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Nahost-Experten, Islam-Debatte, Israelkritik

Vokabeln für Eingeweihte: Burkaface, Ex-Perthes, Hummussexualität

Analyse
Kolumne Daniel Gerlach

Eigentlich sollte hier die Kolumne des Chefredakteurs stehen. Aber da der verreist ist, stellt die zenith-Redaktion ein Nahost-Glossar vor. Jetzt mitreden – und Fachjargon und Trendbegriffe sicher dechiffrieren.

Arabulist
Meist ein Journalist, Diplomat oder auch Wissenschaftler, der mit anerkennenswertem Einsatz die arabische Sprache erlernt hat und nun grundsätzlich annimmt, er sei der einzige seiner Art. Folglich fühlt er sich berufen, bei jeder Gelegenheit ungefragt Kostproben seiner Künste abzugeben, und korrigiert eifrig seine Kollegen, wenn diese arabische Ortsnamen und Begriffe nicht einwandfrei aussprechen können.

 

Burkaface
Wenn man als Gast in einer Talkshow zur Islam-Debatte sitzt und vermittels dichter Gesichtsverschleierung verhindert, dass andere durch die Mimik Rückschlüsse auf Gefühlsregungen ziehen.

 

Defterologen
Historiker und Osmanisten, welche ihren Arbeitsalltags überwiegend in Archiven der Hohen Pforte verbringen. Entgegen landläufiger Klischees war das Osmanische Reich nämlich keine Haremsdespotie, sondern ein bürokratisches Monstrum, das insbesondere in seiner Spätzeit unablässig Akten produzierte (osmantürkisch Defterler). Der Begriff D. taucht vermutlich erstmals im Werk eines Orientalisten auf, der unter dem Pseudonym Linus Werter publiziert. Das lange Sitzen soll bei manchen D. schon zu chronischer Defteritis geführt haben (im Volksmund besser bekannt als »Die Rache des Großwesirs« oder auch osmanische Hämorrhoiden«).

 

Demojis (auch Demoticons)
Wenn sich Wissenschaftler gegenseitig WhatsApp-Nachrichten schreiben und dabei Reihen von Schriftzeichen und Symbolen (erweiterte Emojis) verwenden, über die sich nur Leute totlachen können, die mindestens acht Semester Alt-Orientalistik oder Ägyptologie auf Magister studiert haben.

 

Ex-Perthes
Bezeichnung für einen Nahost-Forscher, der aufgrund politischer Verpflichtungen oder höherer Verwaltungsaufgaben (etwa bei den Vereinten Nationen) kaum noch dazu kommt, neue Forschungen anzustellen, geschweige denn in Talkshows aufzutreten.

 

Flächenbrand
Wenn Experten oder Politiker kurzfristig zu einem Thema interviewt werden, auf das sie sich nicht vorbereiten konnten, das aber glücklicherweise irgendwie mit dem Nahen Osten zu tun hat, warnen sie erst einmal davor, dass sich das Problem zu einem F. ausweiten könne. Das passt immer und weckt beim Zuschauer eine gewisse Sympathie: »Schon bewundernswert, wenn man sich so intensiv jeden Tag mit so schlimmen Dingen befasst. Aber gut, dass sich endlich einer traut, Klartext zu reden!«

 

hizbolala
Meist adjektivisch, adverbial oder als Interjektion verwendet. Steht synonym für gleich zwei Trend-Phänomene: schiitische Hipster, die in Beiruter Szene-Bars verkehren, aber keinen Alkohol konsumieren, sowie für die etwas nonchalante, zum Teil verharmlosende Haltung mancher westlicher Experten zu einer Miliz, die immerhin noch auf der Terrorliste steht.

 

Hummussexualität
Damit ist nicht die (absolut nachvollziehbare) Zuneigung zum Kichererbsenbrei mit Ölpfütze und Sumachkranz gemeint, sondern die überprominente Rolle von Speisen in Nahost-Reportagen, zuweilen gar als reichlich ranzige Metapher auf den Nahostkonflikt. Ungefähr so ergiebig, wie das deutsch-französische Verhältnis über Dijon- und Bautzner Senf zu erklären. Eine weitere Spielart: Der Schawarmaverkäufer muss als Zitatgeber herhalten, wo der Taxifahrer vergriffen ist.

 

Israelkritik
Für alle diejenigen, die sich in öffentlichen Diskussionen vornehmlich kritisch über Verhaltensmuster verschiedener Regierungen des Staates Israel gegenüber seinen Nachbarn (besetzte und unbesetzte) äußern, ist die I. klar vom antijüdischen Ressentiment oder gar vom Antisemitismus zu unterscheiden. Für andere Meinungsführer sowie für die derzeitige israelische Regierung hingegen ist die I. lediglich ein Euphemismus für reflexhaftes bis obsessives Israel-Bashing, hinter dem sich reiner Antisemitismus verbirgt. In seriösen Debatten zum Nahen Osten hat der Begriff I. als Begriff eigentlich nichts verloren. Es gibt ja auch keine »Syrienkritik« oder »Saudi-Arabien-Kritik« (obwohl man darüber vielleicht mal nachdenken könnte).

 

Kopten und Malz
Außenpolitisches Motto einiger einflussreicher CDU- und CSU-Politiker gegenüber Ägypten. Demzufolge kann man das Sisi-Regime trotz seiner desaströsen Menschenrechtsbilanz ganz okay finden, solange es den Bierkonsum nicht landesweit verbietet (damit ja nachweislich tolerant und säkular zugleich ist) und die christliche Minderheit des Landes vor der Wut fanatischer Muslime schützt.

 

Latourette
Liegt möglicherweise vor, wenn ein Nahost-Experte in einem Interview oder einer Talkshow je mindestens zweimal die Begriffe »Idiot«, »Trottel« oder »Drogenhändler« benutzt, um einen Sachverhalt zu kommentierten.

 

lüdern
regelmäßiges Verb (er, sie, es lüdert); Trendbegriff für eine (nicht ausschließlich) bei dem aus Funk und Fernsehen bekannten Nahost-Experten Michael Lüders diagnostizierte Neigung, eine Tatsache, ein Indiz oder ein Zitat leicht anzuschleifen, um damit fugenlos ein Argumentationsmuster zu untermauern. Am Ende dessen sind dann meistens die USA als Hauptschuldiger eines Skandals von weltpolitischem Ausmaß überführt.

 

Omanvorlage
Wenn manche Nahost-Experten, wann immer die religiöse Intoleranz und daraus resultierende Konflikte im Nahen Osten kritisiert werden, das Sultanat Oman ins Spiel bringen. Als Beispiel dafür, dass es auch anders gehe und dass die Omaner – was viele nicht wüssten – die entspanntesten Typen überhaupt seien.

 

Öluminaten
In Szene-Kreisen geläufige Bezeichnung für Menschen, die jede differenzierte Analyse der politischen Konflikte im Nahen Osten für überflüssig halten, da diese allein durch die Rohstoff-Interessen (westlicher) Regierungen und Konzerne verursacht und befeuert werden. Und dass letztere in einer Art Geheimbund verfasst sind und so die Mainstream-Medien kontrollieren.

 

Posch-Benachrichtigung
Eine vom Iran-Experten (und zenith-Autor) Walter Posch zutage geförderte Erkenntnis über den iranischen Sicherheitsapparat, die westliche Geheimdienste in Aufruhr versetzt. Posch findet so etwas für gewöhnlich in den Militaria-Zeitschriften der Revolutionsgarden, welche die Dienste aber leider nicht mehr im Abo haben. (Abbestellt aus Kostengründen, man kommt ja eh nicht mehr zum Lesen.)

 

Pulverfass
Darf wie der >Flächenbrand in keinem Bullshit-Bingo zum Nahen Osten fehlen. Beliebtes Schlagwort für Titel von Sachbüchern oder Krisen-Sondersendungen im TV. Bedenkt man, dass an das P. gefühlt jede Woche jemand »die Lunte legt«, muss man sich wundern, dass dort, wo Google Earth den Nahen Osten zeigt, nicht längst ein Krater mit einem Durchmesser von 2.000 Kilometern klafft. (Aber wir schauen gleich lieber nochmal nach.)

 

Raisbürger
Deutsche Staatsbürger mit meist (aber nicht ausschließlich) türkischem Migrationshintergrund, die finden, dass ihnen der deutsche Staat überhaupt nichts mehr zu sagen habe und allein Erdoğan ihre Loyalität in Anspruch nehmen dürfe (»für meinen Präsidenten!«). Vom türkischen, ursprünglich wohl dem Arabischen entlehnten Wort Rais für »Präsident«.

 

Salahfisten
Sich auffällig schnell radikalisierende Nutzer von Sozialen Medien, die bis vor kurzem weder durch großes Interesse an Fußball, noch an Ägypten in Erscheinung getreten waren, nun aber, seit der ägyptische Star-Stürmer Mohamed Salah (FC Liverpool) im Champions-League-Finale durch ein Foul verletzt wurde, drastische, zum Teil gewaltsame Vergeltungsmaßnahmen gegen den Abwehrspieler Sergio Ramos (Real Madrid) fordern.

Von: 
zenith-Redaktion

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