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Presseschau zur Niederlage des IS in Syrien

»Ansporn für den iranischen Expansionismus«

Analyse
von Luise Glum
Presseschau

Der IS hat mit Baghus seine letzte Bastion in Syrien an die »Demokratischen Kräfte Syriens« verloren. In den Zeitungen im Nahen Osten fällt die Freude darüber jedoch verhalten aus. Eine Presseschau.

Al-Hayat

In der panarabischen Zeitung Al-Hayat warnt Autor Jihad el-Khazen davor, dass der sogenannte Islamische Staat (IS) noch nicht uneingeschränkt als besiegt gelten könne. Nach Schätzungen von amerikanischen und arabischen Regierungsvertretern würde er nach wie vor 15-20.000 Kämpfer umfassen, die zum Teil in Schläferzellen darauf warten, in den Kampf zurückzukehren zu können.

 

Darüber hinaus hätten die Terroristen Dokumente hinterlassen, die andeuten würden, dass der IS weiterkämpfen wolle – insbesondere in Europa. Als Beispiel führt el-Khazen einen Brief des Tadschiken »Abu Tahir« an, in dem er die Führung des IS bittet, Operationen in Europa zu genehmigen und die dortigen Terrorzellen darauf vorzubereiten.

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L'Orient Le Jour

Auch für Michel Duclos vom Thinktank Institut Montaigne ist der Sieg über den IS mit Vorsicht zu genießen – besonders die Zukunft der syrischen Kurden sieht der ehemalige Diplomat mit Sorge. Aufgrund von Donald Trumps Ankündigung, die US-Amerikanischen Truppen aus dem Nordosten Syriens abzuziehen, würde der Feldzug gegen den IS »unter erbärmlichen Bedingungen enden«.

 

Duclos betont in seinem Beitrag für die französischsprachige libanesische Zeitung L'Orient Le Jour die Bedeutung der kurdisch-arabischen Koalition für den Sieg über den IS: Die »Demokratischen Kräfte Syriens« wären von der kurdischen Miliz PYD angeführt worden, die der türkischen PKK angehöre. Deren Zukunft sei nun ungewiss: »Der abrupte Abzug der Amerikaner setzt die Kurden der PYD entweder einer Offensive der türkischen Armee oder einer Übernahme durch das Assad-Regime aus.« Außerdem biete die Entscheidung von Donald Trump einen »unverhofften Ansporn für den iranischen Expansionismus« und beraube »dem Westen einer der letzten Karten, um Einfluss auf eine endgültige politische Lösung in Syrien zu nehmen.«

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Youm7

Die Bedeutung der Personalie Abu Bakr Al-Baghdadi ist laut Autor Akram El-Kassas nicht zu unterschätzen. In der ägyptischen Tageszeitung Youm7 wirft er nicht nur die Frage nach dem Verbleib des IS-Anführers auf, sondern lässt sich auf Spekulationen über dessen geheimdienstliche Verbindungen ein.

 

Kassas argumentiert, dass Baghdadi möglicherweise nicht mehr lebend auftauchen wird, weil er zu viele Informationen zu Aufstieg, Niedergang, Finanzierung und Organisation des IS enthüllen könnte. Außerdem gäbe es Hinweise auf seine Beziehungen zu westlichen und regionalen Geheimdiensten, welche »die Entstehung der Organisation und ihre Rekrutierung im Stellvertreterkrieg unterstützt hätten«. Nach wie vor unterhielten diese Länder Verbindungen zum IS – allen voran die Türkei, immerhin hätte das Land als Transitpunkt der Terroristen für Ein- und Ausreise nach Syrien und Irak gedient. Um zu verhindern, selbst Anschlagsziel des IS zu werden, biete die Türkei den Anführern des IS weiter einen sicheren Hafen.

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Al-Araby Al-Jadeed

Die panarabische Zeitung Al-Araby Al-Jadeed wurde 2014 von der katarischen »Fadaat Mediengruppe« ins Leben gerufen. Autor Khalil Al-Anani kommentiert, dass insbesondere die Ideologie des IS die Niederlage überdauern würde. Der IS könnte nun die Rolle des »Märtyrers« einnehmen und die Sympathien vieler muslimischer Jugendlichen auf sich ziehen – vor allem aufgrund der Berichte über Tötungen von Zivilisten und Kindern beim Kampf gegen die letzten Stellungen der Organisation.

 

Weiter spricht der Autor strukturelle Faktoren an, die zur Entstehung des IS beigetragen hätten – in seiner Analyse legt er den Fokus aber vor allem auf die Rolle des Westens. Er beklagt das zunehmende Eingreifen des Westens in die Angelegenheiten der arabischen Länder und bezieht sich dabei auf Trumps Anerkennung des israelischen Territorialanspruchs über den Golan. Außerdem würden Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit im Westen zunehmen, wie das Massaker in Neuseeland vor zwei Wochen gezeigt hätte – »All diese Faktoren könnten dazu führen, dass noch extremistischere Organisationen als der IS und seinesgleichen entstehen«.

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Von: 
Luise Glum

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