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Das neue Handelsabkommen zwischen Indien und den VAE

Indien und die VAE sind gut im Geschäft

Analyse
Das neue Handelsabkommen zwischen Indien und den VAE
Indiens Premier Narendra Modi beim Selfie mit Kulturminister Nahyan bin Mubarak Al Nahyan und dem ehemaligen Außenminister Anwar Gargash Indische Regierung

Warum das Handelsabkommen zwischen Indien und den VAE eine Außenpolitik fortführt, die pragmatisch die eigene wirtschaftliche Entwicklung in den Mittelpunkt stellt.

Der Bestsellerautor Parag Khanna prognostizierte 2019 in seinem Buch »Unsere asiatische Zukunft«, dass der innerasiatische Handel zunehmen werde und Länder in Asien den Westen in den nächsten Jahrzehnten auf diese Weise wirtschaftlich abhängen würden. Wenn es nach Indien und den VAE geht, dann bedeutet das am 1. Mai in Kraft getretene CEPA (»Comprehensive Economic Partnership Agreement«) einen großen Schritt in diese Richtung.

 

Schon vor CEPA gehörten Indien und die VAE zu den größten Handelspartnern des jeweils anderen: Die Emirate belegen für Indien den dritten Rang, Neu-Delhi wiederum ist der zweitgrößte Partner des Golfstaats. Indiens Hauptexporte sind raffiniertes Erdöl und Juwelierwaren, die der VAE Rohöl und Diamanten. Im vergangenen Jahr lag das bilaterale Handelsvolumen bei ungefähr 60 Milliarden US-Dollar, wobei es 2012 sogar schon einmal 75 Milliarden US-Dollar betrug. Die Regierungen in Abu Dhabi und Neu-Delhi erhoffen sich durch die neue strategische Partnerschaft innerhalb von fünf Jahren eine Steigerung auf ein Volumen von 100 Milliarden US-Dollar.

 

Das erste Partnerschafts-Abkommen in der Modi-Ära

 

Konkret haben beide Staaten bei der Unterzeichnung am 18. Februar vereinbart, dass ab dem 1. Mai über 90 Prozent der indischen Exporte in Form von Gütern und Dienstleistungen zollfrei sind. Zu diesen zählen unter anderem auch in der Herstellung arbeitsintensive Güter wie Textilien, Juwelierwaren und Pharmazeutika. Handelsminister Piyush Goyal sprach vom Beginn eines »goldenen Zeitalters der wirtschaftlichen und handelspolitischen Zusammenarbeit«. Für Indien ist CEPA nicht nur das erste Abkommen dieser Art in der Modi-Ära, sondern auch das erste mit einem Staat aus der MENA-Region überhaupt.

 

Die VAE versprechen sich laut Außenhandelsminister Thani Al-Zeyoudi von CEPA über die nächsten zehn Jahre ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent oder 9 Milliarden US-Dollar, sowie die Schaffung von 140.000 neuen, hochqualifizierten Arbeitsplätzen. Für über 80 Prozent der Exporte aus dem Golfstaat entfallen von nun an die Zölle, was einheimischen Unternehmen auf dem indischen Markt Konkurrenten aus anderen Ländern gegenüber einen Wettbewerbsvorteil bringt.

 

Ein besserer Marktzugang für den Privatsektor zur weltweit zehntgrößten Volkswirtschaft – vor allem in Bereichen wie Telekommunikation, dem Bausektor, Bildung oder Finanzen – ist für die Regierung in Abu Dhabi besonders wichtig. Darüber hinaus umfasst das Abkommen auch Regelungen in Bezug auf elektronischen Handel, geistiges Eigentum, Investitionen und Rechtssicherheit. Für die VAE ist es zudem das erste Abkommen über eine umfassende strategische Zusammenarbeit.

 

Beide Länder sind in vielerlei Hinsicht ungleiche Partner. Indien ist, zumindest auf dem Papier, ein säkularer Staat, in den VAE gilt teilweise islamisches Recht. Die Trends wiederum gehen in die andere Richtung: Die indische BJP-Regierung fördert immer stärker den politischen Hinduismus, die Herrscher in Abu Dhabi hingegen gelten als Gegner des politischen Islams und setzten zuletzt Reformen wie die Einführung der Arbeitswoche von Montag bis Freitag um.

 

Eine kuriose Gemeinsamkeit: In beiden Ländern stellen Inder die größte Bevölkerungsgruppe, denn auch in den VAE leben etwa 2,6 Millionen indische Staatsbürger, die vom Niedriglohnsektor bis zur Elite in allen gesellschaftlichen Schichten des Golfstaats vertreten sind. Die Zahl der VAE-Staatsbürger beträgt hingegen mit ungefähr 1,1 Millionen weniger als die Hälfte davon.

 

Neu-Delhi und Abu Dhabi unterhalten jedoch schon seit längerer Zeit gute Handelsbeziehungen und kooperieren auch in anderen Feldern, etwa beim Kampf gegen den Terrorismus, Drogen und Kriminalität sowie Cyber- und maritimer Sicherheit. Ausschlaggebend für diese Entwicklung waren drei große geopolitische Umwälzungen: der Fall der Sowjetunion, die Anschläge des 11. September 2001 und der Aufstieg des sogenannten Islamischen Staates 2014. So war Premierminister Narendra Modi 2015 auch der erste indische Regierungschef, der den Golfstaat besuchte. Weitere gegenseitige Visiten auf ministerialer Ebene folgten über die letzten Jahre kontinuierlich.

 

CEPA schließt gute Beziehungen zu den Rivalen nicht aus

 

Im Zuge des Ukraine-Kriegs zeigt sich, dass beide Staaten auch außenpolitisch die eigenen Interessen verfolgen, denn beide nehmen zum Unwillen von Brüssel und Washington eine neutrale Haltung ein, wobei im Falle der indischen Haltung auch in Moskau Erwartungen enttäuscht wurden. So helfen die VAE ihren westlichen Partnern weder durch gesteigerte Ölproduktion, noch stimmten sie in der UN-Vollversammlung für eine Verurteilung des russischen Eroberungskriegs in der Ukraine. So wie die VAE enthält auch Indien sich bei den meisten Abstimmungen in der Ukraine-Frage. 

 

Für beide Länder ist die strategische Partnerschaft lediglich der erste Schritt auf dem Weg zur Vertiefung der Beziehungen mit anderen Staaten und zur Stärkung der eigenen Position im regionalen und globalen System. Indien strebt dabei weitere Abkommen dieser Art mit den restlichen Staaten des Golfkooperationsrats an. Die VAE versuchen neben Indien auch mit Großbritannien, der Türkei, Äthiopien, Indonesien, Israel, Südkorea und Kenia ähnliche Übereinkünfte zu erzielen.

 

Indien braucht für sein wirtschaftliches Wachstum einen sicheren Zugang zu Rohstoffen. Genau das bieten die VAE. Diese wiederum profitieren vom Zugang zu einer Volkswirtschaft mit über 1,3 Milliarden Einwohnern als neuem Absatzmarkt. CEPA bedeutet somit für beide Länder die Fortführung einer Außenpolitik, die nicht wertebasiert ist, sondern pragmatisch die eigene wirtschaftliche Entwicklung in den Mittelpunkt stellt. Insbesondere Abu Dhabi zeigte hier mit den Abraham-Abkommen und der Normalisierung der Beziehungen zur Türkei zuletzt eine große ideologische Flexibilität.

 

Auch CEPA schließt gute Beziehungen zu den jeweiligen Rivalen nicht aus. So investiert Indien in den Chabahar-Hafen im Südosten Irans, während der Kronprinz von Abu Dhabi und De-Facto-Regierungschef Muhammad bin Zayed einen Tag vor Inkrafttreten von CEPA den neuen pakistanischen Regierungschef Shehbaz Sharif empfing.

Von: 
Marc Imperatori

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