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Unternehmer in Jordanien

Von Amman in die Welt

Feature
Eine der Kreationen von Mixed Dimensions
Eine der Kreationen von Mixed Dimensions Foto: Mixed Dimensions

Floristen, 3D-Drucker und Apotheker: Jordanien beherbergt inzwischen ein beachtliches Spektrum an Startups. Doch trotz staatlicher Unterstützung müssen selbst erfolgreiche Neu-Unternehmer den Blick jenseits der Landesgrenzen richten.

Als Ghassan Mzayek und seine Geschwister noch klein waren, verbrachten sie ihren Nachmittag immer im Blumenladen der Familie. Ihre Eltern, Flüchtlinge, die fast mittellos aus dem Libanon geflohen waren, eröffneten ihn 1979. Der kleine Laden, in dem die Kinder ihre Hausaufgaben zwischen Pflanzen und Blumen erledigten, florierte und nach einigen Jahren eröffnete die Familie eine zweite Filiale und eine kleine Gärtnerei.

Alissar Flowers
Alissar Flowers ist ein Beispiel für jordanische Unternehmen, die erfolgreich in die Golfstaaten (GCC) expandiert haben. Foto: Alissar

»Es war nicht nur ein weiterer Blumenladen«, berichtet Mzayek gegenüber zenith in seinem Büro in Amman. »Wir spürten schon immer, dass das Potential für Blumenläden größer war. Und wir wollten in der Region expandieren.«

 

Um das zu tun, ging Familie Mzayek einiges an Risiko ein. Sie investierte einen Großteil ihrer Einnahmen, um sich von internationalen Consulting-Firmen beraten zu lassen, eröffnete eine Filiale in Dubai und dehnte ihre Arbeit auf das Unternehmer- und Gastgewerbe aus, lieferte Blumen-Dekoration für internationale Hotelketten in Syrien und den Golfstaaten. Alissar Flowers wurde zur Marke, die für Qualität, Design und Kundenservice steht. Außerdem nahm die Firma eine Vorreiterrolle in der Entwicklung von umweltschonenden Züchtungstechniken ein.

 

In Jordanien erwarten Neu-Unternehmer eine Reihe von Hindernissen, aber Alissars Geschichte ist eine von vielen Erfolgsstorys einer aufblühenden Szene. Wegen der schwachen Wirtschaft, die über kaum natürliche Ressourcen verfügt, deren Nachbarländer zerrüttet von Konflikten sind und einer Regierung, die auf internationale Hilfe angewiesen ist, um ihren Haushalt auszubalancieren, haben Jordaniens Unternehmer genug Gründe, sich nach dynamischeren Märkten in Übersee umzusehen.

Filiale von Pharmacy1 in Jordanien
»Was wir in Jordanien umgesetzt haben, haben Apotheken typischerweise nicht im Angebot«, sagt Pharmacy1-Gründer Amjad Aryan Foto: Pharmacy1

Mit einer Bevölkerung von neun Millionen sind die Wachstumsmöglichkeiten im Inland beschränkt und die Expansion manchmal genauso notwendig wie ehrgeizig. Rasha Manna, Geschäftsführerin von Endeavor Jordan berichtet zenith: »Es ist nicht wie in Ägypten oder der Türkei. Für viele der Unternehmer bedeutet Wachstum ins Ausland zu expandieren.«

Platz zum Wachsen im »König-Hussein-Business-Park« 

 

Im »König-Hussein-Business-Park« im Westen von Amman können Startups Büroräume zu günstigen Konditionen beziehen, an Seminaren und Gesprächsrunden teilnehmen und teilen sich den Arbeitsraum auf dem Campus mit anderen international aufgestellten Unternehmen. »Es ist ein bisschen das Silicon Valley in Jordanien«, sagt Nasser Saleh, CEO und Gründer von Madfooat, einem Anbieter für elektronische Zahlungsweisen. »Wir erhalten Zugang zu multinationalen Unternehmen, Gesprächsrunden und Referenten. Man trifft hier auf Firmen, die Erfolg haben … das ist inspirierend.«

 

Madfooat und Alissar sind beide Teil des »Endeavor«-Netzwerks. Mzayek rechnet »Endeavor« hoch an, Firmen zu ermutigen ins Ausland zu investieren – eine schwierige Entscheidung für ein Familienunternehmen, aber eine, die wie er glaubt, den Weg für Wachstum in den kommenden Jahren ebnet. »Du brauchst jemanden, der dich führt, der dich an die Hand nimmt und dir sagt, was zu tun ist«, sagt er aus Erfahrung. »Sie helfen den Unternehmern und Startups, anders zu denken, groß zu denken.«

Filiale des Blumenhändlers Alissar
Für Alissar Flowers blüht das Geschäft in der ganzen Region. Foto: Alissar

Wenn Unternehmer von Geschäftspotential sprechen, wiederholen sie immer den gleichen Slogan: Was Jordanien an natürlichen Ressourcen fehlt, gleichen sie durch Humankapital wieder aus. Aber auch das ist keine garantierte Ressource. Die Arbeitslosenquote des Landes liegt bei 16 Prozent, um die 40.000 Absolventen betreten jährlich den Arbeitsmarkt, aber viele Arbeitgeber, Mzayek eingeschlossen, beklagen, dass es schwierig sei, die richtigen Leute zu finden. Namek Zu’bi, Gründer von Silicon Badia, wiederholt dessen Bedenken. »Wir haben keinen Mangel an extrem fähigen Talenten, aber es sind Hunderte, nicht Tausende.«

 

»Wenn wir uns die Mehrheit der Jordanier ansehen, fällt die Startup-Kultur schon aus dem Rahmen«, erklärt Baha Abu Nojaim, Gründer des Technologie Startups Mixed Dimensions. Nojaims Unternehmen, eine der vielen IT-Firmen, die Jordanien mittlerweile hervorbringt, ermöglicht den 3D-Druck von virtuellen Kreationen – etwa Charaktere aus Video-Spielen. Der Sektor erfordert ein hohes Level an technischem Know-how und Wettbewerbsfähigkeit – eine Kombination von Kompetenzen, die essentiell für das Unternehmen ist, um global erfolgreich zu sein. »Ein neues Geschäft aufzubauen ist für viele nicht selbstverständlich. Sie fürchten sich davor«, erklärt Abu Nojaim. »Wir müssen viel Aufklärungsarbeit leisten.«

 

Abu Nojaims großer Durchbruch kam, als er und sein Mitbegründer zu Alchemist eingeladen wurden, einem der am besten bewerteten Unternehmen des Silicon Valleys. Ein Jahr intensives Netzwerken, Mentoring und Training im Herzen der Technologie-Welt. Es war die Chance ihres Lebens, aber als Außenseiter im Wettbewerb zu bestehen, war nicht immer einfach. »Du bist von Anfang an anders, wenn du als Jordanier im Silicon Valley bist«, erklärt er. »Kein Ex-Google-Mitarbeiter oder Stanford-Absolvent zu sein, bringt viele Herausforderungen mit sich – um Zugang zu Finanzierung und zu Kontakten der Tech-Community zu bekommen.«

 

 

Sie hoffen nun, dass sie die Kompetenz, die sie sich als Außenseiter erarbeitet haben, weitergeben können, um das Wachstum der Branche in der Heimat zu fördern. Dafür haben sie »Hackatari« ins Leben gerufen, ein Innovationsforum, in dem Absolventen in Teamarbeit Industrieerfahrung in der Produktherstellung sammeln können. Geld in die Ausbildung unerfahrener, einheimischer Talente zu stecken, macht finanziell mehr Sinn, als ausländische Spitzenköpfe einzustellen. Außerdem ist es ein Schritt auf dem Weg zu einer Kultur der Exzellenz und Ambition, die Jordanien helfen soll, weltweit wettbewerbsfähig zu werden. »Du musst der Beste sein, um zu überleben und zu wachsen«, erklärt Abu Nojaim. 

 

Die Werkstatt von Mixed Dimensions
Das jordanische Technologie-Startup Mixed Dimensions kurbelt den wachsenden Digitalsektor des Landes an. Foto: Mixed Dimensions

Ein potenzieller Absatzmarkt in Europa: Griechenland

 

Als Amjad Aryan 2001 das Unternehmen  Pharmacy1 gründete, erschuf er eine rasant expandierende Marke. Er machte den Pharmazeuten eher zu einem Gesundheitsspezialisten, als zu einem Verkäufer, der in der Lage ist, auf höchster Ebene Krankenversorgung und Beratung anzubieten. Er entwickelte ein Rechensystem und eine Infostelle für Medikamente, legte dabei großen Wert auf umfassende, kontinuierliche Personalschulung und einen zuverlässigen Markenkern. »Wir konzentrieren uns vor allem auf den Menschen«, sagt er zenith. »Was wir in Jordanien umgesetzt haben, haben Apotheken typischerweise nicht im Angebot.«

Das Team von Pharmacy1 in der Hauptgeschäftsstelle.
Das Team von Pharmacy1 in der Hauptgeschäftsstelle. Foto: Pharmacy1

Das Unternehmen zählt nun 15-16.000 Kunden täglich und beschäftigt über 750 Angestellte in 76 Filialen. Vor kurzem präsentierte Pharmacy1 Innovationen wie Blindenschrift auf Medikamenten und einen Kundenservice in Gebärdensprache. Jedoch erwies sich Wachstum über Jordanien hinaus als schwierig. Filialen öffneten erfolgreich in Irakisch-Kurdistan, aber Expansionen nach Saudi-Arabien stießen auf rechtliche Probleme und sind momentan auf Eis gelegt.

 

In der Praxis verkomplizieren die jeweiligen Marktbestimmungen in den arabischen Staaten die regionale Expansion. In den Golfstaaten ist es die Voraussetzung, eine einheimischen Partner an Bord zu holen; der Libanon verbietet Apothekenketten; palästinensische Filialen könnten zu Auseinandersetzungen wegen Hebräisch bedruckten Medikamenten führen und der Irak und Syrien sind durch den Krieg ausgeschlossen. Aryan empfindet das fehlende Bewusstsein dafür als frustrierend. Er erinnert sich an eine Reise nach Monte Carlo, nachdem er für einen Unternehmer des Jahres Award nominiert wurde und realisierte, dass die anderen Nominierten diese Einschränkungen kaum nachvollziehen konnten.

3D-Druckerei in der Werkstatt von Mixed Dimensions.
3D-Druckerei in der Werkstatt von Mixed Dimensions. Foto: Mixed Dimensions

»Sie konnten nicht verstehen, warum wir nicht außerhalb der Grenzen Jordaniens expandiert haben«, sagt er. »Sie dachten, dass wir wie die Europäische Union sind, dass die Gesetze gleich sind und wir einfach expandieren könnten.« Die Hindernisse sind trotz allem nicht unüberwindbar. Das ist der Grund, warum Pharmacy1 über den Nahen Osten hinaus expandieren will. »Wir fingen an, Richtung Europa zu schauen, weil um uns herum nur Krieg herrscht«, sagt Aryan. Er glaubt, dass Griechenland das größte Potential hat. Expansion würde bedeuten, mit europäischen Partnern zusammenzuarbeiten, die »den Markt wirklich kennen« und den finanziellen Kontext dazu. »Wir können das nicht alleine machen«, betont er.

 

Alissar Flowers hatte mehr Glück bei der regionalen Expansion. Einen Großteil seiner Tätigkeiten nach Dubai auszulagern, brachte Zugang zu Verträgen mit der katarischen Regierung und großen Hotelketten. Blumendekorationen an bekannte Unternehmen wie das Four Seasons zu liefern, macht einen Großteil des Handels der Firma aus. Außerdem bedeutete das Arbeiten unter den Geschäftsbedingungen in den Golfstaaten eine notwendige Lernkurve. »Wenn du erst einmal in einem der GCC-Staaten eröffnet hast, weißt du, was du tun musst – dann ist es überall leichter«, sagt Mzayek. Jedoch hat der niedrige Ölpreis das Geschäft am Golf verlangsamt. Alissar plant nun, über den Nahen Osten hinaus zu expandieren und in Südostasien Fuß zu fassen.

Um den veränderten Bedingungen in den Golfstaaten gewachsen zu sein, plant Alissar Flowers, im nächsten Jahr nach Südostasien zu expandieren.
Um den veränderten Bedingungen in den Golfstaaten gewachsen zu sein, plant Alissar Flowers, im nächsten Jahr nach Südostasien zu expandieren. Foto: Alissar

Angesichts von Kriegen in der Region, Flüchtlingskrise und wirtschaftlicher Unsicherheit, hat Jordanien jeden Grund, nervös in seine Handelszukunft zu schauen. Aber für die Unternehmer bedeutet, global zu agieren, dass Hindernisse immer noch Möglichkeiten sind.

 

»Der Nahe Osten kann Wissen, Geschäfte und Unternehmertum in andere Länder exportieren«, sagt Aryan. »Wir haben die Willensstärke, das Know-how und wir haben ein Team und den Mut, um es wirklich zu schaffen.«

Von: 
Bethan Staton

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