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Kurz Erklärt: Preissturz auf dem Ölmarkt

Ist Öl jetzt billiger als Wasser?

Analyse
Kurz Erklärt: Preissturz auf dem Ölmarkt
Bereits im März erlebte der globale Ölmarkt einen enormen Abfall von Preisen, da sich Saudi-Arabien und Russland nicht auf gemeinsame Förderkürzungen einigen konnten und stattdessen einen Preiswettbewerb begannen. Kreml

Der globale Ölmarkt erlebt die turbulentesten Tage seiner Geschichte– zwischendurch sinken die Preise sogar in den Minusbereich. Im Haushalt der Golfstaaten klafft nun ein riesiges Haushaltsloch.

Was ist geschehen?

Am Montagabend, den 20. April 2020, stand der Preis für US-amerikanische Rohöl-Futures so tief wie noch nie: Minus 37,63 Dollar. Wer an diesem Abend zum richtigen Zeitpunkt ein Barrel (= 159 Liter) Rohöl aus Texas kaufte, musste dieses nicht nur nicht bezahlen, sondern bekam noch 40 Dollar obendrauf.

 

Bereits am 12. April wurde die umfangreichste jemals koordinierte Kürzung der weltweiten Ölfördermenge beschlossen – unter der Führung von Saudi-Arabien und Russland einigte sich die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) mit weiteren großen Ölförderländern wie den USA und Mexiko auf eine Reduzierung der Förderung um insgesamt 9,7 Millionen Barrel Rohöl am Tag. Die Drosselung soll für die Monate Mai und Juni gelten und entspricht einer Verringerung der weltweiten Ölfördermenge um zehn Prozent. Von Juli bis Dezember wurden Kürzungen von acht Millionen und ab Januar 2021 immer noch sechs Millionen Barrel pro Tag beschlossen. Iran, Libyen und Venezuela werden aufgrund internationaler Sanktionen oder erst kürzlich verlorener Produktionsmengen von den Verpflichtungen zur Förderreduktion ausgenommen.

 

Doch auch im Nachgang dieser Einigung fielen die Öl-Preise weiter. Das gipfelte im bereits angesprochenen Negativpreis am 20. April. Hierbei handelte es sich um den Preis für »Oil Futures« der Rohölsorte »West Texas Intermediate (WTI)«, die für den US-amerikanischen Markt besonders wichtig ist. Solche Rohöl-Futures sind unbedingte Termingeschäfte: Händler verabreden sich dazu, an einem bestimmten Tag in der Zukunft miteinander ins Geschäft zu kommen – dabei wird vertraglich festgehalten, wie viele Barrel Öl an diesem Tag zu welchem, bereits vorher festgelegten Preis, den Besitzer wechseln. Bei dem Preis, der am 20. April fast 40 US-Dollar im Minus lag, handelte es sich um WTI Futures für den Monat Mai – also Termingeschäfte, die zwar im April abgeschlossen wurden, aber erst im Folgemonat tatsächlich gehandelt werden.

 

Wie konnte es dazu kommen?

Auch der globale Ölmarkt bekommt die Auswirkungen der Corona-Pandemie zu spüren: Flugzeuge bleiben am Boden, Schiffe liegen vor Anker, Ausgangssperren schränken die industrielle Produktion ein – Schätzungen gehen davon aus, dass durch die Pandemie die weltweite Rohöl-Nachfrage um etwa 25-35 Millionen Barrel am Tag gesunken ist. Am Ostersonntag wurden zwar historisch einmalige Förderkürzungen beschlossen, doch selbst eine Angebotsreduktion um knapp zehn Million Barrel dürfte zu wenig sein, um den Preis zu stabilisieren Außerdem gilt der Beschluss erst ab dem 1. Mai – bis dahin wird weiter gepumpt wie bisher.

 

Aktuell besteht demnach ein enormer Angebotsüberschuss auf dem Markt, der dazu führt, dass die weltweiten Lagerkapazitäten an ihre Grenzen stoßen. Die Lagerung von Rohöl wird immer teurer – und das, obwohl allein etwa 160 Million Barrel Öl in Tankern auf den Weltmeeren unterwegs sind und auf Abnehmer an Land warten. Doch diese Situation entstand nicht über Nacht – wie ist es also möglich, dass ein Ölpreis von knapp 20 Dollar plötzlich auf Minus 40 Dollar sinkt?



Exkurs: Der Öl-Preis«

Den einen Öl-Preis gibt es nicht. Auf dem Weltmarkt wird eine ganze Reihe verschiedener Rohölsorten gehandelt, die aus unterschiedlichen Ölvorkommen stammen, Qualitätsunterschiede aufweisen und auch unterschiedlich viel kosten. West Texas Intermediate (WTI) ist die wichtigste Ölsorte für die USA. Der Preis für WTI stellt gemeinsam mit dem für die Sorte Brent, die aus der Nordsee kommt und für Europa besonders wichtig ist, den zentralen Referenzpunkt für den globalen Ölmarkt dar.

 

Ein weiterer wichtiger Preisindikator ist der Preis des OPEC-Korbes (OPEC Basket Price), ein Durchschnittspreis für Rohöl aus insgesamt 13 wichtigen Sorten aus Afrika, dem Nahen Osten und Südamerika. Die globalen Preise für die verschiedenen Rohölsorten sind eng miteinander verknüpft und beeinflussen sich gegenseitig.



Das hat mit der Natur der Termingeschäfte auf dem Ölmarkt zu tun. Am 21. April war der letzte Handelstag, an dem WTI Oil Futures für den Monat Mai gehandelt werden konnten. Offensichtlich spekulierten aufgrund dieser nahenden Deadline einige Händler, dass es teurer gewesen wäre, ihre Pläne für den Mai umzuwerfen und auf dem eigenen Öl sitzen zu bleiben, als es kostenfrei oder sogar für einen negativen Preis abzugeben.

 

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Ölpreise über einen längeren Zeitraum im negativen Bereich bleiben werden. Der Negativpreis galt nur für einige hundert Öl-Future-Verträge für den Monat Mai. Der WTI-Preis für den Juni hingegen lag gleichzeitig bei knapp 20 Dollar – was allerdings auch schon historisch niedrig ist.

 

Und noch ist kein Ende des Preisverfalls in Sicht: Am 22. April fiel nicht nur der WTI-Preis weiter, auch der Preis für Brent-Rohöl sank unter 15 Dollar – der tiefste Stand seit 1999. Das Problem ist, dass auch die niedrigen Preise wohl kaum zu einem Anstieg der Nachfrage führen werden, solange die Pandemie nicht größtenteils überstanden ist. Daher muss das weltweite Angebot an Rohöl deutlich reduziert werden. Die einzige Perspektive hierfür ist bislang das Inkrafttreten der international beschlossenen Förderkürzungen Anfang Mai.

 

Was bedeutet das für Ölexportländer wie Saudi-Arabien?

Bereits im März erlebte der globale Ölmarkt einen enormen Abfall von Preisen, da sich Saudi-Arabien und Russland nicht auf gemeinsame Förderkürzungen einigen konnten und stattdessen einen Preiswettbewerb begannen. Diese Streitigkeiten sind mit der vor zwei Wochen getroffenen Einigung zwar beiseitegelegt, doch der Preis fällt jetzt eben wegen der Corona-Krise. So steht der OPEC-Korb-Preis für ein Barrel Rohöl momentan bei nicht einmal 15 Dollar – Anfang des Jahres waren es noch 65 Dollar.

 

Gerade die Ölförderländer auf der Arabischen Halbinsel sind von den Turbulenzen auf dem globalen Ölmarkt betroffen, wie ein Einbruch der Börsenwerte in Riad und Dubai am Dienstag zeigte. Einerseits bricht den Ölexporteuern die Nachfrage weg: Aufgrund fehlender Lagerkapazitäten und minimaler Nachfrage haben bereits einige indische Raffinerien angekündigt, deutlich weniger Öl aus Saudi-Arabien und Kuwait zu importieren. Auch US-Präsident Donald Trump sagte, er denke über einen Importstopp für Rohöl aus Saudi-Arabien nach.

 

Andererseits können die niedrigen Preise zu großen wirtschaftlichen Problemen für die Öl exportierenden Länder führen. Zum Beispiel in Saudi-Arabien: Ölexporte hätten im Haushalt 2020 62 Prozent der Staatseinnahmen ausmachen sollen – da wurde noch mit Preisen über 60 Dollar je Fass kalkuliert. Während nun mit enormen Einbußen zu rechnen ist, dürften parallel die Ausgaben für Gesundheitssicherheit und Wirtschaftshilfen durch die Corona-Krise deutlich ansteigen. Das wird ein großes Loch in den saudischen Haushalt reißen – keine gute Grundlage für die weitere Finanzierung der ambitionierten »Vision 2030« zur Diversifizierung und Modernisierung der saudischen Wirtschaft.


Übrigens, in unserer aktuellen zenith-Ausgabe 01/20 haben wir in der Rubrik Bilanz einen kritischen Blick auf die saudische Ölpreisstrategie geworfen - und die Folgen für die Rücklagen der Golfstaaten für die Zeit nach dem Öl.

Bilanz 01/2020
Von: 
Michael Nuding

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