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Lesezeit: 6 Minuten
Bildband zu Syrien

Als ob nichts gewesen wäre

Portrait
»Syrien – Ein Land ohne Krieg«
Der Hamidiye-Suq in der Altastadt von Damaskus Foto: Lutz Jäkel

Syrien – das klang vor allem nach dem Zauber des alten Orients. Doch Krieg und Zerstörung lassen keinen Raum mehr für Romantik. Brüchige Erinnerungen an ein Land in Frieden aus einem Bildband, der sich zur Wehmut bekennt, ohne verklären zu wollen.

Wer in den Seiten des Bildbandes »Syrien – Ein Land ohne Krieg« stöbert, könnte meinen, es wäre alles wie immer. Die Cafés in der Damaszener Altstadt sind gefüllt wie eh und je, im Suq von Aleppo bieten Händler frische Früchte feil und schachern mit Kunden um jeden Kurusch. Wer dann aber an den bald sieben Jahre anhaltenden Konflikt im Land denkt, dem überkommt unweigerlich ein Gefühl von Wehmut und Nostalgie. Auch, oder gerade dann, wenn man selbst noch nie zu Gast im Land der Sonne war und somit in absehbarer Zeit keine Chance mehr haben wird Syrien so farbenfroh und lebendig zu erleben, wie es die Fotografien zeigen.

 

Der Fotojournalist Lutz Jäkel durchforstete zusammen mit Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor sein Bildarchiv und kuratiert rund 200 Schwarzweiß- und Farbfotografien aus seinen zahlreichen Syrien-Reisen in einem einmaligen Bildband. Neben mittlerweile zerstörten Prachtbauten, wie den antiken Ruinen von Palmyra, der Altstadt von Busra oder der Umayyaden-Moschee in Damaskus, stehen in den Fotografien vor allem die Menschen im Fokus. Dabei wird ein Bild von Syrien gezeichnet, in dem verschiedenste Ethnien und gesellschaftliche Schichten friedlich neben- und miteinander leben.

 

Und da Fotografien allein nicht erklären können, wie sich ein Syrien vor 2011 anfühlte, wie es roch und wie es war, dort zu wohnen, sind die Seiten des Buches gespickt mit Gedichten und Anekdoten von Syrern und Deutschen, die in Syrien lebten. Aus erster Hand erzählen neben den beiden Herausgeber eine Reihe weiterer mehr oder weniger prominente Syrer und Deutscher von ihren Erinnersorten in Syrien.

»Syrien – Ein Land ohne Krieg«
Sie gehören zum Stadtbild wie der Suq und die Cafés: Saftstände gibt es fast an jeder Ecke.Foto: Lutz Jäkel

Aiman Mazyek – Vorsitzender des Zentralrats der Muslime – etwa erinnert sich an die Eisdielen von Aleppo, an denen er an heißen Urlaubstagen im Heimatland seiner Eltern die Sommer verbrachte. Journalistin Kristin Helberg ehrt ihren Stamm-Fruchtsaftverkäufer aus der Nachbarschaft in der syrischen Hauptstadt, in der sie mehrere Jahre lebte.

 

Der Band orientiert sich bei seiner Route an den geografischen und kulturellen Regionen Syriens. Die Reise der Bilder beginnt in Damaskus. Dort erlebt der Betrachter die quirlige Metropole hautnah, besucht den Qasiyun – den Hausberg der Hauptstadt, flaniert durch die Suqs, lässt sich in Cafés auf der Via Recta nieder und erkundet schließlich die einzigartige Damaszener Altstadt.

»Syrien – Ein Land ohne Krieg«
Taula, das syrische Backgammon, wird viel und überall gespielt. Aber man muss es können, und zwar schnell. Spielt ein Syrer zum Beispiel mit einem ungeübten deutschen Studenten, heißt es oft: »He, wir spielen kein Schach!«Foto: Lutz Jäkel

Von Damaskus aus zieht es einen in alle Himmelsrichtungen. Zuerst lädt »Ein Land ohne Krieg« in den Norden Syriens ein. Dort fällt vor allem Aleppo mit seiner Zitadelle und dem mittlerweile zerstörten Suq ins Auge. Weiter geht es im Osten, leicht verliert man sich dort in den weiten Wüsten und begegnet tätowierten Beduininnen. Im Süden angelangt, eröffnet sich einem die religiöse Vielfalt Syriens. Dort liegen nicht nur die katholische Abtei Mar Musa Al-Habaschi des vom IS entführten Paters Paolo Dall'Oglio und das orthodoxe Thekla-Kloster, sondern auch der Hauran, jenes Plateau, auf dem der Jabal Al-Druz liegt, die Heimstatt der Drusen.

»Syrien – Ein Land ohne Krieg«
Der alte Mann trägt eine für Drusen typische Tracht. Vor allem der weiße Turban, der laffeh, und sein ungestutzter Bart zeichnen ihn als Angehörigen der ’Uqaal, der »Eingeweihten« der drusischen Religion, aus. Foto: Lutz Jäkel

Im Westen schließlich, möchte man meinen, hat Jäkel auch ein paar Fotografien von Aufenthalten an der Côte d'Azur in den Band hineingeschmuggelt. Die schroffen Klippen, grünen Hügel und Schatten spendenden Wälder zwischen Kasab und Tartus sehen der französischen Riviera zum Verwechseln ähnlich.


»Syrien – Ein Land ohne Krieg«

Syrien – Ein Land ohne Krieg
Lutz Jäkel, Lamya Kaddor (Herausgeber)
Piper, 2017
200 Seiten, 45 Euro

Lutz Jäkel tourt bis November 2019 mit der gleichnamigen Live-Reportage durch die Republik. Neben ausgewählten Bildern aus dem Buch und Anekdoten des Fotojournalisten, kommen auch Syrer, Deutsch-Syrer und Deutsche in Form von Videobotschaften zu Wort.

Von: 
Patrick Wagner

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