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Massaker von Suwaida und Drusen in Syrien

Was hinter den Angriffen auf die Drusen steckt

Analyse
Die Drusen und das Assad-Regime
Syriens Regimemedien berichten über die Beerdigung der Opfer des Massakers von Suwaidah. Syrian Arab News Agency

Die Massaker von Suwaida werfen Licht und Schatten auf eine alte, zerrüttete Beziehung: die drusische Gemeinschaft und das Assad-Regime.

Suwaida als große Schreckenstat einer Organisation namens »Islamischer Staat«, als letzter Akt eines selbst ernannten Kalifats, das am Boden liegt, aber noch einmal hunderte unschuldige Menschen mit sich in den Abgrund zieht. So bewerteten viele Nachrichtenmedien den konzertierten Anschlag dschihadistischer Kämpfer auf drusische Dörfer und die Stadt Suwaida im Süden Syriens am 25. Juli.

 

Der fast schon totgeglaubte »IS« hat zwar noch keine triumphalen Bekenner-Ansprachen veröffentlicht. Für die meisten Beobachter ist allerdings klar: Die drusische Minderheit ist ein besonders lohnenswertes Ziel für die Dschihadisten, weil ihre Angehörigen einer Geheimreligion anhängen und in ihrem Weltbild – ähnlich wie Alawiten oder die Jesiden – Ketzer, Götzendiener, ja sogar Untermenschen sind. Entsprechend lautet die Schlussfolgerung von Experten, der »IS« wolle konfessionelle Spannungen schüren, Sunniten und Minderheiten gegeneinander aufhetzen und so sein blutiges Erbe verewigen.

 

Hinzu kommt, dass nun sogar sunnitsche Beduinen des in der betroffenen Gegend siedelnden Qataina-Stammes beschuldigt werden, sie hätten die Dschihadisten in die Häuser der Opfer geführt – ein Vorwurf, den Stammesvertreter ebenso energisch wie ungehört zurückweisen. Das oben beschriebene Kalkül mag aufgegangen sein, aber mit den Ereignissen in Suwaida hat es noch eine andere Bewandnis.

 

Inmitten des Entsetzens, der Trauer und der Rufe nach Vergeltung werden die Fragen lauter: Wie konnten Dschihadisten in Suwaida ein solches Massaker verüben? Wer trägt dafür die politische Verantwortung? Und der konzertierte Angriff auf die drusische Gemeinschaft wirft Licht – und Schatten – auf ein kompliziertes Verhältnis: die Drusen und das syrische Regime.

 

Belagert und belauert durch das syrische Regime
 

Die überwiegend von Drusen bewohnte Stadt Suwaida und ihr Umland haben sich nie offen gegen das Regime erhoben. Ihre Bewohner haben sich in der Mehrheit aber auch nicht an der Niederschlagung des Aufstands beteiligt. Immer wieder gab es Proteste, und nach den jüngsten Massakern haben wütende Bewohner sogar hohe Funktionäre des Regimes davongejagt – verbunden mit der Drohung, sie andernfalls zu lynchen.

 

Über Jahre befand sich Suwaida in einem komplexen Belagerungszustand: Suwaida grenzt an die bis kürzlich von Rebellen kontrollierte Provinz Daraa, wohin auch zahlreiche dschihadistische Gruppen ausweichen und sich festsetzen konnten. Die Belagerung durch das syrische Regime war indes deutlich subtiler: Milizen, paramilitärische Verbände unter Kommando der Geheimdienste, zum Teil aber auch reguläre Streitkräfte schirmten große Teile von Suwaida ab. Und zur Frage, ob Suwaida vom Regime tatsächlich vollständig kontrolliert wird, gab es geteilte Meinungen in der Stadt.

 

Suwaidas Drusen weigerten sich nämlich zu großen Teilen, außerhalb ihres Siedlungsgebiets gegen die Aufständischen zu kämpfen. Sie erschienen nicht zum Militärdienst, was dazu führte, dass sie Suwaida auch kaum verlassen konnten.

 

Versuche, die Drusen zwangszurekrutieren, scheiterten. Und anders als bei den anderen Konfessionsgemeinschaften forderten prominente religiös-traditionelle Würdenträger, die Clanchefs (Mashayekh) der Drusen, das Regime offen heraus. Unter den drusischen Mashayekh gibt es zwar auch starke Regime-Befürworter und Karriere-Offiziere. Der Widerstand der Clanchefs, von denen einige 2014 als »Bewegung der Scheichs der Würde« in Erscheinung traten, zeitigte aber Erfolge.

 

Das Regime konnte nicht noch eine neue Front eröffnen und Suwaida lief nicht Gefahr, in die Hände der Rebellen zu fallen, insbesondere nicht, solange die dschihadistischen Kräfte unter den Aufständischen an Einfluss gewannen und damit jeden Gedanken der Minderheiten an eine Allianz zerstreuten. Die Strategen des Regimes, vor allem die Köpfe der Geheimdienste, aber auch Mitglieder des Assad-Clans, waren sich höchstwahrscheinlich auch der Gefahren bewusst, die mit einer Konfrontation einher gegangen wären.

 

Die Drusen mögen politisch uneins sein. Aber wer sie als Gemeinschaft insgesamt herausfordert, stellt schnell fest, dass innere Kohäsionskräfte wachsen. Und die haben viel mit der drusischen Geschichte und ihrer religiös-kulturellen Identität zu tun, womit das Assad-Regime oft in Konflikt geraten ist.

 

Die Botschaft: Minderheiten halten zum Regime
 

Einer dieser Konflikte bestand in der notwendigen Verehrung Hafiz Al-Assads. Gegen das erste ungeschriebene Gebot in Syrien, dem Präsidenten keinen Gott beizugesellen, verstoßen die Drusen seit jeher. Sie hatten andere Referenzen, wie Sultan Pasha Al-Atrash, ein Held der Unabhängigkeit und des Widerstands gegen die französische Mandatsherrschaft. Atrashs Cousine mit dem Künstlernamen Asmahan war eine der bekannsten Sängerinnen und Schauspielerinnen der arabischen Welt – er selbst zu Lebzeiten eine Legende.

 

Atrash starb mit 91 Jahren im syrischen Schicksaljahr 1982, als das Assad-Regime bereits einmal einen blutigen Krieg gegen die Muslimbründer führte. Zu Atrashs Trauerfeier in Qarayyah, so berichteten syrische Medien, fanden sich angeblich eine Million Menschen ein. In den 1920er Jahren hatten drusische Freischärler bei Suwaida ein französisches Expeditionsheer in die Flucht geschlagen. Der Clanchef Atrash wurde so in der Rückschau nicht nur Held der Drusen, sondern zum Helden der syrischen Unabhängigkeit verklärt.

 

In den 1960er Jahren kämpften alawitische Offiziere der Baath-Bewegung, zu denen auch Hafiz Al-Assad gehörte, gegen den Einfluss ihrer drusischen Konkurrenten. Eine andere Identifikationsfigur, ein junger ehrgeiziger und brutaler drusischer Baathist namens Salim Hatoum, wurde von Assad, dem Vater, kaltgestellt und nach der erschütternden Niederlage Syriens gegen Israel im Krieg von 1967 wegen Hochverrats gefoltert und getötet. Im von Syrien besetzten Libanon verfuhr man mit starrköpfigen Drusen, die sich mit Assad anlegten, ähnlich: Kamal Jumblatt, der Schwiegersohn des berühmten Drusenführers Shakib Arslan und Anführer der sozialistischen Drusenpartei PSP fiel 1977 mutmaßlich einem Auftragsmord zum Opfer: bestellt von syrischen Geheimdienstlern.

 

Das Regime hat sich der drusischen Loyalität nie versichern können. Insofern war es von strategischer Bedeutung, Identifikationsfiguren aufzubauen, die drusisch sind, den Militärdienst leisten und Assad bedinungslos ergeben sind. Diese Rolle kam während des jüngsten Aufstands Generalmajor Essam Zahreddin zu. Der 1961 geborene Zahreddin hatte Karriere in der Republikanischen Garde gemacht und erhielt 2015 als einer der bedeutendsten Kommandoführer des Regimes unter anderem den Auftrag, die Stadt Deir ez-Zour am Euphrat gegen die Rebellen und später die Organisation »IS« zu verteidigen.

 

Auf Youtube-Videos sah man den leidenschaftlichen Bodybuilder Zahreddin bei Leibesübungen – etwa dabei, wie er mit freiem Oberkörper stöhnend zentnerschwere Eisenkugeln hinter sich herschleppte. Ein anderes Video zeigte Zahreddin im Kreise der Gardisten, die Lobeshymnen auf Assad grölen. Einer, womöglich der General selbst, ruft, man werde es den Sunniten zeigen. Die Botschaft dahinter ging auch an die Drusen: Wir sind eine konfessionelle Minderheit. Und Minderheiten halten zum Regime.

 

Ende 2016 schien Zahreddin immer mehr in Ungnade zu fallen. Er gab einer libanesischen Zeitung ein Interview, in dem er seinem Frust Ausdruck verlieh. Es schien, als deute Zahreddin an, dass das Regime seine Männer an der Euphratfront im Stich lasse und sich nicht besonders für den »IS« interessierte. Später gehörte Zahreddin zwar zu den Offizieren, die mit russischer Unterstützung Deir ez-Zour zurückeroberten. Dann aber warnte er öffentlich die syrischen Vertriebenen, sie sollten ja nicht nach Syrien zurückkommen.

 

Eine implizite Botschaft an die sunnitische Mehrheit, die nun, da klar war, dass das Regime auf kurz oder lang obsiegen würde, politisch weniger opportun war. Demografisches »Engineering«, also die Vertreibung und Enteignung von Bevölkerung nach Konfessionsgruppen, war Teil des Plans. Aber der geht nun einmal besser auf, wenn man seine Existenz verneinen kann.

 

Gegen den Aufstand lief es für das Regime nun besser und beim Kampf gegen den »IS« hatte man ausreichend Verbündete. An der »drusischen Front« in Suwaida gab es allerdings keine Fortschritte zu vermelden.

 

Generalmajor Zahreddin indes hatte seine Schuldigkeit als Lebender geleistet und tat nun seine Pflicht als Toter. Dass er im Oktober 2017 auf eine unentdeckte Mine fuhr und starb, war für das Regime ein Glücksfall. Damaskus richtete ihm in Windeseile in Suwaida ein Staatsbegräbnis aus. Dabei wurden Bilder Zahreddins neben den in der Stadt stets präsenten Porträts des Drusenfürsten Atrash aufgestellt. Endlich gab es einen drusischen Helden, der dem Assad-Regime treu ergeben war (bis zuletzt, so sollte man wenigstens vermuten). Aber entsprechend laut zu hören war in Suwaida auch das Gerücht, Zahreddins Tod sei, wie der vieler anderer ehemals loyaler Offiziere, eine Kommandooperation von Geheimdiensten gewesen.

 

Es gelang nicht, die Drusen zu mobilisieren
 

Der Fall Zahreddin und das festliche Begräbnis genügten jedenfalls nicht, um die Spannungen zwischen Regime und den Drusen von Suwaida auszuräumen. Junge Männer anderer Konfessionsgemeinschaften, die zum Teil seit Jahren permanent Militärdienst leisten und schwere Verluste hinzunehmen hatten, waren frustriert davon, dass viele Drusen – geschätzt immer mehr als 50.000 junge Männer – einfach zuhause blieben. Einige setzten sich sogar nach Suwaida ab, um dort der Rekrutierung zu entgehen. Im Gegenzug verloren viele Drusen ihre Jobs im öffentlichen Dienst, weil sie nicht zum Reservedienst antraten.

 

Die wirtschaftliche Lage in Suwaida verschlechterte sich zusehends, der Drogenkonsum stieg rapide. Einige junge Männer schlossen sich zwischenzeitlich Bürgerwehren an, etwa der Miliz der Jaish Al-Muwahideen, die neben den syrischen Nationalfarben auch die Regenbogenfarben der Drusen und Bilder von Sultan Al-Atrash im Banner führten. Vermutlich handelte es sich um einen mäßig erfolgreichen Versuch des Regimes, unter den Drusen eine Miliz unter Kontrolle der Geheimdienste zu etablieren.

 

Aber selbst im Moment des Sieges des Regimes über die Rebellen von Daraa im Juni 2018 gelang es nicht, die Mehrheit der Drusen zu mobilisieren. Diese ahnten höchstwahrscheinlich, dass ihre jungen Männer andernfalls ein paar Wochen später an der Front im Norden, in Idlib, stehen würden. Um dann als nächstes für Assad gegen die Kurden oder andere Gegner zu kämpfen.

 

Die meisten drusischen Dörfer bleiben schlecht bis gar nicht bewaffnet. Zugleich schienen sich lange weder die regimetreuen Milizen noch die Streitkräfte der SAA für deren Sicherheit verantwortlich zu fühlen. Sie waren darüber hinaus mit dem Feldzug gegen Aufständische und Dschihadisten in Daraa befasst.

 

Die drusische Sonderrolle lief auch dem russischen Plan zuwider, so etwas wie eine geordnete nationale syrische Streitmacht aufzubauen. Und selbst die Russen bissen sich die Zähne daran aus.

 

Am 21. Juli trafen sich angeblich russische Offiziere in Suwaida mit drusischen Mashayekh, um die Entsendung drusischer Rekruten für den Kampf in Daraa zu verhandeln. Das Treffen, das die drusische Hilfsorganisation »Ein Al-Zaim« vermittelt haben soll, endete offenbar im Tumult, und ein russischer Offizier beschimpfte die »Scheichs der Würde« angeblich als Terroristen. So zumindest stellen es drusische Quellen dar.

 

Die Bereitschaft der Russen, der regimetreuen Milizen und von Teilen der Armee, die schlecht bis gar nicht bewaffneten Drusendörfer um Suwaida gegen etwaige Angriffe zu schützen, dürfte danach nicht zugenommen haben. Und dass Ungemach bevorstand, wussten viele der Beteiligten.

 

Kämpfer des »IS«, die sich in zwei Enklaven im Umland gesammelt hatten und dort lange Zeit auch unbehelligt geblieben waren, konnten früher oder später einen Entlastungsvorstoß unternehmen. Unter den Drusen verbreiteten sich abermals Gerüchte, das Regime lasse den »IS« aus taktischen Gründen gewähren, um erst andere Rebellen zu bekämpfen – so wie am Euphrat oder im Süden von Damaskus, wo die Dschihadisten über Jahre zwei Stadtteile kontrolliert hatten.

 

Dann, am frühen Morgen des 25. Juli, fielen die Dschihadisten laut ersten Medienberichten in die Dörfer im Osten und Norden von Suwaida ein und richteten ein furchtbares Gemetzel an. In der Stadt selbst sprengten sich drei Selbstmordattentäter in die Luft. Zwei weitere scheiterten laut Augenzeugen bei dem Versuch, es ihnen gleichzutun. Mehr als 220 Menschen starben an einem Tag.

 

Präsident Assad richtete den Finger in einer knappen Stellungnahme wie gewohnt auf ausländische Mächte, die Terroristen unterstützten, um in Syrien Einfluss zu nehmen. Man sehe aber, dass das nur Schäden am Volkseigentum und zivile Opfer nach sich ziehe. Russlands Syrien-Gesandter Alexander Lavrentiev ließ verlauten, dass der syrische Weg, Terrorismus zu bekämpfen, richtig sei. Und dass Suwaida dies bestätige.

 

In den sozialen Medien machten bald Bilder von gelynchten und gehenkten Männern in Suwaida die Runde – mutmaßliche Helfer der Attentäter.

 

Ob die Drusen in Suwaida nun zu den Waffen greifen und ihre »patriotische Pflicht« für das Regime erfüllen werden? Die Botschaft der Ereignisse vom 25. Juli ist klar, gleich wer sie ausgesendet hat: In diesem Krieg gibt es keine Unbeteiligten, keinen dritten Weg, kein Raushalten und keine Zweifel an Loyalität. Am Ende, auch wenn es sieben Jahre dauert, hat man in einem Lager aufzugehen. Für die Rechtgläubigen oder die Kuffar. Für das Regime. Oder für die Terroristen.

Von: 
Daniel Gerlach

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