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Qualifizierungslehrgang Prävention und Deradikalisierung

Hier sind Profis gefragt

Feature
Im Dialog
Nina Prasch, Projektleiterin der »Jungen Islam-Konferenz«, bei einer der Veranstaltungen des Dialog-Forums. Foto: Junge Islam Konferenz / Inka Recke

Die Arbeit mit radikalisierten Personen und deren Familien ist komplex und anspruchsvoll. Auch deshalb ist es schwierig, qualifiziertes Personal zu finden. Ein neuer Lehrgang soll das ändern.

Tim* hat sich verändert. Vor kurzem erst hat er die Realschule abgeschlossen und eine Lehre begonnen – nun besucht er regelmäßig eine Moschee und trifft sich dort mit Gleichaltrigen. Gemeinsam mit seinen Freunden schaut er sich salafistische und dschihadistische Propagandavideos an und entwickelt immer extremere Positionen – und die Gruppe grenzt sich ab, etwa von den nicht-salafistischen Predigern anderer Moscheen.

 

Seine Familie macht sich Sorgen: Tim weigert sich seit einiger Zeit, Frauen die Hand zu geben, und achtet streng auf die Einhaltung der Gebetszeiten. Inzwischen schläft er nur noch auf dem Boden, geißelt sich und trainiert jeden Tag Kampfsport. Er müsse sich auf den Kampf gegen Ungläubige vorbereiten, sagt er.

 

Dieser echte Fall wird als Beispiel für islamistische Radikalisierung in einer Broschüre des »Bayerischen Netzwerks für Prävention und Deradikalisierung« aufgeführt. Eine Geschichte mit tragischem Ende, denn Tim reist nach Syrien und stirbt im Kampf.

 

Tims Radikalisierung ist kein Einzelfall. In Deutschland gab es 2018 mehr als 11.000 Salafisten, doppelt so viele wie fünf Jahre zuvor. Insgesamt geht der jüngste Bericht des Verfassungsschutzes sogar von über 26.000 Personen mit »Islamismuspotenzial« in Deutschland aus.

 

Der Bericht sieht das Land »unverändert im Zielspektrum von dschihadistischen Organisationen« und konstatiert »eine anhaltend hohe Gefährdung« durch islamistischen Terrorismus. Der sogenannte Islamische Staat, dessen Staatsprojekt in Syrien und dem Irak ab 2014 weltweit Menschen anlockte, wurde inzwischen größtenteils zerschlagen – doch die Zahlen islamistisch radikalisierter Personen in Deutschland stieg auch in den letzten Jahren. Entsprechend wichtig für die Sicherheit, auch und gerade für das engste Umfeld radikalisierter Personen, sind deshalb Prävention und Deredakialisierung.

 

Spätestens seit dem islamistisch motivierten Anschlag auf die französische Redaktion von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015, hat sich auch die deutsche Bundesregierung zum Ziel gesetzt, die Präventionsarbeit im Land hochzufahren. So hat der Koalitionsausschuss im Jahr 2017 das Nationale Präventionsprogramm gegen islamistischen Extremismus (NPP) beschlossen, welches 100 Millionen Euro im Jahr in die Förderung von Prävention investiert. Zentral dabei ist die Beratungsstelle »Radikalisierung« des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die als bundesweite Anlaufstelle fungiert. Dabei kamen Evaluationen 2016 und 2017 zu dem Schluss, dass es schwierig ist, qualifiziertes Personal für diese Arbeit zu finden.

 

Für die Arbeit mit bereits radikalisierten Personen braucht es Profis

 

Laut Steven Lenos vom »Radicalisation Awareness Network« (RAN) der EU-Kommission gibt es in Europa eine ganze Reihe von Trainingsprogrammen für die Bereiche der primären und sekundären Prävention – also für grundsätzliche demokratische Bildungsarbeit sowie die Früherkennung von Radikalisierung und den Umgang mit potentiell bedrohten Gruppen. Professionelle Ausbildungen für Beratende in der tertiären Prävention, der Arbeit mit (mutmaßlich) bereits radikalisierten Personen und ihrem sozialen Umfeld, fehlen hingegen.

 

Dabei sind die Anforderungen an Beratende gerade in diesem Arbeitsbereich enorm: Neben Fachwissen über Islamismus brauchen sie Erfahrung mit Konzepten der Sozialen Arbeit, müssen häufig mit Sicherheitskräften kooperieren und sollten psychotherapeutische Kompetenzen mitbringen. Hinzu kommen ständige Weiterbildungen, um auf Veränderungen in den Strukturen des internationalen islamistischen Terrorismus zu reagieren.

 

Um den Bereich solcher Ausstiegsberatungen in Deutschland zu professionalisieren, hat die Candid Foundation, die auch das Magazin zenith herausgibt, einen Qualifizierungslehrgang für das BAMF entwickelt – den ersten seiner Art. Asiem El-Difraoui, Catrin Trautmann und Nina Wiedl haben einen 120-stündigen Kurs ausgearbeitet, der die Teilnehmenden gezielt für die Beratung von Radikalisierten und deren Familien vorbereitet.

 

Der Qualifizierungslehrgang besteht aus drei Grundelementen: einem didaktischen Konzept für realitätsnahe Gestaltung des Kursplans, einem Lehrbuch zur Lernbegleitung, und einer ergänzenden digitalen Plattform. Schon bald sollen so Menschen aus unterschiedlichen Berufsgruppen und Fachgebieten – von Islamwissenschaft und Politologie über Psychologie bis hin zur Sozialpädagogik – berufsbegleitend zu Beratenden ausgebildet werden und am Ende ein staatliches Zertifikat erhalten.

 

Sowohl Theorie als auch praktische Rollenspiele und Simulationen

 

Auf der einen Seite soll den Teilnehmenden des Lehrgangs grundlegendes theoretisches Wissen zu Islamismus, Dschihadismus und Salafismus sowie Radikalisierung, Prävention und Beratung vermittelt werden. Das Konzept der Candid Foundation zieht dabei auch bisher weniger beachtete Aspekte der Deradikalisierungsarbeit mit ein – beispielsweise Sport, Kunst und Kultur.

 

Hinzu kommen praktische Elemente: Rollenspiele zu unterschiedlichen Beratungssituationen, Analysen von anonymisierten Fällen aus der Realität und Simulationen des Beratungsprozesses. Vom Erstgespräch über die Reflexion bis hin zur Dokumentation. Auf diese Weise können die Teilnehmer Erfahrung sammeln, ihre Problemlösungskompetenz ausbauen, sich in die Beratungsnehmenden hineinversetzen und ein besseres Verständnis für die verschiedenen Perspektiven der Situation bekommen.

 

Zusätzlich werden Exkursionen dazu beitragen, den Teilnehmenden interkulturelle Werte und Traditionen näherzubringen. Zur Begleitung des Lehrplans vermittelt das Lehrbuch relevante Inhalte. Eine digitale Plattform dient als Forum für Austausch, Online-Lehrgänge und weiterführende Videos, Texte und Links.

 

Im März 2019 kamen Präventionsprofis aus zwölf Ländern für zwei Tage nach Berlin, um sich auszutauschen und das Konzept des neu entwickelten Lehrgangs zu diskutieren. Die Experten waren sich einig, dass eine gute Ausbildung der Beratenden zentral für nachhaltige Erfolge in der tertiären Prävention ist – so der Abschlussbericht des Workshops. Der neue Qualifizierungslehrgang könnte so zu einem Vorbild für andere Länder werden.

 

Noch 2020 soll der neue Lehrgang implementiert werden und so künftig den Grundstein für die Weiterentwicklung der tertiären Prävention und Deradikalisierung in Deutschland legen. Ein wichtiger Schritt, um mit Menschen wie Tim zu arbeiten und seiner Familie in ihrer schwierigen Lage beizustehen.

*Name verändert

Von: 
Michael Nuding

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