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100. Todestag von Ignaz Goldziher

Der große Goldziher

Portrait
100. Todestag von Ignaz Goldziher
Plakette am Geburtshaus von Ignaz Goldziher im ungarischen Féhervár Attila Král / Wikimedia Commons

Vor 100 Jahren starb in Budapest ein jüdischer Gemeindesekretär, ohne den es die Islamwissenschaft vielleicht nicht gäbe.

An diesem Wochenende sollten die Orientalischen Seminare in Europa geschmückt sein mit Fahnen und Girlanden. Die Islamwissenschaft müsste Festwochen ausrichten. Die Orientalistinnen und Orientalisten weltweit zusammentreten – geimpft, genesen, wie es sich geziemt – und das Glas erheben. Aus Budapest sollte ein Grußwort in die Welt gesendet werden, das man allerorten feierlich verliest. Denn vor 100 Jahren, am 13. November 1921, starb im Alter von 71 Jahren Isaak Yehuda Goldziher, besser bekannt als Ignaz oder auch Ignác Goldziher. Er gilt als einer der größten deutschsprachigen Orientalisten des 20. Jahrhunderts, manchen sogar als der größte aller Zeiten.

 

In Féhervár (Stuhlweißenburg) erblickte Goldziher 1850 das Licht der Welt – im ungarischen Herzen der ebenso weltläufigen wie provinziellen Donaumonarchie. Anders als manchen seiner Zeitgenossen, die damals die muslimische Welt erkundeten, war Goldziher kein reiches, dafür aber für seine Erziehung »opferfreudiges« Elternhaus beschieden, so wird er später schreiben. Für die frühe Bildung des offenbar begabten Ignác sorgten erst katholische, dann protestantische Lehrer.

 

Midrasch, jüdische Philosophie und Bibelkunde lernte er bei dem »würdigen Greis« namens Moses Wolf Freudenberg in Pest. Der mochte zwar ein gläubiger Jude sein, galt den frommen Rabbinern allerdings als »rationalistisch angesäuert«, so heißt es in Goldzihers Tagebuch. Das sollte man später auch über den Schüler Ignaz sagen. Denn Zeit seines Lebens sollte sich Goldziher von frommen Eiferern fernhalten, vor allem jenen, die Tradition über die Vernunft stellten und nicht bereit waren, kritisch mit heiligen Texten umzugehen.

 

Goldzihers Achtung erlangte man nicht durch Alter oder Titel. Sein Professor, der vorgebliche Orientalist Hermann Vambéry, flog bei seinem Lehrling Goldziher bald als Hochstapler auf. Vambéry, eine kuriose Erscheinung in der Geschichte der Orientalistik, hatte die muslimische Welt zwar – zum Teil in der Verkleidung eines Derwisch – bereist, sich dort aber eher als Abenteurer und politischer Aktivist betätigt. Er suchte etwa nach dem Ursprung des Magyarenvolks in Zentralasien.

 

Weil Goldziher schon seit seiner Kindheit die hebräische Grammatik paukte, hatte er im Arabischen einen Vorsprung – und einen privilegierten Zugang zum Verständnis der Quellen und den Überlieferungen. Wer heute die Bibliothek eines Orientalischen Seminars durchstöbert, wird auf Werke stoßen, in denen arabische oder aramäische Begriffe in hebräischen Lettern transkribiert sind. Zu Goldzihers Zeiten verfügten Druckereien in Europa über hebräische Fonts, nicht aber über arabische.

 

Goldziher wäre gewiss niemals auf die Idee gekommen, den Islam und die arabischen Eroberungen als ein isoliertes Phänomen zu begreifen. Insbesondere in Deutschland gab es zahlreiche Orientalisten mit alttestamentarischem Fachwissen, aber nur wenige dachten die Parallelen und Verwandtschaften zu Juden- und Christentum in dieser Weise mit, noch legten sie eine vergleichbare Neugier an den Tag. Anhand Goldzihers könnte man die Frage diskutieren, ob es so etwas wie eine jüdische Islamwissenschaft gab oder gibt. Goldziher studierte unter anderem in Berlin semitische Philologie.

 

Goldziher schrieb über den »Mythos bei den Hebräern«, bevor er sich mit ganzem Eifer dem frühen Islam zuwandte. Später befasste Goldziher sich mit arabischen Textquellen, unter anderem Handschriften. Er erforschte nicht nur jüdische Einflüsse auf den Islam, sondern auch, wie arabische Wissenschaft die jüdische Gelehrsamkeit des Mittelalters prägte. Sein Interesse galt islamischen Ritualen und Praktiken, dem Wandel der frühen arabischen Gesellschaft vom Polytheismus zum Eingottglauben. Die Schismen, Sekten und heterodoxen Gruppen hatten es ihm ebenfalls sehr angetan – konnte man in ihren Traditionen doch vieles von antiken, vorislamischen Geisteswelten wiederfinden.

 

Schließlich begab sich der textkritische und selbstbewusste Goldziher auf heiliges Terrain. Bahnbrechend waren seine Studien zum Hadith, den umfangreichen Sammlungen von Aussprüchen und Berichten über das Leben des Propheten, welche nach dem Koran die vornehmste Quelle der islamischen Tradition und Rechtsprechung darstellen. Goldziher zweifelte mitunter an deren Authentizität und versuchte zu demonstrieren, dass sich viele dieser Überlieferungen nicht auf Muhammad selbst zurückführen ließen.

 

Er sägte damit an einem Stützbalken der Scharia, der islamischen Rechtsfindung. Nun sollte ihm nicht nur die Verkennung der ihn »unmittelbar umgebenden Judenwelt« beschert sein, sondern auch die Ablehnung muslimischer Traditionalisten, sofern sie Goldziher und seine später als »Muhammedanische Studien« zusammengefassten Schriften rezipierten.

 

Als der Literaturwissenschaftler Edward Said mit seinem 1979 erschienenen, viel beachteten Buch »Orientalism« erklärte, dass die Orientalisten hauptsächlich mit der Absicht über die muslimische Welt hergefallen seien, dieser ihre eigenen stereotypen Klischee- und Fantasiebilder überzustülpen, sie kolonialistisch zu beherrschen und vor allem herablassend zu behandeln, dürfte er sich mit Goldziher wenig beschäftigt haben. Der jüdische Gelehrte aus Budapest jedenfalls war weder ein Islamkritiker noch ein Freund europäischer Expansionsabsichten. Während seiner »Wanderjahre« in den 1870ern begegnete er in Ägypten unter anderem progressiven, revolutionären und antikolonialen Geistern wie Jamal al-Din al-Afghani.

 

Die ersten islamwissenschaftlichen Publikationen Goldzihers im Jahr 1881 fielen zusammen mit einer Reihe weltpolitischer Ereignisse in der muslimischen Welt, die in Europa Schlagzeilen machten: Im Sudan begann der Mahdi-Aufstand, Großbritannien verleibte sich Ägypten ein und Frankreich Tunesien, wo man jeweils Protektorate errichte. Die europäischen Imperien legten jegliche Zurückhaltung ab und leiteten die – relative späte – Kolonisierung der arabischen Welt ein. Als Goldziher 1921 starb, war dieses Werk vollendet, das Osmanische Reich zerschlagen, die Tinte auf dem Vertrag von Sèvres trocken. Aber auch das Imperium, aus dem Goldziher selbst stammte, und in dem christliche, muslimische und jüdische Kultur lebendig waren, gehörte der Vergangenheit an.

 

Goldziher war Zeuge einer Epoche, die das Verhältnis zwischen Europa und dem Orient einschneidend prägte und der Orientalistik, der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Geschichte und Kultur der muslimischen Welt, Aufwind gab. Kolonialregime beförderten Karrieren, die Orientalistik verlor ihre Unschuld. Goldziher aber blieb späteren Generationen ein Idealtyp der orientalistischen Glückseligkeit, an dessen hehren Motiven niemand rütteln kann.

 

Von persönlichem Glück konnte beim Polymath von Pest wohl keine Rede sein. Der älteste seiner beiden Söhne, Miksa, nahm sich mit 20 Jahren das Leben. Seine geliebte Schwiegertochter Maria erlag 1918 der Spanischen Grippe. Goldzihers größter Förderer, der ungarische Kultusminister József Eötvös, der sich für die Gleichstellung von Juden eingesetzt hatte, starb, bevor Goldziher einen ihm in Aussicht gestellten Lehrstuhl für Semitistik antreten konnte. Goldziher verdiente fortan seinen Lebensunterhalt als Sekretär der jüdischen Gemeinde. Schwerer als die Kritik aus der Gemeinschaft, der er sich zeitlebens zugehörig führte, wog der weit verbreitete Antisemitismus in Gesellschaft, Politik, aber auch in der Wissenschaft.

 

Als er 1892 in die Ungarische Akademie der Wissenschaften aufgenommen wurde, wertete Goldziher dies bitter ironisch als kleinen Sieg des Judentums gegen den Antisemitismus des Establishments. Nur deshalb, so schrieb Goldziher, seien nun andere Juden ausnahmsweise stolz auf ihn. Den berühmten Religionswissenschaftler Ernest Renan bezeichnete Goldziher in einer Rede als »sogenannten Orientalisten« und demontierte dessen noch immer populäre These vom angeborenen Monotheismus der semitischen Völker.

 

Der Graubereich von Religions- und Bibelwissenschaft, Philologie und Historie, in dem die Orientalistik Goldzihers entstand, war mitunter eine Welt des Halbwissens, in der jeder mitreden wollte, der einmal über den Bosporus gereist war. Auch Goldziher operierte mit Unbekannten, stellte Vermutungen an. Aber er teilte aus, wenn er hinter einer steilen These Hochstapelei oder einen »Hohlkopf« wähnte. Viel wichtiger als seine Streitlust war allerdings seine Begeisterung für das Arbeiten im Netzwerk, den Austausch mit Ebenbürtigen. Davon zeugen seine umfangreichen Korrespondenzen mit anderen Orientalisten.

 

Fest steht: Wer heute zum Islam und seinen Anfängen eine Hypothese aufstellt, sollte prüfen, ob sie nicht ursprünglich von Goldziher stammt oder aber von ihm bereits wieder verworfen wurde. »Ein nahost- oder islamwissenschaftliches Buch, das Goldzihers Forschungen nicht einbezieht, wäre das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt wurde«, schrieb der britische Arabist Robert Irwin. Laut Ignati Julianowitsch Kratschkowski, dem Doyen der sowjetischen Orientalistik, war Goldziher eine von zwei Personen, denen die Islamkunde überhaupt ihre Existenz als vollwertige Wissenschaft verdankt.

 

Mögen seine Nachfahren ihm dafür dankbar sein Gedenken feiern.

Von: 
Daniel Gerlach

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