Lesezeit: 10 Minuten
Zentralasien und der Islamische Staat

Die Tadschikistan-Connection

Analyse
von Leo Wigger
Zentralasien und der IS
Der Präsidialpalast in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe Wikimedia Commons

Die Aushebung einer mutmaßlichen IS-Schläferzelle aus Tadschikistan in Nordrhein-Westfalen wirft Fragen auf. Hat das Land am Pamir ein Extremismusproblem?

Am Mittwochmorgen nahmen deutsche Sicherheitskräfte vier Tadschiken in Nordrhein-Westfalen mit mutmaßlichen Verbindungen zum sogenannten Islamischen Staat (IS) fest. Die vier Verhafteten sowie ein bereits in Haft sitzender weiterer Tatverdächtiger sollen ursprünglich Aktionen gegen die Regierung in Tadschikistan geplant haben, dann jedoch auf Deutschland als Zielland ausgewichen sein. Der Generalbundesanwalt wirft ihnen unter anderem vor, die Ermordung eines bisher noch nicht namentlich benannten Islamkritikers und Anschläge auf Einrichtungen der US-Streitkräfte in Deutschland geplant zu haben. Sie hätten in engem Austausch mit hochrangingen Mitgliedern des IS im Nahen Osten gestanden und scharfe Schusswaffen sowie Munition besessen.

 

Unklar ist bisher, wo sich die Tadschiken radikalisierten - in Deutschland oder in ihrer Heimat. Zudem liegen noch viele der Hintergründe im Dunkeln. »Die Verhaftungen im Rheinland sagen daher erst einmal gar nichts über den bewaffneten Islamismus in Tadschikistan aus«, sagt Andrea Schmitz, die bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zu dem Land forscht. Grundsätzlich sei Tadschikistan, wie auch der Rest Zentralasiens, kein Zentrum des internationalen Dschihadismus. »Das Kernproblem im Land ist schlechte Regierungsführung, nicht der Islamismus«, so Schmitz.

 

Dennoch häuften sich zuletzt die Schlagzeilen mit Bezug auf den IS und die verarmte und mehrheitlich muslimische Ex-Sowjetrepublik im Pamir-Gebirge direkt an der Grenze zu Afghanistan:

 

  • Im Sommer 2018 ermordete eine Gruppe Islamisten vier Radfahrer aus den Vereinigten Staaten, den Niederlanden und der Schweiz nahe der Stadt Danghara im Süden des Landes. Die Täter hatten in sich in einer Videobotschaft zum Islamischen Staat bekannt. Der Anführer der Gruppe, Hussein Abdusamadov, starb erst Anfang dieses Jahres in Haft.
  • Im Herbst 2018 bestätigten tadschikische Sicherheitskräfte Berichte, wonach sie einen Anschlag auf eine bedeutende russische Militärbasis in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe durch Angehörige des IS verhindert hätten. Dabei seien mehrere Männer verhaftet worden. Die 201. Division der russischen Streitkräfte mit rund 7.000 Soldaten ist dauerhaft in Tadschikistan stationiert.
  • Im November 2018 brach in einem Hochsicherheitsgefängnis in der Stadt Khujand im Norden des Landes eine Revolte aus. Die Umstände sind bis heute in weiten Teilen ungeklärt. Der IS bekannte sich über die eigene Nachrichtenplattform Amaq dazu, dass IS-Kämpfer den Aufstand angezettelt hätten. Andere Quellen führen den Gefängnistaufstand stattdessen auf schwere Misshandlungen der Insassen durch die Sicherheitskräfte zurück. Laut offizieller Angaben starben bei dem Vorfall 21 Insassen, von denen zwölf vorher in Syrien und dem Irak gekämpft hatten. In unabhängigen regionalen Medien kursierten teilweise deutlich höhere Opferzahlen.
  • Im Herbst vergangenen Jahres kamen bei einer Attacke auf einen Grenzposten an der tadschikisch-usbekischen Grenze mindestens 17 Menschen ums Leben. Laut der tadschikischen Regierung waren die Täter Angehörige des IS. Die Islamisten waren nach Angaben der New York Times aus der Provinz Kunduz im benachbarten Afghanistan über die Grenze am Fluss Amudarja nach Tadschikistan eingereist. Die afghanische Regierung wies eine Verbindung nach Afghanistan zurück.

 

Die Meldungen legen nahe, dass sich die reale Gefährdungslage durch den IS vor Ort jüngst tatsächlich zugespitzt haben könnte. Doch Experten warnen davor, Schuldzuweisungen der tadschikischen Sicherheitsorgane ungeprüft für bare Münze zu nehmen. »Es gibt eine gewisse Tendenz der Regierung, den Fokus auf Gefahrendiskurse und Sicherheitsthemen zu lenken, um das eigene autokratische Regime zu legitimieren«, so Anna Kreikemeyer vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg.

Um weiter zu lesen, kaufen Sie den Artikel oder werden Sie zenith Clubmitglied

zenith-Club-Mitglied werden

Werden Sie zenith-Club-Mitglied und Sie erhalten nicht nur das Printmagazin von zenith sondern freien Zugang zu allen kostenpflichtigen Artikeln. Mit der zenith-Club-Mitgliedschaft fördern Sie zudem die gemeinnützigen Tätigkeiten der Candid-Foundation.
1,99 €
Die Tadschikistan-Connection
79,00 €
zenith-Clubmitglied werden
Von: 
Leo Wigger

Banner ausblenden

Newsletter 2

Der heiße Draht

Frische Analysen, neue Podcast-Folgen, exklusive Einladungen zu Hintergrundgesprächen und Werkstattberichte: Jeden Donnerstag erhalten tausende Abonnenten den zenith-Newsletter. Sie  wollen auch auf dem Laufenden bleiben? Dann melden Sie sich hier kostenlos an.

Banner ausblenden

Corona Newsletter

Ein Virus geht um die Welt

Wie verändert das Corona-Virus den Nahen Osten, Nordafrika und Zentralasien? Jede Woche gehen wir dieser Frage in unserem Newsletter »20 Sekunden« nach. Lesen Sie Einschätzung von Experten vor Ort, verschaffen Sie sich einen Nachrichtenüberblicken und erfahren Sie, was Sorge und was Hoffnung macht. Jeden Freitag kostenlos in Ihrem Posteingang.