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Interview zu Pakistan und den Taliban in Afghanistan

»Taliban haben ihre Strategie nicht alleine ausgearbeitet«

Interview
von Leo Wigger
Interview zu Pakistan und den Taliban in Afghanistan
Geschäftiges Treiben in der afghanischen Hauptstadt Kabul im Herbst 2019 Foto: Florian Guckelsberger

Die pakistanische Sicherheitsexpertin Ayesha Siddiqa erklärt im Interview, warum sich Islamabad nach der Machtübernahme der Taliban im Nachbarland im Aufwind sieht – und sich am Ende doch verkalkulieren könnte.

zenith: Die Taliban haben die Kontrolle über Kabul und damit über ganz Afghanistan übernommen. Wie blickt man in Pakistan auf die Lage, angesichts der Beziehungen von Regierung und Militär zu den Taliban im Nachbarland?

Ayesha Siddiqa: Für das Militär hat sich ein lange gehegter Traum erfüllt: In Kabul eine pro-pakistanisch eingestellte Regierung zu etablieren, die tief in ihrer Schuld steht. Pakistans Armeeführung fürchtet kein Szenario so sehr wie einen Zweifrontenkrieg mit Indien und Afghanistan. Zudem besteht die Aussicht auf die Bildung einer Art »Islamischen Blocks«, der sich gut mit Großmächten wie Russland und China stellen und somit den westlichen Staaten auf Augenhöhe begegnen kann.

 

Inwiefern hat Pakistan die Offensive der Taliban unterstützt?

Pakistan spielte eine entscheidende Rolle dabei, die Taliban an den Verhandlungstisch zu bringen. Noch wichtiger ist jedoch, dass die Taliban-Führer während dieser Gespräche die Gewissheit hatten, dass ihre Familien sicher in Pakistan zurückbleiben konnten. Mir wurde auch berichtet, dass die Taliban-Gruppe in Doha Unterstützung erhielt, während sie mit den Amerikanern verhandelte. Sie konnten sich an Experten in der pakistanischen Botschaft wenden, um sich beraten zu lassen. Die Taliban haben ihre Strategie zur Rückeroberung des Landes also nicht alleine, sondern definitiv in Zusammenarbeit mit dem pakistanischen Militär ausgearbeitet.

 

Und die Amerikaner bekamen davon nichts mit?

Während die Taliban mit Zalmay Khalilzad und dem amerikanischen Team an dem Friedensabkommen vom Februar 2020 arbeiteten, fanden auf anderer Ebene Verhandlungen mit den USA über deren Rückzug aus der Region statt. Die Amerikaner wollten sich ja aus Afghanistan zurückziehen, weil ihnen ein Abzug weniger kostenintensiv erschien als ein Verbleib. Daran hatte das pakistanische Establishment ebenfalls ein Interesse.

 

»Mit den Taliban sind wir wieder an diesem Punkt angelangt«

 

Welches Interesse genau?

Ich war 2016 mit ehemaligen ISI-Beamten bei den Verhandlungen mit der damaligen Regierung in Afghanistan. Die afghanische Seite äußerte ihre wichtigsten Anliegen gegenüber Pakistan: Handel, Indien und die Durand-Linie.

 

… Also den Grenzverlauf zwischen beiden Ländern …

… Die Antwort des pakistanischen Teams lautete: Die Durand-Linie interessiert uns nicht mehr. Wir kümmern uns nicht mehr um Indien. Der Handel ist ein nebensächliches Problem. Unser größtes Anliegen ist, dass ihr Afghanen den Amerikanern klarmacht, dass sie Afghanistan verlassen sollen. Offensichtlich wollte das pakistanische Militär wieder einen Status erlangen, der ihnen aus ihrer Sicht im Rahmen des Petersberg-Prozesses nicht zugestanden worden war. Die gesamte pakistanische Strategie bestand darin, diesen Wandel herbeizuführen, so dass Afghanistan wieder zu einer Position zurückkehrt, in der Kabul von einer befreundeten Regierung kontrolliert wird. Und mit den Taliban sind wir wieder an diesem Punkt angelangt.

 

Befürchtet man in Islamabad nicht einen weiteren Zustrom an Geflüchteten, insbesondere nachdem andere Nachbarländer Afghanistans wie Iran, Usbekistan und Tadschikistan ihre Grenzen geschlossen haben?

Tatsächlich ist der Grenzübergang Torkham am Khyber-Pass nach vorübergehender Schließung inzwischen wieder offen. Grundsätzlich aber hat Pakistan kein Interesse an großen Flüchtlingsströmen über die Grenze, weil man sich da auch wenig Unterstützung der internationalen Gemeinschaft erwartet. Aber auch, weil man etwa in Reihen der pakistanischen Sicherheitsbehörden ein Einsickern von indischen Agenten befürchtet.

 

Was verspricht sich der pakistanische Sicherheitsapparat eigentlich genau von der Unterstützung der Taliban?

Da ist einmal die Angst vor Indien. Also dass Neu-Delhi im eigenen Einflussbereich mitmischt. Ganz konkret misstraute man dem afghanischen Vizepräsidenten Amrullah Saleh, der gute Kontakte nach Indien pflegte, sowie dem afghanischen Geheimdienst NDS, weil dieser womöglich Unruhen in Pakistan schüren würde. Dieser vermeintlichen Bedrohungslage wollte man begegnen.

 

Und die Politik muss mitspielen.

Als sich die sowjetischen Streitkräfte Ende der Achtziger aus Afghanistan zurückzogen, wurde der pakistanische Premier Muhammad Khan Junejo, der das Genfer Abkommen zur Beendigung des Krieges unterzeichnet hatte, von Präsident Zia-ul-Haq entlassen. Offiziell wegen Korruption, aber der eigentliche Grund war, dass das Abkommen nicht genügend Einfluss auf die Bildung einer gefügigen Regierung in Kabul zugestand.

 

»Keine dieser afghanischen Mudschaheddin-Fraktionen erfüllte die Erwartungen in Islamabad – bis die Taliban auf den Plan traten«

 

Warum unterstützte der pakistanische Sicherheitsapparat dann in den Neunzigern die Taliban?

Die pakistanische Armee setzte zunächst auf Gulbuddin Hekmatyar. Man ermutigte ihn zu seiner Offensive auf Kandahar 1994. Doch letztlich erfüllte keine dieser afghanischen Mudschaheddin-Fraktionen die Erwartungen Islamabads – bis die Taliban auf den Plan traten und 1996 unter Mullah Omar ihre Kontrolle festigten. Das pakistanische Militär wollte die Taliban unter seine Kontrolle bringen, um Einfluss auf den Nordwesten und insgesamt in Zentralasien geltend zu machen.

 

25 Jahre später nehmen die Taliban erneut die Hauptstadt Kabul ein.

Damals begegneten die Einwohner den einmarschierenden Taliban jubelnd. Heute? Feiert niemand wirklich. Die Menschen haben Angst, sie wollen weg.

 

Unter dem Oberbegriff Taliban werden viele verschiedene Gruppen zusammengefasst. Sind die denn alle pro-pakistanisch eigestellt und könnten sich die Taliban langfristig von Islamabad emanzipieren?

Pakistan hat kein Interesse daran, die tagtäglichen Regierungsgeschäfte der Taliban zu überwachen. Islamabad will seine strategischen Verluste minimieren und seine Gewinne erhöhen – darum geht es. Wenn man sich etwa Generäle im Ruhestand anschaut, die über Afghanistan getwittert und geschrieben haben, wird deutlich, dass sie das alles als ein strategisches Spiel betrachten. Da geht es weniger um die Unterschiede zwischen den Taliban-»Intellektuellen«, die in Doha sitzen und an den Verhandlungen beteiligt waren und der Quetta-Schura, die viel in die strategische Planung involviert ist.

 

»Pakistans Establishment hofft, dass die Islamisten den Blick nun nach Indien richten werden, genauer gesagt, auf den Kaschmir-Konflikt«

 

Und da wäre noch die Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), der pakistanische Zweig der Taliban.

Die TTP und die pakistanischen Streitkräfte trennen in ihrer militärischen Auseinandersetzung keine fundamentalen weltanschaulichen Gegensätze. Die pakistanischen Taliban sind sauer auf Pakistans Armeeführung, weil diese die gezielten Drohnenschläge gegen Taliban-Führer auf pakistanischem Staatsgebiet zuließ.

 

Verfolgen die Taliban in Pakistan nicht auch das Ziel, ihre Version der Scharia einzuführen?

Aus meinen Gesprächen mit Generälen ist mir eine Haltung begegnet, dass man die Stammesgebiete im Nordwesten und einige andere Gegenden in Pakistan, etwa in Teilen Belutschistans, zu überlassen und sie dort deren Version der Scharia einführen zu lassen, während die Taliban im Gegenzug den Rest des Landes in Ruhe lassen.

 

Ergibt diese Kalkulation strategisch Sinn?

Es ist eine dumme Vorstellung, aber das Militär denkt halt taktisch. Da zählt zunächst das kurzfristige Erfolgserlebnis, nicht die langfristigen strategischen Verluste. Als Analystin und Teil der Zivilgesellschaft mache ich mir Sorgen um die Zukunft Pakistans, denn die Gewalt wird zunehmen. Extremisten werden an Zulauf gewinnen – sie sind jetzt ja auch durch den Erfolg der Taliban in Afghanistan viel selbstbewusster. Der Region stehen unruhige Zeiten bevor.

 

In welchen Konfliktfeldern der Region werden diese Folgen zu spüren sein?

In den Reihen des pakistanischen Geheimdienstes ISI sowie dem Militär herrscht im Moment die Hoffnung auf eine Umorientierung der Gotteskrieger, ganz nach dem Motto: Wir haben die Sowjetunion besiegt, eine Supermacht. Wir haben die Vereinigten Staaten besiegt, eine weitere Supermacht, jetzt kommt die dritte. Wie steht’s also mit Indien? Das pakistanische Establishment hofft, dass die Islamisten den Blick also nun nach Indien richten werden, genauer gesagt, auf den Kaschmir-Konflikt.

 

»Pakistan strebt im Moment an, die Überreste der Nordallianz an Bord zu holen«

 

Und wie steht es um die Beziehungen zu den Großmächten China und Russland?

Die Herausforderung besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen Kooperation und Konkurrenz gegenüber Beijing zu bewahren. Islamabad will China zu einem gewissen Grad an der langen Leine halten – und zwar über die Taliban. Das ist natürlich ein Balanceakt. China und Russland ihrerseits müssen sich wirklich auf eine mögliche dschihadistische Bedrohung einstellen – und zwar seitens Al-Qaida. Das Verhältnis der Taliban zu Al-Qaida ist undurchsichtig und unterscheidet sich von Ort zu Ort. Mal arbeitet man zusammen, mal steht man in Konkurrenz.

 

Setzt Pakistan noch auf andere Akteure in Afghanistan?

Offiziell lässt Islamabad verlautbaren, dass die Regierungsbildung eine innerafghanische Angelegenheit sei. Aber was zum Beispiel Aschraf Ghani betrifft, da rechnet man nicht mehr damit, dass er nach seiner Ausreise am 15. August bald wieder politisch auf den Plan tritt. Pakistan strebt im Moment an, die Überreste der Nordallianz an Bord zu holen. Darunter etwa Ahmad Zia Massoud, der Bruder des 2001 getöteten Ahmad Schah Massoud.

 

General Raschid Dostum ist mit seinen Leuten ist nach Usbekistan geflohen. Andere Warlords wie Ismail Khan aus Herat stehen unter Hausarrest. Was ist denn von der Nordallianz noch übrig?

Pakistan wird versuchen, diese Leute zumindest ins Gespräch zu bringen. Man wird gegenüber den Taliban argumentieren, auf diese Weise eine repräsentativere islamische Regierung bilden zu können. Grundsätzlich wartet man in Islamabad aber ab, bis Großmächte wie China und Russland eine Taliban-Regierung offiziell anerkennen, bevor man selbst diesen Schritt geht.

 

Westliche Geheimdienste schienen von der Geschwindigkeit des Vormarsches der Taliban auf dem falschen Fuß erwischt worden zu sein. Gilt das auch für den ISI und inwieweit haben sich die westlichen Dienste auf Informationen der pakistanischen Kollegen verlassen?

Ich denke nicht, dass der ISI von den Vorgängen überrascht wurde. Ein Beispiel. Ende Juli schrieb der Journalist Azaz Syed, der als sehr eng verbandelt mit dem Sicherheitsapparat gilt, und vermeldete, dass Kabul bis spätestens September an die Taliban fallen würde. Ich hielt ihn damals für verrückt. Heute glaube ich, er hatte einfach Zugang zu besseren Informationen. Inwieweit der pakistanische Geheimdienst seine Erkenntnisse mit westlichen Diensten teilte, kann ich im Detail nicht sagen. Aber ich glaube schon, dass es einen engen Austausch insbesondere zwischen der CIA und dem ISI gab. Geheimdienstchef Faiz Hameed war erst Ende Juli zu Besuch in Washington, um Pakistans Rolle bei der Machtübergabe zu besprechen. Es ist schon bemerkenswert, wie schnell die Offensive der Taliban danach an Fahrt gewann.

 

»Pakistan wird so tun, als würde man helfen, aber viel sollte der Westen nicht erwarten«

 

Ebenfalls Ende Juli empfing China eine Taliban-Delegation. Wie positioniert sich Beijing strategisch gegenüber den neuen Machthabern in Kabul?

China verfügt über beträchtliche finanzielle Ressourcen und will seinen Einfluss in der Region ausbauen. Man ist dort ja bereits über Infrastrukturprojekte wie die »Belt and Road Initiative« präsent. Dank des »China-Pakistan Economic Corridor« (CPEC) fließen chinesische Investitionen in Milliardenhöhe nach Pakistan. Pakistan und die Taliban könnten hier ein gemeinsames Interesse entwickeln, nämlich von chinesischen Investitionen zu profitieren. Und Pakistan wäre dafür als Mittler prädestiniert.

 

Haben solche Pläne in einem von den Taliban beherrschten Afghanistan bessere Chancen zur Umsetzung als zuvor? Immerhin investiert China ja seit Jahren in den Bergbau am Hindukusch – bisher mit bescheidenem Erfolg.

Der Unterschied besteht darin, dass die USA nun so überstürzt abgezogen sind – das konnte man sich selbst in Beijing in dieser Form nicht vorstellen. Aber es wird dennoch ein paar Jahre dauern, bis Pakistan, China und die Taliban tatsächlich konkrete Projekte angehen.

 

Welche Rolle kann Pakistan als Vermittler zwischen den Taliban und anderen Staaten spielen?

Gerade mit Blick auf die Türkei, die ja angekündigt hat, sich vermehrt in Afghanistan zu engagieren, könnte sich Pakistan als Vermittler empfehlen. Die Beziehungen sind freundschaftlich und der türkische Einfluss wird begrenzt sein. Pakistanische Sicherheitsinteressen sind da kaum in Gefahr. Mit den westlichen Staaten wird sich im Umgang wenig ändern. Pakistan wird so tun, als würde man helfen, aber viel sollte der Westen nicht erwarten.



Interview zu Pakistan und den Taliban in Afghanistan

Ayesha Siddiqa forscht seit Jahrzehnten zur Rolle des Militärs in Staat und Gesellschaft in Pakistan. Zurzeit ist sie Research Associate an der SOAS University of London.

Von: 
Leo Wigger

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