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Interview mit Syrien-Expertin Bassma Kodmani

»Russland hielt Assad schon immer für inkompetent«

Interview
Interview mit Syrien-Expertin Bassma Kodmani
Bassma Kodmani zu Gast beim »Berlin Foreign Policy Forum« der Körber-Stiftung

Im Interview erklärt Syrien-Expertin Bassma Kodmani, was wirklich hinter dem Streit zwischen Baschar Al-Assad und seinem Cousin Rami Makhlouf steckt – und warum sich Europa Moskaus Unzufriedenheit zunutze machen sollte.

zenith: Seit Anfang Mai hat der Geschäftsmann und Syriatel-Chef Rami Makhlouf seinen Cousin Baschar Al-Assad in einer Reihe von Videos öffentlich kritisiert. Warum gehen die Bewertungen über die Tragweite dieses Zwists so auseinander?

Bassma Kodmani: Alles, was interne Streitigkeiten innerhalb der syrischen Herrscherfamilie betrifft, ist reine Spekulation. Wir haben kaum Zugriff auf belastbare Informationen und Mitglieder des inneren Machtzirkels reden nicht über solche Angelegenheiten. Daher beruhen die Analysen der Situation auf geringem Wissen über das, was tatsächlich vorgefallen ist. Dennoch glaube ich, dass der Konflikt zwischen Baschar Al-Assad und Rami Makhlouf vom syrischen Regime durchaus als ernsthafte Angelegenheit wahrgenommen wird.

 

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Einige objektive Faktoren legen das nahe. Zuallererst müssen wir den Kontext in Betracht ziehen: Der syrische Staat ist pleite – er leidet unter Sanktionen, ausländische Investoren machen einen großen Bogen um Syrien und die geringen Hilfsmittel reichen nicht einmal, um die unmittelbare Anhängerschaft des Regimes zu versorgen. Und dieser letzte Punkt ist enorm relevant: Assad interessiert sich momentan nicht dafür, ob die Menschen in Daraa oder Ghuta hungern, aber er ist auf diejenigen angewiesen, die ihn unterstützten, die für das Regime kämpften und die Opfer für die Herrscherfamilie brachten. Daher muss er für diese Leute sorgen und sich ihre Unterstützung sichern. Aus dieser Perspektive wird besonders klar, wie dringend Assad momentan Geld braucht.

 

Wie passt Makhlouf hier ins Bild?

Jede Unterstützung für die syrische Bevölkerung, die von anderer Stelle kommt, bedeutet eine Konkurrenz für Assads Popularität und Einfluss. Der Machtkampf geht auf das Jahr 2000 zurück. Als Baschar Al-Assad damals Präsident wurde, war seine Legitimität innerhalb der Herrscherfamilie umstritten, weshalb er Schwierigkeiten hatte, seine Macht zu konsolidieren – sowohl die Makhloufs, als auch Assef Shawkat und seine eigene Schwester Buschra Al-Assad stellten ihn in Frage.

 

»Das soziale Standing der Makhloufs war früher einmal viel bedeutender als das der Assads«

 

Wie reagierte Baschar Al-Assad damals auf diese Vertrauenskrise innerhalb der eigenen Familie?

Ich denke, dass Assad während dieser Zeit einen Deal eingegangen ist: Die Makhlouf-Familie sollte ihn unterstützen und beraten sowie seinen gesellschaftlichen Rückhalt innerhalb der eigenen Community organisieren. Im Gegenzug durften die Makhloufs die Wirtschaft steuern und Reichtum anhäufen. Um es konkret zu machen: Die politische Macht und militärische Stärke im syrischen Staat liegt in den Händen der Assads, während die Wirtschaft maßgeblich von den Makhloufs bestimmt wird.

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Von: 
Michael Nuding

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