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Follow Friday: Die Krisenkommunikation der Regierungen im Nahen Osten

Der Staat zieht nach

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Follow Friday

Die rapide Ausbreitung des Coronavirus zwingt Regierungen weltweit zu immer drastischeren Maßnahmen. Auch im Nahen Osten spitzt sich die Lage zu. Nun sollen die Menschen zum Kampf gegen das Virus animiert werden.

Seit Ende Februar in Iran Meldungen über die ersten Fälle von Covid-19 bekannt wurden, steht die Regierung für das schlechte Krisenmanagement in der Kritik. Anfangs wurde die Ausbreitung vor allem dadurch beschleunigt, dass viele Menschen den Anweisungen und Informationen der iranischen Führung misstrauten.

 

Nun hat das Virus auch die anderen Länder des Nahen Ostens erfasst. Einige reagierten sofort und schlossen Grenzen und Flughäfen. Andere, wie Ägypten oder Tunesien, fürchteten um den Einbruch des für das wirtschaftliche Überleben notwendigen Tourismus und spielten die Gefahr zunächst herunter.

 

Seit dieser Woche lassen sich die verheerenden Folgen der Pandemie nicht mehr verschleiern. Die Behörden appellieren an ihre Bürger, Beschränkungen und Hygienevorschriften einzuhalten. Staatliche Stellen verhängen Ausgangssperren, erteilen Tipps zur heimischen Quarantäne und wollen in erster Linie demonstrieren, dass sie Herr der Lage sind.

 

1.) Patrice Bergamini

In Tunesien gelten seit diesem Mittwoch besonders strenge Auflagen, darunter abendliche Ausganssperren, Schließung von Cafés und Restaurants, von Grenzen und Flughäfen. Tunesien fährt das öffentliche Leben herunter. Der Botschafter der EU in Tunesien, Patrice Bergamini, verweist auf die unbedingte Notwendigkeit, diesen Anweisungen nachzukommen. Dabei hat er sicherlich auch das Beispiel seiner französischen Landsleute im Blick, für die seit Sonntag Ausgangssperre gilt.

 

2.) Kuwaitisches Gesundheitsministerium

»Die häusliche Quarantäne ist eine nationale Pflicht« - mit diesen patriotischen Worten wendet sich das kuwaitische Gesundheitsministerium an die Bevölkerung. In einem kurzen Video auf Twitter wird gezeigt, wie man sich in der Selbstisolation verhalten soll. Mittlerweile hat auch Kuwait seinen Flugverkehr eingestellt. Gastarbeiter aus Ägypten, Syrien oder dem Libanon müssen vor der Einreise durch einen Test bescheinigen, virenfrei zu sein.

 

3.) Mahmoud Gamal

Seit dem Militärputsch 2013 in Ägypten kennt man am Nil vornehmlich eine Antwort auf den Umgang mit politischen Krisen: Das Militär selbst. Mahmoud Gamal vom Armeefachportal SDArabia veröffentlichte auf seinem Twitter-Kanal ein martialisches Video der ägyptischen Streitkräfte, die sich offenbar im Krieg gegen einen unsichtbaren Gegner wähnen. Soldaten, Fahrzeuge und Hubschrauber – Ex-General Sisi setzt auf Altbewährtes in der Corona-Krise. Seit dem 18. März wurden zudem sämtliche Flugverbindungen von und nach Ägypten ausgesetzt.

 

4.) Omanisches Gesundheitsministerium

Das Gesundheitsministerium in Oman setzt hingegen auf Humor: Das Coronavirus stellt sich den Bürgern selbst vor und verspricht, sich nicht weiter zu verbreiten, sollten die Menschen den Anweisungen der Gesundheitsbehörden folgen. Dazu gehörten vor allem das richtige Husten und Niesen sowie regelmäßiges Händewaschen. Flankiert werden diese Hinweise mit der Aufforderung, das Haus nicht zu verlassen.

 

5.) Elizabeth Tsurkov

Die Syrische Armee hätte Syrien schon von vielen Keimen befreit, sagt der syrische Gesundheitsminister Nizar Yazagi in einem TV-Interview in der vergangenen Woche. Elizabeth Tsurkov, Fellow des Foreign Policy Research Institute, macht auf den Vergleich Yazagis zwischen der Corona-Pandemie und dem jahrelangen Vorgehen der syrischen Armee gegen die eigene Bevölkerung aufmerksam. Obwohl nun auch in Syrien Schulen und Universitäten geschlossen sind, streiten offizielle Stellen ab, dass es überhaupt Infektionen mit dem Coronavirus im Land gebe.

 

6.) Weißhelme

Die »Weißhelme« sehen das naturgemäß anders: Man nehme eine mögliche Epidemie im Land sehr ernst. Vor allem die Binnenflüchtlinge leben unter äußerst prekären Umständen – ideale Bedingungen für eine weitere Ausbreitung des Virus. Die Weißhelme haben deshalb selbständig den Ausnahmezustand verhängt und setzen sich nun für mehr Desinfektionsmaßnahmen in Schulen, öffentlichen Orten und Geflüchtetenlagern in Nordsyrien ein.

Von: 
zenith-Redaktion

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