×

Statusmeldung

Wir verwenden bei Ihrem Besuch auf unserer Webseite Cookies. Indem Sie unsere Webseite benutzen, stimmen Sie unseren Datenschutzrichtlinien zu. Einverstanden

Lesezeit: 10 Minuten
Islam in den Medien

»Geht es auch etwas islamischer?«

Essay
Aus der Reihe »Poesie« von Sandra Ratkovic aus dem zenith-Fotopreis 2014
Aus der Reihe »Poesie« von Sandra Ratkovic aus dem zenith-Fotopreis 2014 Foto: Sandra Ratkovic

Kopftuch, Kapuzenpullover und Salafistenbart – das Repertoire vermeintlich typisch islamischer Symbole verzeichnete in den vergangenen Jahren einige Neuzugänge. Ihre Botschaft ist dieselbe geblieben: Der Islam ist stets irgendwie anders und fremd.

Im Mai 2006 berichtete der WDR auf seinen Online-Seiten über das sogenannte »Kopftuch-Verbot«, das der nordrhein-westfälische Landtag soeben beschlossen hatte. Kurios sei es, so heißt es im Text, dass das Kopftuch selbst im Gesetzestext gar nicht erwähnt werde. Etwaigen Unklarheiten beugt jedoch das den Beitrag illustrierende Foto vor: Mit dem Rücken zur Kamera gewandt, schreibt eine Kopftuch tragende Frau das Wort »Integration« an die Tafel.

 

Vier Jahre später berichtete der Focus auf seinen Online-Seiten über Pläne der italienischen Regierung für eine Migrantenquote an Schulen, die den Anteil von Kindern ausländischer Herkunft auf maximal 30 Prozent pro Klasse beschränkt. Auch ein kurzer Verweis auf die Verhältnisse an deutschen Schulen findet sich im Beitrag. Von Muslimen oder der islamischen Religion ist im Text keine Rede – das begleitende Foto aber ist kein unbekanntes: Wieder ist die mit dem Rücken zur Kamera gewandte Frau mit Kopftuch zu sehen, das Wort »Integration« an die Tafel schreibend.

 

Weitere vier Jahre später, im Juni 2014, berichtete die Augsburger Allgemeine über den Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Bayern. Auch in diesem Beitrag finden Muslime mit keinem Wort Erwähnung. Dennoch zeigt das Aufmacher-Foto wieder die uns mittlerweile bekannte Kopftuch tragende Frau, wie sie das Wort »Integration« an die Tafel schreibt. Dieses Mal immerhin in einer Variation: Statt von hinten sehen wir sie in der Augsburger Allgemeinen im Profil. Lächelnd.

 

Die vom ehemaligen Bundespräsidenten und Schirmherren des ersten zenith-Fotopreises Christian Wulff 2010 angestoßene Diskussion, ob der Islam nun zu Deutschland gehöre und wenn ja, in welcher Weise, taten der kontinuierlichen Veröffentlichung des Fotos in den verschiedensten thematischen Zusammenhängen keinen Abbruch: Der »Mediendienst Integration« dokumentierte 2014 in einem viel beachteten Artikel die Karriere des 2004 vom ehemaligen dpa-Volontär Patrick Lux gemachten Fotos der Muslimin an der Tafel und kürte es zum »Klassiker unter den Symbolbildern«. 

 

Die Klassiker der Islam-Schaubilder

 

Tagesschau, ORF, Rheinischer Merkur, Focus, WDR: Seit zehn Jahren verwenden deutschsprachige Medien das Foto nun schon als »Symbolbild« für alles, was auch nur im Entferntesten mit Muslimen zu tun haben könnte. Und tatsächlich: Sucht man von einer deutschen Online-Redaktion aus in den Bildarchiven nach Fotos zu den Themenfeldern Integration, Migration oder Islam, taucht das besagte Bild stets ganz oben auf. Die Archivsuche filtert es jedoch auch unter Eingabe noch abstrakterer Begriffe wie Politik, Frauen, Schule, Sprachen oder gar Türkei heraus.

 

Nun arbeiten Nachrichtenredaktionen stets unter Zeitdruck und fast schon naturgemäß auf den letzten Drücker, bei Online-Redaktionen erhöht sich das Arbeitstempo zusätzlich. Und da nicht jeder Online-Redakteur Fachmann auf all jenen Gebieten ist und sein kann, die er redaktionell betreut, greift man in der Eile oftmals einfach zu dem, was das Bildarchiv hergibt.

 

Ein prägnantes Bild muss her, das dem Leser klar macht, worum es geht, noch ehe er sich dem Text zuwendet. Geht es etwa um den afrikanischen Wirtschaftsboom, wird der Text mit einem Foto schwarzer, hagerer Bauern auf kargen Feldern illustriert. Hängt das Thema mit Muslimen oder Migranten zusammen, bedarf es ebenfalls vermeintlich eindeutiger Motive. Liefert man selbst Bildmaterial zu einem Text mit, muss man auch auf die Nachfrage des betreuenden Redakteurs gefasst sein, ob man nicht »etwas Islamischeres« im Angebot habe. Etwas Griffiges eben. Und das Kopftuch gilt nun einmal nach jahrzehntelangen Debatten als so griffig wie kaum ein anderes Symbol für islamverwandte Themen.

 

Fotos fern der Lebenspraxis – aber mit Symbolwert

 

Die Bildauswahl im Redaktionsalltag muss schnell gehen, die Illustration soll vertraute Assoziationen wecken – ob mit Vorurteilen oder Wahrheiten, ist zunächst egal. Was zählt, ist der Blickfang. Das ist unter ökonomischen Gesichtspunkten nachvollziehbar, schließlich geht es um die Auflage. Doch ob man auf diese Weise komplexen Themen wirklich gerecht werden kann, ist fraglich. Wenn es auch noch um von Stereotypen und Vorbehalten geradezu verminte Themenfelder wie »Muslime in Deutschland«, deren Integration und das Zusammenleben innerhalb unserer Gesellschaft geht, wird zudem deutlich, wie groß die Wirkung von Bildern ist – und wie sie die Wahrnehmung von Realitäten beeinflussen können.

 

Schauen wir uns einmal die Fakten an: Über 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben in Deutschland, ein gutes Viertel davon, etwa vier Millionen, sind muslimischen Glaubens. Circa 53 Prozent dieser Muslime mit Migrationshintergrund sind männlich. Die überwiegende Mehrheit der in Deutschland lebenden Musliminnen, rund 70 Prozent, trägt kein Kopftuch, bei den in Deutschland geborenen sind es noch weniger. Sie arbeiten als Anwältinnen, sind Ministerinnen, Lehrerinnen oder Bankerinnen. Und doch dominiert in deutschsprachigen Massenmedien das Bild der kopftuchtragenden Muslimin, die sich in einem Klassenzimmer mit Integration befasst.

 

Natürlich gibt es auch Variationen des Kopftuch-Motives, auf die immer dann zurückgegriffen wird, wenn ein prägnantes Symbolbild her muss: Gruppen von verschleierten Musliminnen, einzelne verschleierte Musliminnen mit gesenktem Haupt vor der Kulisse vermeintlicher Problembezirke oder verschleierte Musliminnen, die mit ernstem Blick unter dem Kopftuch oder dem Niqab hervorblicken. Von diesen Motiven abweichende Bilder finden ihren Weg allenfalls durch Initiativen wie den zenith-Fotopreis auch auf die Onlineseiten großer Medien. Lächelnde, selbstbewusste, humorvoll und ironisch auftretende Musliminnen werden dann auch für ein breites Publikum sichtbar.

 

Im generellen Zusammenhang mit den jeweiligen, meist negative oder zumindest problematische Meldungen transportierenden Schlagzeilen entwickelt sich jedoch aus der stetigen Reproduktion des Kopftuch-Motivs eine Assoziationskette in den Köpfen des Publikums, vor allem des nicht-muslimischen. Verwendet für alles, was mit dem Islam oder Migrationsbewegungen und dem Zusammentreffen mit anderen, noch immer als fremd dargestellten Kulturen, entwickelte sich das Kopftuch in den vergangenen Jahren zum vielfach belegten Symbol.

 

Es steht für Zweifel an der Gleichberechtigung von Mann und Frau, für Unterdrückungsmechanismen, für Abgrenzung, wahlweise auch für extremistische Auslegungen des Islam, kurz: Für Fremdartigkeit und Bedrohung. Dass diese Assoziationen auch bei alltäglichen Begegnungen jenseits der Magazin-Seiten und des Bildschirms zum Tragen kommen, ist da wenig verwunderlich.

 

Obwohl sie rein zahlenmäßig in der Minderheit sind, haben Musliminnen einen großen Vorsprung gegenüber ihren Glaubensbrüdern, wenn es um die bildliche Darstellung in deutschen Medien geht. Der Blick auf die Titelseiten großer Magazine der letzten Jahre zeigt dies noch deutlicher als die Recherche in Bildarchiven. Von der 2006 auf dem Focus-Titel thematisierten »Multikulti-Lüge« über die 2008 vom Spiegel ausgerufene »Alarmstufe Grün« bis hin zu den vermeintlichen Wahrheiten über die »Dunkle Seite des Islam«, mit denen der Focus 2014 sein Publikum behelligte: Immer wieder ist es die – selbstverständlich verschleierte – Muslimin, die auch dem letzten potentiellen Leser möglichst schnell und  unmissverständlich klar machen soll, worum es geht.

 

Muslimische Männer rücken in den Fokus – solange sie Bart tragen. Oder Kapuzenpullover

 

Männliche Muslime tauchten hingegen lange nur als Statisten in einer diffusen Kulisse auf, stets in Gruppen, etwa vor Moscheen stehend oder beim gemeinsamen Gebet. Ähnlich wie das Kopftuch suggeriert die synchrone, kniende Körperhaltung der Betenden dem nicht-muslimischen Betrachter vor allem eins: Fremdartigkeit. Einen Klassiker dieses Motivs schuf 2004 der Focus mit seiner Titelgeschichte »Unheimliche Gäste«. Knapp zwei Dutzend Männer sind auf diesem Cover beim Beten zu sehen, in schwarzweiß und von hinten aufgenommen. Dass die Gesichter der »Gäste« nicht zu sehen sind, lässt sie natürlich gleich noch »unheimlicher« wirken.

 

Doch gerade in den vergangenen fünf Jahren holen muslimische Männer auf. Seit medienwirksame Protagonisten wie der Rheinländer Salafist Pierre Vogel die Bühne betraten, Koran-Verteilungen in deutschen Innenstädten stattfanden und zuletzt der »Islamische Staat« (IS) und die Faszination des Salafismus für junge Männer in ganz Europa  regelmäßig Thema der Berichterstattung sind, rückt ein neues Motiv immer stärker in den medialen Vordergrund: Der muslimische Mann.

 

Wieder ist es der Blick ins Bildarchiv, der Erstaunliches zutage fördert: Muslimische Männer in Deutschland scheinen stets damit beschäftigt zu sein, zu beten, zu demonstrieren oder zu randalieren. Alleine sind sie dabei nie, sie treten immer als Teil einer Gruppe auf. Da zeigen die Titelseiten der großen Blätter schon mehr Mut zum Einzelmotiv. So hob der Spiegel 2014 einen offensichtlich jungen Mann aufs Cover. Sein Gesicht verschwindet zwar unter der dunklen Kapuze seines Pullovers, aber der dort angebrachte Aufdruck – das islamische Glaubensbekenntnis in genau jener stilistischen Form, wie es auch auf den IS-Flaggen zu sehen ist – macht klar, worum es geht: Den »Dschihad-Kult« nämlich.

 

Das Magazin Cicero wurde, ebenfalls 2014, von den Kollegen für sein Cover zum Thema »Made in Germany. Terrorexport – Wie junge Deutsche zu Gotteskriegern werden« gefeiert. Die Grafik auf dem Titel aus der Feder von Jens Bonnke zeigt einen Mann mit Häkelmütze, Brille und langem Bart, aus dem bewaffnete Männer sprießen. Das Spiel mit dem »Kennzeichen radikaler Islamisten – dem Rauschebart« beherrschten die Blattmacher meisterhaft, lobte daraufhin das Medienmagazin Horizont.

 

So, wie das verschleierte Antlitz ihrer Glaubensschwestern zum medialen Symbol avancierte, gewinnt also auch das bärtige oder wahlweise vermummte Gesicht muslimischer Männer zunehmend an Präsenz. Einen Unterschied gibt es aber doch: Während die kopftuchtragende Muslimin mittlerweile wie selbstverständlich als Erkennungsbild für ein Themenspektrum herhalten muss, das von Integration über Islamismus bis hin zu Bildungspolitik reicht, taucht der im Auge des Bildredakteurs »typische« Islamist bisher überwiegend als Illustration für Beiträge auf, in denen es tatsächlich auch um extremistische Formen der Glaubensauffassung geht. 

 

Alternativen, Skepsis und Hoffnung

 

Doch auch Darstellungen, die sich einen neutralen Anschein geben, wie etwa jene betender Muslime, bergen Gefahren: Glaube und Gebet werden durch die stetige Wiederholung dieses Motivs zu Charakteristika stilisiert, der religiöse Kontext wird zum alles dominierenden Rahmen. Dass dies auf die reale Lebenspraxis vieler Muslime gar nicht zutreffen muss, gerät dabei in den Hintergrund. Im Zusammenhang mit Schlagzeilen und Beiträgen über Migranten, die womöglich gar nicht muslimischen Glaubens sind, entsteht zudem wieder eine Assoziationskette, die Muslime erneut vor allem als fremdartig erscheinen lässt.

 

Die große Frage lautet: Geht es auch anders? Welche Art von bildlicher Darstellung könnte Muslimen in all ihrer Individualität gerecht werden, welche Motive klären auf, statt Vorurteile und Ängste zu schüren? Medien zeigen immer nur Wirklichkeitsausschnitte, das liegt in ihrer Natur. Berichtenswert ist das Außergewöhnliche, das Brisante, das Empörende. Für Normalität ist in der auflagenorientierten Aufmerksamkeitsökonomie kaum Platz.

 

Doch es gibt Anlass zur Hoffnung: Denn Normalität, Unbefangenheit und Individualität sind im Zusammenhang mit Muslimen in Deutschland zumindest auf medialer Ebene zu etwas Außergewöhnlichem geworden. Über diesen Umweg erlangen etwa die Beiträge des zentih-Fotopreises die ihnen zustehende mediale Aufmerksamkeit, wenn über die Preisträger und ihre Werke berichtet wird. Auch die Skepsis des Publikums, das jenseits der medialen Öffentlichkeit in direkten Kontakt mit Muslimen kommt und ernsthaften Zweifel daran hegt, ob das suggerierte Bild tatsächlich der Wirklichkeit entspricht, könnte vor dem Hintergrund des allgemein wachsenden Argwohns gegenüber Medien eben diese langfristig dazu zwingen, einen größeren Ausschnitt aus muslimischen Wirklichkeiten zu zeigen.


 

Katharina Pfannkuch, ist Islamwissenschaftlerin und arbeitet als freie Journalistin u.a. für Zeit Online, Die Welt, Cicero und Al-Monitor. Als Autorin staunt sie oft über die neben ihren Artikeln platzierten Fotos, als Redakteurin griff sie selbst schon unter Zeitdruck bei der Bildauswahl beinahe daneben.


Alle Infos zum zenith Photo Award 2017 gibt es hier: photoaward.zenith.me

 

Von: 
Katharina Pfannkuch