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Jürgen Todenhöfers neues Buch »Die große Heuchelei«

Der totale Todenhöfer

Analyse
Jürgen Todenhöfer
Jürgen Todenhöfer Foto: Frédéric Todenhöfer

Anfang Mai stellte Jürgen Todenhöfer in Saarbrücken sein neues Buch vor. Wie ein Mond bei der Sonnenfinsternis stellt sich Todenhöfer immer wieder ins Licht und erweist seiner Überzeugung so am Ende einen Bärendienst.

Er kam, sah und las. In seiner Lederjacke. Mit 78 Jahren beneidenswert frisch. Um sein neues Buch vorzustellen, »Die große Heuchelei«. Es war Mai. Ich wollte Saarbrücken, diese alte, ehrwürdige Metropole, schon lange wiedersehen. Draußen waren alle Parkplätze voll. Vor dem »Club Garage« regnete es. Im Eingang stolperte ich über einen Hartz-IV-Empfänger. »Sind das alles unsere Leute?«, fragte ich. »Oder die von der SPD?« Hunderte waren gekommen. Dicht an dicht. Sein Sohn Frederic war dabei. Auch Lafontaine. Und Sarah. Am Ende habe ich das Buch gekauft. Weil wir die Welt retten müssen.

 

Jürgen Todenhöfers neues Buch ist ein leidenschaftlicher Appell gegen den Krieg. Auf 276 Seiten verdichtet, führt er sein Publikum von Mossul nach Gaza, Afghanistan, in den Jemen, nach Aleppo, ins Kernland des IS, nach Riad, Teheran und zuletzt nach Myanmar, in die Heimat der vertriebenen Rohingya. Sechs der einundzwanzig Kapitel widmen sich der Anklage gegen die Machtpolitik des »Westens«, die »Gier des weißen Mannes« nach Öl, dem »Geschenk des Teufels«, aber auch gegen den »Fankurven-Journalismus« der »Leitmedien«.

 

Besonders hart geht Todenhöfer mit den Medien ins Gericht, etwa mit Josef Joffe, der in der Zeit vom 12. September 2013 dazu aufrief, »Abertausende von Ziviltoten« in Kauf zu nehmen, »um Assad zu fällen«. »Als West-Mossul unter amerikanischer Führung vernichtet wurde und mindestens 20.000 Zivilisten getötet wurden, sprachen Leitmedien von einem Sieg über den Terror, von einer ‘Befreiung'«. Als unter russischer Führung Ost-Aleppo zerstört wurde und nach Schätzung Einheimischer 10.000 Menschen starben, sprachen sie von einer Niederlage oder gar dem »Ende der Menschlichkeit«.

 

Die westliche Expansionspolitik, so Todenhöfer, diene aber nicht der proklamierten »Verteidigung unserer Werte«, sondern wirtschaftlichen Interessen. Weil der Angriffskrieg gegen das Grundgesetz verstößt, so Todenhöfer, werde er als »Friedensmission« umgedeutet. Auf dieser »Schönrederei« bestehe die »Lebenslüge unserer Zivilisation«, »eine Geschichte brutaler Gewalt und großer Heuchelei«, der er jegliche Glaubwürdigkeit abspricht. Der weitaus sachlichere Michael Lüders zeichnet in seiner jüngsten Veröffentlichung, »Die den Sturm ernten« (C. H. Beck, 2018), ein ganz ähnliches Bild.

 

So spielt Todenhöfer all denen in die Hände, die nur darauf warten, ihn als Rundumschläger zu verhöhnen. Dabei verdient die Grundsatzdebatte, die er aufstößt, eine breite Öffentlichkeit.

 

Todenhöfer ist nicht irgendein Verschwörungstheoretiker vom Stammtisch. Immerhin belegt er seine Thesen mit Querverweisen zum Nachlesen. Die poetische Freiheit, die oppositionelle Stimmen wie ihn in der Presse pauschal als »umstritten« klassifiziert, reicht mir aus, um seine Argumente ernstzunehmen. Sein Name hat am 9. Mai mühelos an die vierhundert Menschen in einem kalten, schlecht belüfteten Raum versammelt. Unter gewissen Aufwendungen hat er die Schauplätze seines Schmökers persönlich besucht – ja, beispielsweise monatelang am Internet ausgeharrt, um mit dem IS Kontakt aufzunehmen, um sich dann zum Besuch Selbstmordpillen einzustecken. Im Zeitalter des zu Unrecht dämonisierten Islams darf seine Anerkennung im muslimischen Milieu nicht unterschätzt werden. Darüber hinaus engagiert er sich durch seine Stiftung »Sternenstaub« für Bedürftige, darunter auch Flüchtlingskinder.

 

Indes, was an seinem Buch stört, ist er selbst: Wie ein Mond bei der Sonnenfinsternis stellt sich Todenhöfer immer wieder ins Licht, reflektiert über seine Strapazen und Gefühle im pathetischen Lapidarstil seines (unter seiner »Mitwirkung«) agierenden Schreibteams. In der Fülle der Beobachtungen und vieler unnötiger Details geht die notwendige Analyse verloren: »Wir fragen, ob wir filmen dürfen. Die Antwort lautet Nein. Wir fotografieren trotzdem. Wann kommt man schon mal so nah an eine Stelle heran, an der sympathische junge Leute über Leben und Tod entscheiden?« Im Zusammenhang mit einem Iran-Besuchs nennt er gar einen Vorschlag des Außenministers Zarif zu einem Nichtangriffspakt im Persischen Golf, fährt jedoch dann, ohne auf das Thema einzugehen, fort mit einer profanen Episode in der Moschee.

 

Todenhöfer gibt sich den Anschein des Enthüllers und fällt doch – seine Bekanntschaft mit Richard Perle oder König Faisal von Saudi-Arabien hin oder her – immer wieder auf seine Subjektivität zurück. Seine wichtigsten Stellungnahmen verdankt er Sekundärliteratur. Gemeinsam mit seinen Erlebnissen von der Front soll der Eindruck von Kausalität entstehen. Zu mehr als Aufwiegelung ist er nicht imstande – wohl wissend, dass er bei seiner Leserschaft offene Türen einrennt. So spielt er all denen in die Hände, die nur darauf warten, ihn als Rundumschläger zu verhöhnen.

 

Dabei verdient die Grundsatzdebatte, die er aufstößt, eine breite Öffentlichkeit. »Hat der ‘Krieg gegen den Terror’ bis heute irgend etwas bewirkt?«, fragt sein Sohn Frederic in die Runde. Wer hat eigentlich die tragende Rolle der Diplomatie abgeschafft? Brauchen die USA wirklich 700 Milliarden US-Dollar Rüstungsetat, und warum sind die Russen (die im Vergleich mit lediglich 66 Milliarden auskommen) unser Feind?

 

Warum aber müssen auf der großen Bühne seriöse Experten den »André Rieu«-s der Sparte das Orchester überlassen?

 

»Wenn das Sprichwort ‘Lügen haben kurze Beine’ wahr wäre, dann könnte derzeit die ganze Bundesregierung unterm Teppich Fallschirm springen«, rief Oskar Lafontaine einst, 1990, in einem Wahlwerbespot. Seine Partei, Die Linke, hat sich als einzige durchweg gegen den Krieg formiert. In diesem Sinne respektiere ich Lafontaines Geste, sich für Todenhöfers Botschaften zu verbürgen. »Ich bin lieber Vulgärpazifist als Vulgärkriegstreiber«, erklärt der Autor dazu auf dem Podium. Und zugegeben: Wenn – wie sie in der benachbarten Pfalz sagen – die »Kacke am Dampfen« ist, muss man einen Todenhöfer verwinden.

 

Warum aber müssen auf der großen Bühne seriöse Experten den »André Rieu«-s der Sparte das Orchester überlassen? Wünschen würde ich mir, dass weniger Todenhöfer den Helden spielte und stattdessen mehr Hintergrundwissen mit weniger Emphase in den Diskurs Einzug hielt. Man darf sich ja nicht darüber hinwegtäuschen: Auch Todenhöfer gehört zum Establishment – oder wie der Orientalist Omid Safi einst auf Lauren Greens zweideutiges Interview mit Reza Aslan auf Fox TV textete: »It’s all about who gets the air time.« Achtzehn Jahre lang saß Todenhöfer für die CDU, unter anderem als Hardliner der so genannten »Stahlhelm-Fraktion«, im Bundestag, einundzwanzig im Vorstand des Burda-Medienkonzerns.

 

Für seine neue Rolle als Volkstribun mag er geschwitzt haben, aber nicht geblutet. Wahrscheinlich haben wir im Chaos der Identitäts- und Meinungspolitik einen wie Todenhöfer verdient. Mögen muss ich ihn nicht, aber eines steht fest: Der Tod ist wieder ein Meister aus Deutschland.

 

Jürgen Todenhöfer: »Die große Heuchelei. Wie Politik und Medien unsere Werte verraten. Ein Frontbericht von den Krisengebieten der Welt« (Propyläen, 2019)

Von: 
Stefan Pohlit

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