Lesezeit: 4 Minuten
Rekrutierung von Kindersoldaten im Jemen durch die Huthi-Rebellen

Kinder an der Front

Kommentar
Bewegung des Südens und der Krieg im Jemen
Migranten aus Äthiopien in ihrer provisorischen Unterkunft: Viele von ihnen warten auf eine Möglichkeit, nach Saudi-Arabien weiterzureisen. Foto: Asmaa Waguih

Im Jemen nutzen die Huthi die Waffenruhe, um weitere Kindersoldaten zu rekrutieren – Kinder von Migranten aus Afrika sind besonders stark gefährdet.

Im Jemen gilt eine von den Vereinten Nationen unterstützte Waffenruhe. Dennoch bauen die Huthis ihren Einfluss in den nördlichen Landesteilen weiter aus, während die internationale Gemeinschaft ihre Augen vor den unzähligen Verbrechen an der Zivilbevölkerung verschließt. Auch die Radikalisierung an Schulen und Rekrutierung von Kindersoldaten geht weiter: Auf 3.500 wird deren Zahl mittlerweile geschätzt. Bemühungen der Vereinten Nationen gegen die Indoktrinierung von Minderjährigen vorzugehen sind erfolglos.
 
Vor fast drei Monaten unterzeichneten die Vereinten Nationen und die in Sanaa ansässigen Rebellen einen Aktionsplan, der auch von den Huthis die Einhaltung internationaler Normen verlangt. Dort heißt es: »Die Houthis haben sich verpflichtet, innerhalb von sechs Monaten Kinder in ihren Reihen zu identifizieren und freizulassen.« Doch anstatt den Aktionsplan umzusetzen, haben die Houthis ihre Propagandakampagnen ausgeweitet und operieren nun auch an weiterführende Schulen und in Sommerlagern.
 
Im Laufe der vergangenen zwei Jahre versicherten die UN immer wieder, sie würden mit den Huthis diskutieren und deutlich machen, wie dringlich es ist, dass die Kindersoldaten von der Front abgezogen werden. Doch nur drei Monate nach Unterzeichnung des Aktionsplans zeigten die Rebellen öffentlich, wie Aufsichtsbeamte und lokale Rebellen in Schulen mit Kindern über die Pflichten des Jihads sprechen, wie sie ihnen den Umgang mit leichten Waffen beibringen und wie sie Kinder bei Militärparaden einspannen.

 

Geflüchtete und deren Kinder sind besonders im Fadenkreuz

 

Migranten aus Afrika sind im Jemen oft einer besonders rücksichtslosen Behandlung ausgesetzt. Während sie in Sanaa festsitzen, wird ihnen das Leben schwer gemacht. Nun haben die Huthis auch die Kinder der Einwanderer für ihre Streitkräfte rekrutiert: Sowohl durch Zwang als auch durch finanzielle Anreize lockten sie Dutzende an die Front. Hinzu kommen Verbrechen wie die willkürliche Verhaftung von UN-Mitarbeitern und dem Personal der US-Botschaft in Sanaa. Ein beliebter Vorwurf: Spionage. Die Inhaftierten werden dann gerne als Druckmittel in Verhandlungen mit UN-Organisationen oder der Koalition, die die legitime Regierung des Jemen unterstützt, genutzt.
 
Kurz nachdem die Vereinigten Nationen die Unterzeichnung des Aktionsplans mit den Offiziellen in Sanaa letzten April bekannt gegeben haben, begannen die Huthis eine Social-Media Kampagne. Deren Ziel war es, die Mitglieder zu motivieren, Kinder während der Schulprüfungen und in Sommercamps anzusprechen.
 
So wahrten sie nicht einmal den Schein, sich an die Vereinbarung mit der UN halten zu wollen. Huthi-Anführer sinnierten gar öffentlich über die vermeintliche Pflicht der Kinder, sich dem Jihad gegen ausländische Invasoren und Söldner anzuschließen. Aufnahmen zeigen, wie Huthi-Obere große Paraden von Schulkindern beaufsichtigen und rekrutieren. Die Radikalisierung in Schulen und Sommercamps ist der erste Schritt der Rekrutierung von Minderjährigen durch die Huthis. Ein Verhalten, das im eklatanten Widerspruch zu den Versprechen stehen, die sie gegenüber UN-Vertretern gegeben haben.
 
In offenkundiger Missachtung dieser Vereinbarungen haben die Huthis ihre Rekrutierungsaktivitäten in den Sommercamps also nicht eingestellt. Zwar ist die genaue Zahl der Kinder, die seit April die Schule verlassen haben, um sich der Miliz anzuschließen, unklar, die Absichten der Huthis aber sind eindeutig: Der Kontakt zu tausenden Kindern garantiert ihnen ein fruchtbares Umfeld, um sich langfristig Rekruten zu sichern.

 

Mehr als nur leere Versprechen

 

Diese Praktiken der Huthis bedürfen mehr als nur Verurteilung. Einen Monat vor Veröffentlichung des UN-Aktionsplans verabschiedete die Europäische Union eine Resolution, welche die dokumentierten Verbrechen durch die Huthi verurteilte. Weitere Aktionen von internationalen Gremien folgten nicht.
 
Die EU erklärte: »Huthis haben sich an Aktionen beteiligt, die Frieden, Sicherheit und Stabilität im Jemen gefährden«, empfahl aber keine weiteren Maßnahmen. Gleichzeitig legen die Vereinten Nationen keine aktuellen Informationen über die Umsetzungen des Aktionsplans vor, die die Freilassung von Kindersoldaten aus den Reihen der Huthis fordern. Auch drei Monate nach der Unterzeichnung des Aktionsplans gibt es keine neuen Informationen darüber, wie viele Kindersoldaten identifiziert oder von den Frontlinien abgezogenen wurden.
 
Die Vereinigten Nationen haben teilweise die Verantwortlichen identifiziert, die für Radikalisierung, Indoktrinierung und Rekrutierung von Kindern in den vergangenen sieben Jahre verantwortlich sind. Die Beweise liegen also vor. Nun benötigt die internationale Gemeinschaft einen umfassenden Ansatz gegenüber den Verbrechen der Huthis an Kindern, der über leere Verlautbarungen hinausgeht.
 
Übersetzung aus dem Englischen.

Von: 
Fernando Carvajal

Banner ausblenden

Cover zenith 1-22

Nach uns die Sintflut

Die neue zenith ist da: 130 Seiten stark, inklusive unserem Dossier zur Klimakrise, einem Spezial, was der Ukraine-Krieg für den Nahen Osten bedeutet, wie K-Pop die arabische Halbinsel erobert und vielem mehr.

Banner ausblenden

Newsletter 2

Der heiße Draht

Frische Analysen, neue Podcast-Folgen, exklusive Einladungen zu Hintergrundgesprächen und Werkstattberichte: Jeden Donnerstag erhalten tausende Abonnenten den zenith-Newsletter. Sie  wollen auch auf dem Laufenden bleiben? Dann melden Sie sich hier kostenlos an.

Banner ausblenden

WM Katar

So eine WM gab es noch nie

Auf 152 Seiten knöpfen sich Robert Chatterjee und Leo Wigger alle wichtigen Fragen rund um die erste Fußball-WM in einem arabischen Land vor.