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Lesezeit: 6 Minuten
Mentoring für muslimische Jugendliche

»Islam-Unterricht nicht als Prävention verkaufen«

Interview
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Blogger Akif Sahin fordert eine einheitliche Linie für eine erfolgreiche Radikalisierungsprävention Foto: Akif Sahin

Seine Lehrer erklärten Akif Sahin einst zum hoffnungslosen Fall. Heute unterstützt der Blogger junge Muslime als Mentor und fordert eine einheitliche Linie für Radikalisierungsprävention.

Wie sieht der Islam in Europa aus und wie sehen Muslime in Europa sich und ihre Umgebung? Dieser Beitrag ist Teil unserer begleitenden Berichterstattung zur vierten Rundes des zenith-Fotopreises.

 

zenith: Islam in Europa ist für mich...

Akif Sahin: ... ein selbstverständlicher Teil, der leider viel zu oft verleugnet wird.

 

Sie haben 15 Jahre Jugendarbeit in Hamburg geleistet und engagieren sich heute noch als ehrenamtlicher Mentor. Was hat Sie motiviert, mit Jugendlichen zusammen zu arbeiten?

Ich habe in verschiedenen Bereichen und an verschiedensten Projekten gearbeitet und mitgewirkt. Von Nachhilfekursen, Berufsberatungen, sportlichen Aktivitäten, Ausflügen, Islam- und Religionskunde bis hin zu Vorträgen und Seminaren mit Bezug zum Islam und zur digitalen Welt. Den Großteil meiner Arbeit ist aber Öffentlichkeitsarbeit. Ich habe unter anderem  Moscheeführungen geleitet und Dialogabende organisiert. Meine Motivation nahm ich vor allem aus persönlichen Erfahrungen und durch Vorbilder, die mich seinerzeit unterstützt und gefördert haben, als ich von meinen Lehrern zu einem hoffnungslosen Fall erklärt worden war.

 

Was würden Sie raten, wenn jemand mit Mentoring anfangen möchte?

Es gibt viele gute Vereine und Organisationen, gerade außerhalb der muslimischen Gemeinschaften, bei denen man sich über Möglichkeiten des professionellen Mentorings informieren sollte. Meine Erfahrung ist, dass man gerade beim Mentoring viel Geduld, aber auch viel Verständnis mitbringen muss. Oftmals ist nicht religiöses, sondern eher kulturelles und psychologisches Verständnis gefragt. Man muss sich außerdem darauf einstellen, zu allen möglichen Zeiten erreichbar sein zu müssen und gebraucht zu werden. Mentoring bedeutet viel Arbeit aber auch viel Verantwortung. Es ist so, als wäre man ein großer Bruder oder eine große Schwester. Und man muss gut abschätzen können, wie man Schützlinge am besten fördern kann. Die Talente erkennen und entsprechend zu fördern, ist sehr wichtig. Wer selbst nicht gefestigt im Leben steht und einen gefestigten Charakter hat, ist beim Mentoring meist falsch.

 

Wie wichtig ist Verständnis und Kenntnis über den Islam bei Jugendlichen?

Wir leben in einer vielschichtigen Gesellschaft, die durchaus als multikulturell gesehen werden kann. Wer aber nicht gerade mit muslimischen Jugendlichen beruflich zu tun hat, der braucht kein besonderes Wissen. Alle anderen sollten sich eher fachspezifische Informationen aneignen. Außerdem sollte man sich klarmachen, dass die Berichterstattung meist nichts mit der Lebenswirklichkeit der muslimischen Jugendlichen zu tun hat. Ich erlebe es oft, dass es gerade bei Lehrern einerseits am Wissen über den Islam fehlt, andererseits aber auch kulturelle Unterschiede unbekannt sind. Es wäre viel geholfen, wenn wir alle sachlicher mit den Dingen umgehen und vor allem gelassener. Was ich aber auch sehe, ist, dass jüngere Generationen in Deutschland besser mit der Vielfalt in der Gesellschaft umgehen können. Hier können vor allem ältere Semester viel über das Zusammenleben lernen.

 

Sie arbeiten als politischer Berater im Bereich Prävention und Extremismus. Wie sehen konkrete Strategien für Präventions- und Deradikalisierungsmaßnahmen gegen Salafismus aus?

Es gibt leider keine einheitliche Linie. Das liegt zum Teil am föderalen System der Bundesrepublik, zum anderen aber auch an der Vielzahl von Ansätzen, die derzeit erprobt werden. Dabei stellt übrigens nicht jede Form von Salafismus ein Problem dar. Wir haben in Deutschland vor allem mit politischen und extremistischne Salafisten als Problem. Strategien beinhalten zurzeit verschiedene Ansätze. Zum Teil geht es um Prävention, beispielsweise in Schulen, zum Teil aber auch um Deradikalisierung. Hier wird auf kritischen Umgang mit Ideologien gesetzt. Moscheen werden auch eingebunden und versuchen auch präventiv durch Bildung gegen Salafismus vorzugehen. Es fehlt zum jetzigen Zeitpunkt weiterhin an aussagekräftigen Studien und vor allem an Koordinierungsstellen, die Angebote bündeln und evaluieren. In meiner Arbeit versuche ich vor allem, Ansätze für eine messbare Arbeit in diesem Bereich mitzugestalten. Gerade Moscheeverbände werden von mir gewarnt, den Islam-Unterricht als Prävention zu verkaufen. Einige Organisationen nutzen da die finanzielle Unterstützung aus, um ihr Personal darüber zu finanzieren. Das darf natürlich nicht sein. Der Bund wird aber langfristig die geförderten Projekte analysieren und gegebenenfalls Entscheidungen korrigieren.

 

Sie sprechen von gesellschaftlichen Akteuren. Welchen Beitrag kann jeder in der Gesellschaft zur Prävention leisten?

Dass klingt so banal, aber die beste Prävention ist immer noch miteinander zu reden und sich kennenzulernen. Wir wissen aus Lebensläufen und vielen Analysen, dass Extremismus vor allem dort entsteht, wo es in der Gesellschaft hakt. Es gibt in Deutschland weiterhin große Hürden bei den Aufstiegschancen, in der Schule und im Beruf. Das müssen wir überwinden, aber auch den Rassismus und die Diskriminierung von Minderheiten. Je offener jeder einzelne Akteur in der Gesellschaft ist, desto weniger werden wir Präventionsprogramme brauchen. Das erfordert aber auch Selbstkritik unter den Muslimen: Wer über Islamfeindlichkeit klagt, darf selbst nicht rassistisch oder diskriminierend gegenüber anderen Minderheiten sein. Das ist im Übrigen gemeint, wenn wir von gesamtgesellschaftlicher Präventionsarbeit sprechen. Alle müssen anpacken: der Lehrer, der Staat, der Vater, die Mutter. Sie alle müssen für ein offenes und vielfältiges Deutschland arbeiten. Das ist die beste Prävention.

 

Wie sieht der Islam in Europa aus und wie sehen Muslime in Europa sich und ihre Umgebung? Dieser Beitrag ist Teil unserer begleitenden Berichterstattung zur vierten Rundes des zenith-Fotopreises 2017. Alle Infos zu Modus und Teilnahme finden Sie hier.

Von: 
Rika Maetzig

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