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Interview mit Produzent Matthias Koch zu iranischer Musik

»Das muss raus in die Welt!«

Interview
Interview mir Produzent Matthias Koch zu iranischer Musik
Foto: Lena Dann

Mit der Gründung des Labels 30M Records möchte der Hamburger Matthias Koch aufstrebende iranische Musiktalente einem internationalen Publikum näherbringen. Im Interview erzählt er, was das mit einer Tierfabel aus dem 12. Jahrhundert zu tun hat.

zenith: Die USA haben eine Reihe von Sanktionen gegen Iran erneut verlängert, warum gründen Sie in solch schwierigen Zeiten ein Label für iranische Musik?

Matthias Koch: Die Sanktionen haben tatsächlich viel mit der Idee zur Gründung zu tun. Seit ich das Land bereise, habe ich sehr viele iranische Musiker kennengelernt und mich mit ihnen darüber ausgetauscht, wie sie ihre Musik veröffentlichen. Sie erzählten mir, dass es im Land wenige Strukturen gibt, die international arbeiten können. Selbst in Zeiten gelockerter Sanktionen zwischen 2016 und 2017 waren Finanztransaktionen kaum möglich, und zurzeit umso weniger. Da kann keiner so mal eben einen Vertrag mit Spotify oder einer großen Plattenfirma in Europa unterschreiben. Internationalen Vertrieb möglich zu machen, war also ein großer Teil meiner Motivation. Andererseits möchte ich natürlich auch toller neuer Musik aus Iran eine Plattform bieten. Durch meine Reisen, die Kontakte und den Austausch habe ich fantastische Musiker kennengelernt. Was ich hörte, war so gut, dass ich mir dachte: Das muss raus in die Welt!

 

Warum haben Sie bisher nur männliche Künstler unter Vertrag?

Das hat vor allem den Grund, dass Iran eine wahnsinnig patriarchische Gesellschaft ist, Frauenrechte werden nicht gerade großgeschrieben. Das führt in einer Realität der Musikszene dazu, dass an der Oberfläche wenige musizierende oder komponierende Frauen zu sehen sind. Teilweise darf Musik von Frauen nicht aufgeführt oder veröffentlicht werden. Sologesang von Frauen ist zum Beispiel verboten, was sehr schade ist, denn gerade weiblich gesungenes Farsi hat einen totalen Charme. Aber das gilt als zu erotisch. Das Album »RAAZ« hat zum Beispiel einen Track mit weiblichem Sologesang, den wird es auf der Veröffentlichung in Iran nicht geben können. Wir planen aber eine Kompilation mit mehreren Künstlern aus Teheran, da werden dann mehrere Solo-Frauen dabei sein. Dieses Projekt kann dann aber auch nur außerhalb des Landes veröffentlicht werden.

 

Am 20. November erscheint das erste Album unter dem Titel »RAAZ«, das traditionelle Musik mit modernen Klängen verbindet. Glauben Sie, dass dieser Stil auch international ein Publikum findet?

Das Album wurde mir durch Zufall in Teheran vorgestellt und war der finale Auslöser für meinen Entschluss, das Label zu gründen. Ich finde das Projekt persönlich wahnsinnig toll: Man nimmt traditionelle Elemente von einer als uncool verpönten Musikrichtung und verbindet sie mit modernen elektronischen Klängen. Das klingt dann auf einmal ganz edgy und hip, obwohl es was ganz Altes ist. Traditionelle Musik hat einen unheimlich hohen Stellenwert in Belutschistan. Sie wird zur Heilung benutzt, Leute hören sie, um sich in Ekstase zu tanzen. Wenn das dann mit neuen Elementen kombiniert wird, kommt etwas ganz Neues raus. Das ist Vor- und Nachteil zugleich. Die Musiker und die Klänge, die ich mir aussuche, haben im Moment ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Ob das international ankommen wird, kann ich aber ehrlich gesagt noch nicht genau sagen.

 

Viele Songs auf dem Album haben einen melancholischen Unterton. Wie kommt das?

Das ist zum Teil eine subjektive Wahrnehmung meinerseits und zum Teil etwas, was man musikgeschichtlich erklären kann. Es gab vor der Revolution 1979 eine breite iranische Popkultur. Danach war Popmusik komplett verboten. Ein Teil der erfolgreichen Popkünstler, der es sich leisten konnte, ist ausgewandert. Der Rest ist auf religiöse Gesänge umgestiegen, die generell schon sehr melancholisch sind. Das ist in der heutigen Musik noch sehr zu spüren. Zum anderen habe ich die Iraner auf meinen Reisen als ein sehr emotionales Volk erlebt, die Gedichte und schwermütige Musik lieben. Die melancholische Musik spiegelt aus meiner Sicht die Realitäten wider. Allgemein keine sehr fröhliche Situation: Wirtschaftlich schwierig, politisch schwierig, alles sanktioniert und im Grunde genommen ist Iran auch immer der Buhmann für viele Teile der Welt.

 

RAAZ bedeutet übersetzt Geheimnis. Welche Idee steckt hinter dem Namen des Albums?

Der Titel ist sehr vieldeutig. Zum einen bezieht er sich auf die Gedichtsammlung »Der Blumengarten des Geheimnisses« des Mystikers Mahmud Schabestari aus dem 14. Jahrhundert, das in einigen Stücken auch verarbeitet wird. Er steht auch im Zusammenhang mit den mystischen Traditionen aus Belutschistan. Außerdem ist die heilende Wirkung der Musik ja auch ein Geheimnis, was die Region noch für sich hat. Nicht nur für den Westen, auch innerhalb des Landes sind das teilweise Melodien und Klänge, die noch nie gehört wurden.

 

Ob jetzt mit 30M Records oder früher schon beim Reeperbahnfestival: Sie kombinieren gerne Klassik und Moderne. Wo liegt für Sie dabei der Reiz?

Ich bin durch kleine Indie-Labels in die Musikbranche eingestiegen. Mit heftiger elektronischer Musik, mit Punkrock, mit allem, was Lärm macht und experimentell ist. Durch Zufall bin ich später zu einem Klassik-Programm gekommen. Ich habe nie verstanden, warum sich diese zwei Welten nicht unterhalten können. Mir geht es dabei um Vermittlung. In der westlichen Klassik gibt es sehr viele abgefahrene Sachen, die Popmusik um nichts nachstehen. Zum Teil sind die Künstler, die dahinterstehen, interessanter, oder sogar schrägere Gestalten als mancher Skandalpopkünstler. In Iran habe ich nochmal neue Klassik entdeckt, die iranische Klassik und die traditionelle Musik. Seit meiner ersten Reise 2015 hat es mich weggehauen, was es da gibt.

 

Sie haben mal gesagt, dass Sie iranische Musik in den Westen bringen wollen, um Missverständnisse aufzuklären.

Das fängt bei einfachen Dingen an. Alleine zu vermitteln, dass es in Iran eine tolle Kunst- und Kulturszene gibt, finde ich wichtig. Auf meiner ersten Reise bin ich mit großer Neugier, aber auch mit einigen Bedenken hingefahren. Die hiesige Berichterstattung ist deutlich negativ. Ich habe mit Fahnen verbrennenden Rebellen gerechnet, die nichts anderes machen, als Menschen zu entführen und Frauen zu unterdrücken. Obwohl sowas sicher auch passiert, habe ich nichts dergleichen erlebt. Die Leute sind unheimlich gastfreundlich, gebildet, offen und interessiert. Ihre Kulturszene versucht unter harten Bedingungen, am Leben zu bleiben. All das möchte ich mit 30M Records erzählen, einfach mal das Positive über dieses Land und die Leute zeigen angesichts dieser ganzen Negativität.

 

Was steckt hinter dem Namen 30M Records, auf den Sie ihr Label getauft haben?

Der Name bezieht sich auf die persische Fabel »Die Konferenz der Vögel« des Mystikers Fariduddin Attar aus dem 12. Jahrhundert. Ein Schwarm orientierungsloser Vögel sucht den weisen Vogel auf und fragt: Wo ist unser Anführer? Der beschreibt ihnen dann den Weg, eine lange, beschwerliche Reise mit allen möglichen Prüfungen und verspricht, dass sie am Ziel den König finden werden. Am Ende kommen nur 30 Vögel an und müssen feststellen, dass der ihnen versprochene König nicht da ist. Aber sie selbst sind zu ihren eigenen Anführern geworden. Der persische Name des Königs, »Simurgh« bedeutet, getrennt geschrieben »dreißig Vögel«. Ich finde, das ist einfach eine tolle Geschichte, die man auch auf die Musik übertragen kann.


Matthias Koch ist seit 1997 im Musikbusiness aktiv und war schon für diverse Label wie PIAS, Naïve oder Epitaph Records tätig. Seit 2015 reist er regelmäßig nach Iran.

Von: 
Lila Tyszkiewicz

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