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Nachruf auf den iranischen Sänger Mohammad Reza Shajarian

Der Maestro der Freiheit ist eine Legende

Nachruf
Nachruf auf den iranischen Sänger Mohammad Reza Shajarian
Fars News

Über die kulturelle Bedeutung von Mohammad Reza Shajarian für die persischsprachige Kultur herrscht Einigkeit. Sein gesellschaftliches Erbe ist komplizierter.

Der Tod des iranischen Sängers Mohammad Reza Shajarian am 8. Oktober 2020 kam nicht unerwartet. Lange Zeit hatte Shajarian wegen einer Krebserkrankung im Krankenhaus gelegen. Sein Ableben löste dennoch tiefe Trauer bei zahlreichen Menschen aus, die seine Musik hörten, schätzten und ehrten. Er galt als »Maestro« der klassischen persischsprachigen Musik, dessen Wirkkraft weit über sein Dasein eines Musikers oder die Grenzen Irans hinausging.

 

Shajarian war Bindeglied mehrerer Generationen in der persischsprachigen Welt, die mit etwa 140 Millionen Sprechern zu den wichtigen Sprachen West- und Zentralasiens zählt und auch für die Diaspora Bedeutung hat, insbesondere in Europa und den USA.

 

Als sein Sohn Homayoun Shajarian, der selbst zur Sängerlegende aufstieg, den Tod seines Vaters mitten in der Nacht vor dem Krankenhaus verkündete, standen schon hunderte Menschen dicht gedrängt und forderten lautstark seine Beisetzung in Teheran, da der Maestro als Nationalsymbol in der Hauptstadt Irans begraben werden müsse. Das Video, in dem sein Sohn mit Tränen in den Augen der trauernden Menge erklärt, dass sein Vater nach dem Wunsch der Familie nahe des Monuments des iranischen Nationaldichters Ferdausi bei Maschhad begraben werden würde, ging in Sekundenschnelle um die Welt.

 

In Afghanistan zündeten Verehrer Shajarians Kerzen an. Regierungschef Abdullah Abdullah nannte Sharjarian in seiner Trauerbotschaft »das gemeinsame kulturelle Erbe der Länder der Region und der persischsprachigen Länder«. Der tadschikische Künstler und Intellektuelle Jore Beik beschrieb sich selbst im Verhältnis zu Shajarian sogar als »Höriger zu Gott«.

 

Shajarian war ein demütiger, gebildeter Künstler voller Lebensweisheit und Herzensbildung

 

Die Kraft seiner Musik erschuf Shajarian durch seine klare, durchdringende Stimme, mit der er eine Auswahl von persischen Gedichten sang – meist jene des iranischen Dichters Hafiz – und damit die Herzen deiner Hörer tief berührte. Manch einem waren seine Lieder gar zu kraftvoll, da sie oft genug dazu führten, aus glücklicher Beseeltheit anzufangen zu weinen.

 

Die von Sharjarian ausgewählten Verse schöpften stets aus dem reichen Fundus persischer klassischer Dichtung, dessen Hauptmotiv sich im Spannungsfeld einer Versunkenheit in der göttlichen Schöpfung und universeller Freiheitsliebe bewegt.

 

Und so war es nicht nur der Musiker und Sänger Shajarian, der die Menschen begeisterte und inspirierte. Shajarian war vor allem auch ein inspirierendes Vorbild eines demütigen, gebildeten Künstlers voller Lebensweisheit und Herzensbildung, der sagte, dass Kunst Liebe und Liebe Protest sei und mit seiner Haltung stets die künstlerischen Grenzen der herrschenden Systeme herausforderte und gleichsam eine der berühmtesten Koranrezitationen sang, die bis heute in Iran regelmäßig zu hören ist.

 

Auch deshalb nannte der ebenfalls renommierte klassische Musiker Shahram Nazeri seinen Kollegen Shajarian »eine Kraft, verdichtet mit der Zeit und der Geschichte«.

 

Der Teheraner Stadtrat entschied, eine Straße nach Sharjarian zu benennen.

 

Die Generation der Islamischen Revolution hörte ihn 1979, als sie die Geschichte ihres Landes für immer veränderten und Schah Reza Mohammad stürzten. Später verbot Shajarian 1995 bei den Studierendenprotesten und 2009 bei der Grünen Bewegung dem staatlichen Fernsehen der Islamischen Republik Iran, einige seiner Lieder aus den Revolutionsjahren zu senden, da sie »zur damaligen Zeit gehörten und nichts mit heute zu tun« hätten. Eine solche Sanktionierung seitens der größten kulturellen Persönlichkeit sorgte selbstredend für Reibung zwischen dem Künstler und dem Staat.

 

Nachdem zunächst unklar war, wie der Staat nun auf den Tod Shajarians reagieren würde, und auf den Trauerversammlungen immer wieder politische Parolen zu hören waren, setzte sich die Deutung seiner Person als Symbol iranischer klassischer Musik und Vertreter der persischen Kultursprache durch: Der Teheraner Stadtrat entschied, eine Straße nach Sharjarian zu benennen, während die staatlichen Medienagenturen seine »unermessliche Bedeutung für die persische Welt« hervorheben.

 

Shajarian, dessen wohl bedeutsamstes Lied die Interpretation des Textes »Morgh-e Sahar – der Vogel des Morgens« ist, wird mit seiner Musik in Erinnerung bleiben und weiterhin Millionen von Menschen an die ewige Liebe nach Freiheit und das Siegen des Lichts über die Dunkelheit erinnern.

Von: 
Naghmeh Hosseini und Sören Faika

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