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Die schiitischen Hazara nach der Machtübernahme der Taliban in Kabul

Was die Schiiten in Afghanistan jetzt befürchten

Analyse
Blick über das Tal von Bamiyan
Blick über das Tal von Bamiyan. Foto: Florian Guckelsberger

Fliehen, verstecken oder Widerstand leisten? Warum die schiitischen Hazara den Versprechungen der Taliban nicht trauen.

Rund zwanzig Jahre nach der Zerstörung der Buddhas im zentralafghanischen Tal von Bamiyan wurde dort am 17. August erneut eine Statue gesprengt. Ein Foto zeigt den steinernen Kopf des Hazara-Märtyrers Abdul Ali Mazari, offenbar vor der Explosion abgetrennt und auf dem Fundament des Sockels platziert. »Das soll eine Enthauptung darstellen«, ist der pakistanische Menschenrechtsaktivist Saleem Javeed überzeugt.

 

 

Am Tag nach der Zerstörung ist die Aufregung in Bamiyan groß. Rund drei Dutzend Männer nehmen ihren Mut zusammen und konfrontieren den Taliban-Kommandeur, der nach dem Kollaps der afghanischen Regierung die Verwaltung übernommen hat. Der habe sich überrascht gezeigt, heißt es – und dann jede Verantwortung von sich gewiesen. Die Statue sei nicht von Taliban zerstört wurden.

 

Wer mit Menschen in Bamiyan spricht, im Herzen des Hazarajat, der hört immer wieder Varianten dieser Geschichte. Erzählungen von gestohlenen Autos. Fotos von verwüsteten Büros. Berichte über ein geplündertes Kunstdepot. Taten, die Gesprächspartner den Taliban zuschreiben. Es sind Berichte, die glaubwürdig scheinen, sich aber kaum verifizieren lassen. Fotos etwa, die die Zelte geflüchteter Hazara nach der Machtübernahme der Taliban zeigen sollen, kursieren seit Mitte Juli auf Twitter – einen Monat vor der finalen Machtübernahme der Taliban in diesem Teil Afghanistans.

 

Klar ist: Die Provinz Bamiyan ist eine der letzten, die von den Extremisten erobert wird. Der von der Regierung eingesetzte Gouverneur gibt kampflos auf, einige Stunden später fällt das nur wenige Autostunden entfernte Kabul. Dass unmittelbar darauf die Statue von Abdul Ali Mazari geschändet wird, weckt düstere Erinnerungen. Mazari – Hazara, Politiker und erster Generalsekretär der schiitisch dominierten Islamischen Einheitspartei Afghanistans (Hezb-e Wahdat) – war 1995 von Taliban zu Tode gefoltert worden. Es folgten eindringlich dokumentierte Massaker an der Zivilbevölkerung, etwa in der nordafghanischen Stadt Mazar-e-Sharif.

 

»Den Versprechungen der Taliban vertraut hier niemand«, sagt Saleem Javeed auf die Behauptung der neuen Herrscher angesprochen, eine multi-ethnische Regierung bilden zu wollen, die dem afghanischen Vielvölkerstaat gerecht wird. Auch Ashley Jackson vom Londoner King’s College ist skeptisch. »Im Moment dominiert die alte Garde aus den 1990er Jahren die Taliban. Die Anführer entstammen einigen wenigen paschtunischen Stämmen, da ist wenig Raum für Inklusivität. Bereits heute herrscht große Konkurrenz um Spitzenämter.« Die noch immer ausstehende Verkündung einer neuen Regierung bestärkt diese Zweifel.

 

Der Druck auf die neue Führung in Kabul ist immens

 

Jackson glaubt, dass das Taliban-Versprechen einer inklusiven Verwaltung des Landes eine doppelte Botschaft sendet: »Sie wollen Minderheiten wie die Schiiten beschwichtigen und die Fraktionsbildung entlang ethnischer Linien verhindern, etwa unter Tadschiken und Usbeken, aber auch unter Taliban aus weniger einflussreichen Paschtunen-Stämmen.« Teil dieser Strategie könnte sein, schiitische Hazara auf unbedeutende Posten zu befördern, wie sie es bereits in der Vergangenheit getan haben. Das würde den Taliban wohl auch bei ihrem zweiten Ziel helfen: Laut Jackson versuchen die Taliban nämlich vor allem Legitimität in den Augen der internationalen Gemeinschaft zu gewinnen, auf deren Unterstützung sie angewiesen sind.

 

Tatsächlich ist der Druck auf die neue Führung in Kabul immens. Geldreserven im Ausland sind eingefroren, zehntausende bestens ausgebildete Afghaninnen und Afghanen aus dem Land geflohen, Schlüsselstellen in Wirtschaft und Verwaltung unbesetzt: Ohne finanzielle und logistische Hilfe aus dem Ausland werden die Taliban das von ihnen eroberte Land kaum durch den nahenden Winter steuern können. Schon berichten auch Menschen in Bamiyan, dass sich Brot und Benzinpreise verdoppelt hätten. Und wer ein Bankkonto besitzt, kommt dennoch nicht an sein Guthaben.

 

So könnte der notwendige Druck entstehen, wenn schon keine substanzielle Beteiligung an der Regierung, zumindest Sicherheitsgarantien für eine ganze Reihe besonders bedrohter Afghaninnen und Afghanen zu erwirken.

 

Derweil laufen in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad Verhandlungen auch darüber, welche Zugeständnisse die neuen Machthaber den Hazara machen können. Mohammed Mohaqiq, einflussreicher Politiker der Hezb-e Wahdat und einst Kandidat für die afghanische Präsidentschaft sowie Karim Chalili, zweiter Vizepräsident unter Hamid Karzai und ebenfalls von der Einheitspartei, sitzen seit einigen Wochen am Verhandlungstisch.

 

Unterdessen mehren sich Berichte über erneute Gräueltaten an ethnischen Hazara. Laut von Amnesty International verifizierten Berichten haben Angehörige der Taliban bereits zwischen dem 4. und 5. Juli neun Menschen ermordet. In der südlich von Kabul gelegenen Provinz Ghazni seien sechs Hazara erschossen worden, drei weitere Männer seien von bewaffneten Männer zu Tode gefoltert worden. Augenzeugen berichten von regelrechten Exekutionen und Körpern, die kaum mehr zu erkennen gewesen wären. Auf die Morde angesprochen, hätte ein Taliban laut einem von Amnesty zitierten Augenzeugen gesagt: So sei das nun mal im Krieg, da müsse jeder sterben.

 

Am 30. August meldete India Today unter Verweis auf einen nicht genannten afghanischen Lokaljournalisten, dass die Taliban in der Provinz Daikundi 14 Hazara umgebracht hätten. Zwölf der Opfer seien Soldaten der nun nicht mehr existenten Armee des Landes gewesen, die sich den Taliban ergeben hätten.

 

Berichte, die im Widerspruch zu der von Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid wenige Tage zuvor angekündigten Generalamnestie stehen: »Wir werden allen vergeben, denn nur so können wir Frieden und Stabilität zurückgewinnen. Jeder und jedem, die gegen uns waren, werden wir verzeihen.« Etwa zur gleichen Zeit nahmen führende Taliban in einem überwiegend von Hazara bewohnten Viertel von Kabul an den Aschura-Feierlichkeiten im schiitischen Trauermonat Muharram teil, um so Solidarität bekunden zu wollen.

 

Widerstand als Vorwand für neue Gewaltwelle?

 

Gesten und Worte, die die meisten Hazara nicht überzeugen. Zu eindrücklich sind die Erinnerungen an die Verfolgung unter der ersten Ägide der Taliban, zu grausam die Berichte neuer Gräueltaten. Ist nun bewaffneter Widerstand durch Hazara-Milizen zu erwarten?

 

Ein Foto zeigt den ehemaligen Abgeordneten Zulfiqar Omid mit rund einem Dutzend vermummten Männern mit Maschinengewehren. Der Hazara hält sich nach eigenen Angaben in Zentralafghanistan versteckt und will 800 bewaffnete Kämpfer unter seinem Kommando haben, hinzu kämen 5.000 Freiwillige. Man hätte bereits mit dem Widerstand im nördlich von Kabul gelegenen Panjshir-Tal gesprochen und sei bereit, sich den Taliban mit Waffengewalt entgegenzustellen.

 

Beobachter bezweifeln derweil, wie schlagkräftig die Gruppe um Omid tatsächlich ist. Der pakistanische Menschenrechtsaktivist Saleem Javeed verfolgt die Gemeinschaft der afghanischen Hazara seit Jahren und glaubt, dass Omid weder über Charisma noch das notwendige Netzwerk verfügt, um Widerstand gegen die neue Regierung in Kabul zu leisten. Das Ausbleiben von Solidaritätsbekundungen durch andere einflussreiche Hazara wie Abdul Ghani Alipoor spreche Bände, so Javeed. Es scheint, als würden die meisten schiitischen Milizenführer abwarten wollen, wie es in Kabul weitergeht.

 

Hinzu kommt, dass sich viele Hazara in den letzten Jahrzehnten entwaffnen ließen. Ein Programm der Zentralregierung zur weiteren Befriedung des Landes – geplant und umgesetzt zu einer Zeit, als in Kabul noch eine vom Westen unterstützte Administration die Geschicke des Landes verwaltete.

 

Gleichzeitig wächst die Sorge, dass jeder bewaffnete Widerstand gegen die Taliban von deren Führung als Vorwand genutzt werden könnte, offen und brutal gegen Hazara in allen Landesteilen vorzugehen. Eine Gefahr, die auch dadurch steigt, dass es innerhalb der Taliban Gruppierungen gibt, die anti-schiitisch eingestellt sind und zum Kampf gegen die Hazara aufrufen.

 

Angesichts des Machtkampfs innerhalb der Führung um die Verteilung der politischen Macht ist zu befürchten, dass eine Direktive zum Schutz der Hazara nicht zwingend von allen Teilen der Gruppe angenommen wird – oder gar Taliban-Kämpfer in die Ränge des lokalen Ablegers des »Islamischen Staats« (ISKP) spült, der schiitische Afghanen seit Jahren mit Selbstmordanschlägen terrorisiert.

 

So ist die Angst unter den Hazara besonders drückend, zu den größten Verlierern der neuen Machtverhältnisse zu werden. Gesprächspartner aus der Hazara-Gemeinde in Kabul schildern, dass die Taliban sich bereits nach ihnen erkundigen würden. In einem Fall ist es einem männlichen Hazara im Westen der Hauptstadt nur dank der Notlüge eines Nachbarn gelungen, zu entkommen. Der Gesuchte sei geflüchtet, habe der gegenüber dem Taliban behauptet. Der Mann traut sich heute kaum noch auf die Straße, vergeblich hatte er in seinem Haus auf einen Platz für die Evakuierung am damals noch operierenden Flughafen gehofft.

 

Alternativen zum Ausharren und der vagen Hoffnung, irgendwie mit dem Leben davonzukommen, gibt es kaum. Wer weder Journalist noch Aktivist ist und in den letzten Jahren nicht einer der ausländischen Armeen als Übersetzer, Koch oder auf anderen Art und Weise geholfen hat, darf kaum auf Aufnahme im Westen hoffen.

 

Wer das Geld für Menschenschmuggler nicht aufbringen kann, schafft es kaum noch über die Grenze nach Usbekistan – und auch wenn in Pakistan und Iran bereits viele exilierte Hazara leben, haben die Regierungen in Islamabad und Teheran ebenfalls die Tür geschlossen. Berichte von Schießereien an den Grenzen lassen die Flucht über Land noch riskanter erscheinen.

 

Ein Hazara der dennoch die Flucht gen Osten auf sich genommen hat, berichtet zenith, dass der pakistanische Grenzbeamte ihn nur herablassend angeschaut und ihm entgegnet habe: »Hier gibt es keinen Platz für euch.«

Von: 
Florian Guckelsberger

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