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Medien, YouTube, AKP und die Opposition in der Türkei

»Film mich, Bruder, darauf habe ich gewartet!«

Essay
von Selim Koru
Sokak röportajı
Der YouTuber Bünyamin Göv interviewt einen blinden Passanten im Rahmen einer sokak röportajı. Bünyamin Göv

Politische Debatten finden in der Türkei heute auf den Straßen und auf YouTube statt. Welche Themen dabei die heißesten Eisen sind und wieso Zeitreisen vielleicht doch möglich sind.

Ich muss gestehen, wenn ich mich zuhause zum Mittagessen hinsetze, dann schaue ich mir gerne so etwas an:

 

 

Das ist eine sokak röportajı, also ein Straßeninterview, das zwischen der ersten und zweiten Bürgermeisterwahl 2019 in Istanbul geführt wurde und allein auf YouTube 3,8 Millionen Aufrufe hat. Hier sehen wir, wie die YouTuberin Gonca Ukşul jemanden interviewt, der eine positive Meinung über den damaligen Oppositionskandidaten und späteren Wahlsieger Ekrem İmamoğlu vertritt. Dabei lässt sich häufig ein neues Phänomen beobachten: andere Passanten sehen, dass ein Interview stattfindet, bleiben stehen, hören zu und mischen sich irgendwann ein. Manchmal entstehen daraus genau wie in diesem Fall auch größere Diskussionen.

 

Nach etwa drei Minuten mischt sich ein Mann im weißen Polohemd ein. Er möchte, dass das Interview beendet wird, da die Interviewerin die Bevölkerung gegen die Regierung aufhetzen würde. Es kommt zu einem kleinen Handgemenge, Interviewerin und Interviewter verteidigen sich. Dabei hören wir auch die Stimme des Kameramanns:

 

»Ihr seid an AHaber [der 24-Stunden-Nachrichtensender der Regierung] gewöhnt. Als ob alle glücklich und alles schön wäre. Dabei geben sie einem dort nicht einmal das Recht zu reden.«

 

Der Mann im weißen Hemd antwortet, dass er zwar gerne die Meinungen Aller respektiere, aber man dürfe die Bürger nicht »aufhetzen«. Alle anderen sind verärgert, sie bestehen auf ihre Redefreiheit. Erneut ist die Stimme des Kameramanns zu hören:

 

»Kann jemand auf diesen Sendern seine Meinung äußern? Etwa über die wirtschaftlichen Probleme? Kriegt man bei AHaber Gehör geschenkt? Bei Kanal D? Bei CNN Türk? Kann man auf diesen Sendern über seine Sorgen und Nöte sprechen?«

 

Und genau das ist die Idee der sokak röportajı. Im englischsprachigen Journalismus werden Abschnitte, in denen Journalisten Passanten Fragen zur Politik stellen, als vox pops bezeichnet. Der Begriff leitet sich vom lateinischen Begriff vox populi ab, was »Stimme des Volkes« bedeutet. Diese Beiträge sind immer eingebettet in eine umfangreichere Berichterstattung. Wenn es zum Beispiel darum geht, dass Kandidat X bei einer Wahl gegen Kandidat Y gewinnt, beinhaltet der Beitrag Aufnahmen der Kandidaten, die neuesten Umfragen und dann einige Vox-Pops.

 

Darum geht es bei den sokak röportajları aber nicht. Hier ist der Vox-Pop nicht nur ein Hilfsmittel, sondern das zentrale Ereignis. Oft sind es nur zwei Personen ohne jeglichen journalistischen Hintergrund, die mit einfacher Ausrüstung durch die Straßen ziehen, wahllos Leute ansprechen und ihnen Fragen stellen. Über aktuelle Nachrichten oder danach, wen ihre Gesprächspartner bei der nächsten Wahl wählen wollen.

 

Solche Kanäle kamen 2018 so richtig in Fahrt – also genau in dem Jahr, in dem die Regierung den Rest der traditionellen türkischen Medien auch noch unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Konventionelle, aber kleinere Fernsehsender wie FOX und Halk TV versuchten zwar, die Lücke zu füllen, aber es fehlte ihnen an institutionellem Gedächtnis, Ressourcen und Markenbekanntheit.

 

Es ist keinesfalls so, dass die traditionellen Medien zuvor besonders guten Journalismus produziert hätten. Dafür hatten sie allerdings eine langjährige Bindung zum Publikum aufgebaut. Als die Regierung versuchte, sich in diese Beziehung einzumischen, wurde es sehr verstörend. Es ist die eine Sache, wenn die Regierung den Lieblingssender abstellt. Es ist eine andere, wenn sie – beziehungsweise ihr nahestehende Unternehmer – ihn kauft und dann versucht, das Publikum auf subtile Weise in die eigene Richtung zu lenken.

 

Die Bevölkerung war verunsichert und ich denke, die Beliebtheit der sokak röportajları ist das Produkt genau dieser Verunsicherung. Die Menschen hatten das Gefühl, dass die politische Realität, die im Fernsehen gezeigt wurde, nichts mehr mit ihrem Leben zu tun hatte, und begannen stattdessen, quasi kollektiv eine Art politischer Reality-Show zu produzieren.

 

In neueren Videos spürt man, wie sich die Anspannung im Laufe der Zeit verstärkt hat. Viele der Interviewten scheinen sich in den letzten Jahren selbst Interviews angeschaut zu haben und darüber Gedanken gemacht zu haben, was sie sagen würden, wenn sie selbst irgendwann einmal ans Mikro gebeten würden.

 

Im folgenden Video zitiert der Interviewer Präsident Erdoğan, der behauptet, die Wirtschaft laufe (vergleichsweise) gut, und bittet die Befragten, darauf zu antworten. Einer von ihnen lacht, zeigt auf die Kamera und sagt: »Film mich, Bruder, darauf habe ich gewartet.« Dann setzt er zu einer Tirade gegen die Regierung, die Opposition und die Gesellschaft im Allgemeinen an. Der Mann ist gut vorbereitet. Offensichtlich hat er sich Videos von Regierungsbefürwortern angeschaut und kontert deren Argumente über den Zustand der Wirtschaft und den Vergleich der Kaufkraft in der Türkei und Europa. Anschließend fügt er hinzu:

 

»Es heißt, es gebe keine Zeitmaschinen. Das ist eine Lüge. Steig in ein Flugzeug nach Amsterdam und 500 Meter vor der Landung wirst du sagen: Ich bin gerade 500 Jahre in die Zukunft gereist!«

 

 

Die Regierung versucht, Straßeninterviewkanäle zu bekämpfen, hat dabei aber nicht viel Erfolg. So haben die Behörden drei der beliebtesten Interviewer für eine Weile verhaftet und unter Hausarrest gestellt – das hat die drei aber nur noch beliebter gemacht. Arif Kocabıyık (bekannt durch İlave TV und derjenige, der das Format ins Leben gerufen hat) wurde kürzlich selbst interviewt und berichtete von mehr als hundert Gerichtsverfahren gegen ihn und dass sogar die Passanten, die er auf seinem Kanal interviewt, verklagt würden. Unterdessen ist es der Regierung und ihren Anhängern auch nicht gelungen, einen erfolgreichen Gegenpol zu diesen Kanälen aufzubauen. Abgesehen von einem ziemlich verbitterten Sender scheinen alle Straßeninterviewer die Opposition zu bevorzugen.

 

Einige Themen werden dabei besonders häufig diskutiert:

 

Die Lebenshaltungskosten: Das bei weitem drängendste Problem in der Türkei derzeit. Die Verbraucherinflation liegt offiziell bei 73 Prozent, Experten gehen jedoch von über 150 Prozent aus. Manchmal gehen die Interviewer auf Lebensmittelmärkte und befragen die Leute während des Wocheneinkaufs. So etwa der YouTuber Sokak Kedisi (»streunende Katze«, einer der besseren Namen) hier in diesem Video. Die meisten beklagen sich über hohe Preise. Immer wieder behaupten andere aber, dass es der Wirtschaft eigentlich gut gehe und dass die Menschen sich grundlos aufregen würden. Dieser ältere Herr sagt, er habe sich Gebetsperlen für 800 Lira leisten können: »Ich habe sie gesehen, sie haben mir gefallen, ich habe sie gekauft. Wenn es der Wirtschaft schlecht ginge, hätte ich das nicht tun können.«

Für die Unzufriedenheit der Bevölkerung hat er eine andere Erklärung – Glücksspiel und Alkohol: »Wissen Sie, wie viel Raki jetzt kostet? 160 Lira! Gehen Sie in den Pavyon (Nachtclub), da steht 160 Lira. Wenn du einen zweiten trinkst, sind es 300 Lira!«

 

Jung gegen Alt: Generell stehen junge Menschen der Regierung eher kritisch gegenüber, ältere Bürger unterstützen sie hingegen. Deshalb unterbrechen beide Gruppen oft die Interviews der jeweils anderen. Die Älteren schimpfen: »Früher hatten wir das alles nicht«, was die Jüngeren besonders ärgert. Das Smartphone ist zu einem Symbol für diese Art von Generationenkonflikt geworden. In einigen Videos fordern ältere Personen Jugendliche auf, ihr Smartphone zu zücken, um zu zeigen, dass diese doch alles hätten, was sie bräuchten und einfach nur undankbar seien. Die Jüngeren wiederum weisen darauf hin, dass Smartphones kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit sind. »Hol dein Handy raus« wurde so zum Synonym für aus der Zeit gefallene alte Menschen, die abweichende Meinungen nicht zulassen. Ende 2021 erschien außerdem ein Video, in dem ein junger Mann sein Handy in den Mund eines Regierungsanhängers steckte.

 

Das Leben in der Türkei im Vergleich zu Europa: Alles ist relativ. Darum werden die Türkei und Europa häufig in Bezug auf Kaufkraft (ein Alltagsbegriff in der Türkei!), Gesundheitsversorgung, militärische Stärke, Moral, Bildung und Wohnkosten verglichen. Die Befürworter der Regierung behaupten, Europa habe Angst vor der Türkei und/oder sei neidisch auf sie. Ihre Gegner wiederum sind der Meinung, die Türkei werde schlecht regiert und sei daher ins Hintertreffen geraten. Junge Menschen erzählen oft, dass sie die Türkei verlassen wollen. Türken, die in Europa leben und zu Besuch kommen, ziehen besonders viel Aufmerksamkeit auf sich. In diesem Video sagt ein in Deutschland lebender Mann, dass das Leben dort auch hart sei. Ein anderer unterbricht ihn jäh: »Schon wieder so ein Almancı (ein in Deutschland/Europa lebender Türke), der Unsinn redet! Um Himmels willen, dann zieh doch hierher! ... Schon wieder ein Almancı, der drüben gut verdient und dann hierherkommt und Blödsinn quatscht«.

 

Einwanderung/Flüchtlinge: So wie Millionen von Türken nach Europa ausgewandert sind, wandern heute Millionen von Menschen aus ärmeren Ländern in die Türkei ein (die offizielle Zahl liegt bei fünf Millionen, aber einige Experten rechnen mit höheren Zahlen). Im Gegensatz zu anderen Themen fallen die Diskussionen nicht sehr kontrovers aus. Viele sind der Meinung, dass die syrischen Flüchtlinge sie ausnutzen und nach und nach verdrängen würden. Ich erinnere mich zwar auch an ein Interview vor einigen Monaten, in dem sich ausnahmsweise mal jemand für Flüchtlinge aussprach, leider habe ich es aber nicht mehr finden können.

 

Es gäbe noch viel mehr über sokak röportajları zu sagen, aber ich werde es vorerst dabei belassen. Als Bonus ist hier ein Comedy-Sketch über Straßeninterviews:

 


Selim Koru ist Politikwissenschaftler und derzeit Analyst bei der Economic Policy Research Foundation of Turkey (TEPAV), Stipendiat beim Foreign Policy Research Institute (FPRI) und Doktorand an der Universität von Nottingham. Er schreibt einen wöchentlichen Newsletter zur politischen Kultur in der Türkei, aus dem dieser Essay in Übersetzung und leicht überarbeiteter Form übernommen wurde.

Von: 
Selim Koru

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