Lesezeit: 7 Minuten
Jugend im Bürgerkrieg in Libyen

Das wurde aus Libyens Generation Revolution

Feature
Libyens Jugend und der Bürgerkrieg
Foto: Daniel Gerlach

Libyens Jugend wuchs in einer Zeit heran, die hoffnungsvoll mit der Revolution begann und in Blut und Anarchie endete. Über eine Generation, die dazu gezwungen wurde, sich mit dem Krieg zu arrangieren.

Die 23-jährige Jeje Elromhe beschreibt ihre Begegnung mit dem Scharfschützen von Benghazi so: »Zweimal wurde ich fast erschossen. Das erste Mal war ich auf dem Weg zu einer Prüfung. Ich hatte so viel gelernt und wollte den Test nicht ausfallen lassen«, berichtet sie. Jeje wusste, dass sie sich in Gefahr begeben würde, als sie im Morgengrauen ihr Haus verließ. Die Schüsse ließen nicht lange auf sich warten. »Also bin ich gerannt, während der Scharfschütze auf mich schoss. Ich hörte das Zischen der Kugeln über meinem Kopf.« Das nächste Mal war sie gerade mit ihrem Bruder im Auto unterwegs, als zwischen den Geschwistern eine Kugel einschlug.

 

Wer war der Scharfschütze? Niemand wusste es. Drei lange Jahre hielt er Jejes Familie und deren Nachbarn in Benghazi in Atem. Dann verschwand der Heckenschütze, von einem Tag auf den anderen. Doch die Spuren seines blutigen Handwerks haben Spuren in dem Leben der Menschen hinterlassen.

 

Anekdoten wie diese finden sich in Libyen zuhauf. Der Bürgerkrieg erstickte den Optimismus der Generation, die sich erstmals aus dem Schatten des allmächtigen Sicherheitsapparates des Gaddafi-Regimes wagte. Mehr noch: Der Krieg zersetzte das soziale Gefüge. Der postrevolutionären Generation fehlte so der soziale Kit, den ihre Eltern noch für gegeben nehmen konnten. Die Jugend fügte sich gezwungenermaßen in die Anarchie im Land, während sich die ältere Generation nur schwer mit dem neuen Status Quo abfinden konnte. Auch deshalb reagiert Libyens Jugend oft abgeklärter auf die oft anarchischen Zustände im Land. Sie hat schnell gelernt, sich zu arrangieren.

 

»Nach der Revolution ging es immer um Politik – wir waren glücklich, es ging in die richtige Richtung. Im Radio war etwas los, man konnte ab und an englische Lieder spielen. So viele Magazine kamen auf den Markt«, erinnert sich die 28-jährigen Nadya Ramadan, die damals beim Sender Tripolis FM arbeitete. »Für rund zwei Jahre genossen wir unsere Freiheit. Nur wenige bemerkten, wie es langsam bergab ging. 2014 zogen sich Unternehmen aus dem Land zurück, dann schlossen die Botschaften. Erst da wurde mir klar, dass wir noch lange warten müssen, bis sich unsere Hoffnungen wirklich erfüllen werden.«

 

Wie viele Libyer verlor auch Jawashi Angehörige im Krieg mit dem Tschad, doch ansonsten, sagt er, habe er eine glückliche Kindheit gehabt.

 

Dass der Staat nicht mehr funktioniert, spüren die Menschen permanent – ständig fällt der Strom aus, der libysche Dinar ist im freien Fall. Inzwischen sind viele Libyer ernüchtert und bewerten die Ereignisse von 2011 nicht mehr als überwiegend positiv. 2018 kam eine Umfrage unter arabischen Jugendlichen zu dem Ergebnis, dass lediglich 42 Prozent der jungen Libyer den Arabischen Frühling positiv betrachten. Aus dem Chaos der Revolution entstand so eine Gesellschaft, mit der viele Alte wenig anfangen konnten und mit deren Gestaltung die Jungen überfordert waren.

 

Der Künstler Ahmed Barudi arbeitet heute für ein Telefonunternehmen und ist frustriert: »Mein Leben war in Ordnung vor der Revolution – 2010 war wahrscheinlich mein bestes Jahr. Ich hatte genug Geld, um zu leben, wie ich wollte. Ich konnte überall hinreisen und hatte Pläne für die Zukunft. 2015 wollte ich meinen Job an den Nagel hängen, um mich ganz meiner Kunst zu widmen. Aber all das hat sich in Luft aufgelöst.«

 

Der heute 38-jährige Taha Jawashi lebt in Tripoli und hatte bis 2011 nie ein Feuergefecht erlebt. »Ich bin ganz anders aufgewachsen als die junge Generation. Wir hatten damals keine vergleichbare Technik, das Aufregendste, was wir hatten, waren Satellitenschüsseln. Es gab kein Internet, keine Smartphones, nichts. Es war wie im Kommunismus, wir hatten Fahrräder, und zwar alle die gleichen.«

Um weiter zu lesen, kaufen Sie den Artikel oder werden Sie zenith Clubmitglied

zenith-Club-Mitglied werden

Werden Sie zenith-Club-Mitglied und Sie erhalten nicht nur das Printmagazin von zenith sondern freien Zugang zu allen kostenpflichtigen Artikeln. Mit der zenith-Club-Mitgliedschaft fördern Sie zudem die gemeinnützigen Tätigkeiten der Candid-Foundation.
1,99 €
Das wurde aus Libyens Generation Revolution
79,00 €
zenith-Clubmitglied werden
Von: 
Simon Speakman Cordall

Banner ausblenden

20 Jahre zenith: Woher wir kommen. Wohin wir fliegen

Die neue zenith ist da!

In der Jubiläumsausgabe zu 20 Jahren zenith schildern aktive und ehemalige Mitarbeiter, wie sich die arabisch-muslimische Welt in dieser Zeit verändert hat. Aber auch unser Blick auf sie und unsere Art, darüber zu berichten.

Verreisen Sie mit zenith

01. - 10. November 2019
Der Oman ist weltweit bekannt für seine atemberaubenden Landschaften und historischen Stätten, die am Golf ihresgleichen suchen. Der Oman ist aber auch aus kultureller und gesellschaftlicher Perspektive einzigartig. Staatsreligion des Omans ist zwar der Islam, die sehr tolerante und auf Koexistenz basierende Rechtsschule der Ibadiyah lässt aber auch viele andere Religionsgemeinschaften, darunter Christen und Buddhisten, erblühen. Wir bringen Sie in Kontakt mit Vertretern der verschiedenen Glaubensgemeinschaften und der omanischen Regierung, um eine lebhafte Debatte über Religion und Freiheit zu führen.