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Interview zu Falschmeldungen und Desinformation im Nahen Osten

»Wir haben Fake News auf Steroiden«

Interview
Interview zu Falschmeldungen und Desinformation im Nahen Osten

Faisal Al-Mutar von der Faktenfinder-NGO »Ideas Beyond Borders« erklärt im Interview, welche Falschmeldungen im Nahen Osten besonders verfangen – und was man dagegen tun kann.

zenith: Welche Falschmeldung begegnete Ihnen in letzter Zeit besonders häufig?

Faisal Al-Mutar: Die Behauptung, dass die USA das Corona-Virus für einen Wirtschaftskrieg gegen China kreiert hätten. So oder so ähnlich kursiert diese Nachricht fast überall. Selbst bei Freunden und meiner eigenen – erweiterten – Familie bin ich darauf gestoßen. Das interessante ist aber, dass ein dazugehöriges Video sehr organisiert verbreitet wird.

 

Was zeigt es?

In dem Video sieht man angeblich einen russischen Biologen – ob der Mann tatsächlich Biologe ist, konnten wir bisher noch nicht verifizieren –, der darüber spricht, dass das Corona-Virus Merkmale eines künstlich erzeugten biologischen Kampfstoffs trage – und dass dieser von den USA hergestellt worden sei. Dieses Video wurde über die arabischen Kanäle des russischen Staatssenders RT verbreitet. Der Verdacht liegt also auf der Hand, dass es sich um eine Desinformationskampagne handelt. Dass Covid-19 ein von den USA gezüchtetes Virus sei, ist zurzeit immer noch eine der meist verbreitetsten und für voll genommenen Verschwörungstheorien im Nahen Osten.

 

Wie definieren Sie den Unterschied zwischen Falschmeldung und Desinformation?

Wir unterscheiden zwei Arten von Fake News. Zum einen sind da Falschinformationen, also wenn Menschen, ohne böse Absicht, faktisch falsche Nachrichten miteinander teilen. Das sind solche Informationen wie: Knoblauch heilt Corona, oder Knoblauch macht dich schlanker und verlängert das Leben. Das ist praktisch das, was auch meine Mutter macht.

 

Und Desinformation?

Das ist die organisierte Form, Falschinformationen als Waffe einzusetzen. Dahinter stecken dann eine grundlegende politische Agenda und eine langfristige Kampagne mit definierten machtpolitischen Zielen. RT und CGTN – der chinesische Staatssender – sind in dieser Hinsicht seit einiger Zeit in der Region aktiv. Die Mehrheit der Menschen im Nahen Osten haben noch kein Bewusstsein dafür entwickelt, dass die russische Regierung diese Informationen strategisch streut, um ihre regionalen Interessen durchzusetzen.

 

»Dann wurden unsere Accounts mit Verschwörungstheorien bombardiert«

 

Welche Interessen verfolgt China in der Region mit dieser Strategie?

CGTN fährt eine massive Kampagne zu der organisierten Misshandlung der Uiguren. Wie wir wissen, ist eine sehr große Zahl der muslimischen Minderheit in sogenannten Umerziehungslagern interniert. Der chinesische Sender hat auf seinen arabischen Kanälen jedoch einfach behauptet, dass das nicht stimmt. Als wir versuchten, diese Lüge in einem unserer Artikel zu entlarven, wurden unsere Accounts mit Verschwörungstheorien bombardiert. Das erklärt auch, warum die Solidarität mit den Uiguren in der muslimischen Welt beinahe inexistent ist. Die Menschen glauben stattdessen eher, dass die Internierungslager eine US-amerikanische Erfindung sind.

 

Woher kommt diese Skepsis gegenüber den USA?

Dafür gibt es diverse Gründe. Natürlich sind da die vielen Konflikte, in denen die USA als globale Supermacht mitmischen, und die zahlreichen militärischen Interventionen der Vereinigten Staaten im Nahen Osten. Aber warum es gerade die USA so hart trifft, fällt mir schwer zu verstehen. Denn auch Russland hat Muslime schlecht behandelt, schauen wir uns nur Tschetschenien an. Und China tut den Uiguren Schreckliches an. Doch an die USA werden ganz andere Maßstäbe angelegt.

 

Weshalb?

Das historische Verhältnis zwischen dem Westen und der muslimischen Welt ist natürlich ein ganz anders als das zu China. Die Menschen im Nahen Osten verbinden mit dem Westen viel Unrecht: die Kreuzzüge, den Kolonialismus. Die USA sind somit in gewisser Weise die Kontinuität dieses Bildes vom Westen als Unterdrücker und Imperialist. Der Westen wird in dieser Hinsicht als monolithischer Block gesehen.

 

Setzen die USA denn nicht auch Mittel der Desinformation ein?

Doch, selbstverständlich. Einige US-Sender fahren auf ihren arabischen Kanälen ganz klar eine pro-amerikanische Agenda, aber sie unterscheiden sich von RT oder CGTN. Sie denken sich nicht aktiv falsche Nachrichten aus und sind viel schlechter aufgestellt – unprofessioneller. Aber trotzdem sind die Skepsis und das Misstrauen gegenüber den USA viel größer.

 

»Irans Regierung fährt eine Doppelstrategie«

 

Welche Form nehmen Desinformationskampagnen regionaler Mächte an?

Auch regionale Akteure haben keine Minute gezögert, um die Corona-Pandemie politisch zu instrumentalisieren. Zum Beispiel verbreitete Iran mehrfach Verschwörungstheorien. Dabei fährt die Regierung eine Doppelstrategie: eine digitale und eine physische. Zum einen verbreitete die Regierung über zahlreiche Kanäle, dass der Virus von den USA kreiert wurde und Teil des US-Krieges gegen die muslimische Welt sei. Dann inszeniert sich Iran als Retter in letzter Not. Das drückt sich dann aus in humanitärer Unterstützung, wie der Lieferung von Masken. Die Botschaft lautet: Iran ist der Beschützer vor US-Aggressionen.

 

Wie sieht es mit anderen Akteuren in der Region aus?

Die Türkei gewinnt in letzter Zeit sehr viel Vertrauen in der Region. Eine kleine Anekdote dazu: Ein Journalist des katarischen Nachrichtensender Al-Jazeera führte mal eine Umfrage durch. Die Frage: Von welchem Land würdet Ihr euch am ehesten besetzen lassen? Die meisten Stimmen erhielt die Türkei. Natürlich war diese Umfrage nicht repräsentativ, aber sie zeigt schon, in welche Richtung es geht. Die Türkei hat definitiv das Potenzial, als nächstes in das Spiel einzusteigen.

 

Warum setzen gerade jetzt so viele Staaten Desinformation ein?

Das wirkt nur so, weil man erst jetzt im Westen darüber spricht. Ein Hauptgrund war da natürlich die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und die vermutliche Einmischung durch Russland. Doch das Thema ist für den Nahen Osten definitiv nicht neu. Nehmen wir zum Beispiel das Buch »Die Protokolle der Weisen von Zion«. Eine antisemitische Verschwörungstheorie, die belegen soll, dass Juden nach der Weltherrschaft streben. Bis heute ist das wohl das meistgelesene Buch im Nahen Osten. Und was früher Bücher waren und dann das Staatsfernsehen, sind heute Falschinformationen in den sozialen Medien. Der Zweck hat sich nicht geändert.

 

»Beim Fact-Checking geht darum, die Wolke des Mysteriösen aufzulösen«

 

Hat denn der Nahe Osten ein besonderes Problem im Umgang mit Falschinformationen?

Das ist kein spezifisch nahöstliches Phänomen. Aber wir haben hier Falschinformationen auf Steroiden. Ein Grund dafür ist, dass es im Internet nur sehr wenig Inhalte auf Arabisch gibt – insbesondere wissenschaftliche Websites sind rar gesät. Deshalb fehlt es auch an sachlichen und faktischen Inhalten auf Arabisch im Internet. Ein gängiger Witz besagt, dass das arabischsprachige Internet auf nur zwei Inhalte reduziert werden kann: Kochen und Extremismus. Das Fehlen faktischer Inhalte und vor allem Medienkompetenz ist das große Problem. Die Verbreitung von Falschinformationen ist nur ein Symptom.

 

Inwiefern?

Wenn die Menschen etwas nicht verstehen, dann suchen sie sich auf andere Weise eine Erklärung. Deswegen geht es beim Fact-Checking vor allem darum, die Wolke des Mysteriösen irgendwie aufzulösen. Es gibt keine Verschwörungstheorien über Fakten, die jeder kennt – nur durch Unklarheiten können sie sich festsetzen. Ansonsten entsteht ein fruchtbarer Nährboden für Skandalisierung, nach Schablone: »Das hier will die US-Regierung vor dir verstecken…«

 

Welche Gruppen laufen besonders Gefahr, Falschinformationen auf den Leim zu gehen?

Da ist zum einen die ältere Generation, die immer noch regelmäßig auf Spam-Mails hereinfällt: der nigerianische Prinz, der dir Millionen Dollar verspricht, wenn du ihm nur deine Sozialversicherungsnummer schickst. Ansonsten ist der Kontext wichtig. Stell Dir vor, Du bist ein 50-jähriger Iraker: mit 20 im Iran-Irak-Krieg, mit 30 der erste Bürgerkrieg, dann die Sanktionen und alle weiteren Kriege. Die ganze Zeit lebst Du unter Saddam Husseins Staatspropaganda in Medien und Schule. Die Menschen sind dann nicht fähig, Propaganda zu erkennen – sie sind damit aufgewachsen. Das ist ein sehr fruchtbarer Boden für Falschinformationen. Das gilt eigentlich für alle Menschen, die in einer Diktatur aufwachsen und leben.

 

»Unsere Zielgruppe muss vor allem die arabische Jugend sein«

 

Was kann man dagegen tun?

In unserem Team beobachten wir ständig die sozialen Medien im Nahen Osten und was gerade viral geht. Darauf konzentrieren wir uns dann, aber einige Verschwörungstheorien sind einfach repetitiv. Das interessiert uns dann nicht. Zum Beispiel haben wir ein Video gemacht über die Verschwörungstheorie, dernach Bill Gates das Coronavirus erschaffen habe. Einige Wochen später stießen wir auf diese Nachricht: Jeff Bezos – der Urheber des Corona-Virus. Das ist exakt dieselbe Meldung und wäre nur verschwendete Energie. Dennoch finden auch immer neue Verschwörungstheorien schnell Verbreitung. Wir versuchen, ihnen mittels Aufklärungsvideos von ein bis drei Minuten Länge den Wind aus den Segeln zu nehmen.

 

Gelingt Ihnen das?

Das hoffe ich sehr, doch das können wir noch nicht absehen. Wir planen aber, unsere Arbeit statistisch zu evaluieren. Bisher erreichen uns schon sehr viele Kommentare und Nachrichten, die zeigen, dass es etwas bringt: »Ah, ich wusste das noch gar nicht«, oder »vielen Dank für das tolle Video«. Wenn sie einmal mit Fakten und Kontext versorgt sind, sinkt bei vielen Menschen die Anfälligkeit, Falschinformationen für bare Münze zu nehmen.

 

Wie gefährlich ist Ihre Arbeit?

Ich bekomme schon seit einiger Zeit Todesdrohungen. Das ist irgendwie Teil des Jobs geworden. Ich lebe einfach damit und akzeptiere es. Es interessiert mich auch gar nicht mehr so. Aber tatsächlich sind die Drohungen der Grund, warum ich jetzt in den USA lebe: Ich bin ein Flüchtling. Jetzt bekomme ich zwar immer noch Drohungen, aber die kommen von Leuten, die nicht mal in meiner Zeitzone leben.

 

Was kann man Desinformationskampagnen effektiv entgegensetzen?

Falsch- und Desinformationen sind ein gesellschaftliches Problem. Wir müssen den Menschen Medienkompetenz und kritisches Denken vermitteln. Unsere Zielgruppe muss dabei vor allem die arabische Jugend sein. Es funktioniert nicht, den Menschen einfach zu sagen: »Wenn du das glaubst, bist du ein Idiot«. Wir möchten den Menschen gerne die Werkzeuge in die Hand geben, um selbst Falschmeldungen und Desinformationskampagnen zu erkennen – um für sich selbst denken und Fakt von Fiktion unterscheiden zu können. Das ist der beste Impfstoff gegen Fake News.


Faisal Al-Mutar ist Menschenrechtsaktivist und Social Entrepreneur aus dem Irak. Er gründete die NGO »Ideas Beyond Borders«, um Extremismus in der Region präventiv zu bekämpfen. Die Organisation setzt vor allem auf die Verbreitung von wissenschaftlichen Texten auf Arabisch, die Förderung von kritischem Denken und die Aufdeckung von Desinformation. Al-Mutar ist nach mehreren Entführungsversuchen aus dem Irak in die USA geflohen.

Von: 
Thabo Huntgeburth

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