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Syrien und die Causa Günter Meyer

Was Sie jetzt über Nahost-Experten wissen müssen (Teil 1)

Kommentar
Kolumne Daniel Gerlach

Wer braucht bei einem Volk von Syrien-Kennern und Chemiewaffen-Spezialisten noch Nahost-Experten? Über die Krise einer missverstandenen Spezies und wie die Medien ihr helfen können, sich zu ändern.

Neulich, auf einem festlichen Empfang, stellte mich der Gastgeber einer Fernsehproduzentin vor, mit den Worten: »Von Beruf ist er Experte«. Mehr müsse man nicht sagen, denn wenn dieser Tage das Thema auf Experten komme, beziehe sich das selbstredend auf den Nahen Osten. Die Nahost-Experten sind inzwischen so zahlreich, dass man – worauf ich bereits an anderer Stelle hingewiesen habe – die Gründung einer Gewerkschaft, oder zumindest einer Kammer in Erwägung ziehen muss. Und der Kreis erweitert sich zusehends, sodass Zeit-Journalist Yassin Musharbash weithin hörbar auf Twitter seufzte: »Letzte Woche waren wir ein Land von #Islam-Experten, diese Woche schon ein Land von #Syrien-Kennern. Ist bald endlich WM?«

 

Anlass war die Diskussion um einen mutmaßliche Chemiewaffen-Einsatz des syrischen Regimes in Duma, in der östlichen Ghuta von Damaskus am 7. April, worauf die USA, Großbritannien und Frankreich mit einer – augenscheinlich symbolischen – Vergeltungsaktion reagierten. Moskau bezichtigte die Allianz der Lüge, im Sicherheitsrat war buchstäblich die Hölle los.

 

Eine dunkle Stunde für die Weltpolitik? Auch auf das Berufsbild des Nahost-Experten strahlte dabei wenig Glanz. Die Rolle dessen, der sich dem emotional aufgeheizten Medien-Mainstream kühl entgegenstellt, fiel dabei dem Mainzer Professor Günter Meyer zu. Bereits bei vorherigen Giftgas-Vorfällen in Syrien hatte Meyer Zweifel daran vorgetragen, dass das syrische Regime ein Interesse an einem Einsatz der geächteten Kampfmittel haben könne.

 

Auch dieses Mal urteilte Meyer, in einem Interview mit dem ARD-Mittagsmagazin, es könne sich nur um eine Operation von Rebellen unter falscher Flagge handeln – mit dem Ziel, einen Militärschlag des Westens gegen Syrien zu provozieren. Er tat dies mit großer Sicherheit, was, kombiniert mit seinem sachlichen Auftreten und seinem Titel, die Wirkung nie verfehlt.

 

Ein anderes ARD-Team des Magazins »Report Mainz« konfrontierte Meyer mit seinen Herleitungen und den mitunter zweifelhaften Quellen, auf die er sich in von ihm verfassten Meinungsartikeln für alternative Internet-Medien wie Rubikon oder die Nachdenkseiten stützt. Meyer beharrte zwar auf seinen Standpunkten, zeigte im Einräumen von Fehlern aber eine gewisse Größe. Das Bild, das der ARD-Beitrag dennoch vermittelte, war das eines älteren Wissenschaftlers, der mit der Bewältigung der Flut aus echten oder gefälschten Internet-Nachrichten, Mutmaßungen und Manipulationen völlig überfordert schien.

 

Wer ist das nicht? Und ist der Nahost-Experte nicht auch nur ein Mensch? Die Causa Meyer ist ein längst überfälliger Anlass, um die Rolle des Nahost-Experten in der Welt noch einmal neu zu überdenken.

 

Ein Nahost-Experte sollte in Interviews nicht mit Fakten operieren

 

Im Zeitalter von Informationskriegen, welche insbesondere im und um den Nahen Osten toben, sind gesicherte Tatsachen eine Währung von unschätzbarer Härte. In der Medienökonomie des 21. Jahrhunderts ist es indes nicht einfach, diese Währung an den Mann zu bringen. Eigentlich sind Fakten ja genau das, was man von wissenschaftlich gebildeten Nahost-Experten im Fernsehen verlangt. Insofern mag der Rat, darauf so weit wie möglich zu verzichten, recht übergeschnappt klingen. Dennoch: Bei komplizierten Sachverhalten, in denen der Nahost-Experte ja kein Augenzeuge, sondern bestenfalls ein Gutachter sein kann, ist ein Fakt oft unsichtbar wie ein Elementarteilchen. Aufgrund seiner unstrittigen Wirkung kann man nur davon ausgehen, dass es existiert. Sonst ergibt die Gleichung keinen Sinn.

 

Fakten lassen sich behaupten und in Frage stellen, die meist nur wenige Minuten währenden Live-Auftritte von Experten lassen aber wenig Zeit und Raum für logische Beweisführung. Was für die Fakten zutrifft – nämlich, dass es besser ist, sich auf gar keine Fakten, denn auf falsche zu beziehen – gilt ebenso für Quelle und Zitat. Experten werden von Journalisten in der Regel gebeten, von ausschweifenden verbalen Fußnoten abzusehen. Niemand möchte im Live-Interview von einem Nahost-Experten hören, welcher geschätzte Kollegen bereits in einem wissenschaftlichen Aufsatz aus dem Jahr 1999 eine Beobachtung gemacht hat und weshalb der Nahost-Experte die Ansicht dieses geschätzten Kollegen teilt.

 

Um den eigenen Standpunkt in strittigen Fragen mit etwas mehr Pferdestärken auszustatten, neigen manche Nahost-Experten überdies dazu, einer Tatsachenbehauptung ein »Wir wissen, dass …« oder »Inzwischen wissen wir …« voranzustellen. Ein der Wissenschaft entlehnter Plural, den sich fast jeder Nahost-Experte schon erlaubt hat zu benutzen und der suggeriert, dass Eingeweihte die eigene Sicht für unstrittig halten.

 

Zur Frage der Fakten lässt sich schließlich noch feststellen, dass es ja viele Meinungen und Weltbilder und Erzählungen (»Narrative«) gibt, die einander zwar widersprechen, aber dennoch einen Anspruch auf die Anerkennung ihres Existenzrechts haben. Peter Scholl-Latour sagte in fortgeschrittenem Alter, dass sein Interesse nicht der Wahrheit, sondern der Wirklichkeit gelte – und Wirklichkeiten gibt es bekanntlich viele.

 

Zwischen Wahrheit und Schwindel kann man hingegen keinen Mittelwert errechnen. Und wie der Fall des mutmaßlichen Chemiewaffen-Einsatzes in Duma zeigt, lässt sich Wahrheit leider nicht aus gegensätzlichen Behauptungen interpolieren. Generationen von Journalisten-Schulen dürften eine Live-Schalte des ZDF-Reporters Uli Gack als Lehrmaterial vorgesetzt bekommen. Darin schilderte Gack, zu diesem Zeitpunkt selbst in Damaskus, wie er mit angeblichen Augenzeugen des Vorfalls gesprochen habe. Die erklärten übereinstimmend, wie Rebellen Giftgas-Behälter aufgestellt hätten, worauf Gack, sichtlich ermattet, die Bemerkung entglitt, irgendwas werde »schon dran sein« an den Geschichten. Kann passieren, sollte es aber nicht.

 

Wenn der Nahost-Experte in den Medien nun doch mit Fakten operiert, oder mit Zitaten, muss er sich seiner Sache schon verteufelt sicher sein. Wenn nicht: Darf er dann wenigstens nach dem »cui bono« fragen, also wem der Einsatz von Chemiewaffen nützt?

 

Dem Argument mancher Zeitgenossen, wonach allein das cui bono schon die Tore zur Hölle der Verschwörungstheorien öffnet, ist zu widersprechen. Die Frage, wer ein Tatmotiv haben könnte, kann eine zentrale Rolle bei der Überführung eines Täters spielen. Allerdings: Ohne Erkenntnisse darüber, was sich am Tatort zutrug oder zugetragen haben könnte, ist es nicht unziemlich, aber einigermaßen sinnlos, sich darauf zu versteifen.

 

Im Fall der Giftgas-Angriffe von Duma und Khan Sheikhun lässt sich angesichts der zurückliegenden Erfahrungen feststellen, dass der lautlose Tod, der mit dem Giftgas kommt, ein kosteneffizientes Mittel ist, um Widerstand zu brechen, und Panik zu säen – in das Herz des Gegners und seiner Anhänger. Viele Feinde des syrischen Regimes finden, es mache keinen großen Unterschied, ob Zivilisten durch Brandbomben oder durch Giftgas sterben. Wie kommt man dann dazu, von vornherein auszuschließen, dass das Regime diese Ansicht teilen könnte? Und vom Widerstreit der Narrative profitieren die mit der buchstäblichen Macht am Ende der Gewehrläufe. Insofern kann auch der Streit um die Frage, ob es Giftgas gegeben hat oder nicht, einen taktischen Vorteil mit sich bringen.

 

Was folgt aus der Causa Günter Meyer?

 

Als Günter Meyer Anfang April, und damit zum wiederholten Mal, in einem TV-Interview erklärte, es habe keinen Giftgas-Einsatz des syrischen Regimes gegeben, blieb der Applaus nicht aus. Die russischen Auslandssender Russia Today und Sputnik, auf deren Angaben er sich selbst unter anderem bezogen hatten, nahmen nun ihrerseits auf ihn Bezug. Ähnlich wie im Fall Michael Lüders, der 2017 in der Sendung »Markus Lanz« erklärte, nicht das Assad-Regime, sondern Rebellen mit Verbindungen zum türkischen Geheimdienst steckten hinter dem Giftgas-Vorfall von Khan Sheikhun, kamen Youtube-Videos mit arabischen Untertiteln in Umlauf. In den Kommentaren dazu hieß es, kein geringerer als ein deutscher Nahost-Experte bringe die Wahrheit ans Licht – und entlarve die Lügen des Westens und seiner Mainstream-Medien.

 

Es wiederholte sich ein eingespieltes Domino von Verlinkungen und Referenzen. Andere Syrien-Kenner und Oppositionsvertreter wiesen empört in den sozialen Medien darauf hin, dass regimetreue Propagandamedien Meyer als Kronzeugen für ihre eigene Darstellung des Geschehens nutzen. Und Focus Online titelte: »Syrien-Experte verbreitet Propaganda in ARD-Mittagsmagazin«.

 

Applaus von falscher Seite muss die Gültigkeit einer Aussage nicht unbedingt entwerten. Wenn ein Experte öffentlich fordert, der Handel mit Kokain dürfe nicht legalisiert werden, würden die meisten Drogendealer ihm beipflichten – nicht aus Sorge um Volksgesundheit, sondern weil ihre Stellung am Markt nun einmal auf der Illegalität basiert. Dafür kann der Experte nichts. Allerdings ist Skepsis geboten, wenn sich die Muster ähneln. Wenn, wie im Fall Meyer, der Applaus zu oft aus derselben Ecke hallt und sich regelrechte Resonanzprofile zeigen: Sputnik, Russia Today, syrische Regime-Kanäle, »alternative« Medien, die glauben machen, dass es nicht nur parallele Wirklichkeiten, sondern auch alternative Fakten gibt. Selbst wenn sie nicht behaupten, die Wahrheit zu kennen, begnügen sie sich mit der Darstellung, dass einfach alle Seiten lügen.

 

Wer Meyer nun beschuldigt, er verbreite Assad-Propaganda, unterstellt dem »Verbreiter« damit auch, er handle bösgläubig. Wer beispielsweise schlechten Geruch verbreitet, tut dies nicht unbedingt vorsätzlich. Anders verhält es sich mit dem Vorwurf: »Du verbreitest schlechte Stimmung.« In Zusammenhang mit Propaganda schwingt mit, dass jemand sich zum Sprachrohr des Assad-Regimes macht, weil er daraus – gegen besseres Wissen – für letzteres oder gar sich selbst Vorteile zu ziehen hofft. Das nun wird Günter Meyer niemand unterstellen wollen. Der Focus hingegen hätte titeln müssen: »Einlassungen eines Nahost-Experten stimmen mit Behauptungen des syrischen Regimes und Russlands überein.« Aber solche Schlagzeilen schreibt bekanntlich niemand. Sie sind deshalb gar keine.

 

Was die unglücklichen Auftritte des Professors Günter Meyer schlechterdings zu einer »Causa Meyer« werden lässt, sind seine herausragende Stellung und das Mandat, das ihm gegeben ist: Die »Deutsche Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient« (DAVO), der Meyer vorsteht, ist zwar nicht der Bundesverband der Nahost-Experten – Nahost-Experte wird man schließlich nicht durch akademischen Grad, sondern durch Akklamation der Medien – wohl aber die größte akademische Vereinigung der deutschen Orientalisten. Darüber hinaus leitet Meyer regelmäßig den »World Congress for Middle Eastern Studies« (WOCMES), dessen Gründung er maßgeblich selbst vorangetrieben hat. Er leistet die Verbandsarbeit genauso ehrenamtlich wie gewissenhaft, gilt eigentlich als taktvoll, umgänglich und engagiert.

 

Meyer ist also eine Art Logenmeister, der nicht nur als Vertrauensmann der Medien auftritt, sondern als Aushängeschild der Nahost-Studien insgesamt. Man darf sich fragen, ob für einen solchen Wissenschaftler nicht höhere Qualitätsansprüche gelten als für freischaffende Publizisten. An welchen Vorbildern sollen sich zukünftige Forscher-Generationen ein Beispiel nehmen, wenn ihre Funktionäre Wasser predigen und Wein trinken, Transparenz einfordern, aber selbst im Trüben fischen, und sich am Gift der Mutmaßungen hemmungslos berauschen?

 

Ebenso wenig wie andere Nahost- oder Syrien-Experten, die sich in der Angelegenheit zu Wort gemeldet und meist das Assad-Regime beschuldigt haben, ist Meyer Fachmann für Chemiewaffen und die Deutung der Phänomene, die ihr Gebrauch nach sich zieht. Aber Meyer ist Geograf und damit Vertreter einer Fachrichtung größter Seriosität, was man nicht von allen Disziplinen sagen kann, die im Vorderen Orient ihre Forschungen anstellen.

 

Die Causa Günter Meyer führt uns vor Augen, dass nicht nur das Informationsfernsehen, sondern auch seine Gewährsleute in einer Krise stecken, ihre Rolle und ihre Legitimation des Daseins überdenken müssen. Dafür bedarf es keiner Schauprozesse in den Medien und auch keines Rücktritts Günter Meyers von seinen Funktionen. Aber womöglich brauchen wir, wenn es so weitergeht, bald eine Genfer Nahost-Experten-Konvention.

 

Lesen Sie hier in der kommenden Woche: Die Lebensphasen des Nahost-Experten gleichen denen des Menschen und sind denen anderer Säugetiere keinesfalls unähnlich.

Von: 
Daniel Gerlach

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