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Oasen, Wüste und Wasser in Marokko

Der Kampf um meine Oase

Reportage
Oasen, Wüste und Wasser in Marokko
2011 verließ seine Familie die Oasenlandschaft Tafilalet. Zehn Jahre später reist Reporter Khalid Bencherif zurück in die alte Heimat. Foto: Khalid Bencherif

Über Jahrhunderte passten sich die Menschen in Tafilalet an das raue Klima an. Doch nun erlebt Marokkos ärmste Region einen beispiellosen Exodus. Unser Autor geht in seiner Heimat einer Frage auf den Grund, die ihn seit seiner Jugend beschäftigt.

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Tag in Marrakesch 2007. Ich war sechzehn, es war mein erster Besuch in der Stadt, überhaupt war ich zum ersten Mal außerhalb meiner Heimatregion Tafilalet unterwegs.

 

Am Eingang einer lärmenden Bauwerkstatt wartete mein Vater im Blaumann und mit gelbem Helm auf mich. Hinter seinem Lächeln bemerkte ich eine Entfremdung und tiefe Traurigkeit, die ich so von ihm nicht gekannt hatte. Er nahm meine Hand und begleitete mich in die Werkstatt. Wir gingen in den Hof, an allen Ecken sammelten sich Arbeiter. An den Seiten standen halb fertige Gebäude, die mit Stein-, Zement- und Eisenhaufen bedeckt waren; riesige Maschinen aller Art dröhnten, und hier und da flogen Flüche durch die Luft.

 

Weiter ging es zur Barackensiedlung innerhalb der Baustelle, wo die Arbeiter wohnten. Wir betraten die Unterkunft meines Vaters durch einen schmalen Gang, der die Baracken voneinander trennte, das trübe Licht erhellte die Straße kaum. Unangenehme Gerüche hingen in der Luft, aus einigen der Behausungen drang laute volkstümliche Musik.

 

Mein Vater war in einer drei Quadratmeter großen Blechkammer untergebracht. In der Mitte stand ein Tisch mit ein paar abgenutzten Utensilien, die Wäsche war an einer Klammer an der Tür befestigt. Auf der rechten Seite stand ein Holzbett, daneben ein Ventilator, der vergeblich versuchte, die Hitze aus dem Kabuff zu vertreiben. Ich setzte mich auf ein klappriges Sofa in der Ecke und betrachtete das Elend. Mein Vater goss mir eine Tasse Tee ein und bat mich, bis zum Ende seiner Schicht auf ihn zu warten.

 

Ich hatte mich noch nie so einsam und entfremdet gefühlt wie in diesem Moment. Ich hatte das Gefühl, als würde mir in der Blechhütte der Atem stocken. Warum verließ Vater die Wärme unserer weitläufigen Felder im Dorf und reiste Tausende von Kilometern, um an diesem engen, elenden Ort zu leben, monatelang getrennt von seiner Familie? Und wie wurde aus einem Bauern, der die Palmen pflegt und das Feld pflügt, ein Bauarbeiter, der Eisen und Zement auf seinen Schultern schleppt?

 

Vierzehn Jahre später, im August 2021, mache ich mich von Rabat aus auf nach Tafilalet, knapp 200 Kilometer südöstlich der Hauptstadt. Ich möchte herausfinden, wie der Klimawandel die Landflucht in Marokko beschleunigt. Seitdem meine gesamte Familie unser Dorf vor zehn Jahren verließ, verschlägt es mich nur noch gelegentlich in meine alte Heimat.

 

In der Nähe der Stadt Rachidia grüßen am Straßenrand die ersten Dattelpalmen. Von hier aus dehnen sich die Tafilalet-Oasen entlang einer hundert Kilometer langen Straße nach Süden aus, bis zur Stadt Rissani und darüber hinaus. In diesem Gebiet leben 1,5 Millionen Menschen auf einer Fläche von 115 Quadratkilometern, die meisten von ihnen in einer Kasbah, auch Kas genannt – einem Dorf, das einer erdenen Festung ähnelt und von einer Mauer aus trockenem Lehm umgeben ist. Einige dieser historischen Stätten aus gestampftem Lehm stehen auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste, etwa die Kasbah von Aït-Ben-Haddou.

 

Die Bewohner der Oasen leben von der Landwirtschaft. Das Wasser liefern Brunnen, der Fluss Ziz und der Hassan-Al-Dakhil-Staudamm in Rachidia, benannt nach einem Ahnen der Alawiden-Dynastie, der im 13. Jahrhundert aus dem Hedschas nach Nordafrika gekommen und in Tafilalet gestorben sein soll. Laut Abschlussbericht der UN-Klimakonferenz 2016, die in Marrakesch abgehalten wurde, ist dieses Natur- und Kulturerbe »infolge des Klimawandels vom Verschwinden bedroht«. Die Wüstenbildung hat auf die Oasen übergegriffen, Dürren und Brände häufen sich und zerstören den Lebensraum. Diese Veränderungen haben viele Bewohner dazu veranlasst, in nahe und ferne städtische Zentren abzuwandern.

 

Mein Ziel, die Oase Sfalat-Tafilalet, ist einer dieser vom Aussterben bedrohten Orte. Sie beherbergt Dutzende Dörfer, deren Bewohner ein einfaches Leben führen, das auf Getreidefeldern und Palmenhainen fußt. Nach ein paar Stunden erreiche ich Rissani, tief im Tafilalet. Kurz vor meiner Ankunft liegen am Straßenrand die Überreste von Sijilmasa. Seit ihrer Gründung im Jahr 757 n. Chr. erlebte die Oasenstadt eine fast 650 Jahre währende Blüte und gehörte zu den Knotenpunkten des Trans-Sahara-Handels.

 

Bei strahlendem Sonnenschein steige ich aus dem Auto und beeile mich, Ibrahim im Café zu treffen. Er stammt aus der Kasbah von Zawiyat Malaykhaf, die er mitsamt seiner Familie 2008 verließ. Sie waren die letzten verbliebenen Einwohner des Dorfes, das nun leer steht. Bei einer Tasse Tee tauschen wir Kindheitserinnerungen aus, über damals, als die Zeit stillzustehen schien. Dann machen wir uns auf in Ibrahims Heimatdorf, vorbei am Mausoleum von Moulay Ali Sharif, einem der ersten Herrscher der Alawiden-Dynastie aus dem 17. Jahrhundert. Der Ort erinnert uns daran, dass hier die Wiege des Staates liegt, der bis heute fortbesteht.

 

Nach einer Viertelstunde erreichen wir abends Zawiyat Malakhaf. Das Dorf versinkt in pechschwarzer Dunkelheit. In der Ferne flackern die Lichter der Nachbarorte. Ibrahim leuchtet den Weg mit seinem Handy aus. So erreichen wir sein früheres Haus am Eingang des Dorfes. »Weißt du, was das ist?«, fragt er, als er den Lichtstrahl des Smartphone auf ein kleines Gebäude richtet. »Das ist ein Wassertank, in dem ich früher Fische gezüchtet habe«, erzählt er mir. »Und hier an den Seiten habe ich mich um die Bienenstöcke gekümmert.«

 

Selbst die Tiere scheinen diesem Flecken Erde den Rücken gekehrt zu haben

 

Wir betreten den Hof des alten Hauses mit seinen baufälligen Wänden und staubigen Böden. Ibrahim öffnet einen der Räume, die Hitze ist unerträglich. Für Besucher wie mich hat er eine Matte und einige Laken im Gepäck. Wir klettern über eine Leiter mit brüchigen Sprossen auf das Dach. Während Ibrahim die Laken auf die Matte legt, rollt ein kleiner Skorpion über den Boden. »Hier wimmelt es von Ungeziefer, seit wir das Haus aufgegeben haben«, warnt er mich.

 

Als ich auf dem Rücken liege und den Sternenhimmel betrachte, kommt mir abermals die Frage in den Sinn, die mich seit 2007 in Marrakesch beschäftigt. Warum diese Ruhe und Schönheit für die Hektik der Stadt aufgeben? Der Blick nach oben erinnert mich an meine Kindheit. Wenn ich nicht schlafen konnte, beobachtete ich den klaren Sternenhimmel und lauschte dem Heulen der Wölfe und Hunde in der Ferne. Doch in dieser Nacht bleibt es ruhig. Selbst die Tiere scheinen diesem Flecken Erde den Rücken gekehrt zu haben.

 

Am Morgen beginnen wir unseren Rundgang durch das verlassene Dorf. Es ist übersät mit baufälligen Ruinen und verfallenen Häusern, keine Spur von Menschen oder Tieren. Die Mauern der Lehmbauten drohen einzustürzen, die Dächer sind brüchig. Nur die grüne Farbe an den Wänden hält dem Verfall stand und erinnert ebenso wie die zurückgelassenen Töpferwaren daran, wie in diesem Geisterdorf bis vor kurzem gelebt und gearbeitet wurde. An mehreren Stellen fallen mir Ausgrabungsspuren ins Auge. »Das ist das Werk von Schatzsuchern und Raubgräbern«, erklärt Ibrahim. Ein in Marokko weit verbreitetes Phänomen, das in der Regel antike Stätten betrifft und sie weiteren Schäden aussetzt.

 

Wir kehren in sein früheres Haus zurück, um uns auszuruhen, die Mittagshitze ist unerträglich. »Warum ist das Dorf komplett aufgegeben worden?«, frage ich ihn. »Die Abwanderung begann hier in den 1990er Jahren. Im Jahr 2000 lebten noch 22 Familien in diesem Dorf. Jetzt ist niemand mehr da. Meine Familie ging als letztes«, setzt Ibrahim an, während er seinen Sonnenhut ablegt und sich an ein abgenutztes Kissen lehnt. »Nachdem die Dürre unser Land heimgesucht hatte, die Flüsse ausgetrocknet waren und das Land sich nicht mehr für den Anbau eignete, brachen die Grundlagen unseres Lebensunterhalts weg. Einige der Familien haben dann lieber an einem neuen Ort Miete gezahlt, als zu bleiben«, fährt er fort. »Solche Entscheidungen fallen nicht leicht.«

 

Oasen, Wüste und Wasser in Marokko
Zawiyat Malaykhaf ist eines von mehreren Dörfern in der Region Safla-Tafilalet, die komplett aufgegeben wurdFoto: Khalid Bencherif

 

Zawiyat Malaykhaf ist eines von mehreren Dörfern in der Region Sfalat-Tafilalet, die komplett aufgegeben wurden. Doch auch die verbliebenen Siedlungen sind in unterschiedlichem Ausmaß von Abwanderung betroffen; in vielen von ihnen lebt nur noch die Hälfte der Bevölkerung, in anderen nur noch ein Drittel oder weniger im Vergleich zur Bevölkerungszahl vor vor vier Jahrzehnten.

 

Abends verlassen wir das Geisterdorf und machen uns auf den Weg ins Ziz-Tal. Außerhalb der Dorfmauern begegnen uns hier und da Palmen, ihre Blätter sind vertrocknet. Dahinter erstrecken sich die flachen, kargen Böden bis zum Horizont, wo sie von den geschwungenen Hängen der fernen Berge des Atlas und dem klaren Blau des Himmels eingerahmt werden. »Die meisten dieser Böden waren früher grün, voller Palmenhaine und Weizenfelder. Die Bauern arbeiteten den ganzen Tag auf ihren Feldern, Schafe grasten auf den Weiden und die Kinder spielten draußen«, erinnert sich Ibrahim. Wo früher die Erntesaison begann, herrscht heute Totenstille.

 

Beim Ort Batha endet das Tal in einem riesigen Erdwall. Dahinter sind Spuren eines Flusses zu sehen, die erahnen lassen, wie üppig das Wasser einst floss. Der Ziz ist einer der beiden Hauptströme der Region. Die Oasen von Tafilalet sind vollständig auf ihn angewiesen, um die Felder über eine Reihe von Kanälen zu bewässern.

 

»Früher kamen wir Kinder aus dem Dorf immer her«, erzähle ich Ibrahim, und zeige auf den vertrockneten Erdwall. »Von hier aus sprang ich kopfüber ins Wasser. Ich kann mich nicht erinnern, jemals den Grund berührt zu haben – und jetzt liegt er zu meinen Füßen.« Auch Ibrahim verbindet Kindheitserinnerungen mit dem Fluss. »Ich kam zum Angeln, die Haken bastelte ich mir zusammen«, erzählt er. »Und die Fische brachte ich dann in mein selbstgebautes Aquarium.« Der frühere Flusslauf ist übersät mit Spinnweben. Die Trockenheit hat den Boden aufgerissen, in den Furchen finden die Achtbeiner Unterschlupf – als wüssten auch sie, dass durch dieses Tal kein Wasser mehr fließen wird.

 

Obwohl ganz Marokko unter den Auswirkungen von Trockenheit und Dürre leidet, sind die Oasen von Tafilalet im besonderem Maße betroffen. »Ernsthafte Verknappung der Wasserressourcen aufgrund des Klimawandels und menschlicher Aktivitäten«, sieht eine 2017 veröffentlichte Studie eines marokkanischen Geologenteams als Ursache. Neben der Wasserknappheit leidet die Region den Forschern zufolge auch unter der massiven Versalzung der Grundwasserleiter – einer der Hauptfaktoren, der die Brunnen in den Dörfern der Tafilalet-Oase versiegen lässt.

 

Die Zahlen belegen, dass sich das Klima in dieser Region seit Anfang der neunziger Jahre qualitativ verändert hat

 

Wir kehren in Ibrahims altes Dorf zurück und brechen nach kurzer Rast zu einem nächtlichen Spaziergang durch die Wüste auf. Wir unterhalten uns ein wenig über die Lage in den Nachbardörfern. Ibrahim schlägt vor, eines von ihnen zu besuchen. Wir treffen auf eine Gruppe von Einwohnern, sie haben es sich auf Matten gemütlich gemacht. Junge und Alte sitzen zusammen, tauschen Witze und Anekdoten aus und genießen die angenehme Nachtbrise.

 

Umgehend werden wir zum Tee eingeladen. Wir setzen uns und kommen auf die Dürre in der Region zu sprechen. Zwar hätten sie schon immer mit Trockenheit leben und Wege finden müssen, sich anzupassen. Doch in den letzten zwei Jahrzehnten seien die Dürreperioden immer extremer ausgefallen. »Seit vier Jahren pflügen wir die Felder nicht mehr. Die Flüsse liefern kein Wasser mehr und der Regen bleibt fast vollständig aus«, berichten sie uns.

 

Auch dieses Dorf ist vom Exodus betroffen, ist aber nicht vollständig entvölkert. Im Vergleich zu den 1990er Jahren leben noch halb so viele Menschen hier. »Diese Kasbah hat ähnliche Abwanderunge aufgrund von Dürren und Hungersnöten erlebt. Aber jedes Mal, wenn das Land mit dem Regen wieder zum Leben erwacht, kommen die Menschen zurück«, gibt sich einer der Bewohner zuversichtlich. Die Menschen hier hoffen, dass es auch nach dieser Dürrewelle so kommen wird. Der Unterschied zu früheren Dürreperioden: die globalen Veränderungen, die der Klimawandel auslöst und die Marokko und seine Oasen im besonderen Maße treffen.

 

Während meiner Reise erzählten mir alle meine Gesprächspartner, dass die Abwanderung aus den Oasen von Tafilalet in den 1990er Jahren einsetzte. Daten für die Klimazone, zu der Tafilalet gehört, liefern dafür eine Erklärung. Die Zahlen belegen, dass sich das Klima in dieser Region seit Anfang der neunziger Jahre qualitativ verändert hat. Die Temperaturen sind gestiegen, die Niederschläge haben abgenommen, und dieser Trend wird sich in den kommenden Jahrzehnten fortsetzen. Die Klimaveränderung wird wahrscheinlich mit einer zunehmenden Migration einhergehen.

 

»Selbst wenn die jungen Menschen die Möglichkeit hätten zu bleiben, würden sie wahrscheinlich wegziehen«

 

Doch nicht nur die Auswirkungen des Klimawandels sind für die Wasserknappheit verantwortlich. »Der unzureichende regulative Rahmen für Wasserzugang und ein fehlendes Bewusstsein für nachhaltige Bewässerung tragen ebenso dazu bei«, ist Ahmed Chaoui überzeugt. Der Hydrologe von der Sultan-Moulay-Slimane-Universität in Beni Mellal, einer Stadt auf halben Weg zwischen Marrakesch und Rachidia, setzt sich für eine gerechtere Verteilung ein.

 

»Einflussreiche Großgrundbesitzer nutzen das Fehlen einer wirklichen Überwachung bei der Umsetzung der Bewässerungsverteilung aus, so dass sie ihre Ländereien unbegrenzt und manchmal illegal bewässern«, erklärt er im Telefongespräch. »Und viele Landwirte graben dank verbesserter Technologie mehr und tiefere Brunnen, ohne sich bewusst zu sein, dass die Grundwasserreservoirs begrenzt sind«, fügt Chaoui hinzu. »Im Ergebnis verlieren die Oasen von Sfalat-Tafilalet so ihre Wasserzufuhr aus dem Ziz-Tal und dem Hassan-Al-Dakhil-Staudamm – und der Grundwasserspiegel in der gesamten Region sinkt.«

 

Zu unserer nächtlichen Runde stoßen kurz zwei lokale Würdenträger hinzu und verschwinden auch gleich wieder. Aus ihren Worten ist zu entnehmen, dass sie gerade von einem Abendessen mit einem Kandidaten für die Kommunalwahlen zurückkommen, eine in der Region seit langem übliche Methode, um die Wähler in den Dörfern für sich zu gewinnen. Viele der Gewählten in der Region stehen seit Jahrzehnten in der Verantwortung. Einige sind noch immer Analphabeten, aber dennoch politisch aktiv. Die stark rückständige Infrastruktur der Region und der Mangel an öffentlichen Dienstleistungen und Beschäftigungsmöglichkeiten sind auch Ausdruck ihrer mangelhaften Arbeit für die Menschen vor Ort. Bis heute verfügen viele der Dörfer in der Tafilalet-Oase nicht mal über ein Abwassersystem.

 

Wir füllen unsere Flaschen mit kaltem Wasser und verabschieden uns von dem Nachtlager. Als wir durch die dunklen, kargen Felder nach Hause schlendern, fragte ich Ibrahim, ob er in der Dürre die alleinige Ursache für den Exodus aus Tafilalet sieht. »Sie ist wahrscheinlich der Hauptfaktor«, antwortet er. »Wobei unsere Väter sich in der Stadt entfremdet fühlten und nie gegangen wären, wenn die Dürre sie nicht dazu gezwungen hätte.« Was die jüngere und die nächste Generation anbetrifft, ist er sich da nicht so sicher. »Selbst wenn die jungen Menschen die Möglichkeit hätten zu bleiben, würden sie wahrscheinlich wegziehen«, glaubt Ibrahim. »Die Städte bieten mehr Möglichkeiten. Die Menschen wollen ein Haus, ein Auto. Sowas kam unseren Eltern nie in den Sinn.«

 

Oasen, Wüste und Wasser in Marokko
Der frühere Flusslauf ist übersät mit Spinnweben. Die Trockenheit hat den Boden aufgerissen, in den Furchen finden die Achtbeiner Unterschlupf.Foto: Khalid Bencherif

 

In den letzten Jahren intensivierte der marokkanische Staat seine Bemühungen, die Situation in den Oasen-Dörfern von Tafilalet zu verbessern. Einige Kasbahs wurden renoviert, befestigte Straßen zu abgelegenen Dörfern ausgebaut und Schulbusse bereitgestellt, um Mädchen den Schulbesuch zu erleichtern. Doch diese Maßnahmen scheinen zu spät zu kommen. Viele Bewohner sind bereits weggezogen, und für junge Menschen ist der Anreiz zu gehen größer als der zu bleiben.

 

Es mag also in der Tat weitere Gründe für die anhaltende Migration geben, aber »die Auswirkungen von Klimawandel, Dürre, Trockenheit und übermäßiger Hitze sind der treibende Motor der Migration in der Zukunft«, zu diesem Schluss kommt eine Studie der Weltbank aus dem Sommer 2021. Dies gilt vor allem für arme Gemeinden, die durch Umweltzerstörung die größten Verluste erleiden, die Lebensgrundlage verlieren oder weiter in die Armut abrutschen.

 

Migration ist für die arme Landbevölkerung der letzte Ausweg, eine natürliche Reaktion auf miserable ökologische, soziale und wirtschaftliche Umstände. Es beginnt in der Regel damit, dass eine, zwei oder mehr Personen abwandern, um Arbeit zu finden oder zu studieren. Später folgt dann der Rest der Familie. Das eröffnet neue Möglichkeiten, birgt aber auch große Risiken, insbesondere für die Schwächsten, denen es an Kapital, Netzwerken und Marktkenntnissen fehlt.

 

Ibrahim schickt seinem Vater über WhatsApp Bilder vom Ausflug in die alte Heimat. Es scheint, als würde er seine Sehnsucht nach dem Ort, an dem er seine Kindheit verbracht hat, bewusst pflegen. Sein Vater besucht das verlassene Dorf immer noch regelmäßig, auch wenn die gesamte Familie inzwischen in die Stadt Rachidia übergesiedelt ist. Gerade die Älteren kommen immer mal wieder vorbei und versuchen, die verfallenen Häuser zu erhalten. Einige von ihnen lassen ihre Familien auch in der Stadt zurück, um ihren Lebensabend in der alten Heimat zu verbringen.

 

Insbesondere die Generation meiner Eltern fühlt sich in der Stadt entfremdet und niedergeschlagen

 

Insbesondere die Generation meiner Eltern fühlt sich in der Stadt entfremdet und niedergeschlagen. Sie hatten die Umgebung, in der sie aufgewachsen waren, verlassen und waren psychologisch und sozial nicht auf die radikale Veränderung vorbereitet. Solche Symptome erinnern daran, dass der Klimawandel nicht nur die Landbevölkerung entwurzelt, sondern auch deren psychische Gesundheit beeinträchtigt und auslöst, was das Wissenschaftsblatt Nature als »environmental grief« bezeichnet: eine psychologische Reaktion auf Umweltveränderungen.

 

Migranten aus dem ländlichen Raum sind auch Diskriminierung und Ausbeutung durch Arbeitgeber ausgesetzt. Neben den miserablen Arbeits- und Wohnbedingungen, den hohen Lebenshaltungs- und Mietkosten wird von ihnen auch erwartet, zurückgebliebene Mitglieder der Familie mit Überweisungen zu unterstützen. Die Landflucht erhöht auch den Druck auf die Städte, die nicht in der Lage sind, in kurzer Zeit die große Zahl von Migranten aufzunehmen. Aus diesem Grund warnt die Weltbank, dass die klimabedingte rasche Verstädterung »zu hohen Arbeitslosenquoten, Wettbewerb um Dienstleistungen und zur Verschärfung der Armut führt«.

 

Mit der Konkurrenz um die wenigen Möglichkeiten in den Städten und den knappen Ressourcen in den Dörfern häufen sich Gewalt, Kriminalität und Korruption. Der Hydrologe Ahmed Chaoui erzählt etwa, dass sein Bruder den Einsatz für die korrekte Umsetzung des Wasserverteilungsschlüssels mit dem Leben bezahlte. »Einigen der Landbesitzer gefiel das überhaupt nicht«, ist Chaoui überzeugt. Seit fünf Jahren würde nach den Tätern gesucht, ohne Erfolg. Chaoui ist überzeugt, dass die Großgrundbesitzer, mit denen sich sein Bruder angelegt hatte, für dessen Tod verantwortlich sind.

 

Kurz vor der Abreise halten wir an einer Sbala. Dabei handelt es sich um einen mit einer Zementkuppel überdachten Wasserhahn, wie er in der Tafilalet-Oase üblich ist. Jedes Dorf hat seine Sbala, oft ist es die einzige Trinkwasserquelle. Als wir unsere Flaschen füllen, reitet uns ein Mann auf einem Esel entgegen, sein Gesicht in Mull gehüllt, im Gepäck ein Bündel von Plastikbehältern.

 

So verschwindet nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die kulturelle Identität, verkörpert in den historischen Kasbah-Bauten

 

Er gehört zu den Nomaden, die tiefer in der Wüste leben. Wir helfen ihm, seine Plastikbehälter zu füllen, etwas mitleidig frage ich: »Habt ihr kein Wasser in eurer Gegend?« Mit tiefer Stimme, der man die Müdigkeit seiner langen Reise anhört, entgegnet er: »Unsere Brunnen sind ausgetrocknet. Deshalb kommen wir hierher, um frisches Wasser zu holen.« Dann sattelt er wieder auf und reitet unter der sengenden Sonne davon.

 

»Die große Abwanderung hat noch nicht mal begonnen. Sie wird einsetzen, wenn die Wasserhähne versiegen«, sage ich zu Ibrahim. Zumindest die Trinkwasserversorgung ist in den meisten Gemeinden von Tafilalet noch gewährleistet, aber auch die wird in einigen Dörfern knapp. Die Einwohner haben sich über Jahrhunderte an das Klima der Region angepasst. Sie bauten ihre Häuser aus Lehm, um die Hitze zu isolieren und verließen sich auf dürreresistente Palmen. Sie verwandelten die Wüstendörfer in grüne Oasen, gründeten symbiotische Gemeinschaften und schufen so eine einzigartige Kultur.

 

Doch es scheint, dass die Region ihre Anpassungsfähigkeit an diese raue Geografie endgültig verloren hat. Die durch den Klimawandel verursachte Dürre und die extreme Armut haben die Menschen in den letzten drei Jahrzehnten zur Abwanderung in die Städte gezwungen. So verschwindet nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die kulturelle Identität, verkörpert in den historischen Kasbah-Bauten, mithin ein globales marokkanisches Kulturerbe.

 

»Die Region muss andere Einkommensquellen auftun, wenn sie überleben will«, antwortet Ibrahim auf meine Frage, wie sich der Trend umkehren lassen kann. »So wie es Merzouga getan hat«, fährt er fort und meint damit das etwa zwanzig Kilometer entfernte Wüstendorf, das mit Kameltouren inzwischen Touristen aus aller Welt anlockt.

 

Neben legislativen Schritten zur Durchsetzung gerechter Wasserverteilung regt Hydrologe Ahmed Chaoui an, weitere Wasserzuflüsse nutzbar zu machen. »Etwa das Wasser des Flusses Kiir, das bislang im Ödland versiegt und stattdessen den Ziz wieder füllen könnte.« Daneben wirbt er für eine stärkere Nutzung bestimmter Technologien, etwa der Tröpfchenbewässerung.

 

Eine große Hilfe wären etwa Entsalzungsfilter, um das Grundwasser für die Bewässerung und als Trinkwasserquelle aufzubereiten

 

Das marokkanische Forschungsteam, das die Dürre im Tafilalet untersucht hat, empfiehlt die Förderung dürreresistenter Kulturen, darunter Aroma- und Heilpflanzen, und die Unterstützung von Bauern in den Oasen bei der Vermarktung der Dattelernte. Selbst kleine Verbesserungen können etwas bewirken. Eine große Hilfe wären etwa Entsalzungsfilter, um das Grundwasser für die Bewässerung und als Trinkwasserquelle aufzubereiten.

 

Ich habe die jüngsten Parlamentswahlen im Herbst 2021 intensiv begleitet, die meisten Parteiprogramme gelesen und zahlreiche Wahlkampfveranstaltungen besucht – der Klimawandel und dessen Folgen begegnete mir als drängendes Thema nirgends.

 

Es bleibt zu hoffen, dass die staatlichen Institutionen, insbesondere die für die Umwelt zuständigen, ihre Arbeit aufnehmen, bevor es zu spät ist, um Maßnahmen zur Erhaltung von Wäldern und Wasserressourcen umzusetzen und den Landwirten zu helfen, eine nachhaltige, moderne Landwirtschaft zu betreiben. Parallel dazu muss die Politik die Kapazitäten der Städte ausbauen, um der verstärkten Landflucht standzuhalten, die mit der Beschleunigung des Klimawandels unvermeidlich wird.

 

Ich steige in ein Taxi und verlasse die Oase mit bitteren Gedanken. Mein Vater hat seine Heimat verlassen und arbeitete hart, um in Marrakesch für ein paar Dollar am Tag Hotels zu bauen, unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen, zum Wohle derer, die sein Elend und seine Vertreibung mitverursacht hatten. Für Touristen aus den reichen Ländern, die den größten Anteil an der globalen Erwärmung haben. Für das Wohlergehen der marokkanischen Wohlstandselite, von denen viele ihren Reichtum auf Kosten armer Dorfbewohner angehäuft haben.


Khalid Bencherif ist freier Journalist und lebt und arbeitet in Rabat.

Von: 
Khalid Bencherif

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