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Buchkritik: Repression und Rebellion von Karim El-Gawhary

Weniger kolonialistisch, dafür komplizierter

Feature
Unser Frühling, euer Scheitern
Der Kairoer Tahrir-Platz eine Woche nach dem Rücktritt Hosni Mubaraks Foto: Lara Baladi

Karim El-Gawhary hat als Reporter über die Revolten von 2011 berichtet – er hat Kriege beobachtet und den Kampf um Einfluss in der Region. Nun zieht er in einem lesenswerten Buch Bilanz.

Ist die »Heilige Arabische Allianz« so etwas wie der Wiener Kongress des 21. Jahrhunderts? Auf den ersten Blick scheint der Vergleich an den Haaren herbeigezogen. Doch der Nahostkorrespondent Karim El-Gawhary zeigt in seinem Buch »Repression und Rebellion. Arabische Revolution – was nun?« deutlich die Gemeinsamkeiten auf.

 

Wie die europäischen Mächte 1815 hatten Ägyptens Präsident Abdel-Fattah Al-Sisi, die Kronprinzen aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) sowie der König von Bahrain nach den Aufständen 2011 ein gemeinsames Ziel: eine restaurative Neuordnung nach den eigenen Spielregeln.

 

Besonders in Form von Stellvertreterkriegen versuchen die Regionalmächte – allen voran Saudi-Arabien und die VAE, ihre Macht auszuweiten. Die Kriege in Libyen und im Jemen stehen dabei als Sinnbild für die »Fähigkeiten« der beiden Monarchien. Wenn dann auch noch andere regionale Größen – Iran, Israel und die Türkei – mitmischen wollen, geht das zu Lasten der Zivilbevölkerung, so El Gawhary. Er kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: »Die Welt ist weniger kolonialistisch, dafür aber viel komplizierter geworden.«

 

El-Gawharys Buch ist eine Bilanz der Aufstände von 2011 und ihrer noch heute spürbaren Folgen. Alle sieben Kapiteln sind gespickt mit Berichten der Menschen vor Ort, die der langjährige Korrespondent bei seinen Reisen getroffen hat. Neben reportagigen Elementen erklärt El-Gawhary die Hintergründe der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und stellt Mutmaßungen über einen Nahen Osten nach der Corona-Pandemie an.

 

Die Wünsche der Bevölkerung, wie des Straßenkehrers Adham aus Ägypten, der Schülerinnen einer Mädchenschule in Mossul oder aber der Köchin Awadiya, die für die Demonstranten in Khartum sorgt, könnten nicht ähnlicher sein – trotz ihrer geografischen Distanz.

 

Sie lassen sich herunterbrechen auf die Hoffnung nach mehr Sicherheit, Stabilität, nach einem funktionierenden Bildungs- und Sozialsystem. Armut, Ungleichheit und Machtlosigkeit hätte sich als alternativer Titel für das Buch angeboten, immerhin kommt der Autor immer wieder auf dieses Dreigespann zurück, das die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer macht.

 

In Ägypten ist das Morgen blockiert

 

Der Gegensatz zwischen Repression und Rebellion ist prägend für die letzten zehn Jahre in der Region gewesen und El-Gawhary geht davon aus, dass er es auch in den nächsten Jahren sein wird. Er findet den Gegensatz im Arabischen Frühling von 2011 (der ersten Arabellion) und in der Arabellion 2.0, wie er die Proteste in Algerien, Sudan, Irak und Libanon seit 2019 nennt, wieder. Eine Begegnung mit Personen aus der Region reiht sich in diesem ausdrucksstarken Buch an die nächste.

 

Unterfüttert wird alles durch Hintergrundinformationen – zum Sturz Mubaraks, über die Interessen der beiden Kronprinzen am Golf bis zur Rolle der USA und Europas im Nahen Osten. Um zwischen den persönlichen Eindrücken El-Gawharys und den Geschichten der unzähligen Protagonisten nicht den Faden zu verlieren, erklärt der Autor einzelne Ereignisse umfassend und zeigt deren Zusammenhang auf. Dabei kommt er zum Ergebnis: »Waren die letzten zehn Jahre nach der ersten Arabellion eine turbulente Zeit, werden die nächsten Jahre in der Region stürmisch werden.«

 

Chronologisch den Entwicklungen des Arabischen Frühlings folgend, beginnt das Buch mit Tunesien und Ägypten – 2011 brachten die Proteste, ausgehend von Tunesien, die Region und ihre Autokraten ins Wanken. Nach kurzer Zeit zeigten sich im Norden Afrikas zwei Szenarien für den Ausgang der Proteste – einerseits etablierte sich eine Demokratie in den Kinderschuhen und anderseits riss ein Militärregime die Macht an sich.

 

Es scheint, dass Tunesien einer hoffnungsvollen Zukunft entgegensteuert, obwohl viele Jugendliche in den Islamismus abgerutscht sind. Für Ägypten hingegen, wo El-Gawhary selbst lebt, ist er weniger zuversichtlich: »In Ägypten hat das Gestrige, das Militär, das Vorgestrige, die Muslimbrüder, vollkommen ausgeschaltet und damit das Morgen blockiert.«

 

Bereits im Fall Tunesien wirft der Autor die Frage nach der islamischen Radikalisierung der Jugendlichen in den Raum. Ein Überblick von Al-Qaida bis zum »Islamischen Staat« IS) verhilft zum nötigen Hintergrundwissen. Für El-Gawhary ist klar, dass drei Faktoren zum Erstarken der Islamisten geführt haben, nicht nur in Tunesien: die fehlende Perspektive der jungen Generation, das unheilvolle Festhalten des Westens an Autokraten in der arabischen Welt und ein zunehmend religiöser Diskurs in der Region.

 

Besonders den Umgang mit dem Erbe des IS – den Kindern ehemaliger Kämpfer – sollte im Antiterrorkampf Beachtung geschenkt werden, so El-Gawhary. Ob ein Ende in Sicht ist, fragt sich der Autor: »Solange die gleichen Bedingungen herrschen, die es militanten islamistischen Organisationen leicht machen, neu zu rekrutieren, so lange werden sie nicht aussterben, egal wie oft deren Nummer Eins ausgeschaltet wird.«

 

Die Risse im System werden größer

 

Wie auf einer To-Do-Liste hakt El-Gawhary ein Schlagwort nach dem nächsten ab, das einem zum Thema Arabischer Frühling und dessen Folgen in den Sinn kommt. Nun also der US-amerikanische und europäische Einfluss. Für den Autor ist klar, dass die Europäer die falschen Partner im Nahen Osten ausgewählt haben, wodurch sie sich geradewegs in ein Dilemma manövriert haben.

 

Aus den eigenen Prinzipien abgeleitet, müssen Staaten für deren Menschenrechtsverletzungen verurteilt werden, was sich als schwierig darstellt, wenn diese Staaten gleichzeitig den Ölfluss sichern und scheinbar gegen Terrorismus kämpfen. Unter Trump sei aus den USA zumindest keine militärische Initiative zu befürchten, gleichzeitig bieten sich die Vereinigten Staaten aber auch nicht verlässlichen Partner an.

 

Die Kluft zwischen den bevölkerungsreichsten und den ölreichsten Ländern weitet sich zunehmend – Korruption, Vetternwirtschaft und Klientelismus spielen dabei eine große Rolle. Kaum verwunderlich, dass sich die junge Generation dagegen auflehnt. Besonders bei den Protestbewegungen der Arabellion 2.0 bemerkt El-Gawhary interessante Phänomene – die Proteste kommen aus den Städten und es ist die soziale Identität, die zusammenschweißt und nicht wie vorher die religiöse.

 

Die Proteste brachen los in den Ländern, die während der ersten Welle des Arabischen Frühlings 2011 unauffällig geblieben waren, wie Sudan und Algerien, und schwappten über auf den Irak und den Libanon. Besonders im Libanon ist klar, so El-Gawhary, dass die alten Eliten »das Land buchstäblich an die Wand gefahren« hatten.

 

2020, so schreibt El-Gawhary, hat die Corona-Pandemie »den Autokraten eine kurze Atempause verschafft.« Demonstranten übten sich im Social Distancing und verließen ihre angestammten Plätze und gleichzeitig erlaubten eine Reihe von neuen Trackingsoftwares und Apps die bessere Überwachung der eigenen Bevölkerung. Doch was kommt nach der Pandemie? El-Gawahry ist sich sicher, dass die »bereits bestehenden Risse im arabischen System noch größer werden.« Der Gegensatz zwischen Rebellion und Repression wird immer wieder auf den Straßen ausgekämpft werden.

 

Ihm ist ein interessantes Werk gelungen, das einen tiefgreifenden Einstieg in die Region erlaubt und gleichzeitig die persönlichen Geschichten nicht zu kurz kommen lässt. Wenngleich die Auswahl der Oberthemen nicht überrascht, überzeugt das Buch durch die Mischung aus Reportage und Fakten. Da fällt es dann auch nicht weiter ins Gewicht, wenn manchmal der Fernseh-Reporter im Autor durchkommt und er versucht, mit Phrasen wie »bleiben sie dran« die Leser am Ball zu halten.



Repression und Rebellion: Arabische Revolution, was nun?

Repression und Rebellion:
Arabische Revolution, was nun?

Karim El-Gawhary
Kremayr & Scheriau, 2020
224 Seiten. 24 Euro

Von: 
Annika Scharnagl

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