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Interview zur Werkschau der Filmemacherin Atteyat Al-Abnoudy

»Sie wollte Ägyptens Seele zeigen«

Interview
Interview zur Werkschau der Filmemacherin Atteyat Al-Abnoudy
Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm »The Sandwich« (1975) Kino Arsenal

Eine Retrospektive bringt das Werk der ägyptischen Dokumentarfilm-Pionierin Atteyat Al-Abnoudy nach Berlin. Kurator und Regisseur Tamer El Said über eine Filmemacherin, die ein ganzes Genre begründete, um Ägypten auf der Leinwand abzubilden.

zenith: »Permissible Dreams« (1983) portraitiert eine Frau, die in der ländlichen Region rund um den Suez-Kanal lebt, Benachteiligungen erfährt und sich nach einer Ausbildung sehnt. Warum haben Sie gerade diesen Film – nicht gerade Abnoudys bekanntestes Werk – an den Anfang der Reihe gestellt?

Tamer El Said: »Permissible Dream« ist meiner Meinung nach ein sehr wesentlicher Film, um Abnoudys Gesamtwerk zu verstehen. Er behandelt die grundsätzlichen Werte, für die sie steht. Unter anderem die Selbstverwirklichung der Frau in der ägyptischen Gesellschaft. Dieses Thema eignet sich gut als Ausgangspunkt, wenn man Atteyat Al-Abnoudy einem breiteren Publikum vorstellen will. Sie war nicht nur die erste weibliche Filmemacherin in Ägypten und der gesamten arabischen Welt, sie war auch Zeit ihres Lebens mit der feministischen Bewegung in Ägypten und weltweit verbunden, praktisch seit den 1970ern bis zu ihrem Lebensende. Einerseits ist »Permissible Dreams« so etwas wie ein Echo ihrer feministischen Ansätze. Darüber hinaus spiegelt dieser Film gewissermaßen ihre eigene Persönlichkeit wider. Einige Aspekte in dem Leben der Protagonistin lassen sich auf Abnoudy selbst übertragen. Auch sie hatte es sehr schwer als weibliche Filmemacherin in einer Männerdomäne.

 

Wie hat sie es geschafft, sich schließlich ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen?

Als sie ihre Karriere begann, wurden Dokumentationen, wie wir sie heute kennen, nicht von privaten Produzenten in Auftrag gegeben. Es gab in der gesamten arabischen Welt einfach keinen Markt für dieses Genre. 99 Prozent aller Dokumentarfilme wurden vom Staat produziert. Abnoudy hat also einfach damit begonnen, sich ihre eigene Filmausrüstung zu kaufen, produzierte ihre Filme selbst und führte auch Regie. Als eine der ersten in der Industrie versuchte sie, sich auf diese Art und Weise unabhängig zu machen und ist damit bis heute vielen Filmemachern eine Inspiration.

 

»Sie hat den Armen eine Stimme gegeben und die Aufmerksamkeit auf die Randgruppen gelenkt.«

 

Ihnen auch?

Natürlich. Unabhängigkeit bedeutet, dass dein Projekt – selbst, wenn du von jemandem dafür Geld erhält – in keiner Weise unter dem Einfluss von anderen steht. An die Mittel, die man für die Produktion eines Films braucht, dürfen keine Bedingungen geknüpft sein, die deiner eigenen Vision widersprechen. Man muss es eben schaffen, diese Distanz zu der Agenda der Anderen zu bewahren, vor allem natürlich der des Staates. Atteyat Al-Abnoudy ist das gelungen. Und sie brauchte diese Freiheit für ihr Werk.

 

Außerdem war sie sehr vom postkolonialen, kapitalismuskritischen »Dritten Kino« fasziniert. Wie kam sie mit dieser Art von Filmen in Kontakt?

Sie war 1971 mit ihrem ersten Film »Horse of Mud« auf Festivals und Kulturveranstaltungen in der ganzen Welt unterwegs. Ich schätze, dass sie auf diesen Reisen anderen Filmemachern begegnete, die dem »Dritten Kino« angehörten. Sie hat an diese Bewegung geglaubt und sie unterstützt – ihr ganzes Leben lang. Ich glaube, dass sie sich eine Art Süd-Süd-Kooperation in der Filmszene herbeisehnte. Sie wollte mit Menschen zusammenarbeiten, die aus ähnlichen Verhältnissen wie sie selbst kamen. Sie versuchte immer, Verbindungen zwischen Künstlern zu schaffen und Brücken zu bauen zwischen der arabischen Welt und Lateinamerika.

 

Abnoudy ist unter den unabhängigen Regisseuren in der arabischen Welt also so etwas wie eine Legende. Ist sie der ägyptischen Öffentlichkeit ebenso bekannt?

Der Kreis ihrer Bewunderer war zwar klein, aber sie galt ihr Leben lang als die Pionierin des ägyptischen Dokumentarfilms. Vor ihrer Generation gab es solche Filme nur in einer Art informativem Format, wo bestimmte Ideen, politische Kampagnen und Propaganda verbreitet werden sollten. Abnoudys Filme sollten die Gesellschaft reflektieren, wie sie war und sie hinterfragen. Sie hat den Armen eine Stimme gegeben und die Aufmerksamkeit auf die Randgruppen gelenkt.

 

»Die Community wächst täglich: eine neue Generation von Künstlern, die sich künstlerisch entfalten und die Realität hinterfragen will.« 

 

Warum halten Sie ihre Filme heute noch für relevant?

Ihre Themen sind letztlich zeitlos und universell: Armut, Minderheiten- und Frauenrechte – das geht uns alle an und ist brandaktuell. Abnoudy hat ein differenziertes Portrait Ägyptens geschaffen. Sie hat in ganz unterschiedlichen Orten im Land gedreht und versucht, die Seele jeden einzelnen Ortes einzufangen. Dafür experimentierte sie auch mit ihrem Filmstil und ihrer Sprache: In »Sad Song of Touha« (1972) verwendet sie Lyrik, um ihre Bilder zu kommentieren. Natürlich sind Abnoudys Filme Momentaufnahmen einer bestimmten Zeit. Dennoch sind sie wichtig, weil sie die ägyptische Geschichte aus einem anderen Winkel zeigen.

 

Zum Teil wurden Abnoudys Filme in Ägypten deswegen zensiert. Auch Ihr Film »In the last days of the City« (2016) darf nicht gezeigt werden. Es geht um Kairo in den Tagen vor der Revolution 2011. Wie fühlt es sich an, sein Werk im eigenen Land nicht aufführen zu dürfen?

Das ist meine tiefste Wunde. Ich weiß immer noch nicht, warum mein Film zensiert wurde. Wollen Sie wissen, warum es so wehtut? Ein Film braucht die Reaktion des Publikums – und nicht von irgendeinem, sondern von genau jenes Publikums, um das es in dem Film geht.

 

Institute wie die Kairoer Cimatheque versuchen, junge, unabhängige Künstler in Ägypten zu unterstützen. Kann das gelingen?

Neben der Cinematheque gibt es noch weitere solcher Institutionen: Das Zawya Kino zum Beispiel. Oder auch die Organisationen Hasalla und Rachala in Kairo oder Fig Leafs Studios in Alexandria. Sie machen großartige Arbeit. Aber natürlich arbeiten sie unter schwierigen Bedingungen und ihre Kapazitäten sind zum Teil schnell erschöpft. Wenn die Regierung einen Film erst einmal zensiert hat, kann sich die Institution kaum gegen die Entscheidung der Behörden stellen, sonst steht sie vor dem Risiko, selbst belangt zu werden. Aber innerhalb ihrer Möglichkeiten tun diese Initiativen wirklich alles, was sie können, um jungen Künstlern unter die Arme zu greifen. Und die Community wächst täglich: eine neue Generation von Künstlern, die sich künstlerisch entfalten und die Realität hinterfragen will.



Das Berliner Kino Arsenal zeigte an vier Abenden vom 2. bis 7. Juli 2019 ausgewählte Filme aus dem Nachlass der Dokumentarfilmerin Atteyat Al-Abnoudy (1938-2018).

Von: 
Luisa Seutter

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