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Mord an Lokman Slim im Libanon

Der Patron der Ideen

Nachruf
Mord an Lokman Slim im Libanon
Lokman Slim und seine Frau Monika Borgmann 2016 bei der Vorstellung ihres Films »Tadmor« über das Foltergefängnis in Syrien Screenshot Youtube

Lokman Slim baute mit seiner Frau das wichtigste Zentrum für Aufarbeitung im Libanon auf – mitten im Hizbullah-Gebiet. Nun wurde der Streiter für libanesische Erinnerungskultur ermordet. Nachruf auf einen, der versöhnen, aber nicht vertuschen wollte.

»Die zeige ich auch im Libanon!« Die zenith-Fotoaustellung auf der Buchmesse 2004 war noch gar nicht fertig aufgehängt, da kam dieser kleine, kräftige Mann mit seiner bestimmten Art. Er stellte sich vor als libanesischer Verleger. Aber Lokman Slim war so viel mehr: Er war Filmemacher, Kulturvermittler und ein umtriebiger Kämpfer für einen anderen Libanon. Er war ein Mensch, der nicht nur redete, sondern seine Worte auch umsetzte.

 

Die Fotos, geschossen mit Einwegkameras von US-Soldaten und irakischen Kindern, zeigten den Alltag im Belagerungszustand, sie waren intim, ohne voyeuristisch zu sein. Sie zeigten Begegnungen dort, wo sie schwierig sind, dort wo sie wehtun. Genau das passte in Lokman Slims Konzept: Er wollte die verschiedenen Bevölkerungsgruppen seines Landes zusammenbringen, ohne die Konflikte auszuklammern.

 

Im Dokumentarfilm »Massaker«, den er gemeinsam mit seiner Frau Monika Borgmann und Hermann Theissen gedreht hat, erzählen ehemalige christliche Milizionäre in schmerzhafter Offenheit, teils auch mit einem gewissen Stolz, wie sie 1982 brutale Verbrechen in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila begangen haben.

 

In sein Zentrum kamen zu Vernissagen auch Christen und Sunniten aus den »besseren« Stadtteilen Beiruts, die sich sonst nie nach Haret Hreik verirren würden.

 

Slim zeigte die Wunden der libanesischen Gesellschaft nicht nur – er drängte seine Landsleute, sich offen und ernsthaft mit ihnen auseinanderzusetzen, ohne anderen die Verantwortung zuzuschanzen. Einfach Gras über die Konflikte wachsen zu lassen, das hielt der Schiit aus einer einflussreichen Südbeiruter Familie für eine gefährliche libanesische Angewohnheit.

 

Die Foto-Ausstellung »Baghdad Stories« zeigte Slim 2005 im »Hangar«, der möglicherweise unwahrscheinlichsten Kultur- und Begegnungsstätte Beiruts. Der Hangar liegt mitten in Haret Hreik, einem südlichen Vorort, der von der Hizbullah kontrolliert wird. Hier baute Slim »Umam« auf, eine Organisation, die die sozialen und politischen Konflikte Libanons dokumentierte und aufarbeiten solle.

 

Hier brachte er Jugendliche aus allen Konfessionen und unterschiedlicher sozialer Herkunft für Kunst- und Kulturprojekte zusammen. Hierher kamen zu Vernissagen auch Christen und Sunniten aus den »besseren« Stadtteilen Beiruts, die sich sonst nie nach Haret Hreik verirren würden.

 

Lokman Slim hatte das Auftreten eines libanesischen za’im – eines mächtigen Patrons, der sich um seine Anhänger kümmert. In seiner Villa in Haret Hreik hielt er rauchend Hof. Anders als anderen mächtigen Männern ging es ihm dabei nicht um Revierkämpfe oder politische Abgrenzungen – vielmehr diente seine Patronage dem freien Denken, der geschützten Begegnung.

 

Oft wendete er sich direkt und mit klaren Worten gegen die Hizbullah. Deren Anhänger sprachen mehrfach Drohungen gegen ihn aus.

 

Mit der Organisation Haya Bina setzte Slim weitere Projekte um, die sich gegen die konfessionalistische Ausrichtung der libanesischen Politik richteten. Oft wendete er sich direkt und mit klaren Worten gegen die Hizbullah. Deren Anhänger sprachen mehrfach Drohungen gegen ihn aus.

 

Nun wurde Slim im Süden Libanons erschossen, er wurde 59 Jahre alt. Ein Attentat, auf den Tag sechs Monate nach der verheerenden Explosion im Hafen Beiruts. Dessen Aufarbeitung wird von den mächtigen Cliquen im Land behindert – ein weiterer Beleg dafür, dass die Dysfunktionalität des Libanon doch einen Zweck erfüllt: den Machterhalt einer abgehalfterten Elite.

 

Die Massendemonstrationen seit 2019 haben deutliche gemacht, dass es in der Bevölkerung einen großen Bedarf nach einer politischen Erneuerung, ja nach einer Revolution gibt. Lokman Slim hat Anstöße dafür gegeben und immer wieder betont, dass eine Erneuerung nur möglich ist, wenn sich das Land seiner Vergangenheit stellt. Der brutale Mord an dem Intellektuellen und Macher zeigt, wie sehr sich mächtige Kreise gegen beides wehren.

Von: 
Moritz Behrendt

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