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»Das Horn von Afrika« von Alfred Schlicht

Das Horn im Visier

Feature
Geopolitik am Horn von Afrika
Ein Salzsee in Dschibuti Foto: Daniel Gerlach

Islamwissenschaftler Alfred Schlicht wirft einen historisch tiefen Blick auf eine Region, um die sich die europäischen Kolonialmächte einst balgten und die heute wieder im Fokus strategischer Rivalitäten steht.

Die geographische Bezeichnung der Region im Nordosten des afrikanischen Kontinents suggeriert – auf den ersten Blick – Einheitlichkeit. Auf den zweiten Blick lässt das »Horn von Afrika« eine schwer beschreibbare Fülle geschichtlicher Entwicklungslinien sowie ethnischer, kultureller, religiöser und sprachlicher Gegebenheiten erkennen. Immer wieder haben sich diese durch die Geschichte bis in die Gegenwart auch zu Konflikten aufgeladen.

 

Und ein dritter Blick nimmt die Bedeutung wahr, die diesem Teil der Welt in internationaler Perspektive zukommt: Spätestens seit sich die Briten 1839 in der dem »Horn von Afrika« gegenüberliegenden jemenitischen Stadt Aden festsetzten und 1869 der Suezkanal eröffnet wurde, waren die Geschehnisse dort von weiterreichender als nur regionaler Bedeutung. Mit dem Rückzug Großbritanniens aus Aden und dem südlichen Jemen schließlich nach 1967 ist das Horn von Afrika zunehmend Schauplatz machtpolitischer Konkurrenz regionaler Mächte geworden.

 

Die Fülle des von Alfred Schlicht präsentierten Materials in »Das Horn von Afrika« lässt sich entlang von vier Achsen strukturieren.

 

Zum einen die Geschichte Äthiopiens. Das christlich geprägte Kaiserreich weist eine eindrucksvolle Kontinuität der Staatlichkeit auf. Vom 13. Jahrhundert bis zum Jahr 1974, in dem ein marxistisch inspirierter Militärputsch Kaiser Haile Selassie zur Abdankung zwang, war die Dynastie, die ihre Legitimität auf den biblischen König Salomon zurückführte, das Fundament relativ stabiler staatlicher Existenz. Dabei begnügt sich der Autor nicht mit der Darstellung der politischen Geschichte des Landes. Der Leser erfährt zugleich viel über die Religion und Kultur des Mosaiks der Völker Äthiopiens.

 

Mit dem Eintritt des Islams in die Geschichte beginnt eine neue Ära auch für das Horn von Afrika; sie bildet die zweite Achse der Darstellung des Autors.

 

Während die Heere der frühen Kalifen die neue Religion nach Norden verbreiteten und ein islamisches Reich gründeten, waren es zunächst Händler und Missionare, die von den Küsten des Roten Meeres und Indischen Ozeans aus den Islam am Horn von Afrika verkündeten.

 

Bereits im 9. Jahrhundert aber entstanden islamische Staatswesen und ein »islamischer Gürtel« legte sich im Osten und Süden um das salomonische Reich. Harar wurde der Mittelpunkt eines auch militärischen Ringens, das im 16. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte. Ethnische Träger auf muslimischer Seite waren die seit Jahrtausenden in der Region lebenden Somalis. Auch mischten sich zeitweilig Portugiesen und Osmanen in die Auseinandersetzungen ein.

 

Die dritte Achse bildet das Eindringen der europäischen Kolonialmächte seit dem frühen 19. Jahrhundert.

 

Die starke Stellung Englands fordert andere europäische Mächte heraus, politisch und militärisch Flagge zu zeigen. Flächendeckend teilten England, Italien und Frankreich die Küstengebiete des Horns von Afrika unter sich auf: Noch heute trägt die Architektur einiger Städte Eritreas, das 1890 zur Kolonie erklärt worden war, italienische Züge.

 

Das gilt auch für Mogadischu, den Hauptort von »Italienisch-Somaliland«, des heutigen – mittlerweile wieder vom Zerfall bedrohten – Staates Somalia. Neben das italienische tritt das britische Somaliland. Frankreich fasst am Golf von Tadschura Fuß, der Meerenge am Ausgang des Roten Meeres zum Indischen Ozean. 1896 entsteht dort die »Côte franςaise des Somalis et Dépendances«. Hauptstadt wird das 1888 neugegründete Dschibuti.

 

Äthiopien bleibt der Fels in der Brandung im Angesicht des europäischen Imperialismus: Der Versuch Italiens, das Innere des Horns von Afrika zu unterwerfen, scheitert im März 1896 bei der Schlacht von Adwa. Dass sich – auf dem Höhepunkt des europäischen Imperialismus – ein afrikanischer Staat erfolgreich einer europäischen Macht widersetzte, wurde in Europa mit Staunen vermerkt.

 

Elf Jahre später sollte Japan, eine asiatische Macht, in der Seeschlacht von Tsushima die Flotte der zaristischen Großmacht besiegen. In Europa noch unbemerkt wurde bei Adwa und Tsushima der Anfang vom Ende des europäischen Imperialismus eingeläutet. Menelik II. begnügte sich nicht mit dem Sieg; er setzte zugleich einen Prozess der inneren Modernisierung und Entwicklung Äthiopiens in Gang.

 

Die Entwicklungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gruppieren sich um die vierte Achse, entlang derer Alfred Schlicht das Geschehen strukturiert.

 

Seit dem weitgehenden Rückzug der europäischen Mächte aus der Region und dem Entstehen der Staatenwelt, die den Gegenstand des Buches darstellt, ist dem Horn von Afrika keine Katastrophe erspart geblieben. Das Spektrum reicht von Naturkatastrophen wie Dürren über gewaltsame Machtwechsel, Bürgerkriege und islamistischen Terror bis zu Grenzkriegen zwischen den jungen beziehungsweise entstehenden Staaten. Lediglich Dschibuti hat – ein Auge im Orkan – eine relativ stabile, insbesondere wirtschaftliche Entwicklung genommen.

 

Entspannt blickte die Welt auf den jungen Staat Somalia (seit 1960), war er doch – im Gegensatz zum Vielvölkerstaat Äthiopien – ethnisch, kulturell und religiös weitgehend homogen. Allein, in Clanstrukturen befangen, einer der somalischen Kultur fremden »sozialistischen« Diktatur unterworfen und in einem verlustreichen Krieg mit Äthiopien besiegt sah sich die staatliche Autorität schließlich von radikal islamistischen Kräften herausgefordert; der Staat zerfiel in mehrere Teile.

 

Blutig verlief auch die Loslösung Eritreas von Äthiopien (1993). Auch die Machtübernahme in Addis Abeba seitens einer marxistisch-leninistischen Offiziersjunta (1974) konnte den Abfall Eritreas nicht verhindern. Vielmehr geriet das Horn von Afrika nunmehr in die Mühle des Ost-West-Konflikts. Mit dessen Ende erlosch auch das internationale Interesse an der Region.

 

Erst der »Krieg gegen den Terrorismus« nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ließ das Horn von Afrika wieder ins Licht der Weltöffentlichkeit treten. Dabei war nicht nur potenziellen islamistischen Terroristen der Kampf angesagt; er galt auch armseligen Fischersleuten, die von der Not getrieben, zur Piraterie übergegangen waren.

 

So entlässt der Autor, der ein breites geschichtliches Panorama entfaltet hat, den Leser in eine offene Zukunft. Denn nicht nur schwebt über der alten Vormacht Äthiopien wieder das Damoklesschwert des Separatismus; einander ethnisch und religiös fremde Völker fühlen sich nicht angemessen repräsentiert.

 

Vielmehr haben auch Mächte auf der östlichen Seite des Roten Meeres ihre strategischen Interessen an dem Punkt entdeckt, an dem die Briten einst mit Aden ihr strategisches und handelspolitisches Interesse manifestiert hatten. Iran, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar sind heute mit Kriegsschiffen dort, wo einst omanische Seefahrer Handel trieben. Wie ernst es ihnen ist, zeigt die Kaltblütigkeit, mit der sie ihre Interessen im Jemen militärisch ausfechten. Und geopolitisch gesehen ist der Jemen immer ein Teil des Horns von Afrika gewesen.


Das Horn von Afrika
Äthiopien, Dschibuti, Eritrea und Somalia: Geschichte und Politik
Alfred Schlicht
Verlag W. Kohlhammer, 2021
212 Seiten, 32 Euro

Von: 
Udo Steinbach

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