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Geflüchtete aus Subsahara-Afrika in Ägypten und sexualisierte Gewalt

Endstation Kairo

Reportage
von Mona Allam
Geflüchtete aus Subsahara-Afrika in Ägypten und sexualisierte Gewalt
Illustration: Aya Hamdy

Das Leben geflüchteter Menschen in Ägypten ist hart. Insbesondere für Frauen aus den Ländern Subsahara-Afrikas kommt neben Rassismus und Armut noch eine weitere, existenzielle Bedrohung hinzu: sexualisierte Gewalt.

Amal* kann das Gesicht auf dem Foto nicht vergessen, das in dem Haus, in dem sie arbeitete, an der Wand hing. Amal ist 30 Jahre alt, Mutter mehrerer Kinder und die Frau eines Mannes, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Die beiden wurden getrennt, als das sudanesische Regime das Paar aufgrund ihrer Stammeszugehörigkeit verhaftete.

 

Obwohl Amal damals schwanger war, schlugen und missbrauchten die Gefängniswärter die junge Sudanesin. Erst zwei Wochen später wurden sie entlassen. Wie es um ihren Mann steht, weiß sie bis heute nicht. Tränen ersticken ihre Worte, als sie von den schmerzhaften Erinnerungen berichtet.
Nach ihrer Entlassung floh die schwangere Amal mit ihren Kindern nach Ägypten. Dort kam sie bei einer Freundin und deren Mann in der Hauptstadt Kairo unter. »Sie haben es nicht lange mit uns ausgehalten – mit mir, den Kindern und einem weiteren Baby auf dem Weg. Nach einer Woche haben sie uns rausgeworfen.«

 

Geflüchtete aus Subsahara-Afrika in Ägypten und sexualisierte Gewalt
Illustration: Aya Hamdy

 

Schließlich hilft eine andere Freundin ihr, Fuß in der fremden Stadt zu fassen. Sogar Arbeit findet die Sudanesin. Die Familie, die sie anstellte, besteht aus der Frau des Hauses, die sie Madame nennen muss, dazu ihren beiden Kindern und dem Ehemann. Das Foto mit seinem Gesicht ist es, das Amal nicht vergessen kann.

 

Auch als die »Madame« verreist war, kümmerte sich die Geflüchtete um den Haushalt. Doch der Ehemann nutzt die Abwesenheit seiner Frau und vergewaltigt Amal. Verletzt und verängstigt verlässt sie das Haus und kehrt niemals zurück. Bis heute lebt sie in Angst: »Der Mann bedrohte mich«, sagt sie. »Er ließ mich wissen, dass er sofort erfahren würde, sollte ich mit jemandem reden. Also schwieg ich.«

 

Die Täter sind in der Regel älter, größer und einflussreicher als ihr Opfer

 

Amal ist eine von vielen afrikanischen Frauen, die nach Ägypten flüchten und dort sexualisierter Gewalt ausgeliefert sind – viele Täter müssen kaum Konsequenzen fürchten. Laut Statistik des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen wurden allein 2018 1.231 derartige Fälle von Ausländern in Ägypten gemeldet – viele der Opfer stammen aus anderen afrikanischen Ländern, aber auch aus dem Irak und dem Jemen.

 

Das entspricht laut UNHCR mehr als 80 Prozent aller im Land gemeldeten Fälle sexualisierter Gewalt. Von den 1.231 erfassten Fällen sexualisierter Gewalt entfallen 696 auf Vergewaltigungen, 239 auf sexuelle Übergriffe. 155 auf körperliche Angriffe, 109 Fälle psychischer und emotionaler Gewalt und 28 Fälle von Zwangsehen.

 

Was derartige Verbrechen auslösen können, weiß Jaidaa Makky, Dozentin und Assistenzprofessorin für Psychologie und neurologische Erkrankungen an der Universität Alexandria. Sie betrachtet sexualisierte Gewalt als Verbrechen, die auf Machtmissbrauch basieren. Der Täter sei oftmals eher durch Machtfantasien motiviert als von sexuellem Verlangen. Die Täter, sagt Makky, seien in der Regel älter, größer und einflussreicher als ihr Opfer.

 

Zusätzlich zu den körperlichen Verletzungen, die in den meisten Fällen eine medizinische Behandlung erfordern, erleiden Opfer immer wieder auch schwere neurologische Schocks, berichtet Makky. Dauer und Symptome unterscheiden sich von Fall zu Fall, es käme aber etwa zu Angst und Panikattacken, Phobien und Herzrasen, Schlafstörungen und Alpträumen.

 

Symptome, unter denen auch Amal litt. »Ich konnte aufgrund der Drohungen überhaupt nicht mehr schlafen«, erinnert sie sich. Wochenlang habe sie nach der Vergewaltigung durch ihren Arbeitgeber unter Schock gestanden. Wie viele Opfer hatte auch Amal weder die Gelegenheit, noch die nötigen Ressourcen, um sich zu erholen und das Geschehene zu verarbeiten. Schnellstmöglich musste sie eine neue Arbeit finden, um ihre Kinder zu versorgen. Trotz ihrer handwerklichen Begabung nahm sie am Ende notgedrungen erneut eine Stelle als Haushaltshilfe an.

 

Geflüchtete aus Subsahara-Afrika in Ägypten und sexualisierte Gewalt
Illustration: Aya Hamdy

 

Flüchtlinge, die in Kairo ankommen, leben oft in einkommensschwachen Vierteln. Dort liegen die Wohnungen, die für sie erschwinglich sind. Einheimische meiden diese Orte insbesondere nachts, aus Angst, selbst Opfer eines Verbrechens zu werden. Geflüchtete aus Subsahara-Afrika und ihre Familien sind dort oft nicht nur Kriminalität, sondern auch rassistischer Diskriminierung und Belästigung ausgesetzt.

 

Doch es war nicht dieser Ort, an dem Amal erneut Opfer sexualisierter Gewalt werden sollte, sondern eine vornehme Villa. 300 ägyptische Pfund, etwas weniger als 17 Euro, verdiente sie dort am Tag für ihre Arbeit als Haushaltshilfe. Als die Frau ihres Arbeitgebers rasch ein paar Besorgungen machte, wurde sie erneut vom Hausherren belästigt. »Ich habe eine Phobie entwickelt, mit Männern alleingelassen zu werden, wenn die Frauen nicht im Haus sind«, erzählt Amal. Nur mit Unterwäsche bekleidet, forderte der Mann sie damals auf, ihn zu massieren. »Als ich mich weigerte, drohte er mich zu feuern«, erklärt Amal. »Also verließ ich das Haus und verzichtete auf den Tageslohn.«

 

»Ich wusste nicht, was ich machen soll«

 

Sie hatte nicht mehr als zwölf Pfund in der Tasche, als sie von der Villa zur Hauptstraße lief. »Es war etwa 16 Uhr und die Straßen waren leer«, erinnert sie sich. Plötzlich versperren ihr drei junge Männer den Weg. »Sie schleppten mich in ein verlassenes Haus, schlugen und vergewaltigten mich. Niemand war in der Nähe, um mir zu helfen.« Unter Tränen zeigt Amal auf die Spuren der Misshandlung an Arm und Handgelenk. Sie ist sicher, dass ihr Arbeitgeber die Männer schickte. Sie schrien sie an, dass sie »nicht mache, was man ihr sage« und drohten, sie des Diebstahls in der Villa zu bezichtigen, sollte sie zur Polizei gehen.

 

In Ägypten stellen aus anderen afrikanischen Ländern geflüchtete Menschen nach Syrerinnen und Syrern die größte migrantische Gruppe. Laut UNHCR stammten Ende 2018 noch 36 Prozent aller Geflüchteten aus Sudan, Südsudan, Äthiopien und Eritrea. Im September 2020 stieg dieser Anteil auf mehr als 40 Prozent.

 

Jaidaa Makky von der Universität Alexandria unterstreicht, dass die Folgen solcher Verbrechen für Geflüchtete oft besonders schlimm seien. Insbesondere bei Frauen, die aufgrund ihrer Sprache, Religion und ihres Aussehens zusätzlich unter rassistischer Diskriminierung leiden. Sie werden oft depressiv und fühlen sich ohne familiäres Netz und eigenen Freundeskreis hilflos. Um so jünger das Opfer sei, um so drastischer seien die psychischen Folgen sexualisierter Gewalt, so Makky.

 

Auch davon weiß die Sudanesin Amal zu berichten. Ihre Tochter wurde auf dem Schulweg angegriffen, mehrere Männer versuchten, sie in ein Auto zu zerren. Erst das Eingreifen einer Passantin konnte schlimmeres verhindern. Doch neben den körperlichen Spuren des Angriffs leidet Amals Tochter auch unter den psychischen Folgen. Sei weigerte sich, weiter zur Schule zu gehen oder das Haus zu verlassen. Bis heute leidet sie unter Panikattacken.

 

Laut UNHCR-Statistik von 2018 waren in 267 von insgesamt 1.231 gemeldeten Fällen sexualisierter Gewalt Minderjährige betroffen – der Großteil davon Mädchen und davon wiederum lebten die meisten bei ihrer Familie. Auch in diesem Alterssegment machen Vergewaltigungen und versuchte Vergewaltigungen das Gros der Taten aus.

 

Oft wächst in solchen Fällen ein Gefühl der Hilflosigkeit. »Ich wusste nicht, was ich machen soll«, erinnert sich auch Amal an ihre eigene Vergewaltigung den Angriff auf ihre Tochter. »Ich verstand noch nicht viel und hatte Angst, weil ich bedroht wurde.« Beim UNHCR habe man ihren Fall lediglich aufgenommen, erinnert sie sich. Weitere Ermittlungen oder Gespräche mit der Polizei habe es nicht gegeben. Bis heute wurde keiner der Täter gefasst oder verhaftet.

 

Amal wird heute selbst in der Gesellschaft ihrer eigenen Kinder nervös

 

Für Jaidaa Makky ist der Wunsch des Opfers, den Täter zu verklagen, ein gesundes Zeichen dafür, dass sich das Opfer trotz der erfahrenen Gewalt noch als Mensch mit Rechten versteht. Wenn das Verlangen nach Gerechtigkeit abnimmt, so Makky, kann das eine Art Selbstaufgabe bedeuten. Der Mensch wird zu einer Art Maschine, es geht dann einzig und allein ums Überleben.

 

Seit dem März 2020 spürt Amal wie viele Geflüchtete in Ägypten die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie. Nachdem ihre letzte Arbeitgeberin das Arbeitsverhältnis beendete, sucht sie nun verzweifelt nach einer neuen Anstellung. Die junge Frau ist im Mietrückstand und ihr Vermieter macht immer mehr Druck. Um wenigstens genug zu Essen für ihre Kinder zu sichern, wendet sie sich zur Unterstützung an katholische Einrichtungen in Kairo.

 

Laut einer UNHCR-Erhebung von 2019 »leben 80 Prozent der Flüchtlinge in Ägypten unter miserablen humanitären Bedingungen und haben kaum die Mittel, um ihre Grundbedürfnisse zu sichern.« Das Hilfswerk macht dafür fehlende finanzielle Mittel verantwortlich. Bereits vor der Pandemie reichten die nicht aus, um eine umfassende Versorgung der Flüchtlinge sicherzustellen. Da viele Migranten, die im informellen Sektor Arbeit gefunden hatten, nun wieder auf der Straße stehen, hat sich die Lage weiter zugespitzt.

 

Derartige ökonomische Bedingungen machen Geflüchtete zu besonders gefährdeten Menschen. Im Kombination mit begrenztem Zugang zu Bildung und Sprachbarrieren werden Asylsuchende in den meisten Ländern zu schutzlosen Außenseitern und damit eher zu Opfern sexualisierter Gewalt. Laut der UNHCR-Studie sprechen viele Migranten in Ägypten, die aus Ländern südlich der Sahara stammen, weder Arabisch noch Englisch. Aufgrund der finanziellen und sozialen Herausforderungen sind sie auf die Hilfe anderer angewiesen, um tägliche Besorgungen zu machen und ihre Grundbedürfnisse zu sichern.

 

Fast die Hälfte der Geflüchteten, die nicht aus Syrien stammen, haben nie eine Ausbildung erhalten. Die UNHCR-Studie führt aus, Arbeit zu finden sei generell eine Herausforderung für afrikanische Migranten. Viele werden ausgebeutet oder diskriminiert. Tausende afrikanische Frauen arbeiten im häuslichen Bereich, wo es zu verbalen und physischen Angriffen kommen kann. Außerdem sind viele Migranten gezwungen, ihre Wohnungen mit anderen Menschen zu teilen. Auch das erhöht die Gefahr von Übergriffen.

 

Heute beschreibt Amal ihre psychische Gesundheit als labil. Sie werde selbst in der Gesellschaft ihrer eigenen Kinder nervös und habe in der Nacht vor dem Gespräch mit zenith nicht schlafen können. Sie nimmt Antidepressiva und hat suizidale Gedanken. »Ich bin psychisch und körperlich am Ende«, erklärt sie erschöpft.

 

Viele Opfer verzichten auf eine Anzeige

 

So hart ihr Leben in Kairo ist, in den Sudan möchte sie aus Angst vor Verfolgung aber auch nicht zurückkehren. Ob sie sich vorstellen kann, erneut zu heiraten? »Soll ich etwa nochmal heiraten und noch mehr Kinder bekommen?« Dann gesteht sie: »Ehrlich gesagt, vermisse ich meinen Mann und hoffe, dass er eines Tages zurückkehrt. Noch sind nicht genügend Jahre vergangen, um ihn aufzugeben. Ich hoffe, dass ich eines Tages wieder seine Stimme hören werde, die sagt, ich bin zurückgekommen.«

 

Mitarbeiter von Organisationen, die Opfer sexualisierter Gewalt betreuen, bemängeln, dass weibliche Geflüchtete oft auf sich alleingestellt seien und nicht die gleichen Rechte wie die Bürger ihres Aufnahmelandes hätten. Sie werden oft als schutzlose Opfer gesehen. Die Gefahr droht dabei nicht nur in den eigenen vier Wänden sondern auch auf offener Straße. Oft stammen die Täter und Täterinnen sogar aus dem gleichen Land wie die Geflüchteten.

 

Bei männlichen Opfern aus afrikanischen Ländern oder auch Syrien wird oft die Wohnungs- oder Geldnot ausgenutzt. Bei Kindern stammen die Täter oft aus dem eigenen Bekannten- oder Kollegenkreis – etwa, wenn die Kinder als Verkäufer oder in Autowerkstätten arbeiten. Geflüchteten-Organisationen unterstützen dabei mit psychologischer und rechtlicher Beratung. Als Ersthilfe sind medizinische Untersuchungen vorgesehen und Behandlungen, die Infektionen und gegebenenfalls Schwangerschaften verhindern.

 

Viele Opfer verzichten vollständig auf eine Anzeige oder die Dokumentation ihres Falles, um Schuldzuweisungen, Verdächtigungen und unangenehmen Beweisführungen zu entgehen. Diese Reaktion der Opfer tritt gleichermaßen bei Migranten und Migrantinnen und Ägypterinnen und Ägyptern auf. Jaidaa Makky von der Universität Alexandria erklärt, dass das Anzeigen eines Falles das Opfer noch zusätzlich unter Druck setzen könne, da die Verantwortlichen bei der Polizei und in der Justiz in der Regel Männer seien, die dem Opfer unter Umständen unterstellen, den Übergriff provoziert zu haben.

 

Insbesondere alleinstehende Frauen haben es schwer. Wie etwa Christine, die aus dem Südsudan stammt. Sie einen Universitätsabschluss von der Universität Juba und arbeitet wie Amal als Haushalthilfe in ägyptischen Haushalten. Sie wurde von einem Mann aus ihrer Nachbarschaft verfolgt, der täglich vor ihrem Haus auf sie wartete, sie beleidigte und belästigte. Der etwa vierzigjährige Mann wollte sie dafür bezahlen, eine Beziehung mit ihm einzugehen.

 

Eines Tages klopfte er überraschenderweise an ihrer Wohnungstür. Christine, die mit ihren Kindern allein lebt, ist es gewohnt ihre Tür abzuschließen. Doch trotz der Gewissheit, dass die Tür verschlossen ist, zog sie sich mit ihrem Kind in das hintere Zimmer der Wohnung zurück und wartete darauf, dass der Mann verschwand. Aus Angst davor, dass er in ihre Wohnung einbrechen würde, wechselte sie daraufhin mit Hilfe einer Organisation ihren Wohnort.

 

»Ich bin in einer Hölle, aus der ich keinen Ausweg weiß«

 

Die Folgen sexualisierter Gewalt gegen Frauen beschränken sich aber nicht nur auf das psychische und physische Leiden. Eine Vergewaltigung etwa kann auch schwerwiegende soziale Folgen haben, etwa im Fall einer Schwangerschaft. So wie im Fall von Intissar, die ebenfalls aus dem Sudan nach Ägypten floh. Die alleinerziehende Mutter pflegte eine ältere Dame und brachte so ihre kleine Familie über die Runden, als sie von mehreren Person überfallen und missbraucht wurde.

 

»Sie haben mich angegriffen und so hart gegen den Kopf geschlagen, dass ich ohnmächtig geworden bin«, erinnert sich Intissar. Ihre Erinnerung ist ab diesem Punkt lückenhaft, was genau geschah, daran erinnert sie nicht mehr. »Ich kam zu mir und war am Boden zerstört, meine ganze Welt lag in Stücken vor mir.«

 

Einige Wochen später stellte Intissar fest, dass sie schwanger war. Sie besuchte daraufhin eine Abtreibungsklinik. Die Abtreibung schlug fehl, weil die Medikamente starke Nebenwirkungen hervorriefen. Nach der Geburt stellten sich schnell Fragen nach dem Schicksal des Kindes. Intissar war überzeugt, »ich muss es behalten!« Am Ende gelang es ihr mit Hilfe eines Anwalts immerhin eine Geburtsurkunde zu bekommen.

 

Geflüchtete aus Subsahara-Afrika in Ägypten und sexualisierte Gewalt
Illustration: Aya Hamdy

 

Mohamed Farhat, Anwalt bei der Ägyptischen Stiftung für die Rechte von Flüchtlingen (EFRR) in Kairo, weist darauf hin, dass, obwohl sie rechtlich abgesichert seien, weibliche Flüchtlinge viele Hürden zu überwinden habe, wenn sie ein Kind zur Welt bringen, dass durch eine Vergewaltigung entstanden ist.

 

Überhaupt einen Polizeibericht zu erhalten, der die Vergewaltigung dokumentiert, sei eine Herausforderung. In einigen Fällen wird eine Vergewaltigung gar nicht zur Anzeige gebracht oder die Polizei lehnt eine Aufnahme des Falles ab. Mitarbeiter in Krankenhäusern weigern sich oft, eine Geburtsurkunde auszuhändigen, einfach weil sie keine Erfahrung im Umgang mit Geflüchteten haben und den vom UNHCR ausgestellten Geflüchteten-Ausweis nicht als Nachweis der Identität anerkennen. Vorurteile können gar dazu führen, dass das Personal eine Behandlung vollständig ablehnt. Wird ein Kind aber nicht registriert, so Anwalt Mohamed Farhat, droht ihm die Staatenlosigkeit.

 

Nach der Beziehung zu ihrem Kind gefragt, schweigt Intissar, ehe sie antwortet: »Das ist ein wunder Punkt und ein großes Problem, mit dem ich mich auseinandersetze.« Sie fügt hinzu, dass das Kind der physische Beweis für die Tat ihrer Peiniger sei und sie deshalb weiterhin bedroht werde. »Ich bin in der Hölle, einer Hölle, aus der ich keinen Ausweg weiß.« Aus Angst sich und ihrer Familie zu schaden, hat sie bis heute keine Anzeige erstattet.

* Diese und weitere Namen von Opfern sexualisierter Gewalt wurden auf Wunsch der Betroffenen geändert.


Diese Recherche entstand im Rahmen des Candid-Journalism-Grant 2020.

Von: 
Mona Allam

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