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Rakameya Conference des Digital Arabia Networks

Licht im Schatten

Feature
Die Rakameya Conference des Digital Arabia Networks
Nizar Messaoui / Interference - International Light Art Project Tunis

Was macht die Digitalisierung mit der Kunst? Und was die Kunst mit der Digitalisierung? Warum die Pandemie der digitalen Transformation in der Kulturbranche der MENA-Region Vorschub leistete, war eines der Themen der diesjährigen Rakameya Conference.

Technoheritage nennt Nora Al-Badri die Bilder, die sie entstehen lässt. Mit zehntausend Fotos von mesopotamischen, neo-sumerischen und assyrischen Artefakten aus fünf Museumskollektionen hat die Künstlerin für Babylonian Vision eine künstliche Intelligenz gefüttert, die auf dieser Basis neue Bilder generierte. Und die fungieren gleichzeitig als Abbild und als Objekt, als lebendige Erinnerung der ursprünglichen Fotos und Gegenstände. Die originalen, physischen Fundstücke sind auf der ganzen Welt verteilt. Für »Babylonian Vision« hat Al-Badri die neue GAN-Technologie (Generative Adversarial Networks) sowie Praktiken des dekolonialen und maschinellen Lernens nutzbar gemacht.

 

Von den Museen erhielt sie keine Erlaubnis, die Bilder zu nutzen. Das Museum fungiert oft als »koloniale Maschine«, erzählt sie den Zuhörerinnen und Zuhörern im Zoom-Panel, denn der globale Norden habe nicht nur die Hegemonie über physische Objekte, sondern auch über Daten. Und was öffentliches Gut, public domain, sein sollte, bleibt privatisiert: »Das ist die institutionelle Angst vor dem Verlust von Deutungshoheit«, findet die in Berlin lebende Medienkünstlerin.

 

Die junge und oft technologisch sehr versierte Generation in arabischen Ländern ist noch weitgehend von politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen

 

Nora Al-Badri, die 2015 mit ihrem Nofretete-Hack Schlagzeilen machte, gehörte zu den Panelisten der diesjährigen »Rakameya Conference« des Digital Arabia Network, die vom 15.bis 17. Juni online stattfand. Es ging um Digitalisierung und Vernetzung in den Panels rund um Kunst, Kultur und Museen der arabischsprachigen Welt.

 

Zukunft war das bestimmende Thema bei den geladenen Künstlerinnen, Kuratoren und Kulturschaffenden, Wissenschaftlern und Aktivistinnen, die sich auf Zoom austauschten: Wie sieht das Museum von morgen aus? Können Museen politischen Wandel anstoßen? Was können Künstlerinnen und Kuratoren, Museen und Wissenschaftler der MENA-Region voneinander lernen? Wie sich besser vernetzen? Welche Lehren können aus der pandemiegeschuldet breit notwendig gewordenen Digitalisierung gezogen werden? Und auch abstraktere Fragen standen zur Debatte: Wem gehören digitale Kunst und cultural data? Gibt es so etwas wie digitalen Kolonialismus?

 

Das Museum als ein Ort des Wandels und der digitalen Transformation: Darüber machten sich Carsten Siebert von der »Barenboim-Said Academy« und der Politologe Ayad Al-Ani Gedanken. Müssen die Museen der MENA-Region sich zuerst ändern, um politische und gesellschaftliche Umgestaltung und technischen Fortschritt anzustoßen? Und wenn ja, wie?

 

Die junge und oft technologisch sehr versierte Generation in arabischen Ländern sei noch weitgehend von politischen Entscheidungsprozessen der Eliten ausgeschlossen, befanden Siebert und Al-Ani. Museen könnten jungen Menschen Raum geben, um Diskurse der Teilhabe zu öffnen – und Strategien der Digitalisierung können dabei helfen. Wenn das Museum zum Ort des gesellschaftlichen Erlebens wird, wird Kultur ein Vehikel dafür, auf neue Arten über die Zukunft zu sprechen.

 

Wie Museen erfolgreich digitale Strategien anwenden können, demonstrierte Sarah Kenderdine, die in Lausanne zu experimenteller Museologie forscht. In weltweit gezeigten Installationen lässt die Pionierin im Feld des digitalen Museumswesens kulturelles Erbe mit medienkünstlerischen Praktiken verschmelzen: Es entstehen immersive, interaktive Abenteuer, in denen sowohl die zwischenmenschliche als auch die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine im Fokus stehen.

 

Die Flaggschiffe der digitalen Transformation

 

Der digitalen Transformation von Museen der arabischen Welt im Wege stehen laut Siebert und Al-Ani nicht finanzielle oder technische Hürden, sondern ein konservativer Blick auf die eigene Rolle und die von Kultur im Allgemeinen.

 

Wie es anders geht, zeigen Projekte wie das marokkanische Arab Media Lab, ein Kollektiv, das unabhängigen Medienkünstlerinnen und Filmemachern aus Marokko und der arabischen Welt eine Plattform bietet und Bildungsveranstaltungen zu Medienkünsten anbietet. Die Initiative verfügt über eine riesige Datenbank von Filmen und anderen medialen Kunstwerken, erzählt der Mitgründer Abdelaziz Taleb, die sorgfältig kuratiert und geframed der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Beim Online-Projekt Tangier Interzone beispielsweise wurden Filme gezeigt, die lokale Perspektiven auf die Region eröffnen.

 

Auch die Arab Image Foundation (AIF) ist ein Flaggschiff der digitalen Transformation in der Kulturbranche: 1997 in Beirut gegründet, konzentriert sich die Stiftung auf das Sammeln und Konservieren von Bildern aus der MENA-Region und der arabischen Diaspora. Die Arab Image Foundation betreibt jedoch keine konventionelle Archivierung, sondern arbeitet an der Intersektion von zeitgenössischer Kunst, Forschung und archivarischen Praktiken.

 

So werden zum Beispiel keine Ausbesserungen an den Fotografien vorgenommen, lediglich konservative Maßnahmen. Denn man will die Bilder als ganze Objekte zeigen, mitsamt ihrer Geschichte. Heute umfasst die Sammlung eine stolze halbe Million Fotos aus fünfzig Ländern, datierend von 1860 bis 2021. Mit der Digitalisierung begann die AIF schon früh, 2006, online zugänglich sind bislang etwa zehntausend Fotografien.

 

»Ein erleuchtender Moment«

 

Die Pandemie stellte die Kulturbranche in der MENA-Region vor große Herausforderungen. Doch bei allem Übel, dass Covid mit sich bringt und brachte, werden einige digitale Formate auch nach der Pandemie Bestand haben, davon waren die Teilnehmenden auf der »Rakameya Conference« überzeugt.

 

Bill Bragin etwa, künstlerischer Leiter des Arts Center der New York University in Abu Dhabi, erzählte von den Events am Campus – die pandemiebedingt natürlich größtenteils ausfielen. Doch die Veranstaltungen wurden digitalisiert, mit Live-Streams und auf dem YouTube-Kanal. Und diese notwendig gewordene Digitalisierung sei ein Glücksfall mitten im Pandemie-Unglück für das Arts Center der NYUAD: Die Zugriffszahlen stiegen mit der Zeit exponentiell an, bis zu 20.000 Mal wurden einzelne Events gestreamt. »Das war ein erleuchtender Moment«, sagt Bragin und wirkt stolz. Auch wenn Großveranstaltungen bald wieder stattfinden könnten, würden sie einige in der Pandemie entwickelte digitale Formate beibehalten – weil sie besser funktionieren.

 

»Wir profitieren mehr von einem internationalen Publikum, als dass wir durch die digitale Umsetzung leiden«

 

Auch die Kuratorin Bettina Pelz, die mit den »TASAWAR Curational Studios« kooperiert, brachte Geschichten des Erleuchtens mit: das Interference Festival in Tunis, ein Lichtkunst-Projekt, findet eigentlich im öffentlichen Raum statt, mit zahlreichen Besucherinnen und Besuchern. Die Pandemie erforderte ein Umdenken, und so fand das Festival erfolgreich auch online statt.

 

Teilprojekte von Interference wie die Ausstellung Electrical Disorder, die sich mit Elektromüll auseinandersetzt, wurden durch Video-Spaziergänge erweitert, durch die Menschen rund um die Welt Zugang bekamen. »Wir profitieren mehr von einem internationalen Publikum, als dass wir durch die digitale Umsetzung leiden«, resümierte Pelz.

Von: 
Lisa Genzken

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