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Mitarbeiter-Mittwoch: Daniel Gerlach, zenith-Chefredakteur und Geschäftsführer

»Als Kind wollte ich Hai-Forscher werden«

Portrait
Daniel Gerlach
Foto: Luisa Seutter

Aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums von zenith stellen wir jeden Mittwoch einen Mitarbeiter der zenith-Redaktion oder der Candid Foundation vor. Diese Woche: Daniel Gerlach, Mitgründer, zenith-Chefredakteur und Geschäftsführer der Candid Foundation.

Über Daniel: 

Geboren 1977 in Wuppertal, Studium der Geschichte und Orientalistik in Paris (Paris IV Sorbonne) und Hamburg, wo er 1999 das Magazin zenith mitgegründet hat. zenith-Chefredakteur, Leiter der Forschungsgruppe zenithCouncil und seit 2014 Mitgründer und Geschäftsführer der Candid Foundation. Früher Autor und Regisseur von Dokumentationen, heute eher vor der Kamera, dort meist als Nahost-Experte tituliert. Vor einigen Jahren hat er sich daran erinnert, dass er als Kind eigentlich Hai-Forscher hatte werden wollen und taucht seitdem gelegentlich in Ozeanen. Noch dilettantisch, aber mit großer Leidenschaft.

 

Wofür bist du in der Redaktion berühmt bzw. berüchtigt?  

Bei zenith sind wir alle der Ansicht, dass man den Nahen Osten und die arabische Welt nicht allein anhand der Tagespolitik begreifen kann. Man braucht ein Verständnis von Geschichte, Sprachen und Kultur. Für manche meiner Kollegen übertreibe ich es da vielleicht. Sie verstehen, dass ich oft auf das Osmanische Reich Bezug nehme, aber nicht unbedingt, wenn ich mit den Assyrern und Achämeniden komme. Ansonsten habe ich in den vergangenen Jahren gewiss einige Eigenschaften von Nahost-Experten ausgeprägt, über die wir uns früher bestimmt lustig gemacht haben. Die Redaktion hilft mir, eine ironische Distanz dazu zu bewahren. Die arabischen Kollegen finden zudem, dass ich mich immer mehr orientalisiere. So hat jeder seine »déformation professionelle«.

 

Wie sieht Dein »perfekter« Arbeitstag aus bei zenith aus? 

Morgens ein Erfrischungstauchgang in der Straße von Hormus. Mittags Kebab in Fallujah mit anschließendem Ausritt zu den Ruinen des Abbasidenpalasts von Ukhaidir. Abends Sundowner in der Bekaa-Ebene mit Blick auf die schneebedeckten Gipfel des Hermon, später optional noch eine Schießerei. Irgendwelche Vorzüge muss es ja haben, nebenbei auch Chef eines Orient-Magazins zu sein. 

 

Aber nun im Ernst: Mein Alltag ist abwechslungsreich. Ich schreibe, manage und entwickle mit den Kollegen neue Produkte und Projekte, kümmere mich um Personalfragen und bin natürlich viel auf Reisen. Den Großteil meiner Zeit verbringe ich mit Kommunikation und der Pflege sozialer Kontakte, bevorzugt mit Menschen, die mir Neuigkeiten zutragen und eine andere Sicht auf die Dinge vermitteln. Ein perfekter Arbeitstag für mich ist ein Tag, an dem niemandem aus unserem ziemlich großen Netzwerk in Nahost und Nordafrika irgendetwas Schlechtes widerfahren ist. Und an dem meine Kollegen richtige Entscheidungen treffen und umsetzen, ohne dass ich das Gefühl habe, die Dinge selbst vorantreiben zu müssen.

 

»Den Nahen Osten näherbringen« - Was bedeutet das für Dich? 

Ich könnte jetzt alles Mögliche vom Spannungsfeld aus kritischer Distanz, Ausgewogenheit, Empathie etc. erzählen. Es gibt da draußen einfach zu viele Scharlatane, denen man die Vermittlung von Wissen über diese Weltregion nicht kampflos überlassen sollte. Dafür gibt es zenith und alles, was daraus hervorgegangen ist, letztendlich ja auch unsere Candid Foundation. Ich befasse mich seit rund 20 Jahren mit dieser nicht immer gut beleumundeten Region: Im Nahen Osten habe ich gefühlt unzählige Male meine berufliche Zukunft, mein Geld und sogar mein Leben in die Hände von Menschen gelegt, die ich kaum oder gar nicht kannte. Und ich wurde noch nie wirklich enttäuscht – eine Erfahrung, die vielleicht ja durchschimmert bei meinen Versuchen, den Nahen Osten »näherzubringen«.


Daniel Gerlach
Foto: Luisa Seutter

 

Welche zenith-Ausgabe ist dir am meisten in Erinnerung geblieben? (Warum?) 

Die Vierte, die wohl im Jahr 2000 erschien. Moritz Behrendt und ich hatten – wider Erwarten – eine Zusage für ein Interview mit dem Generalsekretär der OPEC erhalten. Geld für die Reise nach Wien und Hotel gab es nicht, aber wir konnten eine Mitfahrgelegenheit über Nacht ergattern. Nach unserem staatsmännischen Auftritt (Moritz im schwarzen Anzug, ich im weißen) am Mittag ließen wir uns im Volksgarten ziemlich volllaufen, streunten herum und beschlossen, irgendwo in einem Park zu nächtigen. Bei Tagesanbruch mussten wir feststellen, dass wir uns auf einer begrünten Verkehrsinsel befanden. Anzug danach eher off-white. Bei dieser Ausgabe fiel auch ein Anzeigenkunde aus, weil er kurz zuvor angeblich einen Kunden seines Restaurants niedergeschossen hatte. 

 

Denkwürdig auch die Nummer »Danke Katar« 2014, bei der wir uns die Lage auf den Baustellen im Emirat anschauten – und die Geschäfte deutscher Firmen, wobei eine nicht so gut wegkam. Wenig später kündigte ein großer deutsch-arabischer Wirtschaftsverband mit einigen hundert Mitgliedern das zenith-Sammelabonnement. 

 

Last but not least: Kurdistan und die Folgen des Arabischen Frühlings. 2013 titelten wir mit einer – reichlich naiv gezeichneten – Karte der kurdischen Siedlungsgebiete »Ist dieses Land noch zu verhindern?«. Da gab es rund 20.000 Attacken, oder »Intrusionsversuche«, auf unsere Website. Und spontanen Besuch von ein paar freundlichen Herren mit Diplomatenfahrzeug in der Redaktion.

 

Welches Buch würdest du jedem weiterempfehlen? 

Müsste ich eine Woche lang drüber nachdenken. Fach- und Sachbücher zu lesen, ist unverzichtbar. Erkenntnisse fürs Leben gewinnt man allerdings aus dem Roman. Ich empfehle mal einfach zwei, die ich kürzlich gelesen habe: Wolfgang Koeppen: »Der Tod in Rom«; Daniel Kehlmann: »Tyll«; Ein Sachbuch: »Other Minds«, über die erstaunliche Intelligenz des Oktopus, von Peter Godfrey-Smith. Und dann noch eines zur Region: »The Good Spy« von Kai Bird über das Leben des CIA-Residenten Robert Ames, der beim Anschlag auf die US-Botschaft 1983 getötet wurde. Der Mann machte Geheimdienstarbeit, um Frieden zu stiften.

 

Welches Gericht kochst du gut und gerne?   

Anders als im Journalismus ist in der Küche das Fabulieren erlaubt. Oft denke ich mir irgendetwas aus und behaupte, so es denn gelingt, dass es sich um ein uraltes Hausrezept vom Ende der Welt handelt. So entstand mein zweifach levantinischer Pulpo-Salat als Eigenkreation. Man soll darin Valencia und Latakia erschmecken können. Da ich aber noch so fasziniert bin von der Lektüre über den Oktopus, bin ich nicht sicher, ob und wann ich wieder welchen zubereiten kann.

 

Wen wolltest du schon immer einmal interviewen?  

Hafiz Al-Assad. Falls jemand weiß, als wer oder was er wiedergeboren wurde und ob er sich noch an Details seiner vorherigen Existenz erinnert, wäre ich für einen Hinweis dankbar.

 

Einen Ort, den du niemals vergessen wirst?  

Hatra, eine verwunschene Ruinenstadt im Irak. Warum, steht in der aktuellen Ausgabe von zenith.

 

Ein Ereignis, das du niemals vergessen wirst?  

Davon gibt es viele, und hoffentlich werde ich mich noch lange an sie erinnern. Ein persönliches Highlight waren zwei Tage im Frühling 2016. Vielleicht schreibe ich demnächst mal ein Buch dazu.

 

Warum würdest du Anderen empfehlen, zenith Club-Mitglied zu werden?   

Wir sind quasi der Berufsverband der Nahost-Expertinnen und -Experten, eine Mitgliedschaft ist eigentlich Pflicht. Das Magazin und die digitalen Inhalte, die man als Mitglied im zenith-Club (vormals Abonnement) täglich bekommt, sind Ausdruck unserer Wertschätzung für alle, die bereit sind, sich auf komplexe Sachverhalte einzulassen. Im zenith-Club trifft man – virtuell oder persönlich – viele aufgeweckte, interessierte, gutaussehende Leute, die eine Leidenschaft verbindet. Er entwickelt sich langsam aber sicher zur intellektuellen Dating-Plattform. Wer sich heute nicht für den Nahen Osten und die arabisch-muslimische Welt interessiert, handelt gewissermaßen fahrlässig. Und außerdem sind wir ein Distinktionskriterium: Eine zenith-Ausgabe zuhause auf dem Kaffeetisch liegen zu haben, gilt als weltläufig und chic.

Von: 
zenith-Redaktion
Fotografien von: 
Luisa Seutter

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01. - 10. November 2019
Der Oman ist weltweit bekannt für seine atemberaubenden Landschaften und historischen Stätten, die am Golf ihresgleichen suchen. Der Oman ist aber auch aus kultureller und gesellschaftlicher Perspektive einzigartig. Staatsreligion des Omans ist zwar der Islam, die sehr tolerante und auf Koexistenz basierende Rechtsschule der Ibadiyah lässt aber auch viele andere Religionsgemeinschaften, darunter Christen und Buddhisten, erblühen. Wir bringen Sie in Kontakt mit Vertretern der verschiedenen Glaubensgemeinschaften und der omanischen Regierung, um eine lebhafte Debatte über Religion und Freiheit zu führen.