Lesezeit: 11 Minuten
Türkische Drohnen in Libyen

Ankaras Sturmreiter fegen über Libyen

Analyse
Türkische Drohnen in Libyen
Präsentation der »Akinci« getauften Drohne des Herstellers Baykar Makin auf der türkischen Luftfahrtmesse »Teknofest« im Herbst 2019 Wikimedia Commons / Kingbjelica

Der Drohnenkrieg an Europas Südflanke ist längst Realität. Die Türkei und Russland liefern sich in Libyen einen Rüstungswettlauf, um das Kriegsgeschehen zugunsten ihrer Verbündeter zu drehen.

Im frühen 16. Jahrhundert war eine Reitertruppe des Osmanischen Reiches besonders gefürchtet. Die Akinci (zu Deutsch: »Stürmer« oder »Sturmreiter«) kündigten den Vormarsch des osmanischen Heeres an. Sie fegten durch die Landstriche und vernichteten alles, was sich ihnen in den Weg stellte. Erst vor Wien erlitten sie 1529 und 1532 entscheidende Niederlagen. Bis heute beschäftigt sich die Geschichtsforschung mit ihrer Kampfweise.

 

Auf den Namen »Akinci« haben die türkischen Streitkräfte auch ihre neueste bewaffnete Kampfdrohne (»Unmanned Aerial Combat Vehicle«, UCAV) getauft. Nach ersten Testflügen im Dezember 2019 wurde im Mai dieses Jahres der zweite Prototyp fertiggestellt. Hersteller Baykar Makina verkündete, dass Drohnen dieses Typs bald zum Arsenal der türkischen Luftstreitkräfte zählen werden. Mit einer Spannweite von über zwanzig Metern und einer Nutzlast von bis zu 1.350 Kilogramm zählt das türkische UCAV Akinci zur oberen Klasse bewaffneter Drohnen.

 

Vergleichbar mit den bekannten amerikanischen UCAV vom Typ MQ-1 »Predator« (15 Meter Spannweite, 204 Kilogramm Nutzlast), »Grey Eagle« (17 Meter Spannweite, 488 Kilogramm Nutzlast) und MQ-9 »Reaper« (20 Meter Spannweite, 1.361 Kilogramm Nutzlast)sowie den chinesischen Modellen »Wing Loong I« und »Wing Loong II« (14 Meter Spannweite, 1.000 Kilogramm Nutzlast).

 

Während sich die Drohnen der Klasse »Akinci« in der Fertigstellung beziehungsweise Enderprobung befindet, setzen die türkischen Streitkräfte bereits seit einigen Jahren ein anderes Modell überaus erfolgreich ein. Die Drohne UCAV TB2 »Bayraktar« (zu Deutsch: »Fahnenträger«) verfügt über eine Spannweite von zwölf Metern und eine mögliche Waffenzuladung von mehreren gelenkten Luft-Boden-Raketen.

 

Die türkischen TB2-Drohnen kamen als erstes in Syrien zum Einsatz

 

Ihre ersten Aufklärungseinsätze flogen die türkischen TB2 bereits 2016/17 im Zuge der türkischen Bodenoffensive »Schutzschild Euphrat« gegen Kämpfer des sogenannten Islamischen Staats (IS). 2018 waren sie während der türkischen »Operation Olivenzweig« gegen die syrischen Kurden in Afrin im Einsatz. Hier führten sie bereits Raketen mit und setzten diese auch ein. Im Jahr 2019 flogen sie im nordsyrischen Idlib im Rahmen der »Operation Friedensquelle« und stehen nach wie vor im Einsatz. Für die kurdischen Kämpfer und die syrischen Streitkräfte war der Einsatz der TB2 eine unangenehme Überraschung. Innerhalb kurzer Zeit verbuchten die türkischen Streitkräfte durch den Einsatz von Luft-Boden-Raketen im Rahmen ihrer Operationen beachtliche Erfolge – und reduzierten damit auch die Gefährdung der eigenen Truppen.

 

Der Einsatz von Bodentruppen war kaum notwendig (im Bedarfsfall griff man auf Spezialkräfte zurück) und im Gegensatz zu einem sichtbaren (Kondensstreifen) und hörbaren (Strahltriebwerke) Kampfflugzeug flogen die türkischen TB2 ihre Einsätze in großen Höhen – nahezu unsichtbar und lautlos. Mit einer effektiven Verweildauer in der Luft von bis zu 24 Stunden und einer Waffenzuladung von wirkungsvollen Luft-Boden-Raketen (2 x Smart Micro Guided Munitions, MAM-L oder 8 x MAM-C der Firma Roketsan) konnte ein Ziel in aller Ruhe aufgeklärt, bewertet und bei Bedarf bekämpft werden.

 

Türkische Drohnen in Libyen
Informelles Abzeichen des türkischen Kampfdrohnenkontingents in Libyen. Die türkische Beschriftung bedeutet frei übersetzt: »Drohneneinsatzkommando Libyen – Friede, Ruhe, Bastonade«.

 

Derart ausgestattet gelang es im August 2018, den PKK-Führer Ismail Özden im irakischen Sindschar mit einer Luft-Boden-Rakete zu töten. Spätestens mit diesem Einsatz stellte die Türkei unter Beweis, mittels Kampfdrohnen gezielte Tötungen durchführen zu können. Nach den USA, China, Israel, Iran und Pakistan war die Türkei zu diesem Zeitpunkt (2018) somit der sechste Staat, der zu so einer derartigen Kampfführung (im Graubereich des Völkerrechts) in der Lage war.

 

Die Einsätze türkischer Drohnen blieben aber nicht auf den Nahen Osten beschränkt. Die Erfolge der sogenannten Libyschen Nationalarmee (LNA) von General Khalifa Haftar hatten bis Anfang 2019 zur Einnahme weiter Teile des Landes geführt – ermöglicht durch umfangreiche Waffenlieferungen und indirekte Unterstützung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Ägypten, Russland und Frankreich, die sich davon unter anderem ein Vorgehen gegen den im Raum Sirte zunehmend erstarkenden IS erhoffen.

 

Vor allem die von den VAE gelieferten chinesischen »Wing Loong II«-Drohnen steigerten die Schlagkraft der LNA erheblich.

 

Die VAE lieferten zur Unterstützung Haftars im März und April 2019 mehrere chinesische Kampfdrohnen vom Typ »Wing Loong II« (ausgestattet mit Luft-Boden-Raketen vom Typ Blue Arrow BA-7) sowie Erdkampfflugzeuge vom Typ AT-802 (tatsächlich handelte es sich um umgebaute ehemalige Sprühflugzeuge). Vor allem die »Wing Loong II« steigerte die Schlagkraft der LNA erheblich. In den ausgedehnten Wüstengebieten und über den Hauptbewegungslinen entlang der libyschen Küste war es nun möglich, Ziele nicht nur aufzuklären, sondern auch unmittelbar zu bekämpfen. Eine Intensivierung des Konflikts war damit abzusehen.

 

Der Regierung unter Führung von Premier Fayez Al-Serraj wurde durch die Angriffe der LNA auf einen schmalen Küstenstreifen in Tripolitanien zurückgedrängt. Katar und die Türkei beschlossen daraufhin, auf Seiten der Serraj-Regierung zu intervenieren. Auch hier zählte die Lieferung von Kampfdrohnen zu den ersten getroffenen Maßnahmen. Von April bis Mai 2020 wurden die ersten zwölf Drohnen des Typs »Bayraktar« TB2 nach Libyen entsandt.

 

Zusätzlich wurden Systeme zur elektronischen Kampfführung (vor allem GPS-Störung) geliefert. Die Störsender sollten den chinesischen »Wing Long II«-Kampfdrohnen der LNA eine effektive Zielerfassung unmöglich machen – denn zu diesen Zielen hatten oft genug die gerade frisch eingetroffenen »Bayraktar« gezählt, die mittels Luft-Boden-Raketen ausgeschaltet wurden. Als Ersatz für die zerstörte erste Tranche mussten bis Juli 2019 zwölf neue Drohnen vom Typ TB2 aus der Türkei geliefert werden. Somit eskalierte der Konflikt in Libyen zum ersten echten Drohnenkrieg. Beide Konfliktparteien verfügten über bewaffnete Kampfdrohnensysteme, die sie gegeneinander zum Einsatz bringen. Zudem entsandten beide Seiten Söldner (darunter die der es russischen »Gruppe Wagner«). Die Türkei verlegte tausende von syrischen »Freiwilligen« nach Libyen.

 

Die türkischen TB2 hatten auf Seiten der Serraj loyalen Truppen bis Ende 2019 erste signifikante Erfolge gegen die LNA-Verbände erzielen können. Weil die LNA immer empfindlichere Verluste hinnehmen musste, reagierten die VAE daher bereits im März/April 2019 mit der Lieferung russischer Fliegerabwehrsysteme vom Typ »Pantsir« S-1 (NATO-Bezeichnung: S-22 »Greyhound«) und »Hawk« MIM-23 (US-Produktion, Vorläufer des »Patriot«-Systems). Die laufenden Waffenlieferungen wurden im Dezember 2019 sogar in einem eigenen Sonderbericht des UN-Sicherheitsrates vermerkt.

 

Die Türkei verlegte zwei Fregatten, ausgestattet mit Luftabwehrsystemen, an die libysche Küste – und schuf so einen Luftabwehrschild für den Raum Tripolis.

 

Derweil machten die »Wing Loong II«-Drohnen weiter Jagd auf die am Boden stationierten türkischen TB2-Flieger. Daher verlegte die Türkei schließlich im Januar 2020 zwei Fregatten der »Gabya«-Klasse (F496 TCG »Gökova« und F497 TCG »Göksu«), ausgestattet mit Luftabwehrsystemen mittlerer Reichweite, an die libysche Küste vor Tripolis. Damit verfügte die Serraj-Regierung erstmal über die Fähigkeit, gegnerischen Einheiten den Zugang in einem ausgewählten Operationsgebiet mit militärischen Mitteln zu versagen – im Militärjargon sind solche Kapazitäten als »Anti Access / Area Denial« (A2/AD) bekannt. Im konkreten Fall waren türkische Fregatten in der Lage, in einem begrenzten Raum ein Luftabwehrschild zu schaffen. Tatsächlich gelang es so am 17. Mai 2020, eine chinesische »Wing Long II« der LNA in Küstennähe abzuschießen.

 

Mitte Mai 2020 konnte die Serraj-Regierung schließlich erstmals einen durchschlagenden Erfolg zulasten der LNA erzielen. Unter dem Luftabwehrschirm der entlang der Küste im überschlagenden Einsatz fahrenden türkischen Fregatten stießen die Bodentruppen vor. Immer begleitet von Kampfdrohnen vom Typ TB2, die ab dem 17. Mai in nur einer Woche insgesamt neun russische »Pantsir«-Systeme zerstört haben sollen. Auch ein von der LNA eingesetztes mobiles Störsystem vom Typ »Krashuka-2« soll neutralisiert worden sein. Dessen Aufgabe war es, mit einer Reichweite von bis zu 250 Kilometern die »Up«- und »Down«-Links der türkischen TB2 zu stören.

 

Der bedeutendste Erfolg der Serraj loyalen Truppen war jedoch die Einnahme der wichtigen Luftwaffenbasis von Watiya am 18. Mai 2020. Der LNA-Stützpunkt knapp 126 westlich von Tripolis hatte bis dato wie ein Stachel im Fleisch der Hauptstadt gesessen. Die angreifenden Serraj-Verbände waren bei ihrem Vormarsch am Boden von türkischen Spezialkräften und in der Luft von türkischen TB2-Kampfdrohnen unterstützt worden.

 

Zudem fiel den vorrückenden Truppen ein »Pantsir«-Fliegerabwehrsystem sowie einen Mi-35-Kampfhubschrauber in die Hände. Das »Pantsir«-System war bei einem TB2-Angriff beschädigt und von der LNA auf die Luftwaffenbasis verbracht worden. Verlastet auf einem MAN-LKW (Typ SX45) lässt sich das System eindeutig einem von den VAE gekauften Modell zuordnen. Die Serraj-Regierung verkaufte ihre »Beute« als großen Erfolg und teilte in den Sozialen Medien ein Dutzend Fotos des Systems (inklusive einer ins Arabische übersetzten Bedienungsanleitung). Die Serraj-Regierung gibt an, seit April 2019 insgesamt fünfzehn russische »Pantsir«-Systeme der LNA neutralisiert zu haben.

 

Der Einsatz der türkischen TB2-Kampfdrohnen in Libyen verläuft nicht ohne Verluste

 

Der Einsatz der türkischen TB2-Kampfdrohnen in Libyen verläuft nicht ohne Verluste. Regelmäßig posten auch die Social-Media-Kanäle der LNA Fotos von abgeschossenen TB2-Systemen. Nicht wenige davon dürften dem russischen »Pantsir«-System zum Opfer gefallen sein. Geolokalisiert man die Absturzstellen der abgeschossenen UCAV, beziehungsweise betrachtet die zerstörten Systembauteile, so lässt sich der Typ TB2 eindeutig identifizieren.

 

Interessanterweise tauchen auf diesen Fotos auch Wracks westlicher Drohnen auf. So verlor die italienische Luftwaffe zumindest eine ihrer Drohnen vom Typ MQ-1 »Predator« im libyschen Luftraum. Ob durch Abschuss oder technisches Versagen ist unklar. In jedem Fall zeugen die Überreste der Drohnen vom Versuch der westlichen Mächte, sich eine Bild vom Geschehen am Boden zu machen. Das gilt sowohl für Italien, das bereits wiederholt auf Seiten der Serraj-Regierung intervenierte, und für Frankreich, das die LNA unterstützt – und anschaulich die Bestrebungen einer gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik konterkariert.

 

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang der Einsatz der »Provence«. Im März 2020 hatte die französische Fregatte den Befehl erhalten, ein türkisches Transportschiff vor der libyschen Küste abzudrängen. Die Fracht des Transporters soll Boden-Luft-Raketen für die Serraj-Regierung enthalten haben. Solch eine Lieferung wäre ein weiterer klarer Verstoß gegen das UN-Waffenembargo gewesen. Die Raketen hätten tatsächlich der Überlebensfähigkeit der »Wing Loong II«-Drohnen der LNA nachhaltig geschadet.

 

Der nächste Vorstoß der Serraj loyalen Truppen zielt gegen Tarhuna, knapp 100 Kilometer südöstlich von Tripolis. Zumindest deutet die hohe Frequenz türkischer TB2-Einsätze in diesem Raum darauf hin. Während also die europäische Öffentlichkeit desinteressiert und kaum Notiz nehmend den ersten tatsächlichen Drohnenkrieg vor den ihrer Haustüre ignoriert, führt der laufende Konflikt in Libyen die klaren Absichten türkischer Außen- und Expansionspolitik vor Augen.

 

Türkische Kampfdrohnen sind mit Systembauteilen europäischer Zulieferer ausgestattet

 

Ankaras strategische Planungen und Handlungsoptionen enden nicht im Irak und Syrien, sondern umfassen auch eine zukünftige Kontrolle von Erdöl- und Erdgasfeldern im Mittelmeerraum und die Machtprojektion entlang der libyschen Küste. Diese europäische Gegenküste ist vor allem in Hinblick auf die immer wieder ansteigenden Migrationsströme aus Afrika von höchster Relevanz, nicht zuletzt, weil diese Route auf lange Sicht die beständigste sein wird. Kontrolliert die Türkei praktisch bereits den Migrationsstrom aus dem Nahen Osten in die EU (die sogenannte Ostroute), so würde die Hegemonie an der libyschen Küste es auch möglich machen, die »Südroute« zu überwachen und zu steuern – und so den Druck auf die EU zusätzlich zu erhöhen.

 

Die türkischen Kampfdrohnen sind kein rein türkisches Produkt. Viele Systembauteile (vor allem jene der Aufklärungssensoren) stammen von Zulieferfirmen. Auch die Motoren der türkischen Kampfdrohnen vom Typ »Bayraktar« TB2 (welche übrigens auch in der US-Drohne »Predator« und der chinesischen »Wing Loong I« zum Einsatz kommen) werden nicht in der Türkei produziert.

 

Insgesamt zwölf TB2 bestellte 2019 die Ukraine aus der Türkei. Die ersten trafen bereits im März 2019 in dem osteuropäischen Land ein. Die Ukrainer lieferten im Gegenzug die Triebwerke (AI-450) für die neuen »Akinci«-Kampfdrohnen. Im Sinne zukünftiger Zusammenarbeit vereinbarten die ukrainische Firma UkrSpecExport und der türkische Drohnenhersteller Baykar auch die Gründung eines gemeinsamen Unternehmens. Die Ukraine verkündete, ihre TB2 bald im Kampf gegen die Separatisten im Osten des Landes einsetzen zu wollen. Nicht unwahrscheinlich also, dass nach fast 500 Jahren zukünftig auch wieder türkische »Akinci« in Europa auftauchen könnten.

 

Auch die kürzlichen Erfolge der Serraj-Regierung blieben nicht unbeantwortet. Russland begann damit, Kampfflugzeuge vom Typ MiG-29 nach Libyen zu verlegen. Der nächste Schachzug auf dem libyschen Schachbrett ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.


Dr. Markus Reisner PhD ist Oberstleutnant des Generalstabsdienstes beim Österreichischen Bundesheer und Autor von »Robotic Wars«.

Von: 
Markus Reisner

Banner ausblenden

zenith 2020-2 Arabischer Frühling

Das arabische Jahrzehnt

Was 2011 begann, ist noch längst nicht vorbei. Der Arabische Frühling geht einher mit Zerwürfnissen und dem Ruf nach einem neuen Gesellschaftsvertrag. Bestellen Sie jetzt die neue zenith, mit großem Dossier zum zehnten Jahrestag der Umbrüche.