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Sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige in Marokko

»Alles bricht auseinander«

Reportage
Sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige in Marokko
Foto: Mohamed Abttache

Safiya, Ameer und Aziz wurden Opfer sexualisierter Gewalt. Die Täter haben die Minderjährigen einer Zukunft voll Scham und Isolation ausgesetzt. Hilfe vom marokkanischen Staat dürfen die Opfer kaum erwarten.

Trigger-Warnung: Diese Recherche beschäftigt sich mit sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige und beleuchtet, welche Folgen ein derartiger Machtmissbrauch für die Opfer hat.

 

»Kan kidirli dak chi« – er hat diese Sache gemacht. Dieser kurze Satz offenbart ein tiefsitzendes Trauma. Auch Jahre später hat sich Safiya nicht erholt. Alhajj, der 70-Jährige, der sie missbrauchte, sucht sie noch immer in ihren Träumen heim. Mal in einem strahlend weißen Gewand mit einem Messer in der Hand, mal wie er sie aus der Umarmung ihres Vaters reißt.

 

Safiya ist zehn. Sie lebt in einer engen Gasse in Mediouna, einer ländlichen Gegend südlich der marokkanischen Industriehauptstadt Casablanca. Wenn immer er die Gelegenheit witterte, lockte ihr Nachbar Alhajj das Mädchen in sein Haus – wo er sich nur wenige Meter von ihren Eltern entfernt an ihr verging.

 

»Der Alte missbrauchte meine Tochter, seit sie zwei Jahre alt war – und wir wussten nichts davon«, erzählt Safiyas Mutter. »Erst als sie älter wurde, kam die Sache ans Licht. Als ihre Lehrerin sich Sorgen machte, weil Safiya immer zu spät zum Unterricht kam.« Nur so sei sie darauf aufmerksam geworden, dass etwas nicht stimmte. Der Nachbar habe nicht verdächtig gewirkt, sagt die Mutter. Eher wie ein ehrwürdiger alter Mann. »Dabei klammerte er sich fest an meine Tochter. Er lockte sie mit Obst und Geld in sein Haus, in sein Bett, wenn immer es eine Gelegenheit gab. Und er drohte, sie aus dem Fenster zu werfen, wenn sie auch nur daran dachte, jemandem davon zu erzählen.«

 

Safiya konnte ihrem Vergewaltiger nicht entkommen. Sie wohnt in einer kaum zwei Meter breiten Gasse in einer verarmten Nachbarschaft. Ihre Familie ist sehr beschäftigt. Der Vater arbeitet als Beamter von früh morgens bis spät abends außer Haus. Auch ihr älterer Bruder ist viel beschäftigt, während die Mutter sich um das Baby kümmern muss. Die Familie lebt auf gerade einmal 50 Quadratmetern. Wegen des begrenzten Raums spielt Safiya normalerweise draußen mit ihren Freunden. So konnte der Nachbar sie stets heimlich vom Fenster aus beobachten – und bei Gelegenheit in sein Haus locken.

 

Das Mädchen erinnert sich an jedes Detail seiner Einrichtung: »Unten sind der Koran und ein Gebetsteppich. Oben im Schlafzimmer steht ein Doppelbett, das immer ordentlich gemacht ist. Daneben ein alter Kleiderschrank.«

 

Safiyas Mutter trägt einen Khimar, das traditionelle marokkanische Kopftuch. Sie sagt, dass sie sich anfangs nicht überwinden konnte, ihrem Mann von dem Missbrauch zu erzählen. Sie fürchtete, er könnte gewalttätig reagieren. Und sie hatte Angst vor dem Urteil ihrer konservativen Familie. Allzuoft tendiert die marokkanische Gesellschaft dazu, dem Opfer die Schuld zu geben.

 

Das Küken wurde zu Safiyas einzigen Freund

 

Während die Menschen in ihrem Umfeld unbeschwert weiterlebten, vertiefte sich Safiyas Leid von Tag zu Tag. In der Schule konnte sie sich nicht mehr konzentrieren. Ihrer Mutter gegenüber verhielt sie sich seltsam. Sie zog sich immer mehr zurück. Die dramatische Situation ihrer Tochter brachte Safiyas Mutter dann doch dazu, ihren Mann einzuweihen. Ab diesem Moment bestimmte der sexuelle Missbrauch alles. »Unser Leben hat sich völlig verändert«, sagt Safiyas Mutter. »Die Krankheiten meines Mannes sind viel schlimmer geworden – sein Diabetes, seine Herzprobleme, sein Bluthochdruck. Besonders nachdem sie den Vergewaltiger unserer Tochter vorzeitig aus der Haft entlassen haben.«

 

Alhajj wurde eigentlich zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, saß schlussendlich aber nicht einmal zwei Jahre hinter Gittern. Aus Angst vor Coronavirus-Ausbrüchen in den Haftanstalten, wurden in Marokko viele Insassen frühzeitig entlassen. »Niemand hat dabei die Situation meiner Tochter beachtet. Die endlose Spirale der Alpträume hält Safiya noch immer gefangen. Das Einzige, womit sie sich heute beschäftigt, sind unsere Tiere.«

 

Im Gespräch berichtet Safiyas Mutter, dass ihre Tochter ihr Vorwürfe macht, seit sie ihren Mann eingeweiht hat: Sie habe »ihr Leben zerstört«. Safiya geht ihrer Mutter nun aus dem Weg und versucht auf ihre Weise, das Geschehene zu verarbeiten: Sie hat eine tiefe Zuneigung zu einem Küken entwickelt, das ihr inzwischen überhallhin folgt. In der Schule wurde sie gemobbt und schikaniert. Deshalb verbringt Safiya auch keine Zeit mehr mit anderen Kindern. Das Küken wurde zu ihrem einzigen Freund.

Auch Safiyas Zukunftspläne haben sich verändert. Eigentlich war ihr Traumberuf immer Lehrerin. Aber seit dem Gerichtsprozess will sie Richterin werden, um andere Kinder, die Opfer solcher Verbrechen werden, zu rächen. »Ich will gerecht urteilen«, sagt sie.

 

Obwohl die Zehnjährige dem Missbrauch mehrere Jahre ausgesetzt war, war sie danach nur zweimal in Therapie. Einmal kurz nachdem ihre Familie von der Situation der Tochter erfuhr im Oktober 2018 bei einem Kinderarzt im Ibn-Rushd-Kinderkrankenhaus in Casablanca. Und dann nochmal beim selben Arzt zwei Monate später, im Januar 2019. Danach wurde die Therapie eingestellt. Safiyas Gesundheitsbuch enthält keinerlei Eintragungen über Sitzungsergebnisse oder ihren Umgang mit der Therapie. Genau genommen, ist ihr Gesundheitsbuch bis auf die Datumsangaben der beiden Sitzungen vollkommen leer.

 

Die Familie sagt, die Therapie sei abgebrochen worden, weil das Krankenhaus 20 Kilometer entfernt liege, sie kaum Beratung oder Information zum Thema Psychotherapie erhalten hätten, und vor allem: Weil Privatbehandlung in nähergelegenen Praxen zu teuer wäre. Eine einzige Therapiestunde kostet zwischen 300 und 500 Dirham, je nach Methode und Klinik – umgerechnet zwischen 30 und 50 Euro. Für Safiyas Eltern ist das kaum zu bezahlen, obwohl ihr Vater als Beamter nicht schlecht verdient.

 

Der Mangel an öffentlichen Behandlungsmöglichkeiten ist ein großes Problem. Laut den aktuellsten Statistiken des marokkanischen Gesundheitsministeriums beschäftigt der Staat nicht mehr als fünf Kinderpsychologen. Diese werden dabei den großen städtischen Krankenhäusern zugeteilt, beispielsweise der Ibn-Rush-Klinik, die monatlich etwa 500 Kinder und Jugendliche behandeln kann. Kinder wie Safiya, die an den Stadträndern wohnen, haben so kaum eine Chance auf psychologische Unterstützung oder gar regelmäßige Therapie.

 

Deswegen muss Safiya sich, verletzlich wie sie ist, ganz allein dem Alltag stellen – wie Hunderte ANDERE Kinder in Marokko, die Opfer von Missbrauch wurden. Safiya entschied sich zum Rückzug. Die zwei Therapiestunden behandelten nur »die grundlegendsten Ratschläge, und dass sie in Zukunft vorsichtig sein soll«, so ihre Eltern.

 

»Es ist sehr schwierig, den Kindern zu helfen«

 

Nordin Dahhan ist Kinderpsychater in Tangier. Auch er kritisiert die Situation im Land: »Eine Therapie mit Kindern muss verschiedene Stadien durchlaufen. Vor allem Kinder, die über längere Zeit missbraucht wurden, standen unter dem Einfluss destruktiver Persönlichkeiten. Es ist sehr schwierig, den Kindern zu helfen. Dafür braucht es speziell ausgebildete Teams.«

 

Safiyas Anwalt, Youssef Ghareeb, arbeitet bei der Association Touche Pas À Mes Enfants (»Hände weg von meinen Kindern«) im Bereich Kinderschutz. Er fordert viel mehr nationale und internationale Aufmerksamkeit für die fehlende psychologische Unterstützung. »Ich kenne Familien, deren Kinder missbraucht wurden und keinerlei psychologische Hilfe erhalten haben. Hier muss der Staat eingreifen. Er muss spezielle Zentren und medizinisches Personal sowie Psychologen anstellen.«

 

Genau wie Safiya wurde auch Ameer monatelang durch die Hashouma-Logik zum Schweigen gebracht. Kinder der Hashouma, Kinder der Schande, so die problematische weil stigmatisierende Bezeichnung missbrauchter Minderjähriger im Volksmund. Der Sechsjährige aus Ait Amira, einer ländlichen Gemeinde 54 Kilometer südlich von Agadir, galt seiner Familie als Quelle der Schande. Auch Ameers Mutter Saida entdeckte, was passiert war, als ihr Sohn begann, sich ungewöhnlich zu verhalten.

 

»Es war während eines Besuchs bei meiner Schwester«, erinnert sich seine Mutter Saida. »Dort sah Ameer ein kleines Fläschchen auf dem Fernseher stehen. Plötzlich fuhr er herum, zeigte darauf und sagte ganz erstaunt: Mama, Mama, das ist das Zeug, dass ich bei meinem Onkel trinke«. Wenig später fand Saida heraus, dass ihr Kind wiederholt Opfer sexuellen Missbrauchs geworden war – während der Besuche bei Ameers Vater, ihrem Ex-Mann, in Jamaat Shaim, einer Stadt am Rande von Safi im Zentrum des Landes.

 

Sobald Saida verstand, was passiert war, drängte sie Ameer, ihr alles zu erzählen. Die schreckliche Wahrheit war, dass zwei seiner Onkel ihn wiederholt zum Schafe hüten in die Berge gelockt und dort missbraucht hatten. Manchmal gaben sie ihm ein Schlafmittel, damit er aufhört, zu schreien. Und manchmal ergab er sich ihrer körperlichen Überlegenheit. »Sie haben mich angegriffen und diese Sache mit mir gemacht. Wenn ich geschrien habe, musste ich das Zeug trinken. Wenn mein Onkel fertig war, hat der andere Onkel angefangen. Ich will, dass sie verhaftet und getötet werden«. Das ist alles, was Ameer herausbringt.

 

Die Mutter erinnert sich, wie sehr sich das Verhalten ihres Sohnes verändert hat. Wenn immer er aufs Klo musste, rannte er total hektisch ins Badezimmer. Einmal erwischte sie ihn mit seinem fünfjährigen Bruder Ameen: Die beide zogen sich aus, um Geschlechtsverkehr zu spielen. Mutter Saida sagt, ihr ganzes Leben sei auf den Kopf gestellt worden.

 

Saida kann nicht aufhören, zu weinen

 

Ganz ohne Einkommen oder einen Versorger lebt Saida mit ihren beiden Söhnen in Armut. Ameers Vergangenheit bestimmt alles. Im Haus finden sich kaum noch Sitzgelegenheiten, weil Saida alle Möbel verkaufen musste, um die Familie zu ernähren. Jetzt besitzen sie nur noch ein paar Kissen und Küchengeschirr. Gebrochene Abwasserrohre, deren Reparatur zu teuer wäre, lassen üblen Gestank in jeden Winkel des Hauses dringen.

 

Saida kann nicht aufhören, zu weinen. Sie traut sich nicht, arbeiten zu gehen – in der permanenten Angst, sie würde dadurch ihre Kinder schutzlos irgendwelchen Fremden ausliefern. Deshalb hat sie beschlossen, das Haus zu verkaufen, und überall an der Außenwand ihre Telefonnummer angebracht – vielleicht kommt ja ein möglicher Käufer vorbei. Das Geld möchte sie für Anwälte im Gerichtsprozess gegen die Vergewaltiger ihres Sohnes ausgeben, sowie für Psychotherapie und die Bildung ihrer Kinder.

 

»Ich hatte alles auf seine schillernde Zukunft gesetzt. Er hätte auch mich aus meinem Elend retten können«, sagt Saida schluchzend. »Doch jetzt sind seine und meine Zukunft zerstört. Alles bricht auseinander.«

 

Wenn Ameer daran denkt, was ihm passiert ist, zucken Angst und Vorsicht über sein Gesicht. Seine Augen mustern jeden Mann skeptisch, der das Haus betritt, selbst die beiden Söhne des Nachbarn. Ameer und Saida haben Angst, dass jeden Augenblick jemand kommen und ihn wieder missbrauchen könnte. Diese Angst ist zum ständigen Albtraum geworden – vor allem, seit alle im Viertel wissen, was passiert ist. In einem solchen Umfeld und angesichts der hohen Kriminalitätsrate in der Region befürchtet Saida, dass Ameer erneut missbraucht werden könnte.

 

Sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige in Marokko
»Niemand schützte mich vor möglichen weiteren Angriffen der Täter. Niemand ermöglichte mir psychologische Beratung, um mein Trauma zu verarbeiten«, erinnert sich Aziz.Foto: Mohamed Abttache

 

Anfang Juni 2020 kam Ameers Fall vor Gericht, nachdem Saida sich bei der Staatsanwaltschaft beschwert hatte, warum nichts passiere. Sie schilderte die Gewalt an ihrem Sohn in allen Einzelheiten und forderte die Verhaftung der beiden Vergewaltiger. Inzwischen besuchte Ameer eine Therapiesitzung in einer Privatpraxis – eine, denn mehr kann sich die Familie nicht leisten. Die nächstgelegene öffentliche Kinderklinik befindet sich im 41 Kilometer entfernten Hassan-II.-Krankenhaus in Ost-Agadir. Es scheint, als haben Saida und Ameer bereits vor ihren Umständen kapituliert.

 

Ameer hat viel gemeinsam mit den Hunderten anderen Kindern in der Region Souss-Massa, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Im jüngsten Bericht der Kinderrechtsorganisation Proteger Mon Enfant, die auch Ameers Fall vor Gericht unterstützt, heißt es: »Das Phänomen sexualisierter Gewalt gegen Kinder verbreitet sich mit erschreckender Geschwindigkeit. […] In 30 Prozent aller Fälle kommen die Täter aus der Verwandtschaft.« Angaben der Organisation zufolge, »begegnen die meisten Opfer sexueller Gewalt im Alter von zwei bis sechs Jahren ihren Vergewaltigern, meistens Familienmitgliedern oder vorbestraften Kriminellen, im Kindergarten oder beim Einkaufen. Armut und Familienzerwürfnisse stehen ganz oben auf der Liste der Faktoren, die sexuelle Gewalt gegen Kinder ermöglichen.«

 

Das Justizministerium sowie die Generaldirektion für Nationale Sicherheit geben in ihren jüngsten jeweils verfügbaren Berichten an, dass in den Jahren 2010 und 2012 26 Prozent aller Fälle registrierter Gewalt in Marokko in die Kategorie sexualisierte Gewalt fallen. Zwischen 2007 und 2012 verzeichneten die marokkanischen Sicherheitsbehörden 11.599 solcher Fälle gegen Minderjährige, von denen 16 Prozent im Familienkreis und 67 Prozent auf der Straße stattfanden. Dem Justizministerium zufolge, wurden allein 2017 2.403 Fälle registriert – was für einen deutlichen Anstieg über die Jahre spricht.

 

»Mein Vater setzte mich einfach vor die Tür«

 

Zu den Fällen, mit denen sich die NGO Proteger Mon Enfant beschäftigt, gehört auch die komplexe Geschichte eines jungen Mannes aus Agadir. Aziz ist 31. Unter einer Bedingung erklärt er sich bereit, seine Erfahrungen mit zenith zu teilen: Das Interview soll in einem öffentlichen Park stattfinden, nicht weit vom Ort seines Missbrauchs. Er möchte sich aktiv seinen psychologischen Narben stellen.

 

»Als ich 14 war, spielte ich den ganzen Tag und hatte Spaß – wie alle Kinder in diesem Alter«, beginnt Aziz zu erzählen. »Eines Tages spielte ich in diesem Park da drüben, als plötzlich drei junge Männer auftauchten, ein Messer an meine Kehle hielten und mich in einen Wald außerhalb der Stadt verschleppten. Gnadenlos vergewaltigten sie mich auf unterschiedliche Weisen, bis tief in die Nacht hinein.«

 

Danach ließen ihn seine Vergewaltiger einfach im Wald zurück. Er musste viele Kilometer zu Fuß zurücklegen. »Als ich daheim ankam, ignorierte mich mein Vater – er ging morgens einfach ganz normal zur Arbeit«, erinnert sich Aziz. »Niemand schützte mich vor möglichen weiteren Angriffen der Täter. Niemand ermöglichte mir psychologische Beratung, um mein Trauma zu verarbeiten.«

 

Aziz wurde schwer depressiv und verließ das Haus nicht mehr. Seine Mutter befürchtete, er sei verhext und brachte ihn deshalb zur Behandlung zu irgendeinem »weisen Mann«. Doch sein Zustand verschlechterte sich weiter, woraufhin sein Vater ihn vor die Tür setzte. Während seiner Zeit auf der Straße wurde Aziz noch ein zweites Mal missbraucht. Weil er versuchte, sich zu wehren, hinterließen die beiden zwielichtigen Gestalten diesmal auch noch einen tiefen Messerschnitt in seinem Gesicht.

 

Er zog sich in völlige Isolation zurück, bis er schließlich Unterschlupf bei seiner Schwester suchte. »Mit der Wunde im Gesicht hätte ich sowieso nirgends Arbeit finden können. Immer wieder dachte ich an Selbstmord. Oder an Rache. Vor kurzem habe ich zwei meiner Vergewaltiger entdeckt. Sie arbeiten in einer Autowerkstatt.«

 

Im Bericht von Proteger Mon Enfant heißt es: »Hunderte Opfer sexueller Gewalt sehen sich der Ablehnung ihrer eigenen Familie ausgesetzt, was an der weit verbreiteten Mentalität des victim-blaming liegt und das Leiden der Betroffenen weiter verstärkt. Hinzu kommt das Fehlen eines rechtlichen Rahmens. Gegenwärtig verpflichtet das marokkanische Recht die Familien nicht dazu, ihre Kinder zur Therapie in öffentliche Gesundheitseinrichtungen zu schicken. Nur ein Erlass vom 30. April 1959 setzt sich mit psychischer Gesundheit auseinander. Es handelt sich dabei um eines der ältesten Gesetze des Königreichs. Seit seines Inkrafttretens, unter insgesamt 30 Gesundheitsministern, blieb es stets unverändert.«

 

Diese Tatsache führte in den vergangenen Jahren zu intensiver Kritik. Sogar ein Bericht des Nationalen Menschenrechtsrates, einer marokkanischen Regierungsinstitution, vom September 2012 spricht davon, dass »der nationale Rechtsrahmen in dieser Frage veraltet ist und der Realität nicht gerecht wird«. Außerdem beklagt der Bericht, dass »diese Kinder keinerlei besonderen Schutz oder Einsatz erfahren«.

 

Diese Stagnation erzeugt ein rechtliches Vakuum und unterstreicht die Notwendigkeit für neue Regelungen – für eine angemessene Reaktion auf all die schrecklichen Verbrechen, die in den letzten Jahren zum Vorschein kamen, vor allem in dörflichen Kontexten.

 

Mädchen wachsen in dem Glauben auf, ihre »Ehre« sei ihr einziger Schatz

 

Die Geschichten von Safiya, Ameer und Aziz und haben mehrere gemeinsame Nenner: Der Mangel an psychosozialer Unterstützung in Marokko macht es Opfern sexualisierter Gewalt unmöglich, die psychologischen Folgen zu überwinden. Außerdem spielt Rache in den Gedanken der Betroffenen eine große Rolle. Der eine wünscht seinen Tätern abgesicherter milder Gerichtsurteile den Tod, die andere will selbst Richterin werden, um Kindern, deren Vertrauen ebenso für immer zerstört wurde, Gerechtigkeit zu ermöglichen. Und alle leiden unter dem verurteilenden Blick von Gesellschaft und Verwandten, der seelische Wunden schürt und sich in ihr Bewusstsein einbrennt.

 

In Marokko werden Kinder, die sexueller Gewalt zum Opfer fallen, oft als Last für die Familie wahrgenommen. Sie werden für ihr eigenes Leiden verantwortlich gemacht: Sie seien zu sorglos gegenüber Fremden gewesen. Das trifft vor allem Mädchen, die in dem Glauben erzogen werden, ihre »Ehre« sei ihr einziger »Schatz«. Zusätzlich beeinträchtigt die Abwesenheit sexueller Aufklärung das Grundverständnis, das Kinder von Sexualität haben – wie beispielsweise den Unterschied zwischen einvernehmlichem Sex und Gewalt. Viele sind daher nicht in der Lage, in Worte zu fassen, was »diese Sache« ist und was eigentlich mit ihnen passierte – oder zu verstehen, dass es falsch war. Es gibt keine Räume, in denen sie ihre Erfahrungen teilen können. Das Vergessen wird zur einzigen Option.

 

Trotz der weit verbreiteten Kultur des victim-blaming wollen viele Familien ihren traumatisierten Kindern helfen. Dabei stehen sie allerdings oft vor unüberwindbaren finanziellen Hürden – Kosten für Krankenhäuser und medizinische Gutachten, Gerichts- und Anwaltskosten, Bearbeitungsgebühren und Abgaben an die Sicherheitsbehörden. Vor allem in weniger wohlhabenden Familien führen solche Ausgaben bei den Kindern wiederum zu Schuldgefühlen. »Wir konnten die Therapie nicht fortsetzen. Sie kostet einfach zu viel. Mein Vater kann nicht jedes Mal bezahlen«, sagte zum Beispiel Safiya.

 

Staatliche Unterstützung oder Betreuung gibt es nicht. Das Ministerium für Solidarität, Soziale Entwicklung, Gleichheit und Familie, die direkt mit solchen Fällen betraute Regierungsbehörde, ist von der Bildfläche dieser Themen verschwunden, so die einstimmigen Aussagen von Familien, Anwälten und Rechtsexperten. Um eine Stellungnahme gebeten, schwieg das Ministerium. Das gleiche gilt für das Gesundheitsministerium: Nachfragen zu den Unzulänglichkeiten des marokkanischen Systems der psychologischen und psychiatrischen Versorgung wurden ignoriert. Außer einer Eingangsbestätigung der Anfrage gab es keine Reaktion.

 

Diese Recherche entstand im Rahmen des Candid-Journalism-Grant 2020.

Von: 
Mohamed Abttache

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