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Pakistan, Saudi-Arabien und der Kaschmir-Konflikt

Warum Pakistan nach neuen Verbündeten sucht

Analyse
Pakistan, Saudi-Arabien und der Kaschmir-Konflikt
Die Faisal-Moschee, benannt nach dem früheren saudischen König, gehört zu den markantesten Wahrzeichen Islamabads und ist Ausdruck der historisch engen Bande zwischen Saudi-Arabien und Pakistan. Khalid Mahmood / Wikimedia Commons

Der Kaschmir-Konflikt stellt die einst engen Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und Pakistan auf die Probe. Gelingt es Islamabad, mit neuen Bündnissen seinen Einfluss in der Region zu stärken?

Erst als am 5. August der pakistanische Außenminister Shah Mahmud Qureshi wiederholt die Forderung nach einem Sondergipfel der Außenminister der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) zur Kaschmir-Frage stellte und damit drohte, bei einem Scheitern ein eigenes Treffen einzuberufen, horchten viele Beobachter auf. Denn Qureshis Kritik an der Untätigkeit der OIC, richtete sich eigentlich an Saudi-Arabien, das die OIC dominiert und bislang einen solchen Gipfel verhindert hat.

 

Im vergangenen Jahr hatte Indien den Autonomiestatus der Region aufgehoben, sie in zwei Unionsterritorien geteilt und unter direkte Kontrolle der Zentralregierung gestellt. Somit war der 70 Jahre alte Status Quo der international umstrittenen Region einseitig verändert worden. Nicht nur Pakistan, das bekanntlich einen Anspruch auf die mehrheitlich muslimische Region erhebt, kritisierte diese Entscheidung, sondern auch ein Großteil der Kaschmiris lehnt Neu-Delhis Entscheidung ab.

 

Schließlich war mit dem Artikel 370 der indischen Verfassung der Sonderstatus von Kaschmir als Autonomieregion garantiert worden. Die hindu-nationalistische BJP-Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi ließ vor der Ankündigung dieser weitreichenden Entscheidung eine Ausgangssperre in der Region verhängen und alle Kommunikationswege nach Kaschmir kappen. Mit Massenverhaftungen sowie der Verlegung tausender zusätzlicher Soldaten in die ohnehin stark militarisierte Region versuchte Neu-Delhi, jeglichen Protest zu unterbinden. Zu groß war die Angst der BJP-Regierung vor einem Volksaufstand. Selbst indischen Oppositionspolitikern wurde die Einreise in die Region strikt untersagt.

 

Ein Jahr danach hat sich an der Situation wenig geändert. Pakistans vehementer Protest und Versuche, internationale Unterstützung für die eigene Position zu finden, hatten wenig Erfolg. Zwar warnte Premierminister Imran Khan 2019 in einer emotionalen Rede vor der UN-Vollversammlung die Welt vor einem drohenden Nuklearkonflikt zwischen den beiden Atommächten um Kaschmir und lenkte den Fokus der internationalen Gemeinschaft auf die Region, doch seitdem ist nicht viel passiert.

 

Besonders seitens der arabisch-islamischen Welt und der traditionellen Verbündeten aus der Golfregion blieb die erhoffte Unterstützung aus. Dabei blickt Pakistan auf eine jahrzehntelange enge Kooperation und Partnerschaft mit den arabischen Monarchien der Golfregion zurück.

 

Eine historisch emotionale Bindung an die heiligen Stätten in Mekka und Medina galt immer als die Grundlage für das traditionell hohe Ansehen des saudischen Königshauses als »Hüter der beiden Heiligen Stätten« auf dem Subkontinent. Schon 1940, sieben Jahre vor der Gründung Pakistans, empfing die All India Muslim League zum ersten Mal offiziell eine saudische Delegation in Karatschi. Saudi-Arabien wiederum schickte 1943 auf Bitten des späteren pakistanischen Landesvaters Muhammad Ali Jinnah Hilfsgüter für die von Hungernot geplagte Provinz Bengalen.

 

Bis heute bildet die pakistanische Militärexpertise eine wesentliche Säule der saudischen Sicherheitsarchitektur.

 

1947 war mit der Unabhängigkeit Pakistans zugleich der bevölkerungsreichte muslimische Staat der Welt entstanden und in seiner neuen Rolle auf gute Beziehungen mit der arabisch-islamischen Welt angewiesen, was die pakistanischen Führer in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit klug zu nutzen wussten. Den Kern dieser Diplomatie bildete die strategische Freundschaft mit Saudi-Arabien.

 

In den 1950er Jahren warf Pakistan zusammen mit Saudi-Arabien sein Gewicht hinter die Freiheitsbewegungen der islamischen Welt, die mehrheitlich noch europäische Kolonien waren. So unterstützen Pakistan und Saudi-Arabien gemeinsam die Unabhängigkeitsbewegungen in Indonesien, Libyen oder Algerien. Seitdem hat sich die strategische Beziehung beider Länder stetig intensiviert.

 

In den 1960er Jahren entsandte Pakistan zum ersten Mal seine kampferprobten Militäreinheiten zum Schutz des Königreiches und bis heute bildet die pakistanische Militärexpertise eine wesentliche Säule der saudischen Sicherheitsarchitektur. So warb Saudi-Arabien 2017 den ehemaligen pakistanischen Armeechef Raheel Sahrif als Befehlshaber für die saudisch geführte Islamische Antiterror-Mission (IMCTC) ab. Pakistans engagierte sich zudem in den arabisch-israelischen Kriegen und steuerte den arabischen Armeen Militärpersonal bei.

 

Das OIC-Gipfeltreffen 1974 im pakistanischen Lahore bildete den Höhepunkt der pakistanisch-saudischen Kooperation. Darin entwarfen der pakistanische Premier Zulfikar Ali Bhutto und der saudische König Faisal eine Vision einer panislamischen Allianz – unter der Führung ihrer beiden Länder.

 

Islamabad verweigerte Riad in der jüngsten Vergangenheit mehrfach eine blinde Gefolgschaft.

 

Unter der Diktatur von Zia ul Haq (1977-1988) erlebte die pakistanisch-saudische Partnerschaft eine neue Blüte. Mit saudischem Geld und unter pakistanischer Aufsicht organisierte man zusammen den afghanischen Widerstand gegen die sowjetischen Besetzung. Die Saudis finanzierten neben den Waffenlieferungen an die Mudschaheddin auch tausende Medressen in Pakistan, wo Schüler der wahhabitischen Ideologie folgend indoktriniert und als Kämpfer nach Afghanistan eingeschleust wurden – alles in enger Abstimmung mit den USA.

 

Im Gegenzug für diese Allianz wurde die stets defizitäre pakistanische Staatkasse von den Saudis großzügig unterstützt. So finanzierte Saudi-Arabien vermutlich den Bau der pakistanischen Atombombe und schickte Erdöl im Wert von 3,4 Milliarden Dollar, als die internationale Gemeinschaft in Reaktion auf Atomwaffentests Pakistan mit Sanktionen belegte. Noch 2014 überwies Riad etwa 1,5 Milliarden US-Dollar an Islamabad – ein Zuschuss, den der damalige pakistanische Finanzminister Muhammad Ishaq Dar als »Geschenk« von Freunden bezeichnete. Bei seinem Pakistan-Besuch im Jahr 2019 unterzeichnete der saudische Thronfolger Muhammad bin Salman Verträge für Investitionen und Kredite in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar.

 

Trotz dieser engen Partnerschaft halten sich die arabischen Golfstaaten bei der Verurteilung Indiens in der Kaschmir-Frage dezidiert zurück. Der Grund dafür mag wohl in den Wirtschaftsinteressen in der Beziehung zu Indien liegen, die zunehmend an Bedeutung gewonnen haben. Das saudische Investitionsvolumen in Indien beläuft sich mittlerweile auf etwa 100 Milliarden US-Dollar und Riad möchte seine ökonomischen Interessen für eine panislamische Agenda nicht mehr aufs Spiel setzen. In Pakistan wachsen die Frustration und das Gefühl, von den arabischen Verbündeten im Stich gelassen worden zu sein.

 

Doch auch Islamabad verweigerte in der jüngsten Vergangenheit mehrfach eine blinde Gefolgschaft. Die Absage Pakistans an einer Beteiligung am saudisch geführten Krieg in Jemen hatte bereits 2014 zu Unstimmigkeiten zwischen den beiden Ländern geführt. Zudem bewahrt Pakistan im wachsenden Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien, trotz politischen Drucks durch den Golfkooperationsrat, eine eher neutrale Haltung.

 

Washington beäugt weitreichende Zugeständnisse Islamabads an Beijing mit Argwohn.

 

Nach Shah Mahmud Qureshis Kritik verlangten saudische Offizielle– sichtlich verärgert – Mitte August die Rückzahlung eines Milliardenkredits zurück, den Riad Islamabad gewährt hatte. Auch sonst scheinen die Zeichen auf einen Wandel in den Beziehungen zu stehen. Im internationalen Kräftemessen zwischen den USA und China könnten sich beide Länder in Zukunft öfter gegenüberstehen.

 

Gilt Saudi-Arabien als der engste Verbündete der USA am Golf, so nimmt Pakistan für China in seiner neuen Expansionsstrategie eine geopolitisch bedeutsame Rolle ein. Nicht nur in Hinblick auf Chinas Indien-Politik, sondern auch als der verlässlichste Partner Beijings in der islamischen Welt. Pakistan hat in den letzten Jahren zunehmend Anschluss an China als »Allzeit-Freund« gefunden, wie die Partnerschaft in beiden Ländern blumig genannt wird.

 

Zudem erhält China mit dem CPEC-Projekt (»China-Pakistan Economic Corridor«) am neuen Hafen von Gwadar einen direkten Zugang zum Arabischen Meer. Weitreichende Zugeständnisse Islamabads an Beijing in diesem Zusammengang werden von den USA argwöhnisch beäugt. Die Beziehungen zwischen Islamabad und Washington gelten ohnehin als zerrüttet.

 

Außerdem hat China in den vergangenen Jahren seine Beziehungen zu Iran weiter ausgebaut. Fällt Saudi-Arabien als verlässlicher Partner weg, muss Pakistan nach neuen Verbündeten in der Region Ausschau halten. Seit einigen Jahren erleben die türkisch-pakistanischen Beziehungen ein neues Hoch, freilich zum Unbehagen Riads, das mit der Türkei um Einfluss in Nahen Osten konkurriert. Daneben ist Malaysia ein möglicher neuer Partner für Islamabad.

 

Einem von der Türkei und Malaysia initiierten Gipfeltreffen blieb Pakistan in letzter Minute fern – auf Drängen Riads.

 

Noch kann sich Pakistan nicht gänzlich von Saudi-Arabien emanzipieren, an dessen Geldhahn das Land seit Jahrzehnten hängt. Als Ende 2019 die Türkei und Malaysia einen eigenen Sondergipfel der islamischen Welt einberiefen, blieb Pakistan dem Treffen auf Drängen der Saudis im letzten Moment fern, was zu Irritationen auf der türkischen und malaysischen Seite führte. Die Saudis betrachten solche Blockbildungen innerhalb der islamischen Welt als Herausforderung der eigenen Hegemonie. Ob die kurzfristig angesetzte Reise des mächtigen pakistanischen Militärchefs Qamar Javed Bajwa nach Riad am 24. August die Wogen glätten konnte, lässt sich noch nicht absehen.

 

Ein Schlingerkurs in der Außenpolitik mag in den letzten Jahrzehnten eine bewusste Strategie und kluger Schachzug der pakistanischen Diplomatie gewesen sein, doch mit den wachsenden Rivalitäten innerhalb der islamischen Welt, steigt der Druck auf Islamabad, sich eindeutig zu positionieren.

 

Pakistans Achillesferse sind seine marode Wirtschaft und die grassierende Korruption. Solange Islamabad sich ökonomisch nicht weiterentwickelt, wird die finanzielle Abhängigkeit von anderen Staaten Pakistan an einer selbstbewussteren Außenpolitik hindern. Dabei hat Islamabad das Potenzial, eine vermittelnde Rolle zwischen den verschiedenen Lagern der islamischen Welt einzunehmen.


Mohammad Luqman hat am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien der Universität Marburg Islamwissenschaft mit einem besonderen Forschungsschwerpunkt auf Islam in Südasien studiert. Er promoviert zurzeit an der Universität Frankfurt zum Verhältnis von Religion und Nationalismus in Pakistan.

Von: 
Mohammad Luqman

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