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Auszug aus dem neuen Buch Katar 2022 – So eine WM gab es noch nie

Kann Katar Fußballkultur?

Feature
Fußball in Katar

Als Fußballhochburg ist Katar nicht bekannt. Keine Tradition, keine Fans, keine fußballerische Erfolgsgeschichte. Aber stimmt das überhaupt?

Keine Tradition, keine Fans, keine fußballerische Erfolgsgeschichte. Wie viel davon ist ein bequemes Urteil aus der Ferne? Wie steht es um die Fußballkultur im Land des WM-Gastgebers tatsächlich? Wir haben uns auf die Reise gemacht und ja, wir mussten suchen. Wir wollten wissen, wie Abstiegsangst in Katar riecht, was alt gewordene Fußballhelden und junge Hoffnungsträger zu sagen haben und wie ein ehemaliger Meistertrainer aus Deutschland die fußballerische Entwicklung in Katar beurteilt.

 

Erster Stopp: Al-Khor, eine Vorstadt rund 50 Straßenkilometer nördlich von Doha. Für katarische Verhältnisse ist das eine halbe Weltreise. Im nigelnagelneuen Al-BaytStadion in Al-Khor wird am 21. November das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft 2022 stattfinden: Katar gegen Ecuador, Anstoß 19 Uhr Ortsund 17 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Das Stadion ist einem Nomadenzelt nachempfunden. Das macht neugierig. Doch den Zutritt in die Arena mit ihren 60.000 Sitzplätzen verwehren uns die Security Guards. Schade, aber kein Problem, denn unser eigentliches Ziel liegt ein paar Kilometer Luftlinie entfernt. Wir suchen ja die Tradition.

 

In einem verschlafenen Wohnviertel liegt das alte Stadion von Al-Khor, 1986 gebaut und Heimstätte des Al-Khor SC. Die Gastgeber empfangen an einem Dienstagabend im März den katarischen Serienmeister Al-Sadd. Eine heikle Begegnung, denn die heimischen Blauhosen stehen am vorletzten Spieltag auf einem Abstiegsplatz. Mit einem Sieg hätten sie noch alle Chancen auf den Klassenerhalt.

 

Das Traditionsteam aus dem hohen Norden Katars gehört zu den wenigen Erstligaklubs, die nicht aus dem Großraum Doha kommen, auch wenn sich die Hauptstadt in Eilgeschwindigkeit Richtung Norden ausweitet und immer neue Villenviertel im texanisch-saudischen Vorstadtstil den Weg nach Al-Khor säumen. Der 1961 gegründete Verein ist stolz auf seine Tradition. Doch seit Jahren befindet sich der Verein in der sportlichen Krise. Bereits im Vorjahr konnte der Klub den Abstieg erst in der Relegation in höchster Not abwenden.
 

Kein Hexenkessel – aber zumindest ein stimmungsvolles Duell?

 

Al-Khor ist ein bisschen sowas wie das katarische Äquivalent zum HSV. Und noch eine Verbindung besteht zu den Rothosen: Pierre-Michel Lasogga. Der Mittelstürmer ist Relegationsexperte. Sowohl den HSV als auch den Al-Khor SC rettete er mit seinen Toren in den entscheidenden Spielen schon vor dem Abstieg. Würde der frühere Bundeligaprofi in der mit Altstars gespickten katarischen Stars League auch heute wieder treffen?

 

Wir erwarten einen katarischen Fußballkracher. Vielleicht kein ausverkauftes Haus mit vollen Kurven, aber immerhin ein stimmungsvolles Duell. Als wir am Stadion ankommen, ist aber erst einmal überhaupt niemand zu sehen. Sind wir vielleicht doch am falschen Ort? Die umliegenden Straßen sind trotz der angenehm milden Abendsonne wie ausgestorben.

 

Nachfrage beim Verkaufspersonal eines amerikanischen Fastfood-Trucks im Eingangsbereich des Stadions. Die freundlichen philippinischen Burgerbrater schauen uns nur ratlos an. Davon, dass hier heute ein Spiel stattfinden soll, haben sie nichts mitbekommen. Ein paar Meter weiter aber parkt der Truck mit dem mobilen Studio für den VAR-Schiedsrichter, direkt daneben lädt ein Fernsehteam seine Kameras aus: Wir sind hier doch richtig.

 

Die Tickets kosten zehn Rial, das sind umgerechnet 2,50 Euro. Das Stadion selbst, mit offiziell 20.000 Plätzen und Tartanbahn, ist kein Hingucker. Es könnte auch in Tschechien oder Südkorea stehen. Knapp 15 Minuten vor Spielbeginn haben wir die Gegengerade für uns allein. Gegenüber auf der Ehrentribüne lümmeln sich ein paar Scheichs in bequemen Sesseln. Immerhin. Knisternde Vorfreude sieht dennoch anders aus.

 

Bei Anpfiff sind im ganzen Stadion vielleicht 60 Fans. Später trudeln noch ein paar weitere Supporter ein, doch mehr als 120 werden es auch bei großzügiger Zählung zu keinem Zeitpunkt. Und noch eine Hiobsbotschaft erreicht uns zu Spielbeginn: Relegationsheld Pierre-Michel Lasogga steht gar nicht erst im Kader. Er ist verletzt, erfahren wir beim Blick auf den Stadionbildschirm.

 

Stattdessen soll ein junger Stürmer aus Oman die Sache mit dem Klassenerhalt richten. Überhaupt stehen bei der Heimmannschaft außer einem Griechen nur Spieler aus der Region auf dem Platz. Hauptsächlich Kataris, aber auch ein weiterer Omani, ein Marokkaner sowie ein sudanesischer Außenverteidiger. Gegen die Gäste, die ein flinkes Kurzpassspiel aufziehen, sieht Al-Khor oft aus wie ein hölzernes Regionalligateam. Al-Sadd ist da schon ein anderes Kaliber.

 

Der spanische Coach Javi Gracia hat das Team Ende 2021 von seinem Landsmann Xavi übernommen. Seit 2020 ist der zweifache Europameister Santi Cazorla die Schaltzentrale einer Mannschaft mit klarer Spielidee. Seitdem Pep Guardiola Anfang der 2000er seine Karriere in Doha ausklingen ließ, predigen spanische und katalanische Trainer Ballbesitz und Tiki-Taka. Und das sieht man – zumindest bei Al-Sadd.

 

Auf dem Rasen bringt Spielgestalter Cazorla, mittlerweile 37 Jahre alt, mit präzise getimten Pässen die dribbel-starken Außenspieler André Ayew und den größten Star der katarischen Mannschaft, Akram Afif, in Stellung. Afif erinnert ein bisschen an Leroy Sané. Nicht nur äußerlich: Asiens Fußballer des Jahres 2019 entpuppt sich als wendiger Linksaußen mit Ballgefühl, Drang zum Tor, aber auch einer gewissen Lethargie im Spiel gegen den Ball. Al-Sadd beim Offensivspiel zuzuschauen macht Spaß.

 

Eine rote Karte bringt den hochüberlegenen Favoriten in Bedrängnis. Kurz darauf schießt der katarische Nationalspieler Ali Asad die Gäste dennoch in Führung. Mit einem verdienten 0:1 für Al-Sadd geht es in die Kabine. Auch auf der Tribüne ist der Serienmeister aus Doha überlegen. Die vielleicht 90 Gästefans fallen nicht durch übermäßigen Esprit auf, aber sie sind eindeutig in der Überzahl. Immer wieder stimmen sie Gesänge an. Als Afif nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich und dem anschließenden 1:2 durch Santi Cazorla zum 1:3 erhöht, fliegt im Gästeblock sogar Konfetti.

 

Ganz zum Missfallen der wenigen Heimfans. Eine Gruppe von drei Jugendlichen, vielleicht 13–15 Jahre alt, macht ihrem Unmut Luft. Die mit Fanschals ausgestatteten Jungs überhäufen die Spieler beider Mannschaften mit einer nicht enden wollenden Tirade aus Kraftausdrücken. Besonders der jüngste unter ihnen schimpft wie ein Rohrspatz und wirft den Al-Sadd-Fans mit Inbrunst Schimpfwörter an den Kopf. Kurz blicken die Security Guards von ihren Smartphone-Displays auf, in Sorge, dass sie eingreifen müssen. Aber soweit, dass sie sich von ihren Plastikstühlen erheben, geht es dann doch nicht.
 

Wurden die Fans bezahlt, um im Stadium zu jubeln?

 

In der Halbzeit wechseln wir kurz ein paar Worte mit den Jugendlichen. Sie haben sich gerade eine Portion Sonnenblumenkerne besorgt – ein beliebter Pausensnack am Golf. Wir deuten auf das neue Al-Bayt-Stadium ein paar Kilometer entfernt. Das soll nach der WM zurückgebaut werden und dem Klub als neue Heimstätte dienen. Die drei Jungs winken ab: »Wir wollen hierbleiben, das neue Stadion brauchen wir nicht«, entgegnen sie. Auf die sportliche Leistung ihres Klubs angesprochen, zucken sie mit den Schultern. »Abstiegskampf ist hier nichts Neues. Letztes Jahr haben wir es auch noch ganz am Ende gepackt.« Schlechtes Spiel, miese Stimmung – und trotzdem zu jedem Spiel kommen und Alarm machen: Die drei bezeichnen sich selbst als Ultras und leben es in den hier möglichen Grenzen aus. Auch wenn sie in der verschwindend kleinen Minderheit sind.

 

Vielleicht wächst da in den Fanblocks gerade eine junge Generation heran, die Grenzen im öffentlichen Raum auch in katarischen Stadien neu austesten möchte. Bemerkenswert ist, dass die drei Jungs eigentlich mit ihren Familien ins Stadion gekommen sind. Aber die Väter sitzen etwa 30 Meter weiter und amüsieren sich aus sicherer Entfernung über den Nachwuchs. Frust rauslassen im Block, das geht nicht nur in Gelsenkirchen, Belgrad, oder Mlilwall, sondern auch in Al-Khor.

 

Als dann Flügelstürmer André Ayew zum 1:4 trifft, ist der Al-Sadd-Fanblock vollends aus dem Häuschen. »Ayew, Ayew«-Sprechchöre hallen durch das leere Oval. Unter den Gästefans sind, so stellt sich heraus, rund 20 Ghanaer. Sie sind gekommen, um ihren Landsmann anzufeuern. Ayew ist ehemaliger Nationalspieler und Sohn des dreifachen afrikanischen Fußballers der Jahres Abédi Pelé. Die ghanaischen Zuschauer leben in Katar und arbeiten in der Nähe, erzählt uns einer von ihnen. Und Erzrivale Nigeria habe gegen die »Black Stars« in den anstehenden WM-Qualifikations-Playoffs natürlich keine Chance. Zu unserer Überraschung sollte er Recht behalten.

 

Ob die Ghanaer wohl für ihren Ausflug ins Stadion wie andere Gastarbeiter bezahlt wurden? Das war immer wieder zu lesen. Als Mittel, um die Stadien voller aussehen zu lassen. »Nein, nein«, sie hätten sich die Tickets selbst besorgt, sagen uns die Ghanaer. Am Ende gelingt Al-Khor noch ein zweiter Treffer, doch der Schlusspfiff macht alle Hoffnungen zunichte. Am folgenden Spieltag steigt AlKhor ab, obwohl Lasogga wieder dabei ist und sogar trifft. Nächste Saison heißt es zweite Liga für Al-Khor.

 

Das Spiel und die Gespräche mit den wenigen Zuschauern haben uns gut unterhalten. Dennoch sind wir ziemlich ernüchtert. Wir hatten zwar keinen Hexenkessel erwartet, aber dass sich nicht mal ein paar Dutzend Fans im Block der Heimmannschaft einfinden würde, um sie im Abstiegskampf zu anzufeuern, hätten wir auch nicht gedacht.

 

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch »Katar 2022 – So eine WM gab es noch nie« der zenith-Autoren Robert Chatterjee und Leo Wigger, das am 27.07.2022 im Deutschen Levante Verlag erschienen ist. Das Buch können sie hier bestellen.

Von: 
Robert Chatterjee, Leo Wigger

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