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Die Schlacht von Maysalun und die Besetzung von Damaskus durch die Franzosen

Die syrische Propaganda-Schlacht

Feature
Die Schlacht von Maysalun
Collage: Ausrufung des Großlibanon (Mitte oben), die französische Levante-Armee (Mitte unten), König Faisal I (rechts oben) und seine Armee (rechts unten) Wikimedia

Vor 100 Jahren gewann die französische Levante-Armee die Schlacht von Maysalun. Ein Ereignis von großer Bedeutung für den arabischen Nationalismus – und ein Lehrstück darüber, wie Religionen gegeneinander ausgespielt werden.

»Wach auf Saladin. Wir sind zurückgekehrt. Meine Anwesenheit besiegelt den Sieg des Kreuzes über den Halbmond.« Mit diesen Worten soll der französische General Henri Gouraud an das Grab von Sultan Saladin getreten sein, als er mit der französischen Levante-Armee vor 100 Jahren Damaskus besetzte. Die Eroberung der Stadt begründete das nur wenige Jahrzehnte andauernde französische Mandat über die Region und hatte entscheidenden Einfluss auf die heutigen Grenzen von Libanon und Syrien.

 

Der militärische Höhepunkt auf dem Weg zur Eroberung von Damaskus war die Schlacht von Maysalun. Bei der Karawanserei nahe der Hauptstadt stellten sich die verbliebenen arabischen Soldaten und Freiwilligen am 24. Juli 1920 der französischen Levante-Armee entgegen. Dort besiegelten die überlegen ausgerüsteten Franzosen das Schicksal der ersten, nur kurzlebigen, arabischen Selbstverwaltung Syriens seit der Herrschaft der osmanischen Sultane.

 

Doch wie konnte es dazu kommen?

 

Eine wichtige Rolle spielten die rapiden politischen Entwicklungen des Ersten Weltkriegs. Entente und Mittelmächte kämpften auf vielen Schachtfeldern, darunter auch der Nahe Osten. Im dortigen Ringen der Briten mit dem Osmanischen Reich gelang es Londons Generälen, die Unterstützung der haschemitischen Scherifen von Mekka zu gewinnen. Deren Hoffnung war, dass sie im Gegenzug von der britischen Krone bei der Gründung eines unabhängigen arabischen Staats unterstützt würden.

 

Angeführt von Faisal al-Haschimi machten sich die arabischen Truppen vom heiligen Mekka auf gen Norden. Immer mehr Menschen schlossen sich ihnen auf dem Weg an – die arabische Revolute war geboren. An der Seite der Briten eilte die haschemitische Armee von Erfolg zu Erfolg, übernahm immer mehr arabische Gebiete des Osmanischen Reichs und erreichte einen Monat vor Kriegsende das syrische Damaskus, wo Faisal mit britischer Unterstützung eine neue Verwaltung und Regierung installierte.

 

Die überwältigende Mehrheit war gegen das französische Mandat

 

Was er zu Beginn der militärischen Kampagne noch nicht wusste: Seine britischen Verbündeten hatten mit den Franzosen in dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen ihre Gebietsansprüche abgesteckt – und ein gänzlich unabhängiger Staat der Araber war nicht vorgesehen. So scheiterte Faisal 1919 mit seinem Anspruch bei der Pariser Friedenskonferenz und musste sich von den Franzosen darauf vertrösten lassen, man werde die arabische Sache später vor der Liga der Nationen klären.

 

Die Europäer hatten also ein doppeltes Spiel gespielt, denn in dem längst ausgehandelten Sykes-Picot-Abkommen reservierten Briten und Franzosen keinen Platz für ein unabhängiges Syrien. Die Regierung in Paris wollte das Gebiet vielmehr als Mandat verwalten, um ihren Einfluss im Mittelmeer zu wahren. Für den Historiker Peter Wien die Folge eines seit Jahrzehnten schwelenden Konflikts: »Es geht gegen die Präsenz von Großbritannien im Mittelmeer. Eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung hilft nicht um das zu verstehen. Es ging vielmehr um Macht und Prestige.«

 

Doch wie würden die Araber mit dieser Entwicklung umgehen? US-Präsident Woodrow Wilson schickte 1919 eine Mission in den Nahen Osten, um die Stimmung innerhalb der Bevölkerung zu ermitteln. Das Ergebnis: Eine überwältigende Mehrheit der Menschen war gegen das französische Mandat. Die Eliten hatten bereits Erfahrung mit der osmanischen Verwaltung gesammelt und sich teilweise selbst verwaltet. Die Franzosen hingegen hatten während des Krieges keine nennenswerte Präsenz auf den Schlachtfeldern gezeigt und entsprechend wenig Kontakte zu den Haschemiten oder anderen arabischen Stämmen geknüpft.

 

So lehnte Faisal alle weiteren Verhandlungen mit den Franzosen ab und ließ sich angesichts der schwachen militärischen Präsenz Paris’ am 8. März 1920 vom syrischen Nationalkongress zum König ausrufen. Faisal hoffte, mit der Erhöhung des Drucks auf die Kolonialmacht die Unabhängigkeit erzwingen zu können. Doch die Franzosen sicherten sich auf der Konferenz von Sanremo am 20. April 1920 internationalen Rückhalt für ihr Vorgehen und sehen sich nun im Recht, ihre Ansprüche auf Syrien notfalls auch gewaltsam durchzusetzen.

 

Unterdessen häufen sich Angriffe türkischer und arabischer Nationalisten auf französische Truppen. Die Regierung in Paris behauptet nun, in Syrien hart durchgreifen zu müssen, wozu Faisal nicht im Stande sei – und schafft so einen Vorwand, mehr Soldaten nach Syrien zu entsenden. Zu diesem Zeitpunkt hatte man intern bereits beschlossen, den Konflikt mit Faisal militärisch zu lösen. Eine Waffenruhe mit den türkischen Nationalisten Ende Mai und die Ende Juni 1920 eintreffende Verstärkung erlauben der französischen Armee schließlich den ersten Schlag.

 

Faisal weiß um den Plan und sieht die Aussicht auf Unabhängigkeit schwinden. Er will für Verhandlungen nach Europa reisen, doch scheitert. Seine Delegation wird in Paris an die lokale Mandatsverwaltung verwiesen: die französische Regierung betrachtet Faisal nicht als ebenbürtig. Schlimmer noch: Mandatschef Gouraud stellt nun ein Ultimatum. Bis 20. Juli 1920 soll Faisal das französische Mandat akzeptieren.

 

Der Haschemit steht vor einem Dilemma. Akzeptiert er das Ultimatum, verliert er seine politische Unterstützung in Syrien. Lehnt er es ab, riskiert er einen Waffengang mit den Franzosen. Am Ende stimmt er zu, doch das Telegramm erreicht Gouraud mit einem Tag Verzögerung und die Armee ist bereits in Marsch gesetzt. Paris will nicht mehr verhandeln, sondern Faisal ausschalten.

 

»Man möchte auf jeden Fall die Invasion verhindern«

 

Der nahende Angriff auf Damaskus löst wütende Proteste in der Stadt aus. Die französischen Verbindungsoffiziere haben Angst um die christliche Bevölkerung und Gouraud lässt sich überzeugen, seine Truppen zu stoppen. Daraufhin holt Paris die Verbindungsoffiziere nach Hause – sie würden zu moderierend wirken. General Gouraud stellt Faisal ein neues Ultimatum. Bereits zuvor hatte es Meldungen gegeben, laut denen Muslime christliche Dörfer überfallen würden. Für die französische Regierung Anlass, Faisals Herrschaft in Frage zu stellen und sich weiter als Schutzmacht der Christen zu profilieren – ein Auge bereits auf die libanesische Mittelmeerküste gerichtet.

 

Für den Historiker Peter Wien ist Religion dennoch kein entscheidender Faktor in dem Ringen zwischen Frankreich und Faisal: »Solche Übergriffe lassen sich besser mit der allgemeinen Krisensituation oder schon bestehenden lokalen Konflikten erklären. Man sollte das nicht grundsätzliche Feindschaft der Religionsgemeinschaften verstehen.« Tatsächlich wird auch von Muslimen berichtet, die die Häuser von Christen und Juden beschützten. Vielmehr, so Wien, hätten die Menschen in Bezug auf die Franzosen eher an einem Strang gezogen.

 

In dieser Melange kommt es unter ungeklärten Umständen zu einem Angriff arabischer Truppen auf einen Vorposten der Franzosen. Gouraud befiehlt direkt, auf Damaskus zu rücken. In einem letzten verzweifelten Versuch ruft Faisal die internationale Gemeinschaft dazu auf, die Souveränität Syriens zu verteidigen und schickt sich an zum Gegenangriff.

 

Unterdessen ergreift Faisals Kriegsminister, der kurdische General Yusuf al-Azma, die Initiative. Seine Armee zieht er bei der Karawanserei von Maysalun zusammen, um von dort den Weg nach Damaskus zu blockieren. Freiwillige aus der Stadt folgen ihm, der Historiker Peter Wien spricht sogar von einem Volksaufstand: »Männer und sogar Frauen aus der Stadt schlossen sich der Armee an. Man möchte auf jeden Fall die fremde Invasion verhindern.«

 

Um fünf Uhr am Morgen des 24. Juli 1920 trifft die französische Levante-Armee auf die eingegrabenen, arabischen Truppen. Bis zu 12.000 Soldaten, dazu Panzer und Bomber werfen die Franzosen in die Schlacht. Die Truppenstärke der Araber beträgt maximal ein Drittel, ausgerüstet mit osmanischen Gewehren und Munition, die nicht immer passt. Dazu Freiwillige mit Schwertern und Stöcken. Es ist wohl der Mut und die Verzweiflung der Verteidiger, die die Schlacht acht Stunden dauern lassen – am Ende sind die Araber geschlagen und Faisals General tot.

 

Damaskus fällt am Tag darauf, Faisal wird des Landes verwiesen und die neue Regierung stimmt der Mandatsherrschaft zu. Der französische Ministerpräsident dankte seiner Armee und behauptet, Faisals Regierung sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Ja, ihre bloße Existenz würde den Wünschen der Bevölkerung entgegenstehen und sei nicht zuletzt auch gegen die französische demokratische Tradition.

 

Jetzt beginnt Frankreich mit der Aufteilung des Gebiets, grob entlang religiöser Linien. Es entstehen Verwaltungen wie der Alawitenstaat, der Drusenstaat, der Staat Aleppo und der Staat Damaskus. Später schließen sich die verschiedenen Staaten zwar wieder zusammen, doch unter französischer Herrschaft entstehen so die Grenzen von Libanon und Syrien, die bis heute bestehen.

 

Auch wenn die Niederlage bei Maysalun eindeutig war, die Schlacht sendet dennoch ein starkes Signal in die Region: Der arabische Nationalismus ist nicht gebrochen. Maysalun wird zu einem Symbol für die Niedertracht des Westens, dessen Drang zur Unterdrückung und zu einem Zeugnis für den Opferwillen und arabischen Heldenmut.

 

Für den Historiker Peter Wien ist so ein »typischer Opferkult für nationalistische Ideologien« entstanden. Heute ist Maysalun ein kleines Dorf an der Autobahn nach Damaskus, doch wird der Schlacht noch immer mit militärischen Ehren gedacht. In einer Verklärung der Geschichte wird sie zu einer Legitimation des Regimes.

 

Zum 100. Jahrestag erwartet Wien einige Artikel in Assad-treuen Zeitungen, mit den üblichen Parolen. »An diese Propaganda glaubt wahrscheinlich niemand mehr in Syrien,« vermutet er. »In den anderen arabischen Ländern erzeugt Maysalun wohl auch kein Echo mehr.«

Von: 
Thabo Huntgeburth

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