Lesezeit: 9 Minuten
Verschwörungstheorien in Jordanien

Das allgegenwärtige Misstrauen

Essay

Die arabischen Staaten tun sich schwer, Rückhalt im Kampf gegen den »Islamischen Staat« zu mobilisieren. Sie tragen durch Repression und Zensur dazu bei, dass krude Verschwörungstheorien bei vielen Menschen in der Region Anklang finden.

Die Verbrennung des jordanischen Piloten Moaz al-Kasasbeh durch den »Islamischen Staat« (IS) hat die jordanische Gesellschaft sichtlich bewegt. Viele haben das Propagandavideo in voller Länge gesehen und sind erschüttert über die Grausamkeit der barbarischen Milizionäre. Gleichzeitig wird die Echtheit des Videos von breiten Teilen der Gesellschaft in Frage gestellt. »Irgendwas stimmt da nicht. Ich kann nicht genau sagen was, aber an den Aufnahmen ist was faul«, so der Zweifel, der immer wieder aufkommt.

 

Die Meldung, dass die IS-Milizionäre dem jordanischen Piloten vor der Verbrennung starke Betäubungsmittel verabreichten, ist nur wenigen bekannt. Viele möchten lieber glauben, dass das Video komplett gefälscht sei. Diese Reaktion auf das ISIS-Propaganda-Video ist kein Einzelfall. Schon bei der Hinrichtung der amerikanischen Journalisten James Foley und Steven Sotloff im Herbst 2014 wurde in weiten Teilen der arabischen Welt die Echtheit auch der Videos angezweifelt.

 

Angefeuert wurden solche Vermutungen von einem Artikel auf der arabischen Internetplattform des Nachrichtensenders Al-Jazeera. Dort wurde behauptet, dass das Video mit der Intention, eine militärische Intervention zu legitimieren, komplett inszeniert sei. Es wurde sogar angezweifelt, ob James Foley jemals geknidnappt worden sei. Nach einem internationalen Aufschrei hat Al-Jazeera den Artikel »aus Respekt vor den Familienangehörigen der Opfer« zurückgezogen und sich für die unangebrachte Berichterstattung entschuldigt.

 

Wer jedoch an eine westliche Verschwörung glauben mochte, fühlt sich durch die Geschehnisse nur bestätigt. Die Mächtigen bestimmen, was gesagt werden darf und was nicht. Keine Frage: Verschwörungstheorien gibt es überall auf der Welt. Die jüngste Protestwelle von Pegida, Legida und Co. hat zur Schau gestellt, welch abstruse Theorien und Realitätsverzerrungen ein Gefühl von politischer Ohnmacht und des Nicht-Gehörtwerdens auch in Deutschland produzieren kann. Dennoch fällt auf, wie gesellschaftsübergreifend, vielzählig und vehement Verschwörungstheorien in Jordanien kursieren. Im Nahen Osten fühlt man sich oft als Spielball externer Mächte. Das Gefühl, den Interessen der Großen machtlos ausgeliefert zu sein, ist immer wieder spürbar. Der Verdacht, hinters Licht geführt zu werden, stets präsent.

 

Im Umlauf ist beispielsweise die These, dass es in Wirklichkeit auch in Jordanien Ölvorkommen gibt. Die bestechende Beweisführung: Wenn es in sämtlichen Nachbarländern – Syrien, dem Irak, Saudi-Arabien, Ägypten, ja sogar in Israel und Palästina – Erdöl gibt, dann muss das auch in Jordanien der Fall sein. In der Wüste von Wadi Rum im Süden Jordaniens seien solche Erdölvorkommen bereits entdeckt worden, man werde aber von Saudi-Arabien dazu angehalten, die Vorkommen nicht zu erschließen.

 

Die Golfmonarchie würde nicht dulden, dass der nördliche Nachbar als weiterer Konkurrent auf dem Weltmarkt auftritt. Immerhin würde Jordanien dafür finanziell von Saudi-Arabien entschädigt. Auch die Anschläge auf das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo erzeugten eine Welle von kruden Erklärungsversuchen, die beispielsweise auf Facebook oder in der Kommentarfunktion arabischer Nachrichtenportale sichtbar wurden. Wie schafften es zwei schwer bewaffnete, maskierte Männer am helllichten Tage in die Redaktion der französischen Zeitung einzudringen, elf Menschen zu erschießen und sich ungehindert vom Tatort zu entfernen?

 

Wie ist das möglich in einem Land, in dem mitunter sogar öffentliche Toiletten mit Videokameras ausgestattet seien? Die einzig logische Schlussfolgerung: Die Anschläge müssen vom französischen Staat geduldet, wenn nicht sogar initiiert worden sein. Ein echter Muslim würde so eine Tat ohnehin nie begehen, schließlich gebe es im Islam ein Tötungsverbot. Der Westen wolle den Islam lediglich in ein schlechtes Licht rücken und den Eindruck erwecken, dass alle Muslime Terroristen seien. Nicht zuletzt soll die westliche Interventionspolitik im Nahen Osten gerechtfertigt werden, hier seien schließlich substanzielle politische und wirtschaftliche Interessen im Spiel.

 

Der verschwörungstheoretische Bestseller: IS und seine Ursprünge

 

Kein Thema ist von mehr konspirativen Theorien umwoben als der »Islamische Staat« (IS). »Daesh« – so das negativ konnotierte Akronym für IS im Arabischen – ist wahlweise eine Kreation der amerikanischen CIA oder des israelischen Mossad. Je nach Standpunkt ist das mitunter ohnehin dasselbe, schließlich sei das Weiße Haus nichts weiter als eine Marionette der zionistischen Weltverschwörung. Weit verbreitet ist der Verdacht, IS sei mit dem Ziel geschaffen worden, die Region ins Chaos zu stürzen.

 

So soll über kurz oder lang eine territoriale Neuordnung der Region erwirkt werden, um amerikanische Hegemonie- und israelische Expansionsinteressen zu verwirklichen. Als »Beweis« für solche Pläne wird etwa angeführt, dass Hillary Clinton in ihrer Autobiographie »Password 360« offen zugegeben habe, dass die USA in Zusammenarbeit mit den ägyptischen Muslimbrüdern die Ausrufung eines »Islamischen Staates« auf dem Sinai in Planung gehabt hätten. Nur die unerwartete Machtübernahme von Abdulfattah Al-Sisi Anfang Juli 2013 habe den Plan plötzlich kippen können.

 

Diese Meldung verbreitete sich wie ein Lauffeuer über soziale Netzwerke im Internet und wurde von zahlreichen arabischen Zeitungen und Nachrichtenportalen begierig aufgegriffen. Das einzige Problem: Weder ist jemals ein Buch unter diesem Titel erschienen, noch sind solche Aussagen in Hillary Clintons Biographie, die eigentlich den Titel »Hard Choices« trägt, überhaupt zu finden. Wie der jordanische Nachrichtenblog 7iber aufdeckte, ist die Meldung eine glatte Lüge.

 

Dennoch fanden die Anschuldigungen in der Region derart großen Anklang, dass sich die US-amerikanische Botschaft im Libanon gezwungen sah, die Unterstellungen in einem Statement auf Facebook für falsch zu erklären. Bei weiten Teilen der jordanischen Bevölkerung scheinen diese Informationen jedoch nicht angekommen zu sein. Der Verweis auf »Password 360« kursiert nach wie vor. Hartnäckig hält sich die Vorstellung, dass Hillary Clinton selbst zugegeben habe, dass die Vereinigten Staaten IS gegründet, wenn nicht sogar erfunden hätten.

 

Die irakische Satire-Sendung »Staat der Mythen«, die versucht, den IS mit humoristischem Widerstand zu begegnen, griff in ihrem Vorspann einige der kursierenden Theorien auf. Im ursprünglichen Vorspann der Serie wurde der aus einem Ei schlüpfende Abu Bakr Al-Baghdadi von einem US-Cowboy, einer Frau mit einer Davidstern-Halskette, der Gattin des Emirs von Katar und dem Teufel höchstpersönlich begrüßt. Einstimmig singt die Gruppe: »Wir werden ihn nähren, wir werden ihm Waffen geben.«

 

Katar, die USA und sogar die irakische Regierung zeigten sich brüskiert: Das Intro wurde aus dem Programm gestrichen. Die Suche nach den Ursprüngen des IS wird allzu oft zu einer Art Ratespiel: Ein Strippenzieher der Wahl wird auserkoren und anschließend dämonisiert. Doch nur, wenn die komplexen Umstände der Entstehung in einen historischen Prozess eingebunden werden, nur anhand eines umfassenden Bündels von Akteuren, Ereignissen und politischen Entscheidungen lässt sich die Genese des IS annähernd nachzeichnen.

 

Und natürlich fällt in einer solchen Analyse auch den USA aufgrund ihrer Nahost- und Irakpolitik seit dem 11. September 2001 eine Teilschuld zu. Viele machen es sich lieber einfach: Sie glauben schlichtweg an das, was sie glauben wollen. Die eigene Meinung basiert selten auf einer intensiven Recherche, sondern eher auf dem, was man sich eben so erzählt, sei es auf der Straße oder auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken im Internet. Mündliche Überlieferung hat in der arabischen Welt einen traditionell hohen Stellenwert.

 

Der historische Präzedenzfall: Sykes-Picot

 

Das Gefühl, Spielball externer Mächte zu sein, kommt nicht von ungefähr. Seinen Ursprung findet das Misstrauen gegen den imperialistischen Westen bereits im Ersten Weltkrieg in Gestalt des britisch-französischen Sykes-Picot-Abkommens. In einer geheimen Übereinkunft von Mai 1916 teilten Großbritannien und Frankreich den Nahen Osten zu ihren eigenen Gunsten in koloniale Einflusssphären auf. Die territoriale Nachkriegsordnung wurde entlang ihrer eigenen strategischen Interessen auf dem Reißbrett gezogen: Aus dem ehemaligen Osmanischen Reich entstanden die Staaten Jordanien, Syrien, der Libanon, der Irak und Saudi-Arabien. Mit dem Lineal wurden jene Grenzen gezeichnet, die IS heute mit gewissem Erfolg in Frage stellt.

 

Das Gebiet, das später Palästina genannt werden sollte, wurde zunächst unter internationale Verwaltung gestellt; die Balfour-Erklärung von 1917 gestand dem jüdischen Volk das Recht auf eine nationale Heimstätte in Palästina zu. Für die Araber war der Verrat der westlichen Verbündeten damit endgültig komplett. Nicht nur fühlten sie sich um den ihnen versprochenen arabischen Nationalstaat betrogen; dem jüdischen Volk wurde genau das zugebilligt, was den Arabern verwehrt blieb. Das wurde als besonders große Demütigung empfunden, zumal die gesamten palästinensischen Gebiete als immanenter, unentbehrlicher Teil einer zukünftigen arabischen Nation aufgefasst wurden.

 

Palästina hatte aus historischen und religiösen Gründen eine nicht zu unterschätzende identitätsstiftende Bedeutung für das arabische Selbstverständnis eingenommen. Was bis heute zurückbleibt, ist das Gefühl, der von westlichen Mächten proklamierten Politik nicht über den Weg trauen zu können. Es ist kein Zufall, dass auch beim andauernden Konflikt in Syrien und dem Irak über Einflusszonen, territoriale Interessen und Expansionspläne externer Mächte spekuliert wird. Sykes-Picot hat sich tief in das arabische Gedächtnis hineingebrannt.

 

Die Rahmenbedingungen des Misstrauens: Repression, Zensur und Propaganda

 

Nicht nur der historische Präzedenzfall Sykes-Picot schafft ein misstrauische Grundhaltung. Repressive, autokratische Regime sind in der Region weit verbreitet. Mit Ausnahme Tunesiens hat auch der Arabische Frühling daran wenig geändert. Die Augen und Ohren der Geheimdienste sind immer und überall potentiell anwesend, Regimekritiker werden diskriminiert und verfolgt, Medienzensur ist an der Tagesordnung, kritisches Denken nicht gefragt. Wer in einer solchen von Propaganda geprägten Gesellschaft aufwächst, entwickelt wohl ein gewisses Misstrauen gegenüber den Herrschenden und ihren Medienapparaten.

 

In Jordanien ist die Berichterstattung im arabischen Vergleich tendenziell liberal, von einem Klima freier Meinungsäußerung kann trotzdem kaum die Rede sein. Die »Mukhabarat« – so der arabische Ausdruck für Geheimdienst – sind auch hier, selbst wenn auf der Straße nicht erkennbar, zumindest in den Köpfen stets präsent. Die Pressefreiheit ist eingeschränkt und staatlicher Kontrolle unterworfen. Um publizieren zu dürfen, müssen jordanische Journalisten Mitglied im staatlichen Presseverband, der »Jordan Press Association« (JPA), sein.

 

Öffentliche Kritik am Staat wird nicht oder nur zu einem gewissen Grad geduldet. Das musste auch der kritische Online- Nachrichtenblog 7iber am eigenen Leibe spüren, der in den letzten Jahren immer wieder mit Sperrungen zu kämpfen hatte. Was jedoch an Informationen auf Facebook und Twitter kursiert, entzieht sich vielfach der staatlichen Zensur. Den Mainstream-Medien widersprechende Gerüchte könnten daher leicht als unzensierte Wahrheit aufgefasst werden.

 

Die im Nahen Osten immer wieder auftauchenden Narrative kommen also nicht von Ungefähr. Sie entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern sind durchaus historisch und gesellschaftlich begründbar. Als Teil einer arabischen Identität haben sich – zu einem gewissen Grad – historisch verankerte Feindbilder herausgebildet. Je nach Herkunft, gesellschaftlichem oder persönlichem Hintergrund ist der Gegner ein anderer. In Jordanien sind es meistens die USA, Israel oder gleich beide.

 

Kein Wunder, wo doch fast 60 Prozent der jordanischen Bevölkerung palästinensischen Ursprunges sind. Was den aktuellen Konflikt in Syrien und im Irak betrifft, so lässt sich kaum abstreiten, dass dort schon lange internationale Akteure mit realen ökonomischen, geopolitischen und sogar ideologischen Interessen am Werk sind. Längst ist der Konflikt zu einem Stellvertreterkrieg herangewachsen. Externe Mächte haben in der Tat großen Einfluss auf das, was im Nahen Osten passiert. Zu oft ist die arabische Welt zum Ziel von westlichem Interventionismus geworden. Sich in vereinfachende Pauschaltheorien zu flüchten, wird daran allerdings de facto wenig ändern. Wäre es nicht sinnvoller, real existierende Einflüsse, Abhängigkeiten und Machtgefälle mit fundierten Argumenten aufzudecken und zu kritisieren?

 

»Das ist nicht unser Krieg!« – Diese Haltung ist nach wie vor weit verbreitet

 

Seit dem 23. September 2014 engagiert sich Jordanien in der US-geführten Militärkoalition gegen den IS. Mit aller Kraft versucht das jordanische Königshaus dafür den nötigen Rückhalt in der Bevölkerung zu mobilisieren. »Kulluna al-Urdun – Wir alle sind Jordanien« heißt es in einer Image-Kampagne, die versucht, die allgegenwärtige Solidarität mit dem Schicksal des jordanischen Piloten Moaz al-Kasasbeh für die eigenen Zwecke zu nutzen. »Kulluna Moaz – Wir alle sind Moaz« hieß es seit der Gefangennahme des jordanischen Piloten auf Facebook und Twitter.

 

Als Reaktion auf dessen grausame Hinrichtung stellten sich auf einer Demonstration in Amman Menschen aus ganz Jordanien gegen den IS und erklärten ihre Loyalität zu König Abdullah II. Dabei lag die Zahl der Demonstrierenden je nach Quelle irgendwo zwischen tausenden, zehntausenden, oder gar hunderttausenden, wie in der Printausgabe der jordanischen Zeitung Al-Ghad am Tag nach der Demonstration. Von tausenden Demonstrierenden zu sprechen ist dabei wohl die realistischere Variante.

 

Bei einer Bevölkerung von rund 7,9 Millionen ist das wahrlich nicht viel, zumal allein in Amman mehr als 4 Millionen Menschen leben. Die Haltung »Das ist nicht unser Krieg!« ist nach wie vor weit verbreitet. Solange Theorien, die behaupten, dass Israel oder die USA die wahren Strippenzieher hinter dem IS sind, bei weiten Teilen der Bevölkerung Anklang finden, solange wird es auch schwierig sein, umfassende Unterstützung für den Kampf gegen die Dschihadisten zu mobilisieren. Vertreter solcher Theorien werden Jordanien lediglich als Handlanger einer amerikanisch-israelischen Verschwörung deuten. Der jordanische Staat würde also gut daran tun, gegen das von Repression, Zensur und Propaganda getragene Klima des allgemeinen Misstrauens vorzugehen. Kritisches Denken will gefördert, nicht unterbunden werden.

Von: 
Maximilian Ellebrecht

Banner ausblenden

zenith 1-21 Cover

Deal des Jahrhunderts

Vor 60 Jahren schlossen Deutschland und die Türkei ein Anwerbeabkommen, das beide Länder für immer verändert hat - zwischenmenschlich, weltpolitisch. Die neue zenith ist da, inklusive 35 Seiten Dossier zu Türken, Deutschen und Deutschtürken.