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Bisherige WM-Höhepunkte der Teams aus Nahost und Nordafrika

Einmal so wie Maradona

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Einmal so wie Maradona
Said Owairan auf dem Weg zu seinem legendären Tor bei der Fußballweltmeisterschaft 1994 in den USA. Screenshot YouTube

Nie ging es weiter als bis ins Achtelfinale. Dennoch können die Fans der Mannschaften aus dem Nahen Osten und Afrika, die dieses Jahr in Russland antreten, auf Höhepunkte bei Weltmeisterschaften zurückblicken. Auch gegen deutsche Fußball-Legenden.

Fünf Mannschaften aus dem Nahen Osten und Nordafrika sind bei der Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland vertreten – so viele wie bei keinem anderen Endrundenturnier zuvor. Viel zu holen gab es für Marokko, Tunesien, Ägypten, Saudi-Arabien und Iran bislang nicht. Dennoch weisen ihre WM-Historien Erfolgsmomente auf, an die sich Fans bis heute gerne erinnern – und die auch international für Furore sorgten.

 

Marokko 1970: Vorbei an Sepp Maier

So hatte sich der Vizeweltmeister seinen Auftakt nicht vorgestellt. Im ersten Vorrundenspiel der Fußball-WM in Mexiko sollte ein klarer Sieg gegen die Fußball-Amateure aus Marokko her. Stattdessen wurden die Zuschauer im Estadio Nou Camp von León beinahe Zeuge einer der größten Überraschungen der WM-Geschichte. Nach 21 Minuten nutzte Mohammed Houmane Jarir einen Patzer des Bremers Horst-Dieter Höttges und netzte zum 1:0 für den krassen Außenseiter ein. In der Folge verteidigten die Nordafrikaner wacker die Führung. Nur die Torschützen Uwe Seeler und Gerd Müller bewahrten die Bundesrepublik vor einer Niederlage.

 

»Unglaublich, Marokko brachte uns an den Rand einer Katastrophe. Mir ist ohnehin unverständlich, wieso wir nicht von Beginn an mit vier Sturmspitzen gespielt haben«, stichelte Bankdrücker Günter Netzer nach dem Spiel in Richtung des eigenen Trainerteams. In Marokko hingegen war man vor allem stolz auf die Leistung der eigenen Mannschaft. »Marokko hätte den Sieg verdient gehabt… Diese junge Amateurmannschaft, die gegen die deutschen Giganten, die zu Mythen geworden sind, in dieser Fußballweltmeisterschaft gespielt und sich verteidigt hat, muss gelobt werden. Die ganze Welt hat ein solches Spiel nicht erwartet, aber sie bewundert jetzt Marokko… Wir stehen jetzt auf dem gleichen Niveau wie die Deutschen«, lobte die Zeitung Al-Alam damals überschwänglich.

 

Mohammed Houmane Jarir, der Held von León, verstarb am 19. Mai 2018, knapp drei Wochen vor dem insgesamt fünften Auftritt der marokkanischen Nationalmannschaft bei einer Fußball-Weltmeisterschaft.

 

 

Ägypten 1990: Vom Punkt wie Brehme

Für eine stolze Fußballnation wie Ägypten nimmt sich die Bilanz beim Weltturnier äußerst bescheiden aus: Erst zum dritten Mal ist Ägypten nun bei einer Weltmeisterschaftsendrunde dabei. Dabei waren die »Pharaonen« schon fast von Anfang an dabei: Bei der zweiten Ausgabe des Turniers, 1934 in Italien, schaffte Ägypten als erstes afrikanisches (und arabisches) Land den Sprung in die Hauptrunde und schied mit 4:2 gegen die hoch gehandelten Ungarn aus.

 

56 Jahre musste das Land auf die nächste Chance warten. 1990 war Ägypten dann wieder dabei – abermals in Italien. Nach zwei Unentschieden und nur einer Niederlage (0:1 gegen England) verpassten die »Pharaonen« nur um Haaresbreite den Sprung ins Achtelfinale. Bei der wohl besten Turnierleistung trotzte das Team dem amtierenden Europameister Niederlande aber immerhin ein Unentschieden ab. Den Strafstoß zum Ausgleich platzierte Magdi Abdelghani unhaltbar in den rechten unteren Winkel – nicht unähnlich einem anderen Elfmeter im Finale des Turniers. Der Torschütze beendete vier Jahre später seine Laufbahn übrigens bei El Mokawloon SC – jenem Klub in der ägyptischen Premier League, in dem ein gewisser Mohamed Salah seine Profikarriere begann.

 

 

Saudi-Arabien 1994: Ein Solo für die Ewigkeit

Lobbyarbeit in Washington ist mittlerweile fast saudischer Nationalsport. Ein tatsächlich überzeugendes Plädoyer für das eigene Land legte aber Said Owairan vor 24 Jahren in der US-Hauptstadt auf den Rasen. Im Gruppenspiel am 29. Juni 1994 gegen Belgien bekam der Stürmer von Al-Shabab Riad nach fünf Minuten den Ball und fasste sich ein Herz: Wie einst Diego Maradona gegen England ließ der 26-Jährige eine Handvoll Gegenspieler wie Slalomstangen stehen und vollendete seinen 70-Meter-Lauf souverän mit dem Führungstreffer. Es blieb beim 1:0, bei seiner ersten WM-Teilnahme qualifizierte sich Saudi-Arabien gleich fürs Achtelfinale – bislang zum einzigen Mal.

 

Die ganz große Karriere blieb Owairan verwehrt: Er schaffte es nie aus der saudischen Liga und wurde 1996 sogar für ein Jahr vom Spielbetrieb suspendiert – die Religionspolizei hatte ihn während des Ramadans mit Alkohol erwischt. Sein historischer Treffer im Robert F. Kennedy-Stadion in Washington hingegen ist weit über Saudi-Arabien hinaus in Erinnerung geblieben. Bei der Wahl zum »Tor des Jahrhunderts« wurde Owairans Traumlauf auf den sechsten Platz gewählt.

 

 

Iran 1998: Das Freundschaftsspiel

Hätten die US-Amerikaner die Qualifikation nicht vergeigt, hätte die Paarung auch in diesem Jahr das Zeug zum Politikum – und könnte zur Entspannung beitragen. Bei der Fußball-WM in Frankreich war Teherans Atomprogramm noch kein großes Thema. Dennoch blickte die Welt gespannt auf die Begegnung, schließlich war in Iran gerade der Reformer Mohammad Khatami zum Präsidenten gewählt worden. Dennoch lagen die Beziehungen zu Washington noch auf Eis. Iran hatte zuletzt 1978 an einer Weltmeisterschaft teilgenommen – kurz vor Beginn der Proteste, die zum Sturz des Schahs, der Errichtung der Islamischen Republik und der Geiselnahme in der US-Botschaft führten.

 

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen trafen die Nationalmannschaften beider Länder dann am 21. Juni 1998 im Lyoner Stade de Gerland aufeinander – und das Spiel wurde zur Begegnung. Vor der Partie tauschten die Spieler Blumen aus und stellten sich für ein gemeinsames Mannschaftsfoto auf. Und auch nach 90 Minuten begegneten sich beide Delegationen mit Respekt – und vereinbarten ein erneutes Treffen: Ein Jahr nach der WM in Frankreich lud der US-amerikanische Verband Irans Nationalmannschaft für eine Länderspielreise in die Staaten ein.

 

Aus sportlicher Sicht verzeichnete Iran in der Partie gegen die USA einen Prestige-Erfolg: den ersten Sieg bei einer WM-Endrunde überhaupt. Siegtorschütze Mehdi Mahdavikia, der später zum Publikumsliebling beim Hamburger SV avancierte, entfachte die Fußballeuphorie in seinem Heimatland von Neuem. Die Popularität des Volkssports ist seitdem ein Faktor, mit dem sich die Führung der Islamischen Republik auseinandersetzen muss.

 

 

 
Tunesien 2006: Sommernachtstraum in Stuttgart

Kaum zu glauben, aber Tunesien stand 2006 kurz davor, sein eigenes »Sommermärchen« zu schreiben. Im ersten Gruppenspiel hatte die Mannschaft noch in der Nachspielzeit gegen Saudi-Arabien ausgeglichen. In der zweiten Partie erwischten die »Adler Karthagos« dann einen Start nach Maß: Nach acht Minuten schoss Jawhar Mnari, der damals für den 1. FC Nürnberg die Schuhe schnürte, sein Team in Führung. Die Spanier, die bei den darauffolgenden Großturnieren dreimal in Folge den Titel abräumen sollten, waren sichtlich geschockt. Bis zur 71. Minute durfte die Mannschaft des französischen Trainers Roger Lemerre träumen, dann rissen Fernando Torres und Raúl das Ruder doch noch herum.

 

Was blieb, war der Moment: Issam Al-Schawali, einer der bekanntesten Fußballkommentatoren der arabischen Welt, ließ am Mikrofon seiner Begeisterung über den unvermuteten Traumstart gegen die europäische Spitzentruppe freien Lauf. Und auch das Gottlieb-Daimler-Stadium war an diesem Abend ein Hexenkessel tunesischer Fußballfreude: Dank der geografischen Nähe zu Frankreich waren zehntausende Tunesier und Franzosen tunesischer Herkunft am 19. Juni 2006 nach Stuttgart gereist, um die »Adler Karthagos« anzufeuern.

 

Von: 
Robert Chatterjee

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