Lesezeit: 10 Minuten
Die Achse Washington-Riad in Zeiten von MBS und Trump

Szenen einer Ehe

Analyse
Die Achse Washington-Riad in Zeiten von MBS und Trump
Illustration: Hadinugroho&Lesprenger

Die saudisch-amerikanischen Beziehungen wirken stabil. Doch längst hat sich ein Graben zwischen Washington und Riad aufgetan, der nur von der Freundschaft wankelmütiger Männer und ihrem gemeinsamen Feind kaschiert wird.

Als Abdulaziz Ibn Saud, der erste König Saudi-Arabiens, im Februar 1945 in der Hafenstadt Dschidda ein amerikanisches Kriegsschiff besteigt, um den damaligen US- Präsidenten Franklin D. Roosevelt zu treffen, bringt er eine Herde Schafe mit an Bord. Der Auftritt des 69-jährigen Regenten ist bizarr, aber er und Roosevelt verstehen sich gut. Der Präsident schenkt dem König einen Rollstuhl und eine DC-3-Propellermaschine.

 

So beginnt nicht nur die Geschichte der Fluglinie Saudi Arabian Airlines, sondern auch die längste politische Zweckehe der jüngeren Geschichte. Sie überlebt den Kalten Krieg, den 11. September und den Arabischen Frühling. Doch spätestens seit dem Mord an dem saudischen Journalisten Jamal Khashoggi steckt sie in der Ehekrise. Saudi-Arabien, langjähriger US-Partner im Nahen Osten, gilt jetzt als Land, das Dissidenten in Einzelteile zersägen lässt, einen nutzlosen Krieg im Jemen vom Zaun bricht und wie ein besoffener Boxer von einem außenpolitischen Fettnäpfchen ins nächste stolpert.

 

Auch wenn Donald Trump unbeirrt dagegen antwittert, ist der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman (MBS) für viele einflussreiche US-Politiker untragbar geworden. Der republikanische Senator Lindsey Graham nannte ihn eine »Abrissbirne«. Und Bruce Riedel, ehemaliger CIA-Analyst und Berater von vier US-Präsidenten, geht noch weiter. »Muhammad Bin Salman«, sagt er im Gespräch mit zenith, »hat eine in der saudischen Geschichte beispiellose Schreckensherrschaft etabliert«.

 

In Dschidda, wo König Ibn Saud einst in See stach, um Roosevelt zu treffen, schlendern heute sogar unverheiratete Paare Seite an Seite über die Corniche. Noch vor wenigen Jahren ein undenkbares Bild.

 

Überraschend ist das nur auf den ersten Blick, existiert der Graben zwischen den Verbündeten bei genauerem Hinsehen bereits länger. Er tat sich ausgerechnet in jener Zeit auf, in der die saudisch-amerikanischen Beziehungen so gut wie selten waren. In einer Zeit, als Saudi-Arabien, das dem Westen über Jahrzehnte als Reich der Finsternis gilt, mit für seine Verhältnisse fast schon radikalen Reformen weltweit Schlagzeilen machte.

 

Es ist der Herbst 2017, MBS ist seit wenigen Monaten Kronprinz seines Landes. Trotz seiner jungen 31 Jahre und dem erst kürzlich übernommenen Amt, scheint er sich auf dem Höhepunkt seiner Macht zu befinden. Viele seiner Konkurrenten hat er bereits aus dem Feld geräumt, die Macht der wahhabitischen Prediger gebrochen und gerade verkündet, das Fahrverbot für Frauen aufzuheben. Ein ehrgeiziges Reformprogramm soll den saudischen Rentierstaat umbauen und seine Abhängigkeit vom sinkenden Ölpreis mindern.

 

In Saudi-Arabien herrschte damals eine aus heutiger Sicht nahezu unheimliche Euphorie. Aktivistinnen, Jungunternehmer, Journalisten und Intellektuelle hoffen auf eine Zeitenwende. »Wir haben lange auf genau so etwas gewartet«, berichtet etwa die Journalistin Samar Fatany, in ihrem Haus im Westen Dschiddas sitzend: »Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch erleben würde.« So wie Fatany denken viele gebildete Saudis. Jahrzehnte der Stagnation haben die Sehnsucht nach Veränderung greifbar gemacht. In Fatanys Heimatstadt Dschidda, wo König Ibn Saud einst in See stach, um Roosevelt zu treffen, schlendern heute sogar unverheiratete Paare Seite an Seite über die Corniche. Noch vor wenigen Jahren ein undenkbares Bild.

 

Trump und König Salman gebärden sich wie befreundete Monarchen. Der Kronprinz und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner mimen die jungen Prinzen.

 

Das Saudi-Arabien von MBS, so sein Versprechen, soll ein anderes sein. Ein liberales, moderneres Land, umwölbt von einem weltoffenen Islam. Ein Land, das trotz aller Probleme versucht, seiner Jugend, die über 70 Prozent der Bevölkerung ausmacht, eine Zukunft zu bieten. Die Aussicht auf solch ein Saudi-Arabien, mit dem eine echte Partnerschaft möglich scheint, lockte selbst liberale Amerikaner, wie den früheren Nahost-Korrespondenten der New York Times, Thomas L. Friedmann. Seine Begeisterung für den jungen Kronprinzen scheint echt, nach einem Treffen schreibt er eine regelrechte Hymne auf den neuen starken Mann des Königshauses und redet einem »saudischen Frühling« das Wort.

 

In US-Präsident Donald Trump findet MBS zudem einen auf den ersten Blick nahezu perfekten Partner. Nach Barack Obama, dessen Flirt mit Iran die Saudis verzweifeln ließ, sitzt jetzt ein Hardliner im Weißen Haus. Einer, der auf klare Verhältnisse setzt und seine Außenpolitik strikt entlang amerikanischer Interessen ausrichtet. Er will das Bündnis mit Riad kitten, das durch den Atomdeal mit Iran erschüttert worden war. »Keine der früheren US- Regierungen war dabei so direkt. Aber das ist nun mal Trumps Politik. Er war in dieser Hinsicht immer ehrlich und hat nichts Anderes angekündigt«, analysiert Karen Young vom American Enterprise Institute in Washington.

<

Um weiter zu lesen, kaufen Sie den Artikel oder werden Sie zenith Clubmitglied

zenith-Club-Mitglied werden

Werden Sie zenith-Club-Mitglied und Sie erhalten nicht nur das Printmagazin von zenith sondern freien Zugang zu allen kostenpflichtigen Artikeln. Mit der zenith-Club-Mitgliedschaft fördern Sie zudem die gemeinnützigen Tätigkeiten der Candid-Foundation.
1,99 €
Szenen einer Ehe
79,00 €
zenith-Clubmitglied werden
Von: 
Daniel Boehm und Florian Guckelsberger

Banner ausblenden

Gewinnspiel-Preis: zenith-Club

Sie sind Club-Mitglied?

Dann schauen Sie doch mal wieder im Mitglieder-Bereich vorbei. Wir veröffentlichen dort regelmäßig neue Inhalte und Angebote – exklusiv für den zenith-Club!

Banner ausblenden

App

Ständig auf Achse?

Dann lesen Sie zenith doch einfach in der App – verfügbar für Android und Apple. Genießen Sie alle Inhalte optimiert für das Smartphone und lesen Sie Artikel offline.

Banner ausblenden

السفينة الحربية الليبية، السميدة

Puristisch und radikal

Sebastian Backhaus hat die Umbrüche in Syrien, Irak, Libanon und Ägypten dokumentiert – auf 50 Seiten und in 25 Motiven präsentiert dieses Fotoheft seine bewegendsten Aufnahmen.

Verreisen Sie mit zenith

01. - 10. November 2019
Der Oman ist weltweit bekannt für seine atemberaubenden Landschaften und historischen Stätten, die am Golf ihresgleichen suchen. Der Oman ist aber auch aus kultureller und gesellschaftlicher Perspektive einzigartig. Staatsreligion des Omans ist zwar der Islam, die sehr tolerante und auf Koexistenz basierende Rechtsschule der Ibadiyah lässt aber auch viele andere Religionsgemeinschaften, darunter Christen und Buddhisten, erblühen. Wir bringen Sie in Kontakt mit Vertretern der verschiedenen Glaubensgemeinschaften und der omanischen Regierung, um eine lebhafte Debatte über Religion und Freiheit zu führen.