Lesezeit: 9 Minuten
Syrisches Tanztheater in Berlin

»Sie sahen aus wie Aliens«

Feature
von Anna Ritz
Syrisches Tanztheater in Berlin
V.l.n.r.:Mouafak (27), Medhat (32) und »The Darvish« (25) Bernhard Musil

Erst starres Ballett auf Damaszener Bühnen, dann ein Workshop bei Sasha Waltz und ein Sturz auf den Kopf: Zwei syrische Tänzer sind Szenenwechsel gewohnt. Jetzt performen sie in Berlin mit einem queeren Bauchtänzer und haben eine Mission.

Medhat dreht sich so schnell, dass Luft sein Top aufbläst und den Blick auf ein Tattoo freigibt. Schwarze Linien und der arabische Imperativ »Tanz!« ziehen sich von den Rippen über die Schulter und den Rücken. Sein Tanzpartner Haidar, Künstlername »The Darvish«, sitzt auf dem Holzboden und massiert seine Kiefermuskeln, Mouafak trinkt Wasser. Es ist Tanzprobe, nur noch eine Woche bis zum nächsten Auftritt in Berlin.

 

2017 brachte die Gruppe die erste Performance auf die Bühne. Damals tanzte »The Darvish« noch nicht mit. Medhat und Mouafak thematisierten damals ihr Ankommen in Deutschland und in der hiesigen Tanzszene. Was geschah seitdem? Welche Kämpfe, Ängste und Hoffnungen beschäftigen die Protagonisten jetzt, nach mehreren Jahren in Deutschland? Diese Fragen verhandeln die Tänzer in der Fortsetzung.

 

»The Darvish« ballt die Hand zur Faust und hält sich das imaginäre Mikrofon an den Mund: »Ah, es ist so warm, es sind 25 Grad.« Deutsche Beschwerdekultur kann er mittlerweile auf den Punkt bringen. Der Witz gehört zu seinem Monolog, eingebaut in seine Performance. Ebenso wie sein Künstlername. »Derwische sind Teil meiner Kultur«, erklärt er die Wahl seines Pseudonyms. Auch Medhat und Mouafak werden Sprechakte performen, alle drei werden außerdem in eigens für die Veranstaltung gestalteten Kostümen tanzen, gemeinsam und solo. In einer Woche wird er ein echtes Mikrofon in der Hand halten und nicht auf eine Backsteinwand blicken.

 

Syrisches Tanztheater in Berlin
»The Darvish« (l.) und Mouafak (r.) am Rande der Proben in Berlin.Foto: Anna Ritz

 

Vor sechs Jahren kam Medhat Aldabaal in Berlin an. Eineinhalb Jahre war er auf der Flucht gewesen. Ein Freund in der Geflüchteten-Unterkunft hielt ihm mit den Worten »Das sieht so aus, wie das was du mit deinem Körper machst« einen Flyer unter die Nase, erzählt er am Rande der Proben im Gespräch mit zenith. Es war Werbung für einen Tanzworkshop bei Sasha Waltz, eine der bekanntesten deutschen Choreografinnen. »Ihr Büro war direkt neben meiner Unterkunft am Hackeschen Markt, also habe ich einfach mal angeklopft«, erzählt er. Wenig später stand er in ihrem Studio, sah anderen Tänzern zu und bereitete sich darauf vor, ebenfalls zu tanzen.

 

»Ich behauptete, dass mir übel sei, und machte dann doch nicht mit«, erinnert sich Medhat und lacht. Er war begeistert, erinnert er sich, doch gleichzeitig irritierte ihn die Art der Bewegungen: »Das ist nicht cool, dachte ich. Sie sahen aus wie Aliens.« Inzwischen tanzt er den gleichen Stil: zeitgenössisch. Gelernt haben er und sein Cousin Mouafak Ballett, Dabke und Folklore während des Tanzstudiums an der Universität Damaskus. In Syrien waren sie Teil der Enana Dance Company, des größten Tanzkollektivs des Landes.

 

Dann begann in Syrien der Krieg und ließ auch die Kulturarbeit nicht unberührt. »Wir tanzten dennoch weiter«, erzählt Medhat. Das Militär des Assad-Regime baute einen Stützpunkt direkt neben die Trainingsräume der Enana Dance Company in Damaskus. »Wenn wir die Räume betreten oder verlassen wollten, kontrollierten die Soldaten unsere Ausweise«, erinnert sich Mouafak. Mit der Zeit fühlten sich die Tänzer nicht mehr sicher. Nachdem einer von ihnen von Soldaten zusammengeschlagen wurde, stellte das Tanzkollektiv letztendlich seinen Betrieb ein.

 

»Mit engen Freunden tanzte ich übertrieben wild«

 

»Jeder Ort war unsicher. Wir mussten trotzdem in die Uni. Wir haben alles riskiert, um zu tanzen«, erzählt der 27-Jährige. Eine Wahl hatte Mouafak nicht: Nur wer in der Universität eingeschrieben ist, kann dem Militärdienst entkommen. Auch Medhat verbrachte diese Tage im Tanzstudio der Universität. »Ich tanzte acht Stunden am Tag, es gab wenig zu essen, ich konnte mich nicht um meinen Körper kümmern«, erinnert sich der 33-Jährige.

 

Obendrein fiel es ihm schwer, das starre Ballett-Korsett auf seinen Körper zu stülpen. »Einmal wäre ich fast von der Uni geflogen, weil ich mein Bein nicht hoch genug strecken konnte«, berichtet Medhat. Mouafak erging es ähnlich: »Ich habe immer nur Technik gelernt, nur Ballett. Ich konnte ich mich nicht frei bewegen.« Im Kurs beim israelischen Choreografen Nir de Volff in Berlin traute er sich erstmals, sich von der gewohnten Struktur zu lösen. »Gerade hatte ich dieses eine Gefühl, meine gewohnten Bewegungsstrukturen endlich zu durchbrechen – dann verlor ich das Gleichgewicht, fiel auf den Boden und schlug mir den Kopf auf«, sagt Mouafak.

 

Trotz der Schmerzen, so erzählt er, habe er das Gefühl des Unvorhersehbaren genossen. Er beschloss, die gelernte Tanz-Grammatik vorerst über Bord zu werfen. »In Syrien hätten sie dich über den Boden geschleift, wenn du gestürzt wärst. Deshalb hattest du Angst«, springt ihm sein Kollege »The Darvish« bei. Seit 2016 ist er in Deutschland, in Berlin stand er zum ersten Mal auf einer Bühne. Heute ist ihm die Erinnerung an seine ersten Auftritte peinlich. Gleichzeitig machen sie ihn stolz auf das, was inzwischen aus ihm geworden ist: ein professioneller Bauchtänzer. In Syrien tanzte er nur privat. »Mit meinen Verwandten tanzte ich wie ein Macho, mit engen Freunden tanzte ich übertrieben wild«, erzählt der 25-Jährige, springt auf und kreist wie zum Beweis seine Hüften.

 

»Wir sind Syrer, aber wir stehen für eine neue Version von uns – eine glänzende«

 

Als Jugendlicher, erinnert er sich, schaute er die US-Castingshow »So You Think You Can Dance«, dann beobachtete er seine Mutter und Tanten beim Bauchtanz. »Vor meinem ersten Auftritt packte mich die Angst. Immer wurde mir eingetrichtert, dass ein Mann nicht tanzen sollte, erst recht keinen Bauchtanz«, schildert der 25-Jährige aus Latakya.

 

Fast jedes Wochenende ist »The Darvish« in Berlin unterwegs: Er zeigt den Shimmy, eingehüllt in glänzende Tücher und paillettenbesetzte Accessoires, dreht, seinem Künstlernamen entsprechend, im Sufi-Kostüm rhythmische Kreise vor dem Brandenburger Tor, oder hält in High Heels und engem Regenbogenbody Reden auf einer LGBTQI+-Demo. Auf der Bühne präsentiert er das, was er in Syrien unterdrücken musste: seine Sexualität, seine Queerness, seinen Hüftschwung. »Ich möchte eine queere arabische Community organisieren und für ihre Sichtbarkeit kämpfen«, beschreibt er seine Ziele jenseits des Tanzens.

 

Mouafak, Medhat und »The Darvish« wollen sich zudem für Geflüchtete einsetzen. The Darvish sagt: »Viele Leute vertrauen uns Geflüchteten nicht, das wollen wir ändern. Wir sind Syrer, aber wir stehen für eine neue Version von uns – eine glänzende.«

 

Die drei sehen geschafft aus, aber zufrieden. Mit de Volff verabreden sie sich für die nächsten zwei Tage zur Probe. »Dann sind wir bereit für nächste Woche!«, verabschiedet sie der Choreograph. Sie ziehen sich die Schuhe an, umarmen sich – und schwirren aus zum nächstem Termin.


Vom 5. bis zum 8. August zeigen Mouafak, Medhat und »The Darvish« ihre Performance »come as you are # teil 2« ab jeweils 19 Uhr im Theater des DOCK 11 in Berlin.

Von: 
Anna Ritz

Banner ausblenden

Cover zenith 2-21

War on Terror

Zwei Jahrzehnte »Krieg gegen den Terror«, ein Jahrzehnt Arabischer Frühling – junge Erwachsene in der arabischen Welt sind in stürmischen Zeiten groß geworden. Was ist das für eine Generation? Die neue zenith ist da, inklusive Afghanistan-Spezial und großem Dossier.