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Abenteurer, Pulverfass, Flächenbrand, Islam-Debatte

Was Sie jetzt über Nahost-Experten wissen müssen (Teil 2)

Kommentar
Kolumne Daniel Gerlach

Die Lebensphasen des Nahost-Experten gleichen dem des Menschen und sind denen anderer Säugetiere ebenfalls nicht unähnlich. Ist er nun durch die gefräßige Nachrichtenwelt in seiner Existenz bedroht?

Gar nicht einfach, dazu Prognosen anzustellen: Wie geht es mit dem Nahost-Experten weiter? Einerseits ist das Nahost-Expertentum ja eine Wachstumsbranche, zumindest gemessen an der Zahl der Schlagzeilen und Aufmacherthemen, die der Nahe Osten heute und noch auf absehbare Zeit der News-Industrie liefert. Und eine berufene Leserin meiner letzten Kolumne, die Journalistin und langjährige Büroleiterin der dpa in Kairo, Anne Beatrice Clasmann, mutmaßte jüngst auf der zenith-Facebook-Seite, ob sich die Nahost-Experten womöglich »durch Zellteilung vermehren«.

 

Andererseits befällt mich manchmal eine unheilvolle Ahnung: Die Spezies macht eine ebenso tiefgreifende Krise durch wie das Informationsfernsehen. Gehört der klassische Nahost-Experte, der allzeit bereite Allrounder unter den Fachidioten, der aus dem Stehgreif überall dort für Aufklärung sorgen kann, wo andere sich mit den Schlagworten »Islam«, »Terror«, »Pulverfass« und »Flächenbrand« begnügen, bald der Vergangenheit an? Muss man gar Maßnahmen zum Artenschutz einleiten, um seinen Bestand nachhaltig zu schützen? Und wer bedroht ihn mehr: die gefräßige Nachrichtenwelt oder gar er selbst?

 

Wer über Nahost-Experten und ihr Existenzrecht ein Urteil spricht, sollte Milde walten lassen – und gewisse Faktoren einer berufsbedingt zwangsläufigen Entwicklung in das Gesamtbild einbeziehen. Man wird feststellen: Der Nahost-Experte mag, wie jeder Mensch, ein Stückweit seines Glückes Schmied sein. Aber manches ist auch vorherbestimmt – Kismet – und er bleibt somit ein Geschöpf der Fügung.

 

Der junge Nahost-Experte weist eine erhebliche Ambiguitätstoleranz auf. Der Zynismus, den die älteren Orient-Kenner zur Schau stellen, rührt ihn dabei eher romantisch an.

 

Wenn der Nahost-Experte seine ersten Schritte tut und nicht mehr nur hilflos in die Sonne blinzelt, geht er mit offenen, leuchtenden Augen durch die Welt des Orients. Er wandelt lustvoll auf den Pfaden früherer Entdecker, ohne aber sich deren überkommene Meinungen über die Region und ihre Bewohner aneignen zu müssen. Der junge Nahost-Experte weist – mit einem Trendbegriff umschrieben – eine erhebliche Ambiguitätstoleranz auf. Der fröhliche Zynismus, den die älteren Orient-Kenner zur Schau stellen, ihr »been there, seen it, remember Beirut ‘82?« – rührt ihn dabei eher romantisch an.

 

Bald tritt der Nahost-Experte ein in eine Phase, in der er feststellt, wie komplex der Nahe Osten ist und dass man für fast jede Aussage den Gegenbeweis erbringen kann. Religion, Ideologien, historische Wurzeln von Konflikten hält man für überbewertet. Aufgebauscht von den Alten. Der einzige Anker, an dem man sich in dieser Phase festhält, ist die Gewissheit, dass eben alles komplex ist, andere diese Komplexität aber nicht durchschauen. Deshalb lehnt er nahezu jede Aussage über die Verhältnisse im Nahen Osten als stereotyp, orientalistisch, verallgemeinernd ab.

 

Schneller als man sich versieht, kommt die glückseligste aller Phasen: Man wird gewahr, dass man so etwas wie ein historisches Gespür bei der Deutung der Ereignisse ausprägt. Der Nahost-Experte verneint zwar nicht die Komplexität, erkennt aber dennoch Muster, Wiederholungen, sichert Spuren, Asservate. Routine und die Bestätigung durch die bereits zuvor erwähnte Akklamation der Medien wirken identitätsstiftend. Jetzt ist der Nahost-Experte ausgereift.

 

Der Nahost-Experte, ermüdet von der scheinbaren Wiederholung der Ereignismuster und Diskurse, verlässt sich nun mehr und mehr auf sein gesammeltes Wissen – und die Intuition

 

Ein gewisser Überblick über Sachlage und Forschungsstand erlauben es ihm jetzt nicht nur, sich zielsicher zu bewegen. Sie verleihen ihm die Fähigkeit zur Improvisation. Ohne die wäre es unmöglich, schnell und überzeugend die neusten Nachrichten zu kommentieren: Jerusalem, die algerische Energie-Wirtschaft, bahrainische Palast-Intrigen, ein Flugzeugabsturz im Sudan oder – wenn einmal sonst nichts ansteht – der Burkini.

 

Wohl ehe man sich versieht, wird diese Phase abgelöst von einer kritischen: Der Nahost-Experte, ermüdet von der scheinbaren Wiederholung der Ereignismuster und Diskurse, verlässt sich nun mehr und mehr auf sein gesammeltes Wissen – und die Intuition. Laut Friedrich Dürrenmatt versteht man darunter »die Fähigkeit gewisser Leute, eine Lage in Sekundenschnelle falsch zu beurteilen«. Für den erfahrenen Nahost-Experten ist diese Regel außer Kraft gesetzt (und überhaupt: Er würde anzweifeln, dass Dürrenmatt das jemals so gesagt hat. Man findet das Zitat in allerhand Management-Ratgebern, aber versuchen Sie mal, sich dazu eine Quelle zu ergoogeln!).

 

Wie ein Fußball-Profi Ende 30 gleicht der Nahost-Experte nun verschlissene Beweglichkeit durch Erfahrung aus, was eine für gewisse Dauer auch gut funktioniert. Man kennt die Muster, hat das meiste schon gesehen, hält die meisten anderen Menschen mittlerweile für naiv und Politiker mitunter samt und sonders für Idioten. Sie haben nichts gelernt aus der Geschichte. Vor allem nicht, dass man aus ihr nichts lernen kann.

 

Die Diskrepanz zwischen dem Prägenden, Vergangenen, Erlebten und dem schnöden Alltag, der sich zunehmend im Kommentieren von Katastrophenmeldungen erschöpft, hinterlässt Spuren beim Nahost-Experten.

 

So wie die meisten Menschen im Alter gern Bezug auf ihre besten Jahre nehmen, speist sich das Weltbild des Nahost-Experten aus seinen prägendsten Erfahrungen. Und die liegen in dieser Phase der Entwicklung meist schon weit in der Vergangenheit. Schließlich hat er es ja als Mann im Feld und nicht als Schreibtischtäter zu Expertenrang gebracht. Ein Trost für alle Nicht-Berühmten: Je jünger und unbedeutender man ist, desto größer sind die Chancen auf Abenteuer im Orient. Mit wachsender Bekanntheit und einem größeren Netzwerk an hochrangigen Kontakten gerät man weit seltener in Situationen, in denen man sich und seinem Schicksal ausgeliefert ist, worin ja das Wesen jedes Abenteuers besteht.

 

Früher war bekanntlich alles besser, auch die Zukunft. Und mit Prognosen über einen bevorstehenden Untergang ist man zudem meistens auf der sichereren Seite. Die Diskrepanz zwischen dem Prägenden, Vergangenen, Erlebten und dem schnöden Alltag, der sich zunehmend im Kommentieren von Katastrophenmeldungen erschöpft, hinterlässt Spuren beim Nahost-Experten: Sie wirkt sich auch auf sein Weltbild aus – und damit auf den mitunter morbiden Tonfall seiner publizistischen Erzeugnisse. Der ist damit nicht nur Spiegel der Ereignisse, sondern auch seiner Persönlichkeitsentwicklung.

 

In »Das Unbehagen in der Kultur« hat Sigmund Freud die heutige Stadt Rom mit ihren Schichten jahrtausendelanger Bebauung einmal als Bild genommen, um die Struktur eines psychischen Wesens zu beschreiben. Vieles mag da im Eimer sein, aber alles ist noch da und steht irgendwie auch aufeinander. Nehmen Sie statt Rom einmal Damaskus – oder Kairo – und Sie gewinnen eine Ahnung davon, wie es aussieht im Inneren unseres Experten. Also seien Sie nachsichtig mit ihm. Er ist weit vielschichtiger als sein Ruf. Genauso wie der Nahe Osten.

 

Lesen Sie hier in der kommenden Woche (Exklusiv für zenith-Club-Mitglieder): Warum das Nahost-Expertentum sich ein Beispiel an der Kunstkritik nehmen sollte.

Von: 
Daniel Gerlach

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