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Omid Nouripour über iranischen Fußball

»Ich bin ein Roter«

Interview
Omid Nouripour
Ein Grüner mit rotem Herzen und blauem Habibi-Pulli. Nouripour sei farbenblind, sagt er uns mit einem Augenzwinkern.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete und Eintracht-Frankfurt-Fan Omid Nouripour über seine erste Liebe, Getränkedosen aus Tabriz und die heißesten Transfertipps für Fredi Bobic.

zenith: Herr Nouripour, mit Tractor Sazi hat gerade ein Verein aus der Stadt Tabriz den iranischen Pokal gewonnen, dabei dominieren doch eigentlich die großen Clubs aus Teheran die Liga. Waren Sie überrascht?

Omid Nouripour: Überraschend war es eigentlich nicht. Der Verein ist so etwas wie die iranische Version des Dosenvereins (Anmerkung der Redaktion: aus Leipzig). Hinter Tractor Sazi steht ein reicher Investor und im Team spielen viele Altstars. Dazu haben sie gut eingekauft, gerade in Zeiten, in denen viele andere Vereine wegen der ökonomischen Gesamtlage herumkrebsen. Und ganz ehrlich, ich bin zwar Fan der Roten, also von Persepolis Teheran, aber es hat mich heimlich gefreut. Unsere Rivalen, die Blauen, hatten das Halbfinale gegen uns im Elfmeterschießen nur gewonnen, weil der Schiedsrichter das Spiel so lange laufen ließ, bis sie den Ausgleich erzielen konnten. Das war doch schön, dass sie am Ende nicht auch noch den Pokal in die Höhe recken konnten.

 

Moment, Sie gelten im politischen Berlin doch eigentlich als eingefleischter Fan von Eintracht Frankfurt?

Ich bin ein Roter. Persepolis Teheran ist mein Verein, seitdem ich auf der Welt bin und laufen kann. Da kannte ich die Eintracht noch gar nicht. Die Geschichte mit der Eintracht ist heute religiös, aber mit den Roten aus Teheran ist sie das auch.

 

Die Rivalität zwischen den Roten und den Blauen aus Teheran ist ja so etwas wie der Classico des iranischen Fußballs. Esteghlal (blau) gilt als das Team der Reichen und Schönen, Persepolis (rot) als bodenständiger Verein des Volkes, wobei diese Unterscheidungen im Fußball ja schnell Folklore werden. Nur kann man das überhaupt: Fan von mehreren Vereinen sein?

Ja, man kann Fan von zwei Vereinen sein. Aber: Nur, wenn sie nie gegeneinander spielen. Das ist bei Eintracht und Persepolis ja der Fall. Ich nenne das dann die Kraft der zwei Herzen.

 

Omid Nouripour über iranischen Fußball
Persepolis-Ultras auf dem Weg ins Stadion. Der Verein aus Teheran gehört zu den beliebtesten und erfolgreichsten Klubs in Iran.Foto: Thomas Peter

 

Außerhalb Europas haben nur wenige Clubs so viele Zuschauer wie Tractor Sazi. 2019/2020 lag der Zuschauerschnitt laut der Plattform Transfermarkt.de höher als bei Juventus Turin. Wie ist das zu erklären?

Tabriz ist eine sehr große Stadt im äußersten Nordwesten. In der Gegend gibt es kaum große Vereine, kaum Profisport. Die Iraner sind ja an und für sich schon fußballverrückt. Und deshalb gehen die Leute natürlich zu ihrem Verein.

 

Tractor Sazi gilt auch als Verein der Azeri-Minderheit im Land. Wir vergessen ja oft, dass Iran ein Vielvölkerstaat ist, in dem Perser nur die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.

Natürlich wehrt sich in vielen Regionen ein starker Regionalpatriotismus auch ein Stück gegen den Zentralismus aus Teheran. Formal sollen die Provinzen ja halbwegs autark regiert werden, aber alle wissen, dass das nicht der Fall ist. Erst recht nicht, wenn die Mehrheit nicht Persisch ist, sondern Kurdisch, Arabisch, Azeri, Belutschisch oder Turkmenisch. Aber das ist doch in Ordnung, wenn die Nicht-Perser auch mal einen Pokal gewinnen, solange Persepolis Meister wird, wie in den letzten vier Spielzeiten. Mein Traum ist ja ein Weltpokalfinale gegen die Eintracht, wobei ich dann in Teufels Küche geraten würde.

 

Ein langer Weg. Der iranische Fußball leidet genauso wie der Rest des Landes unter Wirtschaftskrise, Sanktionen und den Folgen der Covid-Pandemie. Wie geht die Liga damit um?

Die Covid-Pandemie ist eine Katastrophe für das Land. Die Dunkelziffer der Fälle ist hoch. Das Missmanagement, das schon vorher das Land lahmgelegt hat, produziert jetzt natürlich Tote. In erster Linie übrigens in Gefängnissen, das ist ganz fatal, insbesondere die Lage der politischen Gefangenen. Aber das alles betrifft natürlich auch den Fußball. Die Liga tat sich sehr schwer mit dem Neustart. Es fallen laufend Spiele aus, weil Menschen infiziert sind. Es kursieren auch viele Gerüchte, dass nicht konsequent getestet wird, was natürlich umso gravierender ist.

 

Die Spieler von Tractor Sazi trugen auf ihren T-Shirts zur Siegesfeier unter anderem das Konterfei von Generalmajor Qassem Soleimani, jenes prominenten Offiziers der Revolutionsgarde, der am 3. Januar von den USA in Bagdad getötet wurde. Was hat es damit auf sich?

Soleimani, der für Kriegsverbrechen in Syrien verantwortlich war, gilt in Teilen Irans als Held und Märtyrer, weil die iranische Propaganda es geschafft hat, den Leuten einzubläuen, er habe das Land vor dem IS gerettet. Die Unterstützung für ihn ist also oft authentisch.

 

Seit dem Amtsantritt von Sportvorstand Fredi Bobic ist die Frankfurter Eintracht für ihr kreatives Scouting bekannt. Welche iranischen Spieler würden Sie ihm aktuell empfehlen, im Auge zu behalten?

Den Jugendspieler Younes Delfi zum Beispiel. Der hat 2017 eine sensationelle U17-Weltmeisterschaft in Indien gespielt und kickt mittlerweile beim RSC Charleroi in Belgien. Der beste iranische Spieler ist übrigens gerade unbezahlbar für die Eintracht: Der Stürmer Serdar Azmoun von Zenit St. Petersburg, frischgebackener Torschützenkönig der russischen Liga (Anmerkung der Redaktion: Zusammen mit Teamkollege Artem Dzyuba). Ein anderer iranischer Torschützenkönig spielt in einer weiteren großen Liga: Mehdi Taremi in Portugal, der ist gerade zum FC Porto gewechselt. Wäre es nach mir gegangen, dann hätte die Eintracht den schon vor fünf Jahren geholt. Aber wer weiß, ob er dann auch den Durchbruch geschafft hätte, oder die Eintracht ihn wieder weiterverkauft hätte. Ich glaube, es ist ganz gut, dass Bobic nicht auf mich hört.


Der Hesse Omid Nouripour ist Bundestagsabgeordneter und seit 2013 außenpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion. Fast noch wichtiger in dem Kontext dieses Interviews: Er ist zudem Vorsitzender des Eintracht-Frankfurt-Fanclubs des Deutschen Bundestages.

Von: 
zenith-Redaktion

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