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Erdgas aus Algerien für Europa

Algier hat die besten Karten

Analyse
Erdgas aus Algerien für Europa
Algeriens Präsident Tebboune und Italiens Premierminister Draghi bei Verhandlungen in Algier Palazzo Chigi/Wikimedia Comments

Europa fürchtet den nahenden Winter und sucht neue Partnerschaften für die Gasversorgung. Ist Algerien dafür der richtige Partner?

Was ist passiert?

Gas wird knapp – und teuer. Europäische Staaten versuchen, sich aus der Abhängigkeit vom russischen Gas zu befreien. Algerien ist schon heute mit rund elf Prozent drittgrößter Erdgaslieferant Europas und will nun die Liefermengen aufstocken – und soll bald Russland als Hauptlieferanten ablösen. Erst am vergangenen Montag, dem 18. Juli, besuchte der italienische Premierminister Mario Draghi Algier. Bereits im Mai begannen Gespräche zwischen den beiden Ländern über die Erhöhungen von Gasliefermengen. Welche Bedeutung die italienische Regierung dem Treffen und der Finalisierung der neuen Pläne beimisst, verdeutlicht auch die Delegation, die den früheren Präsidenten der Europäischen Zentralbank begleitete: darunter ein beträchtlicher Teil seines Kabinetts – und dass obwohl Draghis Regierung nur wenige Tage zuvor am Rande der Auflösung stand.

 

Zentrales Ergebnis des Treffens in Algier ist die schriftlich vereinbarte kurzfristige Erhöhung der Gaslieferungen. Algerien wird Italien in den kommenden Monaten vier Milliarden Kubikmeter mehr Gas liefern – zusätzlich zu den ohnehin vereinbarten 21 Milliarden Kubikmetern im Jahr. Ab nächster Woche will Algeriens größter Energiekonzern Sonatrach beginnen, die Liefermengen nach Italien zu erhöhen.

 

Worum geht es genau?

Algeriens Gasreserven belaufen sich auf fast 2,4 Billionen Kubikmeter und das Land ist größter Gasexporteur Afrikas und siebtgrößter weltweit. 83 Prozent der algerischen Gasexporte gehen nach Europa, hauptsächlich nach Spanien und Italien, mit denen langjährige Verträge laufen. Seit 1983 fließt algerisches Gas durch die TransMed-Pipeline nach Sizilien. Im Rahmen des ersten Treffens der beiden Staatschefs schlossen der italienische Energiekonzern ENI und Sonatrach ein Abkommen zur Steigerung von Gasexporten.

 

Die Annäherung zwischen Italien und Algerien erfolgt vor dem Hintergrund eines diplomatischen Zwists mit einem der bislang wichtigsten Abnehmer für algerisches Gas in Europa. Im März hatte der spanische Premier Pedro Sánchez die von Marokko präsentierte Autonomie-Initiative als unterstützenswert bezeichnet und damit den marokkanischen Anspruch auf die Westsahara de facto anerkannt. In Reaktion auf Madrids Kurswechsel kündigte Algeriens Staatschef Abdulmajid Tebboune den über 40 Jahren alten Freundschaftsvertrag mit Spanien. Für noch mehr Ärger in Algier sorgte dann die Ankündigung aus Madrid, künftig aus Algerien importiertes Gas auch nach Marokko zu liefern. Es blieb bei Drohungen aus Algier, den Gasexport auf die iberische Halbinsel zu kappen. Stattdessen wird Algerien die derzeit noch geringen Gaspreise für Spanien erhöhen.

 

Italien präsentiert sich nun gegenüber Algerien als neuer Absatzmarkt und der EU als Zwischenlieferant für die Gasversorgung in Mitteleuropa – zumal die spanischen Gasspeicher mit algerischem Gas noch immer nicht an Frankreich angebunden sind. Dennoch bezweifeln Experten, ob Algerien tatsächlich die Versorgungslücke schließen kann – dafür müsste erheblich in den Ausbau der Produktionskapazitäten investiert werden.

 

Immerhin: Erst im Juni hingegen berichtete Sonatrach über neue Vorkommen von geschätzt 100 bis 340 Milliarden Kubikmetern Gas auf dem landesweit größten Gasfeld Hassi R'Mel. Im November will das staatliche Unternehmen mit der Produktion beginnen und verspricht sich eine Fördermenge von zehn Millionen Kubikmetern Gas pro Tag.

 

Wie geht es weiter?

Wie schnell kann das Land die neu erschlossenen Gasfelder nutzen? Klar ist, dass auch die algerische Regierung an der Erschließung und Förderung von Öl und Gas großes Interesse zeigt. Erst 2020 hat sie ein Gesetz sowie ein auf vier Jahre angelegtes Investitionspaket in Höhe von 39 Milliarden Euro verabschiedet, welches Marktbeschränkungen auch für ausländische Investoren verringern soll.

 

Ob die zusätzlichen Gaslieferungen nach Italien ausreichen werden, um weitere europäische Länder zu beliefern, ist fraglich. Denn obwohl die Liefermengen nach Italien aufgestockt werden, wird Algerien damit auch künftig nur rund ein Fünftel von dem kompensieren können, was zuvor Russland geliefert hatte.

 

 

Dennoch: Die neue Kooperation soll keine Notlösung bleiben, sondern vielmehr langfristig Italiens und Europas Erdgasversorgung diversifizieren. Zudem hat Algerien bislang kaum seine Schiefergasreserven erschlossen – mit der Fracking Methode könnte das Land an Erdgasvorräte großen Umfangs kommen, wie Experten vermuten – und dann noch mehr Gas nach Europa verkaufen.

 

Zudem hat Algerien wieder die Idee ins Spiel gebracht, eine Gaspipeline durch die Sahara zu errichten. Mit dem Transport von Erdgas aus Nigeria über Algerien nach Europa würde das nordafrikanische Land langfristig zu einem Knotenpunkt zwischen beiden Kontinenten werden – und Algerien noch bedeutender für Europas Energiesicherheit.

Von: 
Hannah Jagemast

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