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Lesezeit: 8 Minuten
Somalia nach dem Anschlag von Mogadischu

»Somalias 9/11«

Analyse
von Leo Wigger
Al-Shabaab meldet sich zurück
Über 300 Menschen kamen beim Anschlag im Zentrum Mogadischus Mitte Oktober ums Leben. AMISOM Public Information

Der Anschlag von Mogadischu setzt der Hoffnung auf einen Neuanfang am Horn von Afrika einen Dämpfer. Somalias neue Regierung hat die Terrormiliz Al-Shabaab unterschätzt.

Am Samstag, dem 14. Oktober, sprengte sich gegen 15.30 Uhr Ortszeit ein Lastwagenfahrer nahe einer zentralen Kreuzung inmitten des belebten Geschäftsviertels Hodan in die Luft. Zahllose Cafés, Hotels, Regierungsgebäude und Botschaften befanden sich in unmittelbarer Nähe des Anschlagsortes in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Augenzeugen berichten, dass der Lastwagen zuvor an einem Checkpoint angehalten wurde, der Fahrer jedoch abrupt beschleunigte, wahllos Motoräder und Autos überrollte und dann die mehrere hundert Kilogramm schwere Bombe bereits vor dem Erreichen des eigentlichen Zieles zündete. Bei dem Anschlag wurden mindestens 300 Menschen getötet und rund 400 Menschen verletzt. Die genaue Opferzahl wird sich aufgrund des Ausmaßes der Zerstörung am Tatort möglicherweise nie genau feststellen lassen.

 

Unmittelbar nach der Tat vermuteten Beobachter, dass der Anschlag dem nahegelegen Safari-Hotel galt, das bei somalischen Politikern, Diplomaten und Geschäftsleuten beliebt ist und nun schwer zerstört wurde. Von der somalischen Elite und Ausländern regelmäßig frequentierte Hotels sind immer wieder das Ziel von Terroranschlägen in der Millionenmetropole am Indischen Ozean. Nach Medienberichten gehen die somalischen Sicherheitskräfte mittlerweile aber davon aus, dass der Anschlag die Hochsicherheitszone um den internationalen Flughafen treffen sollte. Dort befindet sich unter anderem das Hauptquartier der Friedensmission der Afrikanischen Union (AMISOM). Der Flughafen besitzt einen hohen Symbolwert für die amtierende Zentralregierung. Aus Sicherheitsgründen fanden beispielsweise die Präsidentschaftswahlen Anfang des Jahres ausschließlich auf dem Flughafengelände statt.

 

Bisher hat sich niemand offiziell zu dem Anschlag bekannt, doch es deutet alles darauf hin, dass die dschihadistische Bewegung Al-Shabaab dahintersteckt. Keine andere terroristische Vereinigung im Land verfügt über die notwendigen Ressourcen, um eine solch tödliche Attacke in Mogadischu auszuführen. Dennoch steht ein Bekennerschreiben oder –video bislang aus. »Al-Shabaab übernimmt auch deswegen keine Verantwortung für die Tat, weil wohl nicht alles nach Plan lief und die zivilen Opferzahlen höher waren als einkalkuliert«, meint Ahmed Soliman vom Londoner Thinktank Chatham House. Ihn erinnere die Tat an einen verheerenden Anschlag im Jahr 2009. Damals kamen während einer feierlichen Zeugnisvergabe an Medizinabsolventen mehr als 20 Menschen ums Leben. Auch damals bekannte sich Al-Shabaab, trotz eindeutiger Indizien, nicht zu der Tat, wahrscheinlich weil ein Ansehensverlust drohte.

 

Auch der IS mischt in Somalia mit

 

Von einheimischen Kommentatoren wird der Terroranschlag vom Wochenende nun bereits als »somalischer 9/11« bezeichnet und hinterlässt eine Welle der Trauer und Empörung. In den Tagen nach dem Blutbad kam es in Mogadischu immer wieder zu Massenprotesten gegen Al-Shabaab.

 

Zwar gibt es auch Spekulationen, dass der »Islamische Staat« (IS), zu dem sich eine ehemalige Splitterfraktion von Al-Shabaab seit einiger Zeit bekennt, hinter dem Massaker stecken könne, doch Experten halten das für unwahrscheinlich. Der IS sei in Somalia fast ausschließlich in den Garaga-Bergen der autonomen Region Puntland aktiv, in der für die Kriegskasse lukrative Beteiligungen am Schmuggelhandel ins benachbarte Jemen und der in der Region blühenden Piraterie winken. Ein verheerender Anschlag im weit entfernten Mogadischu passe da nicht ins Kalkül.

 

Somalia befindet sich seit Jahrzehnten in einer politischen Dauerkrise. Seit dem Sturz der Regierung von Präsident Siad Barré im Jahr 1991 existiert ein somalischer Zentralstaat nur noch auf dem Papier, stattdessen ist das eigentliche Staatsgebiet entlang ausgeprägter Clanstrukturen und regionaler Trennlinien tief fragmentiert. Bis 2012 existierte überhaupt keine reguläre somalische Regierung. Der vollständige Staatskollaps sorgte für die Entstehung lokal agierender radikal-islamistischer Milizen, darunter die Vorläufer von Al-Shabaab, die durch eine drakonische Auslegung der Scharia ein Minimum an Sicherheit gewährleisteten. Hunderttausende Somalis verließen das Land in Folge der politischen Turbulenzen und siedelten sich in den Nachbarländern, aber auch in den Golfstaaten, den USA, Kanada, Großbritannien oder Skandinavien an.

 

Die Sicherheitslage hatte sich eigentlich verbessert

 

Vereinfacht gesagt, ist Somalia heute in drei Blöcke zerfallen. Das de facto unabhängige Somaliland, dessen Eigenstaatlichkeit von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt wird, die semi-autonome Provinz Puntland, sowie die vorgeblich unter der Kontrolle der international anerkannten Zentralregierung in Mogadischu verbliebenen Südprovinzen des Landes. Eben dort hat sich im ländlichen Raum jedoch Al-Shabaab ausgebreitet. Und trotz der Unterstützung durch eine 22.000 Mann starke Friedensmission der Afrikanischen Union kontrolliert die somalische Regierung tatsächlich noch immer kaum mehr als den schmalen Küstenstreifen um Mogadischu, die Städte Kismayo und Baidoa, sowie schmale Transportkorridore in die Nachbarländer Kenia und Äthiopien.

 

Doch 2017 sollte nun endlich alles besser werden. Zuletzt hatte sich die Sicherheitslage merklich verbessert – die Grundlage für einen Investitionsschub. Zahlreiche wohlhabende Exil-Somalier kehrten aus der Diaspora zurück und sorgten besonders in Mogadischu für einen beispiellosen Immobilienboom. Im April fand in Mogadischu gar ein TEDx-Talk statt. Beobachter sahen für das Land einen guten Zeitpunkt gekommen, endlich auch auf politischer Ebene Erfolge zu erzielen und Somalia wieder in Richtung einer politischen Einigung zu führen.

 

Und das Jahr begann durchaus vielversprechend. Im Februar wurde in einer vergleichsweise freien, fairen, wenngleich aus Sicherheitsgründen indirekten, Wahl Mohamed Abdullahi Mohamed, genannt Farmaajo, zum neuen Präsidenten der somalischen Zentralregierung gewählt. Die internationale Gemeinschaft wertete die Wahl und die friedliche Machtübergabe als wichtigen Schritt in die richtige Richtung. Der neue Präsident Farmaajo entstammt der amerikanischen Diaspora und arbeitete zuvor in der Verwaltung des US-Bundestaats New York. Während einer kurzen Amtszeit im Jahr 2011 als Premierminister der damaligen somalischen Übergangsregierung konnte er als Außenseiter in der vorherrschenden clan-basierten Klientelpolitik neue Akzente setzen.

 

Die Dschihadisten haben sich angepasst

 

Mit seiner Erfahrung im öffentlichen Dienst, engen Verbindungen zur finanzstarken Diaspora und ohne nennenswerte Vorbelastung durch das System der somalischen Clanklüngelei galt er vielen als der richtige Mann, um die fragmentierten Landesteile wieder unter die Kontrolle Mogadischus zurückzuholen und die Dschihadisten von Al-Shabaab in die Schranken zu weisen. Den Anschlag von Mogadischu nun aber als letztes Aufbäumen einer geschwächten Organisation zu interpretieren, greift aber zu kurz. »Al-Shabaab ist im Moment eigentlich eher wieder im Aufwind«, sagt Stig Jarle Hansen, der an der Norwegischen Universität für Umwelt- und Biowissenschaften über Al Shabaab forscht. Für diese Entwicklung gibt es mehrere Gründe.

 

Zum einen hat sich hat sich Al-Shabaab als sehr anpassungsfähig erwiesen. Zwar hat die dschihadistische Miliz seit der Einsetzung einer somalischen Zentralregierung im Jahr 2012 Gebiete und Einfluss eingebüßt und dazu durch regelmäßige US-Drohnenschläge herbe personelle Verluste zu beklagen. Doch die Dschihadisten haben inzwischen ihre Organisationsstruktur erfolgreich an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst und sich aus der offenen militärischen Konfrontation größtenteils zurückgezogen. Stattdessen beherrschen sie mittlerweile die Kunst der assymetrischen Kriegsführung und zeichnen sich durch ständige Mobilität aus. Finanzmittel werden durch die Erhebung von Zöllen an flexiblen und temporären Checkpoints generiert. Eine dauerhafte, staatsähnliche Präsenz auf großem Territorium ist für die Milizen somit gar nicht mehr notwendig. Das macht sie zu einem äußerst unangenehmen Gegner.

 

»Die Regierung muss die diversen regionalen Milizen im Kampf gegen Al-Shabaab in die somalische Armee zu überführen, wie dies im Mai auf einem Gipfel in London mit Vertretern aus unterschiedlichen Landesteilen vereinbart worden ist«, sagt Ahmed Soliman. Doch immer wieder scheren Warlords aus den Vereinbarungen aus. Farmaajos fehlender Stallgeruch gerät dem neuen Staatschef dabei zum Nachteil: Anfang Oktober trafen sich führende Clanvertreter zu einem Gipfel in der Stadt Kismayo. Nicht am Verhandlungstisch: die Zentralregierung. Und das obwohl Kismayo eigentlich unter ihrer Kontrolle steht. Zuletzt traten dann auch der Verteidigungsminister und ein führender General zurück. Die somalische Armee verlor zudem wieder die Kontrolle über einige Gebiete an Al-Shabaab.

 

Mogadischu zwischen die Fronten

 

Ein weiteres hausgemachtes Problem für die somalische Regierung: Um das fragmentierte Land hinter einem gemeinsamen Feind zu sammeln und sich als Kandidat der nationalen Einheit in Szene zu setzen, spielte Farmaajo im Wahlkampf die anti-äthiopische Karte und konnte so über Clangrenzen hinweg Unterstützung für seine Kampagne mobilisieren. Die Regionalmacht Äthiopien hatte in der Vergangenheit wiederholt auch militärisch ihre Interessen in Somalia verfolgt und ist in weiten Teilen Somalias entsprechend unbeliebt. Doch kaum im Amt half die Regierung Farmaajo den äthiopischen Behörden tatkräftig bei der Festsetzung des somalischen Nationalisten Abdikarin Sheikh Muse. Eine verhängnisvolle Entscheidung, welche der neuen Regierung in kurzer Zeit einen rapiden Ansehensverlust bescherte und ihre Glaubwürdigkeit untergrub.

 

Außenpolitisch stellt die Katar-Krise Somalias Regierung vor neue Probleme, denn Mogadischu pflegt sowohl zu Katar als auch zu Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten enge Beziehungen. Die Regierung von Farmaajo und Premierminister Hassan Ali Khayre setzte zunächst auf eine Politik der Neutralität, doch Riad und Abu Dhabi unterstrichen ihre Forderungen nach einem Abbruch der katarisch-somalischen Beziehungen zuletzt laut eines Reports der International Crisis Group auch mit der Drohung, Finanzhilfen und militärische Ausbildungsmissionen zu streichen, auf welche die ressourcenarme Regierung in Mogadischu dringend angewiesen ist.

 

Besonders die VAE verfolgen indes mit Nachdruck eigene Interessen am Horn von Afrika. So hat die emiratische DP World Konzessionen an Häfen in Somaliland und Puntland erworben – Gebiete, die sich zwar in unterschiedlichem Ausmaß von Mogadischu abgekoppelt haben, völkerrechtlich aber noch zu Somalia gehören. Die lukrativen Verträge schlossen die Scheichs derweil direkt mit lokalen Vertretern – Mogadischu blieb außen vor.

 

»Mogadischu hat eigentlich kaum Optionen«, glaubt Stig Jarle Hansen. »Die Zentralregierung wird sich weiter mit den einflussreichen Regionalfürsten verständigen und einen tragkräftigen Kompromiss bezüglich der Kompetenzaufteilung zwischen dem Zentrum und den Regionen finden müssen. Ob die Regierung von Farmaajo dazu allerdings überhaupt noch genügend Handlungsspielraum besitzt oder schon nach weniger als einem Jahr ein weiterer politischer Neuanfang bevorsteht, steht noch in den Sternen.«

 

Mit einer Rückkehr in das Chaos vor 2012 sei nicht zu rechnen, doch Al-Shabaab wird auf absehbare Zeit nicht von der Bildfläche verschwinden.

Von: 
Leo Wigger

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