolitanien, Cyrenaika und Fezzan, Küste und Wüste – es sind Gegensätze, die Gaddafi für sich in Stellung zu bringen versuchte. Es sind libysche Identitäten auf einem schmalen Grad zwischen kultureller Selbstbestimmung und -abgrenzung. Es sind Erben dieses Teile-und-Herrsche-Systems, die sich zugleich als dessen Vorgänger und Nachfolger sehen.

 

Nach dem Fall des Gaddafi-Regimes wurde es noch komplizierter: Es entstanden neue Räume für neue Subkulturen, für Filme, Kunst, Sport und Musik. Die Spiele der italienischen Seria A, die neusten Folgen von Serien wie »Game of Thrones« gehören für viele, gerade junge Libyer heute genauso zu ihrem kulturellen Alltag wie der Gang in die Moschee und das »Bariyoush«-Brötchen zum Frühstück. Zu den wieder neu aufgeworfenen ethnischen und regionalen Identitätsfragen gesellen sich jene, die Libyen mit der Region, und teilweise mit der ganzen Welt teilt.

Von: 
Daniel Gerlach und Robert Chatterjee

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