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Bildersturm und Kunstzerstörung beim IS

Islamismus als Götzendienst

Analyse

Bildersturm und Kunstzerstörung betreibt der »Islamische Staat« (IS) nicht nur selektiv, sondern auch mit einem inhärenten Widerspruch: Der inszenierte Tabubruch produziert unaufhörlich die Bildlichkeit einer orientierungslosen Moderne weiter.

Der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) gelang Ende Februar ein neuer medialer Coup: Vor laufender Kamera (und von religiösen Gesängen begleitet) legten sie Jahrtausende alte Kulturschätze des Vorderen Orients in Schutt und Asche. Genüsslich stürzten sie Statuen, schlugen ihnen die Köpfe ab und zermalten das, was ihren Schlägen entgangen war, mit Presslufthammern zu feinem Staub. Staub, der einmal einzigartige Kunst gewesen war.

 

Diese Götter, belehrt uns ein Kommentator aus dem Off, haben es nicht verdient, respektiert zu werden. Sie, die vor Mohammed waren, hingen Götzen an, die von Gott nicht gewollt und daher durch gottgefällige Schläge vom Antlitz seiner Schöpfung getilgt werden müssten. Ob Nimrud, Hatra oder Chorsabad – das Ziel des gegenwärtigen Bildersturms sind alle Zeugnisse, die nach Einschätzung des IS der Dschahiliyya entstammen. Im Koran steht dieser Begriff für eine Zeit der Unwissenheit, die vor Entsendung des Propheten in religiösen Fragen unter der Menschheit geherrscht hat.

 

Mohammed selbst, so die Überlieferung, soll die Statuen der altarabischen Götter aus der Kaaba von Mekka entfernt haben. Wen verwundert es da, wenn seine selbsternannten Nachfolger nun Gleiches vollziehen im Angesicht ihrer Reinszenisierung frühislamischer Staatlichkeit. Mit der Zerstörung der assyrischen Denkmäler vollzieht der IS jedoch weit mehr als einen Kulturkampf gegen die Zeugnisse eines – im Gegensatz zu Mohammeds Zeiten – denkbar ungefährlichen und wehrlosen Heidentums.

 

Viel wichtiger für das Verständnis der gegenwärtigen Kulturvernichtung als der Koran ist ein Werk, das rund 13 Jahrhunderte nach der Götterdämmerung von Mekka entstanden ist. In seiner in Islamistenkreisen überaus populären Schrift »Ma'alim fi al-Tariq«, zu Deutsch: »Zeichen auf dem Weg«, entriss der ägyptische Journalist Sayyid Qutb (1906-1966) den Begriff der Dschahiliyya dem antiken Kontext und übertrug ihn auf die Gesellschaft seiner Gegenwart.

 

Qutb, der sich nach einer säkularen Ausbildung zu einem Vordenker der Muslimbrüder wandelte und dafür unter Präsident Gamal Abdel Nasser mit dem Tode bestraft wurde, entwickelte seine radikalen Gedanken in der Haft. Für ihn ist die Dschahiliya keine längst vergangene Zeit, sondern vielmehr »ein Zustand, der immer dann zurückkehrt, wenn die Gesellschaft vom Weg des Islams abweicht«.

 

Diese Vergegenwärtigung einer eigentlich vor-islamischen Gottlosigkeit in eine als un-islamisch diagnostizierte Gegenwartskultur gehört seither zum Standardrepertoire des modernen Islamismus. Als unislamisch gilt bei Qutb alles, was ihm während seines Aufenthalts in den USA der späten 1940er Jahre als anstößig erschien: die Sexualisierung der Gesellschaft, der kaum verhohlene Rassismus sowie der Kult um das Geld, welches längst an die Stelle der Religion getreten war.

 

Qutbs Vorschlag, politische Probleme von Heute mit religiösen Antworten von Gestern zu bekämpfen, sollte sich als ebenso folgenreich erweisen wie seine Fixierung auf den so genannten Westen als Anti-Beispiel eines islamischen Staates. Wenn fromme Krieger ihre Sprengstoffgürtel schnüren oder mit Bulldozern zur Kulturvernichtung schreiten, ist immer häufiger auch eine Kamera vor Ort. Was die Sprengung der Buddhas von Bamiyan mit der Vernichtung der Götter aus dem Museum von Mosul verbindet, ist eine ikonographische Übersetzungsleistung von Stein zu Film, von Geschichte zu Gegenwart, vor allem aber von »Euch« zu »Uns«.

 

Natürlich gilt die Zerstörung dieser Kulturschätze nicht der eigenen, mehrheitlich muslimischen Bevölkerung, die Jahrhunderte hindurch Seite an Seite mit den Überresten ihrer vergangenen Verwandten gelebt, geliebt und gebetet hat. Der Adressat der Vernichtung ist der Westen und seine Liebe zur Dschahiliyya. Dass diese für den IS durchaus auch ein lukratives Geschäft ist, zeigt der florierende Kunsthandel, den die Bilderstürmer anderenorts mit erbeuteten Antiken betreiben.

 

Man muss nicht die Nationalsozialisten mit ihrer Doppelstrategie aus Verbrennung und Verkauf »Entarteter Kunst« bemühen, um Vorbilder für das Verhalten des IS zu finden; für die Plünderung irakischer Museen durch Eroberer gibt es bekanntlich weit jüngere Beispiele. Umso wertvoller sind dem IS jene Bilder, die die Zerstörung der ohnehin unverkäuflichen Großplastiken und Bauwerke um die Welt senden; sie dürfen als der Versuch verstanden werden, sich deutlich von dem historischen Vorbild der amerikanischen Schnäppchenjäger von 2003 zu distanzieren. Zugleich enthüllt die Youtube gewordene Propaganda mehr über den IS, als diesem lieb sein dürfte: Sie, die sich den Kampf gegen die USA auf die Fahnen geschrieben haben, sind längst ein Teil von Hollywood.

 

Die Ästhetik des IS konzentriert sich auf die Herstellung von Werken dezedierter Anti-Schönheit

 

Mit Geistern, die sich nach der Schlichtheit der Wüste sehnen, schreiben sie die Dekadenz einer orientierungslosen Moderne fort, die längst jeden echten Halt in Tradition und Werten verloren hat. Der Islamische Staat, der vorgibt, besonders orthodox zu sein, gleicht jenen Israeliten, die ein Goldenes Kalb errichteten, weil ihr Prophet sie auf dem Weg zu Gott verlassen hat. Im Namen eines Bilderverbots, das Versenkung und Konzentration auf die Begegnung mit dem einen, gesichtlosen Schöpfer zum Ziel hatte, produziert er unaufhörlich neue Bilder.

 

An die Stelle von Stein und Holz aber sind digitale Daten getreten, das künstlerische Medium der Zeit. Es ist überflüssig, dem Bildersturm des modernen Kalifen jene Zitadellen der Kunst entgegenzustellen, die uns die islamische Kultur vermacht hat: Von der Alhambra bis zum Taj Mahal legen mehr Kunstwerke Zeugnis ab von der muslimischen Liebe zur Schönheit als die Presslufthammer jener Gotteskrieger je zu fassen bekämen. Die Ästhetik des IS konzentriert sich hingegen auf die Herstellung von Werken, die ihre Kraft einer dezedierten Anti-Schönheit verdanken.

 

Mit dieser durch und durch modernen Definition von Kunst als Punk, als Gegenbewegung zum Establishment, hat sich IS längst zum Teil der globalen Kunstszene gemacht. Der IS beherrscht und vollendet den Tabubruch, der in der Kunst des 20. Jahrhunderts seinen Anfang genommen hat. Mit der Wiederherstellung eines Goldenen Zeitalters hat ihr Handeln ebenso wenig zu tun wie mit Islam. Stattdessen ist es seinen entarteten Künstlern gelungen, eine ganze Religion in Geiselhaft zu nehmen und aus ihr einen Götzendienst zu machen.

Von: 
Nicolas Flessa

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