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Afrikanische Migranten in Tunesien

»Nie wieder Libyen!«

Feature
Afrikanische Migranten in Tunesien
Als Efosa (28) nach der Havarie im Mittelmeer wieder zu Bewusstsein kam, lag sie in einem Krankenhaus in Sfax, im Süden Tunesiens. Ihre Tochter Domino war bei ihr, aber von ihrem Sohn Desmond fehlt seitdem jede Spur. Foto: Alessandra Bajec

In Tunesiens einzigem offiziellen Auffanglager stehen Flüchtlinge aus Westafrika vor der Entscheidung: Weiter nach Europa? Doch viele von ihnen haben genug damit zu tun, die traumatische Durchreise durch das benachbarte Libyen zu verarbeiten.

Eine junge Frau wartet mit ihrer kleinen Tochter am Eingang des Gebäudekomplexes des Roten Halbmondes im südlichen Teil der Stadt Medenine. Sie wirkt abgehärtet, wie sie dort steht und nachdem sie ein paar Worte in schnellem Englisch gewechselt hat, erzählt sie von ihrer Flucht aus der Heimat und wie sie schließlich in Tunesien gelandet ist.

 

Efosa, 28 Jahre alt, arbeitete in Nigeria als Kosmetikerin. Nach ihrer Hochzeit im Jahr 2015 brachte sie ihren Sohn Desmond auf die Welt. Erst als ihr Schwiegervater starb, fand sie heraus, dass er Mitglied der Ogboni war, eines Art sozio-religiösen Bundes der Yoruba. Schnell wurde daraus ein Familienstreit, da Verwandte nun von ihrem Mann erwarteten, es seinem Vater gleich zu tun und selbst den Ogboni beizutreten. Schließlich verschwand ihr Ehemann, der an der Universität studiert hatte, als er sich auf den Weg in die Hauptstadt Abuja machte, um dort einen Job zu finden.

 

»Monatelang drängten mich dann seine Verwandten, meinen Ehemann ausfindig zu machen und machten mir Vorwürfe. Sie beschuldigten mich sogar, ihn zu verstecken«, erzählt Efosa. »Sie verfolgten mich zwei Jahre lang, drohten, mir meinen Sohn wegzunehmen und ihn gewaltsam zu einem Mitglied der Ogboni zu machen, sollte ich meinen Ehemann nicht aufspüren.«

 

Efosa sah nur noch einen Ausweg: Im August 2017 entschied sie sich, sich selbst und ihren inzwischen zweijährigen Sohn sowie ihre kleine Tochter in Sicherheit zu bringen. Eine Kundin, die über ihren Job im Handelsgeschäft über Kontakte in Libyen verfügte, half der verzweifelten Mutter. Sie bot Efosa an, sie nach Libyen zu bringen. In Tripoli sollte sie dann eine Wohnung beziehen.

 

Werden Migranten verkauft, bezahlt der Käufer das Gefängnis für die Freilassung des Häftlings. Oft sind sie dann gezwungen, den Kaufpreis abzuarbeiten.

 

Kurz nach ihrer Ankunft in der libyschen Hauptstadt wurde Efosa auf dem Weg zum Lebensmittelladen ihrer Fluchtbegleiterin von vier Männern aufgehalten und auf Arabisch mehrmals nach ihrem Pass gefragt. Dann wurde sie ins Gefangenenlager Tadschura gebracht. Vier Monate musste sie dort hinter Gittern verbringen.

 

»Ich war mit ungefähr tausend Anderen eingepfercht, in einer Halle mit Matratzen am Boden, einem Waschbecken und einer stinkenden Toilette, die für alle reichen musste«, erinnert sie sich. »Es gab nur ein kleines Brötchen mit Käse und trockene Spaghetti zu essen. Manchmal musste ich die Wächter um mehr Essen für meine Kinder anbetteln. Ich wurde misshandelt, geschlagen und zum Sex gezwungen. Hätte ich mich gewehrt, wäre ich jetzt tot.«

 

Efosa wollte einfach nur raus. Doch die Möglichkeiten, aus solch einem Lager zu fliehen, sind begrenzt: Entweder man entkommt auf wundersame Weise, zahlt Lösegeld oder wird als Sklave verkauft. In diesem Fall bezahlt der Käufer das Gefängnis für die Freilassung des Häftlings. Oft sind Migranten dann gezwungen, die den Kaufpreis abzuarbeiten.

 

Auch Efosa wurde verkauft, zusammen mit ihren Kindern. Für 600 Libysche Dinar, umgerechnet 375 Euro. Doch sie hatte Glück im Unglück: Die Frau, die sie als Haushaltshilfe und Nanny eingestellt hatte, ließ sie frei. Das war im Dezember 2017. Efosa arbeitete noch zwei Monate für sie, doch ihr Entschluss stand fest: Die junge Mutter wollte raus aus Libyen, koste es, was es wolle. Der Bruder ihrer Arbeitergeberin verdiente sein Geld mit Schmuggel und bot an, Efosa und ihre beiden Kinder über das Mittelmeer nach Europa zu schleusen. Erst nach einer sicheren Ankunft sollte sie bezahlen. Am 25. Januar 2018 sollte es losgehen.

 

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass etwa 9.300 Menschen in Haftanstalten im konfliktreichen Land festgehalten werden.

 

Dann das nächste Unglück: Auf der Überfahrt lief das Boot mit Wasser voll. Während Efosa wurde mit ihrer kleinen Tochter Domino in einem Hubschrauber in Sicherheit gebracht wurde, nachdem das Rettungsschiff »SOS Mediterranée« die Insassen aufgelesen hatte, verlor sie ihren Sohn aus den Augen, der auf dem Boot zurückblieb. Efosa hatte so viel Meerwasser geschluckt, dass sie ins Koma fiel. Als sie wieder zu Bewusstsein kam, lag sie in einem Krankenhaus in Sfax, im Süden Tunesiens. Ihre Tochter war bei ihr, aber von Desmond fehlt seitdem jede Spur. Vermutlich gelangte er nach Italien, bislang sucht das italienische Rote Kreuz vergeblich nach ihm.

 

»Meine Zukunft hängt vom Schicksal meines Sohnes ab. Solange ich nicht weiß, wo er ist, fühle ich mich unwohl« sagt sie, halb traurig und halb wütend, während Domino ein Bild von ihrem Bruder auf ihrem Smartphone zeigt. »Ich werde nicht ohne Desmond nach Hause gehen und ich will nicht ein zweites Mal durch Libyen«, sagt sie und ist sich ihrer ausweglosen Situation bewusst.

 

Libyen ist für viele Menschen aus ganz Afrika ein letzter Zwischenstopp auf dem langen, gefährlichen Fluchtweg nach Italien oder anderswo in Europa. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass etwa 9.300 Menschen in Haftanstalten im konfliktreichen Land festgehalten werden, von denen viele unter der Kontrolle von Milizen stehen. Und diese Schätzung umfasst nur die Migranten, die in offiziell gemeldeten Gefängnissen untergebracht sind.

 

Weitere Tausende fristen ihr Dasein in informellen Haftanstalten, die von bewaffneten Gruppen, Schleusern und Menschenhändlern betrieben werden. Migranten werden entweder während des Transits durch das nordafrikanische Land in die Haftzentren gebracht oder beim Versuch, Europa auf dem Seeweg zu erreichen, von der libyschen Küstenwache abgefangen.

 

Anfang 2018 berichtete der UN-Menschenrechtsrat, dass Migranten in Libyen auf öffentlich zugänglichen Sklavenmärkten gekauft und verkauft werden. Im Jahr 2017 sorgten Aufnahmen des US-Senders CNN von afrikanischen Migranten, die allem Anschein nach versteigert wurden, weltweit für einen Aufschrei.

 

Das 2013 eröffnete Schutzhaus des Roten Halbmonds beherbergt zweihundert Männer und Frauen, von denen die meisten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara stammen.

 

Lange bevor das CNN-Material veröffentlicht wurde, berichteten immer mehr Migranten den Mitarbeitern des Auffangzentrums in Medenine, wie sie wie Waren gehandelt und in Schuldknechtschaft verkauft wurden.

 

In Medenine betreibt der Rote Halbmond die einzige Einrichtung in Tunesien für Migranten, die illegal in das Land eingereist sind und entweder von den Behörden nahe der Grenze zu Libyen aufgegriffen, vor der Küste gerettet wurden oder Libyen durchqueren, um dann von Tunis aus nach Europa zu gelangen.

 

Das 2013 eröffnete Schutzhaus des Roten Halbmonds beherbergt zweihundert Männer und Frauen, von denen die meisten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara stammen. Das Zentrum bietet medizinische Hilfe und bei Bedarf auch psychologische Unterstützung an. Doch das dreistöckige Gebäude ist längst an die Grenzen seiner Kapazitäten gekommen. Eigentlich bräuchte es doppelt so viele Betten. Einige Menschen schlafen im Flur oder im Fernsehraum, es gibt drei Küchen und drei Baderäume.

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Von: 
Alessandra Bajec

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