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Interview mit Fabrice Balanche über Idlib und die Türkei und Russland in Syrien

»Syrien ist Schaubühne für russische Waffen«

Interview
Interview mit Fabrice Balanche über den Kampf um Idlib und die Türkei und Russland in Syrien
Foto: Sam Alrefaie

Fast eine Million Menschen stehen beim Kampf um Idlib zwischen den Fronten. Der französische Syrien-Experte Fabrice Balanche erklärt im Interview, warum Russlands Deal mit Erdoğan scheiterte und Moskau dennoch die besten Karten in der Hand hält.

zenith: Die syrische Armee und ihre russischen und iranischen Verbündeten blasen zum finalen Sturm auf die Provinz Idlib im Nordwesten. Warum gerade jetzt?

Fabrice Balanche: Das syrische Regime will das gesamte Land wieder unter seine Kontrolle bringen, deswegen rückt die letzte Bastion oppositioneller Kräfte natürlich in den Fokus. Die Offensive sollte eigentlich im September 2018 beginnen, doch die Pläne stießen in Ankara auf Widerstand. Russland und die Türkei vereinbarten daraufhin, die territorialen Differenzen beizulegen …

 

… mittels des Abkommens von Sotschi, das eine Pufferzone schaffen sollte …

… mit dem Ziel, dass radikale Rebellengruppen zum Abzug gezwungen werden – allen voran Hayat Tahrir Al-Scham (HTS). Doch die von Ankara für diesen Zweck geschmiedete Rebellenallianz »Nationale Befreiungsfront« zog den Kürzeren und ging als Verlierer aus der Konfrontation mit der HTS hervor, die mittlerweile 80 Prozent der Provinz Idlib unter Kontrolle hält. Erdoğan ist mit seiner Strategie also gescheitert.

 

Wer steckt hinter der Hayat Tahrir Al-Scham?

HTS ging aus der Nusra-Front hervor. Und die wiederum ist ein Zusammenschluss der syrischen Zweigstelle von Al-Qaida und verschiedener Rebellengruppen. Die HTS-Führung versucht zwar, sich von Al-Qaida zu distanzieren und hat etwa den Treueschwur zur Mutterorganisation nicht erneuert. Dennoch bekennen sich einige HTS-Elemente weiterhin zu Al-Qaida, etwa die Ansar-Al-Din-Front oder der syrische Zweig der »Islamischen Partei Turkestans« (TIP). In der HTS – inklusive der Führungsriege – sind hauptsächlich Syrer vertreten. Mit zwei Ausnahmen: Die Ansar-Al-Din-Front und die TIP vereinen eine große Zahl von Kämpfern aus Zentralasien.

 

Wie finanziert sich HTS?

Die Nusra-Front erhielt lange finanzielle Unterstützung aus der Türkei, Saudi-Arabien und Katar – bis sich die Golfstaaten entzweiten. Ich kann Ihnen nicht sagen, ob HTS immer noch Gelder aus Saudi-Arabien zufließen. Viel wichtiger für die Finanzierung der Gruppe erweist sich heute die Kontrolle über die Provinz Idlib: Steuern, Handel, Versteigerung von konfisziertem Besitz von Christen, Alawiten oder auch ehemaliger Beamter – all das füllt die Koffer der Gruppe. Watad Petroleum, das Unternehmen, das die gesamte Provinz Idlib mit Öl und Gas versorgt, ist in HTS-Hand.

 

»Bei Erdoğan klingelten die Alarmglocken, als die YPG den Euphrat überquerte«

 

Die Türkei konnte ihre Zusagen nicht einhalten – was bedeutet das für Moskaus Strategie in Idlib?

Russland will das Assad-Regime stabilisieren und dafür sind zwei Faktoren von größter Wichtigkeit: Kontrolle über Nordsyrien und der Wiederaufbau von Aleppo. Und da kommt Idlib ins Spiel – und die Autobahn zwischen Latakia und Aleppo …

 

… eine der wichtigsten Verbindungswege in Nordsyrien, der quer durch die Provinz Idlib führt.

Aleppo ist derzeit nur über eine der Hauptverkehrsstraßen mit dem Rest des Landes verbunden – und zwar die Autobahn, die über Homs und Tadmor führt. Das erschwert den Wiederaufbau, weil die Stadt vom Hinterland abgeschnitten ist. Allerdings will Moskau keinen Schnellschuss wagen. Erdoğan mit einer Offensive rund um Aleppo zu überrumpeln, könnte die Türkei wieder in die Arme der Amerikaner treiben, so die Befürchtung. Doch auch Erdoğans Strategie gleicht einem Drahtseilakt: Die Türkei manövriert zwischen Russland und dem Westen. In Reihen der Nato wächst die Sorge, ob sich Ankara als trojanisches Pferd im Dienste Moskaus erweisen könnte.

 

Trotz der Warnungen aus Washington hat das Nato-Mitglied Türkei gerade den Ankauf von S-400-Geschützen aus russischer Produktion verkündet.

Russland nützen Spannungen innerhalb der Nato. Und die Türkei wiederum hat keinen Hehl aus dem Ärger über die US-amerikanische Unterstützung für die kurdischen Streitkräfte in Nordsyrien gemacht. Zwar sind in der Führungsriege der YPG auch syrische Kurden vertreten, doch de facto haben die PKK-Veteranen aus der Türkei das Sagen. Bei Erdoğan klingelten die Alarmglocken, als die YPG den Euphrat überquerte. Denn das eröffnete das Szenario eines Zusammenschlusses von Afrin und der anderen kurdisch kontrollierten Gebiete über das Verbindungsstück Manbidsch. Das würde bedeuten, dass die syrischen Kurden die gesamte Nordgrenze zur Türkei kontrollieren würden. Andererseits hatte die syrische Armee in diesen Grenzgebieten jeden Fortschritt der Tatsache zu verdanken, dass Erdoğan die Unterstützung für bestimmte nicht-kurdische Rebellengruppen temporär aussetzte. Diese Gemengelage schuf die Bedingungen für den russisch-türkischen Deal für Idlib.

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Von: 
Sam Alrefaie und Leo Wigger

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