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Soziale Einrichtungen im Libanon

Ein Platz für Gabrielle

Reportage
Gabrielle und ihre Mutter Jacqueline Khoury
Gabrielle und ihre Mutter Jacqueline Khoury. privat

Libanons Pflegeeinrichtungen droht wegen der Finanzkrise im Land das Aus. Einrichtungen für Kinder mit besonderen Bedürfnissen setzen sich weiter für ihre Patienten ein – und wollen das Verhältnis von Staat und sozialem Sektor neu austarieren.

Gabrielles Blick schweift durch den Raum, betrachten seine Ecken. Sie durchquert die Korridore, um den Physiotherapieraum zu erreichen. Sie versucht, ihren gebrechlichen Körper in ihrem Rollstuhl abzustützen. Ein geduldiges Lächeln im Gesicht.

 

Sie streckt ihre Hände aus, um die ihrer Physiotherapeutin zu berühren. Trotz der Schmerzen strahlen ihre Augen. Sie sieht sich zu den anderen Menschen im Raum um. Sie lächelt wieder. Kein Platz für Verzweiflung. Die Therapeutin hilft ihr, sich auf den Boden zu setzen und flüstert: »Hab keine Angst. Sag stopp, wenn es etwas wehtut.« Das Mädchen nickt – und lächelt.

 

Gabrielle begegnet den Schmerzen mit einem Lächeln, es ist ihre einzigen Waffe. Die 14-jährige Libanesin leidet an einer Teillähmung in Armen und Beinen, die Folge der Frühgeburt. Ihre Mutter, Jacqueline Khoury, war mit Zwillingen schwanger, als sie erfuhr, dass ihre 22-jährige Tochter bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Die Nachricht warf sie um, die psychische Belastung hatte körperliche Folgen. Im sechsten Schwangerschaftsmonat kam Gabrielle zur Welt – viel zu früh. Ihre Zwillingsschwester starb noch bei der Geburt, Gabrielle aber überlebte.

 

Der Libanon, Gabrielles Heimat, steckt mitten in einer ganzen Kaskade von Krisen. Allen voran lähmt eine Finanzkrise den Zedernstaat am östlichen Mittelmeer und die trifft soziale Einrichtungen besonders stark, weil diese auf öffentliche Gelder angewiesen sind. So auch SESOBEL, die Einrichtung, die sich um körperlich eingeschränkte Menschen wie Gabrielle kümmert. Insgesamt ist der Sektor für die Betreuung von 150.000 Menschen im Libanon verantwortlich und beschäftigt 12.000 Angestellte, darunter hochspezialisierte Therapeuten.

 

Organisationen wie SESOBEL stellen traditionell die notwendige Infrastruktur bereit, während der Staat auf Grundlage jährlicher Berechnungen der Sozialfürsorgeleistungen die Arbeitskosten trägt. Partnerschaftsverträge zwischen der libanesischen Regierung und den Einrichtungen regeln diese Zusammenarbeit. Die Verträge sind befristet und müssen jedes Jahr erneuert werden.

 

In der Wirtschaftskrise müssen Einrichtungen wie SESOBEL um zugesagte Gelder kämpfen

 

Die Gründung einer Wohlfahrtseinrichtung oder eines gemeinnützigen Vereins im Libanon ist an sich keine komplizierte Angelegenheit. Die Organisationen müssen beim Ministerium einen Antrag einreichen, aus dem ihre Ziele klar hervorgehen, damit ihre Tätigkeit genehmigt werden kann. Gemäß dieser Vorschriften operieren heute etwa 11.000 dieser Einrichtungen im Libanon, 103 davon sind mit der sozialen Betreuung für Menschen mit besonderen Bedürfnissen befasst. SESOBEL gehört zu den ältesten und bekanntesten dieser Einrichtungen und wurde bereits 1976 gegründet.

 

Im Staatshaushalt 2019 stellte die Regierung umgerechnet 115 Millionen US-Dollar zur Unterstützung von Sozialhilfeorganisationen bereit. Dieser Betrag wird unter den Einrichtungen nach Größe und Anzahl der Begünstigten, etwa Kinder, aufgeteilt. Die staatliche Zuweisung beläuft sich lediglich auf maximal 30 Prozent des Budgets einer Organisation.

 

Infolge der Wirtschaftskrise und insbesondere des Währungsverfalls des libanesischen Pfunds müssen diese Organisationen aber darum kämpfen, die zugesagten Mittel tatsächlich zu erhalten. Obwohl die Zuweisungen auf dem Papier genehmigt wurden, gestaltet es sich für das Finanzministerium angesichts des Haushaltsdefizits und dringender Zahlungsverpflichtungen in anderen Bereichen schwierig, die Gelder auszuzahlen.

 

Von all dem wusste Jacqueline Khoury nichts, als sie nach dem Verlust zweier Töchter am Boden zerstört war. Als die kleine Gabrielle trotz der Frühgeburt den ersten Geburtstag überlebte, folgte der nächste Schlag: Die Ärzte teilten ihr mit, dass der Sauerstoffmangel während der Geburt eine Querschnittslähmung in allen vier Gliedmaßen verursacht hatte. Von da an setzte die Mutter alles daran, ihre Tochter auf dem beschwerlichen Weg der Behandlung zu begleiten, auch um selber das Trauma des Verlusts zu überwinden.

 

»Wir begannen mit der Behandlung, als Gabrielle erst ein Jahr alt war. Ihr Fall war heikel und schwierig«, erzählt Jacqueline Khoury. »Wir hatten das Glück, mit einem Arzt in Kontakt zu kommen, der bei SESOBEL arbeitet.« Von da an schöpfte Jacqueline Khoury wieder Hoffnung. »SESOBEL kümmerte sich nicht nur um Gabrielle, sondern um die ganze Familie, vor allem um mich.«

 

Bereits 2019 stand die Einrichtung kurz vor der Schließung

 

Dieser Hoffnungsschimmer droht nun zu verschwinden. Zahlreich soziale Organisationen im Libanon, darunter auch SESOBEL, sind angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Lage von der Schließung bedroht. Nach der Explosion im Hafen von Beirut im August 2020 hat sich die Lage nur weiter verschlechtert. Für Familien wie die Khourys steht deshalb viel auf dem Spiel.

 

Denn bei SESOBEL hat Gabrielle viele neue Freunde gefunden. Die Organisation wurde zu einem zweiten Zuhause. Auch wegen Menschen wie Julia. Die Achtjährige mit dem dicken, dunklen Haar verbirgt schüchtern ihr Gesicht, ehe sie mit stetem Schritt durch den Raum geht. Doch sie bleibt plötzlich stehen, setzt nur unter Schmerzen ein Bein vor das andere. Ihre Sehnen und Gelenke sind in Folge eines Unfalls verletzt.

 

»Wir haben oft den Physiotherapeuten gewechselt, da es Julia nicht besser ging. Ich hatte immer das Gefühl, dass wir mehr tun müssen, um ihr zu helfen. Bis wir auf SESOBEL gestoßen sind«, erzählt Julias Mutter Sabine Chaib. Auch sie teilt Khourys Besorgnis darüber, dass die Einrichtung wegen der Finanzlage, den verspäteten Beitragszahlungen der libanesischen Regierung und des Rückgangs der Spenden womöglich den Betrieb einstellen muss.

 

Für die Betreiber ist das allerdings keine gänzlich neue Situation. Schon 2019 stand die Einrichtung kurz vor der Schließung, damals ob des anhaltenden Haushaltsdefizits. Die betroffenen Eltern zogen zum Sozialministerium und den Sitz des Maronitischen Patriarchats in Bkerke im Libanongebirge und organisierten Sit-ins.

 

Die Einrichtung Sesobel in der libanesischen Hauptstadt Beirut
Die Einrichtung SESOBEL in der libanesischen Hauptstadt Beirut.Foto: Sandy al-Hayek

 

Der Protest zeigte Wirkung und SESOBEL erhielt finanzielle Zusagen, um weiterhin hilfsbedürftige Kinder betreuen zu können. Zugleich musste die Organisation aber sparen. Seit damals gibt es keine Mahlzeiten mehr, das Freizeitangebot für den Sommer wurde gestrichen und die Betreuungszeit der Kinder von fünf auf drei Tage pro Woche beschränkt. Auch die Arbeitszeit und die Gehälter der Mitarbeiter wurden gekürzt.

 

»Die Lage ist sehr schlimm, zumal der libanesische Staat diesem Sektor nicht die nötige Aufmerksamkeit schenkt«, sagt Fadia Safi, die Leiterin der Organisation. »Heute erhalten wir Regierungsbeiträge auf Basis der Kostenberechnungen für das Jahr 2011. Doch dieser Betrag steht in keinem Verhältnis zu den hohen Lebenshaltungskosten, mit denen die Libanesen derzeit konfrontiert sind.«

 

Eigentlich hatte Libanons Regierung bereits 2012 beschlossen, den staatlichen Zuschuss für soziale Einrichtungen um 25 Prozent zu erhöhen. »Das ist nicht umgesetzt worden«, konstatiert Safi. »Aber angesichts der Preissteigerungen würde selbst eine solche Aufstockung kaum einen Unterschied machen. Aber es wäre besser als nichts, zumindest bis die Regierung eine Lösung für ihr Haushaltsdefizit gefunden hat.«

 

Umso wichtiger sind Spenden für soziale Einrichtungen, doch auch hier hat sich die Lage laut Safi zum Schlechten verändert: »Seit 2019 beobachten wir, dass der Großteil der Spenden in die Unterstützung für Flüchtlinge und Vertriebene aus Syrien fließt. Hinzu kommen Kapitalkontrollen bei libanesischen Kontoinhabern, die zu einem weiteren Rückgang der Spenden geführt haben.« Obwohl der Libanon ein kleines Land ist, sind aus dem benachbarten Syrien mehr als eine Million Menschen geflohen – wie viele es genau sind, weiß selbst die Regierung nicht.

 

Safi betont, dass für SESOBEL nicht das Geld, sondern die Bedürfnisse der Kinder im Vordergrund stünden. »Wir können sie nicht für längere Zeit zu Hause lassen. Sie versäumen Unterricht und medizinische und therapeutische Aktivitäten.« Safi sagt, dass sich der Wegfall dieser Angebote negativ auf das Verhalten und die psychische Verfassung der Kinder und deren Familien auswirkt. »Das haben wir in der Corona-Krise während des Lockdowns und später im Nachgang der Explosion in Beirut sehr deutlich gespürt. Kinder sind psychisch verwundbar und haben Zukunftsängste.«

 

»Eine Schließungswelle käme einem Verbrechen an den Kindern gleich«

 

Mit ihren Sorgen ist die Leiterin der Einrichtung nicht allein. Auch Ismail Al-Zayn, Direktor des »Al-Hadi-Instituts für Taubstumme, Blinde und Lernbehinderte« ist unruhig. Seine Einrichtung steht wie auch SESOBEL aufgrund der Finanzierungslücke vor großen Herausforderungen.

 

»Bis heute stehen Zahlungen in Höhe von umgerechnet mehr als 43 Millionen US-Dollar aus dem vierten Quartal 2019 aus, die sozialen Organisationen zugesichert worden waren«, berichtet er. »Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, sind unsere Verträge mit dem libanesischen Staat selbst für das aktuelle Jahr immer noch nicht verlängert worden.«

 

Dennoch versucht das Al-Hadi-Institut auch in Corona-Zeiten, zumindest die Betreuung per Videoschalte für die Kinder aufrechtzuerhalten. »Und das ohne einen Vertrag mit dem Staat. Seit der Explosion im Beiruter Hafen liegt das Thema auf Eis«, berichtet Zayn und warnt vor den Konsequenzen einer Schließungswelle im Bereich der sozialen Arbeit. »Das käme einem Verbrechen an den Kindern gleich.«

 

Viele Libanesen sind es gewohnt, sich ihre Rechte durch permanenten Druck auf Politiker und Beamte zu erkämpfen. Und so gehen auch die Einrichtungen im sozialen Sektor den Gang durch die Institutionen. Im Rahmen einer Dachorganisation, dem »Nationalen Rat für Behindertenfragen«, haben sie die interne Koordination intensiviert, um den Druck auf die Behörden zu erhöhen. Ihnen geht es in erster Linie um die Auszahlung ausstehender Gelder. Zudem erarbeiten sie einen Kostenplan, der die wirtschaftliche Realität des Jahres 2020 widerspiegelt.

 

Doch dafür brauchen die Sozialarbeiter Druckmittel. »Es ist wahrscheinlich, dass die sozialen Einrichtungen im Land zum Streik aufrufen werden, damit unsere Stimmen Gehör finden«, sagt Ismail Al-Zayn. Zugleich stehen sie vor der Herausforderung, die Betreuung aufrechtzuerhalten. »Wir versuchen mit allen Mitteln, nicht in die Richtung zu gehen, in die man uns drängt, nämlich unsere Institutionen zu schließen.«

 

Denn darin unterscheiden sich SESOBEL, das Hadi-Institut und viele andere soziale Einrichtungen von den schwarzen Schafen der Branche: Schein-Betriebe, die staatliche Gelder ohne Gegenleistung abgreifen wollen. Mohammed Shams Al-Din von der Consulting-Agentur Information International forscht zu diesen Missständen in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Er glaubt, dass solche Abzocker reine Briefkastenfirmen gründen und mit der Lizenz des Ministeriums ausgestattet Gelder einstreichen – ohne Arbeit zu leisten.

 

18 bis 20 Milliarden libanesische Pfund werden an inaktive Organisationen überwiesen

 

»Sie verlängern ihre Verträge mit dem Sozialministerium und erhalten die Mittel, ohne wirklich eine Tätigkeit im Dienste des öffentlichen Interesses auszuüben«, erläutert Al-Din. »Wir stießen etwa auf eine Organisation, die mit dem Ministerium einen Vertrag über die Betreuung von 30 älteren Menschen unterzeichnet hat, deren Namen in ihrem Register eingetragen sind. Sie erhalten das Geld, aber sie erbringen keinerlei Leistungen.«

 

Auch hier sieht Shams Al-Din den Staat in der Pflicht und bemängelt den mangelnden Aufklärungswillen. »Den Behörden sind solche Scheinorganisationen oft bekannt, aber sie rühren keinen Finger, um die Verträge zu terminieren – oft profitieren die Abzocker von ihren politischen Kontakten und zu religiösen Autoritäten«, glaubt der Finanzexperte. »Wenn der libanesische Staat etwa 170 Milliarden libanesische Pfund zur Unterstützung sozialer Einrichtungen ausbezahlt, fließen 18 bis 20 Milliarden Pfund davon an die etwa 300 inaktiven Organisationen.«

 

Richard Kouyoumjian, bis zum Rückzug seiner Partei aus der Regierung im vergangenen Herbst der Sozialminister des Landes, war für die von Al-Din kritisierten Genehmigungsverfahren verantwortlich. Er weist die Vorwürfe zurück, zumindest mit Blick auf die Einrichtung, die sich auf die Betreuung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen spezialisiert haben. »Diese Organisationen können klare Ziele vor- und Aktivitäten nachweisen, viele von ihnen blicken auf eine lange Tradition der sozialen Arbeit zurück«, sagt der frühere Minister.

 

Kouyoumjian zeigt Verständnis für die Sorgen der Sozialarbeiter, schließlich habe er während seiner Amtszeit selber miterlebt, wie viele dieser Einrichtungen wegen des Zahlungsverzugs seitens des libanesischen Staats ums Überleben kämpfen. Er behauptet außerdem, dass er den Vorschlag unterbreitet habe, umgerechnet 26,4 Millionen US-Dollar an zusätzlichen Mittel für die Unterstützung solcher Einrichtungen bereitzustellen.

 

Geld, das er vom Budget für die Bezuschussung von Wohnungsbaudarlehen für einkommensschwache Libanesen abzwacken wollte – bis die Öffentlichkeit gegen den Vorschlag aufbegehrte.

 

»Der libanesische Staat muss die bedürftigsten Bereiche unterstützen, auch wenn das auf Kosten anderer Institutionen geht, die im Moment nicht die höchste Priorität haben«, begründet er seinen damaligen Vorstoß. »Die Schließung von sozialen Einrichtungen im Libanon käme einem humanitären Verbrechen gleich. Die Regierung sollte das nicht zulassen.«

 

Auch in Bezug auf die Finanzierung des gesamten Sektors widerspricht Kouyoumjian den Ansichten von Forschern wie Shams al-Din. »Der libanesische Staat sollte über eigene Institutionen verfügen, die direkt von der Regierung finanziert werden. Zivile Einrichtungen müssen dann nicht auch vom Staat finanziert werden.«

 

Wer die Kosten für die dringend notwendige Arbeit im sozialen Sektor finanzieren soll, bleibt im Libanon umstritten. Doch das ändert nichts daran, dass Gabrielle und die anderen Kindern ein Recht auf umfassende Betreuung haben. Sie haben das Recht, sich sicher und geborgen zu fühlen. Sie gehören mit den gleichen Rechten ausgestattet und von ihrem Staat genauso behandelt wie alle anderen Libanesen.


Diese Reportage wurde durch den Candid Journalism Grant gefördert.

Von: 
Sandy al-Hayek

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